15.01.1968

TSCHECHOSLOWAKEI / MACHTKAMPFDer Vorletzte

Drei Jubiläums-Feste Will die Tschechoslowakei 1968 feiern. Das Jahr begann mit einem vierten Fest: einer Palastrevolution.
Zum 350. Jahrestag des zweiten Prager Fenstersturzes (Opfer: zwei habsburgische Statthalter) stürzte Antonin Novotny, 63, vierzehn Jahre lang autoritärer Parteichef der KPC.
Zum 50. Stiftungsfest des Staats der Tschechen und Slowaken übernahm erstmals ein Slowake die politische Führung: Alexander Dubcek, 46, ersetzte Novotny als Parteichef. Als Staatspräsident bleibt der (mit 98,67 Prozent aller Stimmen gewählte) Tscheche Novotny nur noch auf Sicht im Amt.
Zum 20. Jahrestag der kommunistischen Machtübernahme wollen die Kommunisten endlich eine "sozialistische Demokratie" (Dubcek): gestützt auf das Vertrauen des Volkes, weltoffen und mit Gleichberechtigung der beiden Staatsnationen" mit hohem Lebensstandard bei gesunder Wirtschaft.
Liberale Wirtschaftsreformen des Professors Ota Sik waren durch den Widerstand der Novotny-Bürokraten in Gefahr geraten. Die Neuorganisation der Industrie sollte, so hatte Sik erklärt, "das ganze politische Klima im Lande verändern".
Prags Klima unter Novotny war die Stickluft des Polizeistaats. Aus dem Hintergrund hatte Novotny 1952 geholfen, den Parteisekretär Slánsky, einen Intellektuellen, zu stürzen. Damals pries der Staatssicherheitsminister Bacilek Novotnys Verdienste um die "Entlarvung der Verschwörergruppe". Slánsky und zehn Genossen starben am Galgen.
Slánsky-Nachfolger Gottwald verdrängte den Denunzianten Novotny aus dem Partei-Sekretariat. Doch wenige Tage nach dem Tod Stalins im März 1953 starb überraschend auch Gottwald" und Machtkämpfer Novotny wurde Parteichef.
Zu einer Ablösung der Stalinisten -- wie 1956 in Polen und Ungarn -- kam es in der Tschechoslowakei nicht. Sechs Jahre später erst begann Vize-Premier Rudolf Barák, die (toten) Opfer der Slánsky-Affäre zu rehabilitieren. Barák entdeckte dabei die Mitschuld seines eigenen Schwagers: Novotny.
Barák wollte sogar die Hintergründe des tödlichen Fenstersturzes von Außenminister Masaryk (SPIEGEL 15/ 1965) enthüllen. Novotny brachte den lästigen Schwager rasch zum Schweigen: Er ließ ihn wegen "Veruntreuung von Staatsgeldern" für 15 Jahre im Gefängnis verschwinden.
Doch der Parteichef konnte nicht alle Gegner so leicht loswerden. Während einer West-Reise des Diktators -- im Mai 1967 zur Weltausstellung in Montreal -- gelang es der Anti-Novotny-Fronde, seinen Schatten, Kaderchef Jan Svoboda, auszubooten.
Heimkehrer Novotny rächte sich. Er ermunterte die Sicherheitsorgane, mit stalinistischem Terror gegen äußere und innere Feinde vorzugehen: Der Vize-Chef eines US-Wohlfahrtskomitees, Charles Jordan, verschwand aus einem Prager Hotel -- seine Leiche wurde später aus der Moldau gefischt. Fünf westliche Korrespondenten mußten Prag verlassen, unter ihnen Andreas Graf Razumovsky von der "Frankfurter Allgemeinen".
Novotnys Chefideologe Hendrych terrorisierte die Schriftsteller, weil sie eine "oppositionelle politische Plattform" hilden wollten. Als die Opponenten auf dem Literaturkongreß im Juni 1967 die Verlesung eines Protestbriefs des Sowjetautors Solschenizyn gegen die Partei-Zensur beschlossen, rief Hendrych in den Saal: "Jetzt habt ihr Literaten verschissen!"
Im Oktober knüppelte die Prager Polizei demonstrierende Studenten nieder -- es war am selben Tag, an dem slowakische Genossen im ZK offen Novotnys Sturz forderten. Die 30 000 Hochschüler der Hauptstadt drohten .mit einem Marsch auf Novotnys Amtssitz, den Hradschin.
Sie brauchten nicht mehr zu marschieren. Zwar intervenierte Sowjet-Parteichef Breschnew persönlich zugunsten Novotnys, und sechs der zehn Politbüro-Mitglieder stimmten für die Empfehlung des Russen.
Dann aber trat die slowakische Mafia gegen den verhaßten Parteichef auf. Die Slowaken drohten unverhüllt, sie würden den Zwei-Nationen-Staat spalten, falls die Tschechen sie nicht endlich mitbestimmen ließen.
Im neuen Jahr trat das ZK erneut zusammen -- und schickte fünf Männer zusätzlich ins Politbüro, treue Anhänger der Slowaken-Fraktion: Nun gab es eine klare Mehrheit gegen Novotny. Prag holt die 1956 versäumte Liberalisierung nach.
Der neue Parteiführer Dubcek (Novotny: "ein kleinbürgerlicher Nationalist") gefällt sogar dem Kreml: Er spricht fließend russisch. Dubcek ist als Kind eines Emigranten in der Sowjet-Union aufgewachsen und absolvierte nach dem Krieg -- den er im slowakischen Untergrund verbrachte -- eine sowjetische Partei-Hochschule.
Breschnew telegraphierte Dubcek die Bestätigung "aufrichtiger brüderlicher Freundschaft". Nur dem letzten Stalinisten des Ostblocks, DDR-Chef Ulbricht, mißfiel der Abgang des vorletzten Stalinisten. Seine Gratulation bestand aus einem einzigen Satz.
Prags liberale Kommunisten hatten sich ursprünglich statt Dubcek einen noch unabhängigeren Mann gewünscht: den Novotny-Feind und -Schwager Barák, der seit Monaten nur noch unter Hausarrest stand.
Um dessen Comeback zu verhindern, sei, so flüstert man in Prag, eine für den 13. Dezember geplante ZK-Sitzung verschoben worden. An jenem 13. sei Barák, so berichtet CSSR-Kenner Razumovsky, überraschend zu einer Nierenoperation ins Prager Militärhospital überführt worden.

DER SPIEGEL 3/1968
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