15.01.1968

SOWJET-UNION / UNTERGRUNDMoskauer Nächte

Am Fuß des Moskauer Majakowski-Denkmals an der Gorkistraße versammelten sich langbärtige Studenten, rezitierten selbstverfaßte Gedichte und suchten "Wahrheit und Gerechtigkeit".
Vorübergehende Sowjet-Kleinbürger reagierten wie westliche Kleinbürger auf Dutschke oder Teufel: "Den hat die Mama zuwenig durchgebleut!" rief ein Passant, und: "Mach dir bloß nicht in die Hosen!"
Eine Hilfspolizisten-Patrouille trieb die Poeten auseinander. Die roten Ordnungshüter nahmen -- gleich westlichen Schupos -- Anstoß am Äußeren der Demonstranten. Sie drückten den Dichtern einen Rubel in die Hand, für den Friseur.
Das rote Jugend-Blatt "Komsomolskaja Prawda" hieb auf die Sowjet-Beatniks ein: "Jedem war im Handumdrehen klar, daß es sich bei den neu erstandenen Poeten um eine simple Variante der sattsam bekannten Gewohnheitsfaulenzer handelte."
Das war im Winter 1962. Damals noch begnügten sich die Sowjet-Organe damit, die aufsässigen Twens zu verjagen und zu ächten.
Doch die Poeten ließen sich nicht einschüchtern. In Privatwohnungen und auf nächtlichen Zusammenkünften in Moskauer Parks formierten sie sich zu einer Untergrundbewegung. Sie ist winzig -- dennoch bedroht sie heute, laut Urteil eines Sowjet-Gerichtshofs, die sowjetische Gesellschaftsordnung. Nunmehr scheint dem Sowjet-Staat härteres Vorgehen gegen die Protest-Poeten geboten.
Erste Abschreckung: das Urteil gegen die Dichter Sinjawski und Daniel. Sie wurden 1966 wegen "Verhöhnung des Sowjetsystems" zu mehrjährigen Lagerstrafen verurteilt. Ihr Schicksal schockte Moskaus liberale Literaten derart, daß beispielsweise die Stalin-Tochter Swetlana Allilujewa das Original-Manuskript ihrer Autobiographie "20 Briefe an einen Freund" vernichtete.
Das Schicksal der beiden Dichter schockte aber auch das Ausland; selbst prominente Kommunisten wie der französische Dichter Louis Aragon protestierten.
Sinjawski und Daniel hatten nicht allein wider den roten Staat gesündigt. "Es gab viele andere, von denen die Welt nichts wußte", erklärte der sowjetische Protest-Poet Jessenin-Wolpin einem Ausländer in Moskau. "So wenig, wie die Menschen von einem Kaninchen wissen, das von den Wölfen im Wald gefressen wird."
* "Weißbuch in Sachen Sinjawski/Daniel", zusammengestellt von Alexander Ginsburg, Moskau; Possev-Verlag, Frankfurt 1967.
Aber auch die Wölfe waren verschreckt -- vom Echo auf das Urteil gegen Sinjawski und Daniel im Westen. Die Sowjet-Organe beschlossen, behutsamer vorzugehen, als sie im Januar 1967 wieder Literaten verhafteten -- die Redakteure der illegalen Zeitschrift "Phönix".
"Phönix" erschien erstmals 1961, auf einer Schreibmaschine vervielfältigt, mit 94 Beiträgen von 26 jungen Russen. Als Herausgeber zeichnete der Jung-Journalist Alexander Ginsburg, mit Namen und voller Adresse: Moskau SCH-180, Bolschaja Poljanka 11/14, Wohnung 25, Telephon: W 3-12-29. Ginsburg hatte über den Fall Sinjawski/Daniel ein "Weißbuch" verfaßt, das er seinem Staatschef Podgorny schickte -- und das auch im Westen erschien*.
Die "Phönix"-Autoren schlossen sich in dem Debattierklub "Smog" zusammen, veranstalteten heimlich Lesungen und zogen zum Moskauer Hydepark, dem Majakowski-Denkmal, um ihre Werke öffentlich vorzutragen -- zum Ärger der "Komsomolskaja Prawda": "Die poetischen Giftpilze wußten ja schließlich genau, daß ein Majakowski aus Bronze nicht von seinem Sockel herabsteigen konnte, um ihnen in den Hintern zu treten."
In der Moskauer Jugendzeitschrift "Molodoj Kommunist" reimte ein Wl. Kotow gegen die vortragenden Beatniks vom Majakowski-Sockel Laßt sie uns schlagen in Ringe von Stahl!
Doch die erste Methode der Abwehr unliebsamer Verseschmiede -- die Denunziation in der Presse -- versagte. Auch das zweite Mittel wirkte nicht: Den Rebellen von gedungenen Rowdys einen Denkzettel zu verabreichen. Drei Schläger überfielen Ginsburg, Unbekannte warfen die Fenster der Rjasaner Wohnung des Zensur-Kritikers Solschenizyn ein, die Dichter Michael Nariza ("Das ungesungene Lied") und German Plissezki wurden verprügelt.
Wladimir Dudinzew ("Der Mensch lebt nicht vom Brot allein") entging nur knapp dem Tod. Er wurde im Pkw auf der Moskauer Sadowaja-Straße gleichzeitig von zwei Lastwagen gerammt, deren Chauffeure "nicht ermittelt" werden konnten; den kaum genesenen Dichter griffen zwei Unbekannte in einem Bus an und warfen ihn aus dem fahrenden Wagen.
