15.01.1968

VATIKAN / OTTAVIANI-RÜCKTRITTEdle Geste

Der Geistliche kniete auf der Straße nieder und verteilte die Sterbesakramente an zwölf Menschen: Opfer eines Verkehrsunfalls vor dem Bischofssitz von Zagreb.
Hunderte Passanten sammelten sich um Franjo Seper, den Mann in der Soutane, und beteten mit ihm -- mitten im kommunistischen Tito-Staat -- den Rosenkranz. Am nächsten Tag geißelte Zagrebs KP-Presse dieses "Überleben von Aberglauben". Das war im Sommer 1954.
Seit Montag letzter Woche ist der Priester aus dem roten Zagreb einer der Allermächtigsten unter den Prinzen Papst Pauls VI., ist Franjo Kardinal Seper, 62, Präfekt der Glaubenskongregation am Heiligen Stuhl.
Erstmals seit den zwanziger Jahren führt nun ein Ausländer die Glaubensbehörde des Vatikans, die bisher fast ausschließlich von konservativen italienischen Ultras geleitet wurde (der letzte Import-Präfekt kam aus Spanien, dem Mutterland der Inquisition).
Erstmals vertraute ein moderner Papst die älteste Kurien-Kongregation -eine Art Verteidigungsministerium katholischer Sitten und Lehre -- einem reformfreudigen Kardinal an.
Und erstmals rückte ein Kleriker aus dem Ostblock in eine Spitzenposition der römischen Hierarchie.
Die Ernennung Sepers, der als Erzbischof von Zagreb seit 1960 eine der größten katholischen Diözesen der Welt (zwei Millionen Seelen) verwaltete und weder den Kampf mit seiner roten Obrigkeit noch das Martyrium suchte, sondern unauffällig im Hintergrund wirkte, war in der Tat ein "revolutionäres Ereignis" ("Il Giorno").
Denn seit 1959 wurde die päpstliche Glaubensbehörde von einem Manne geleitet, der das genaue Gegenteil Sepers verkörpert: vom erzkonservativen, militant antikommunistischen italienischen Kardinal Ottaviani, 77.
Der wortgewaltige Kirchenmann aus dem römischen Elendsviertel Trastevere war in den letzten Jahren immer umstrittener, immer mehr zum Symbol reaktionären Glaubenseifers geworden. Seine Amtsbrüder nannten ihn den "Schrecklichen", er selbst sah sich als "Wachhund der Kirche in Fragen der Doktrin und Moral".
Während sein Papst bereits prominente Sowjetmenschen in Privataudienz empfing, glaubte Ottaviani "noch immer: "Es ist mit der katholischen Lehre unvereinbar, wenn Christen Hände schütteln, die vorher Christus ins Gesicht geschlagen haben."
Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil war der erbitterte Feind aller Reformen der wichtigste Sprecher der Konservativen. Als er sich eines Morgens in der Konzilsaula zum drittenmal zu Wort meldete und zum drittenmal die Redezeit von zehn Minuten überschritt, versuchte ihn der Moderator, Jan Kardinal Alfrink aus Holland, zu bremsen.
Unwillig winkte Ottaviani ab. Da rief Alfrink erbost: "Satis est" (Es ist genug) und schaltete das Mikrophon ab. Die Konzilsväter klatschten Beifall, der "Schreckliche" boykottierte daraufhin über eine Woche lang die Beratungen.
Ungebrochen stellte sich später Elferer Ottaviani als Präsident der Päpstlichen Studienkommission für die Geburtenkontrolle gegen Pille und Präservativ.
Ottaviani, elftes von zwölf Kindern eines Bäckers, hielt es mit den Vögeln, "die nicht säen und nicht ernten, die der himmlische Vater aber doch ernährt".
Stets blieb er seinem Wahlspruch "Semper idem" (Immer derselbe) treu. "Wenn man einem alten Polizisten sagt, daß die Gesetze geändert werden", so erklärte er einmal, "dann ist es klar, daß er ... soviel wie möglich tut, um sich den Veränderungen zu widersetzen,"
Pius XII. ("Ottaviani ist ein Unglücksrabe"> mußte sich zweimal von seinem Kardinal distanzieren, als Ottaviani über die "Grenzen der Toleranz" gepredigt hatte; Johannes XXIII. mußte Italiens Christdemokraten beschwichtigen, die Ottaviani als "Sakristei-Kommunisten" beschimpft hatte; Paul VI. mußte zwei renommierte Theologie-Professoren rehabilitieren, die von Ottaviani ohne Angabe der Gründe aus dem Päpstlichen Bibelinstitut gejagt worden waren.
Stets war Ottaviani päpstlicher als der Papst gewesen." Wenn Sie mich hören", erläuterte er einem amerikanischen Journalisten, "hören Sie IHN."
Stets hatte der augenkranke Kardinal gepredigt: "Der Kirche muß man blind gehorchen -- so blind, wie ich es bin."
Als er dem modernen Papst zu blind für die moderne Welt geworden war. mußte er gehen. Paul VI. nahm das Rücktrittsgesuch an" das Ottaviani schon im Dezember geschrieben hatte. In einem Brief dankte er "Unserem geliebten Sohn" mit der "stärker gewordenen Schwäche der Sehkraft" für die "edle Geste".
Die Ernennung des fortschrittlichen und reformfreudigen Ottaviani-Nachfolgers Seper konnte gleichfalls als Geste aufgefaßt werden: als Willkommensgeschenk des Papstes für den jugoslawischen Ministerpräsidenten Spiljak, der am Mittwoch letzter Woche -- zwei Tage nach Sepers Ernennung -- als erster sozialistischer Premier Jugoslawiens vom Papst in Privataudienz empfangen wurde.

DER SPIEGEL 3/1968
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VATIKAN / OTTAVIANI-RÜCKTRITT:
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