Gegen das "Phönix"-Redaktions-Team wandte die Staatsgewalt schließlich den dritten Grad der Drangsalierung an: Jurij Galanskow, 28, Redakteur der "Phönix" -- Ausgabe 1966, wurde am 18. Januar vorigen Jahres verhaftet. Bei der Haussuchung beschlagnahmte die Geheimpolizei KGB ein Exemplar des bundesdeutschen Grundgesetzes. Am nächsten Tag wurden weitere "Phönix" -Mitarbeiter festgenommen: der Dichter Alexej Dobrowolski, 30, und die Sekretärin Wera Laschkowa, 23, die das illegale Blatt getippt hatte.
Drei Tage später zog ein Fähnlein "Phönix"-Freunde zum Moskauer Puschkin-Platz. Sie trugen Plakate mit Protesten gegen die Verfolgung.
Vier der Demonstranten wurden verhaftet:
* "Phönix"-Herausgeber Alexander Ginsburg, 31,
* Lyriker Wladimir Bukowski, 26,
* Smog-Mitglied Wadim Delaunay, 21, und
* Schriftsteller Jewgenij Kuschew, 19.
Kuschew, Verfasser des Poems "Die Dekabristen", leitete eine eigene Jugendorganisation ("Rylejew-Klub")" die sich am Vorbild der russischen Revolutionäre gegen die Autokratie von 1825, der "Dekabristen", orientiert und wie ihre Vorbilder eine illegale Zeitschrift "Russisches Wort" herausgibt.
In einem Prozeß unter Ausschluß der Öffentlichkeit wurden Kuschew und Delaunay am 1. September zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt, Bukowski muß drei Jahre absitzen -- wegen Veranstaltung einer "den Frieden gefährdenden Demonstration".
Obwohl das Verfahren streng geheim war, wurden Einzelheiten bekannt (siehe Kasten Seite 78). Pawel Michailowitsch Litwinow, 30, Enkel des Altbolschewiken und ehemaligen Außenkommissars Maxim Litwinow, schickte Auszüge aus dem Verhandlungsprotokoll des Bukowski-Prozesses in den Westen -- obwohl ihn der KGB-Beamte Gostew gewarnt hatte: "Wenn Sie das tun, werden wir Sie strafrechtlich verantwortlich machen!" Und: "Können Sie sich vorstellen, daß ein sowjetisches Gericht jetzt -- 50 Jahre nach Begründung der Sowjetmacht -- ein falsches Urteil fällen würde?"
Der Prozeß gegen die "Phönix"-Redaktion aber wurde hinausgeschoben -- aus Furcht vor einem Weltecho wie beim Verfahren gegen Sinjawski und Daniel.
Ein auf den 11. Dezember um zehn Uhr vor dem Moskauer Stadtgericht anberaumter Termin wurde wieder abgesetzt. Die Mutter des Rebellenführers Ginsburg wartete umsonst im knietiefen Schnee vor dem Klinkerbau in der Kalantschowskaja Straße 43 -- Parteichef Breschnew selbst stoppte den Prozeß: Er hatte am vorhergehenden Wochenende in Prag hören müssen, welche antisowjetischen Reaktionen ein neuer Literatenprozeß bei der gesamten Ostblock-Intelligenz hervorrufen würde.
Die Untersuchungshaft der Aufsässigen im Gefängnis Lefortowo überschritt bereits das gesetzlich zulässige Maß von neun Monaten. Die KGB-Sachbearbeiter Major Jelissejew und Hauptmann Dudarenko hatten erfolglos versucht, die Jung-Literaten als arme Irre hinzustellen: Sie prüften die Inhaftierten auf "geistige Unausgeglichenheit".
Schon zuvor hatten die Sowjet-Behörden bekannte Freigeister für geisteskrank erklärt: Walerij Tarsis -- vor seiner Emigration -, Nariza, Jessenin-Wolpin, Gubanow, Kusnezow.
Selbst ein hoher Offizier, der Generalmajor und Professor an der Moskauer Frunse-Militärakademie Pjotr Grigorenko, wurde nach seiner Degradierung einer psychiatrischen Anstalt überstellt. Er hatte am 5. März 1966 zusammen mit jungen Demonstranten -- unter ihnen der Schriftsteller Wassilij Axjonow und die Dichterin Junja Moriz -- in Moskau gegen die Rehabilitierung Stalins protestiert.
An dieser Demonstration hatte sich auch "Phönix"-Redakteur Dobrowolski beteiligt. Er landete in der Nervenheilanstalt "Matrosskaja Tischina", da Strafhaft ihn nicht mehr schrecken konnte: Er hatte bereits früher drei Jahre im Arbeitslager zugebracht.
So griff der Staat doch wieder zur Knute: in der vorigen Woche wurde den vier "Phönix"-Jugendlichen der Prozeß gemacht -- vor rund hundert ausgesuchten Zuschauern.
"Ich liebe mein Land", hatte der Hauptangeklagte Ginsburg in einem Brief an Premier Kossygin geschrieben, "und ich möchte nicht, daß die derzeitigen unkontrollierten Handlungen des KGB seinen Ruf schädigen. Ich liebe die russische Literatur und möchte nicht, daß noch zwei Dichter aus ihren Reihen unter Bewachung zum Bäumefällen losmarschieren."

DER SPIEGEL 3/1968
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