15.01.1968

„WARUM HABEN SIE GEPUTSCHT, HERR GENERAL?“

Acht Monate lang weigerte sich die Athener Verlegerin Heleni Vlachou, 56, ihre zwei Zeitungen wieder herauszubringen, die sie aus Protest gegen den Putsch der Obersten eingestellt hatte. Als Zentralfigur des passiven Widerstandes gegen die Soldaten wurde sie unter Hausarrest gestellt, konnte aber am 21. Dezember noch London fliehen. Für den SPIEGEL schildert Frau Vlachou die Versuche der griechischen Militärs, sie für das Regime zu gewinnen.
Drei Tage nach dem Staatsstreich der Obristen, am Montag, dem 24. April 1967, erhielten wir in unserer Wohnung in der Athener Mourouzistraße Besuch: Brigade-General Stylianos Pattakos, Innenminister der Militär-Junta, kam als jovialer Besucher. Wir kannten uns nach nicht.
Der General kam ungefähr um elf Uhr abends, ein kleiner, untersetzter, weißhaariger Mann mit buschigen Augenbrauen, die ihm eine flüchtige Ähnlichkeit mit dem früheren Premier Konstantin Karamanlis verliehen (und vielleicht verhalf ihm das dazu, mehr Popularität zu erlangen, als irgendein anderes Mitglied der Junta). Er war herzlich, todmüde und überglücklich:
"Seit dem vergangenen Donnerstag habe ich täglich nicht mehr als zwei Stunden geschlafen. Um Mitternacht rief ich meine Leute und sagte ihnen, der heilige Augenblick, ihr Land zu retten, sei gekommen. Ich entfachte ihre patriotischen Instinkte zur Begeisterung. Ich sagte ihnen, wir gehorchten den Wünschen des Königs. Nach meiner Ansprache wären sie mir an das Ende der Welt gefolgt ..."
"Aber was veranlaßte Sie zum Putsch?" fragte ich ihn. "Was war geschehen? Was war der Grund für die Machtübernahme des Militärs?"
Langsam trank er einen Schluck Whisky mit Wasser. Mit großen, unschuldigen Augen schaute er mich nur bauernschlau an und überging die Frage. Als ich weiter auf einer Antwort bestand, lenkte er ab.
"Wir wollten kein Blutvergießen. Niemand wußte etwas, niemand half uns, wir trafen allein die Entscheidung, daß es an der Zeit sei einzugreifen, die Politiker daran zu hindern, ihre kriminellen Programme durchzuführen. Meine Tochter war meine Sekretärin, und sie bereitete alle geheimen Befehle vor."
Mein Mann und ich kannten den wahren Grund des Besuchs von Brigadier Pattakos. Am Freitag und Sonnabend nach dem Staatsstreich waren keine griechischen Zeitungen erschienen, aber am Sonntag kamen die Morgenzeitungen heraus, am Montag die Nachmittagszeitungen. Auf Befehl der Regierung waren nur die beiden Zeitungen der Linken verboten. Die liberale "Eleftheria" hatte ihr Erscheinen eingestellt, aber das interessierte die Regierung nicht.
Sie war daran -interessiert und wartete darauf, daß die Zeitungen der "Sokratous-Straße", wie unsere Zeitungen "Kathimerini" und "Messimvrini" oft genannt wurden, schnellstens erscheinen und dem Regime Unterstützung geben sollten.
"Warum geben Sie keine Zeitungen heraus? Wir sind gute Griechen, und die Revolution ist von guten Griechen gemacht worden, um die bösen Griechen zu bekämpfen" -- so Pattakos. Wir versuchten, unseren Standpunkt zu erklären, wir erinnerten ihn an die neue Lage angesichts der Zensur. "Zensur? Bah! Das gilt doch nicht für Sie! Sie werden schreiben, was Sie wollen, Sie sind gute Griechen."
Wir erkannten bald, daß es sinnlos war, nach einer Verständigungsmöglichkeit mit dem Brigade-General zu suchen. Seine Gedanken hatten eine besondere Wellenlänge -- er war hoffnungslos stehengeblieben in der Welt und den Problemen von vor 20 Jahren.
In 20 düsteren Jahren hatte er in den Kasernen seinen bitteren Hall gegen die Kommunisten und den Kommunismus geschürt, hatte nur in der Gesellschaft engstirniger Kameraden Tröstung gefunden, hatte geträumt, intrigiert, gehofft und Komplotte geschmiedet. Jetzt war endlich der Sieg da: Er hatte Griechenland gerettet.
Am 3. Mai wurde ich in das Büro von Oberst Papadopoulos, dem starken Mann hinter dem Putsch, gebeten. Ich sollte nochmals die Gründe für unseren Entschluß erklären, unsere Zeitungen nicht zu verlegen.
Wir erklärten sie -- und jetzt wurde der Junta klar, daß wir, die Konservativen, die Säulen des rechten Flügels, unerschütterliche Antikommunisten, an unseren "Rettern" Anstoß nahmen.
Oberst Papadopoulos, der damals Minister im Amt des Premierministers war, trat lächelnd in das Büro, wo ich wartete, Er war klein, hatte ein ungepflegtes Gesicht, farblose Augen, ein Mann, den man schnell wieder vergißt. Er sprach ungezwungen, ohne den gleichen primitiven Jubel zum Ausdruck zu bringen, wie Brigadier Pattakos.
Seine Argumente waren einfach. Wir sollten unsere Zeitungen so schnell wie möglich wieder herausbringen und dem feierlichen Versprechen der Regierung Glauben schenken, daß die Zensur sehr bald wieder aufgehoben würde.
Mein Standpunkt war ebenso einfach. Sie sollten so schnell wie möglich die Zensur aufheben, und sie hätten dafür mein feierliches Versprechen, sofort mit dem Druck zu beginnen.
Drei Tage später erwiderte Oberst Papadopoulos den Besuch, er kam in unsere Wohnung an der Mourouzistraße. Auch er kam spät am Abend, nach zehn Uhr, auch er schlug ein Glas Whisky nicht aus. Papadopoulos wiederholte sein Versprechen, wir unseres. Diesmal schien er bitter und verärgert.
Im Juni trafen wir uns ein drittes Mal. Es war das letzte Mal. Jetzt sollten wir veröffentlichen:" Oder sonst ..."
"Wie kommt es, daß Sie so frei sprechen?" wurde ich oft von mißtrauischen Kollegen gefragt. "Andere, die nur die Hälfte dessen flüsterten, sind verhaftet worden."
Ein Interview mit der italienischen Zeitung "La Stampa" führte dann anscheinend dazu, daß die Obristen (über die ich wenig Schmeichelhaftes zu sagen hatte) mir Einhalt geboten. Ehrlich gesagt, konnte ich Ihnen keinen Vorwurf machen. Man kann nicht erwarten, daß man eine brutale Regierung fünf Monate lang ärgern darf, ohne daß sie zurückschlägt. Die ganze Geschichte begann mit der üblichen widersprüchlichen Erklärung. Zunächst verkündeten und veröffentlichten sie in den griechischen Zeitungen, sie würden meine "schlechten Manieren und mein unpatriotisches Verhalten" ignorieren.
Zwei Tage später änderten sie ihre Ansichten und verhafteten mich in meinem Büro, als ich gerade einem schwedischen Journalisten ein Interview gab. Zwei Geheimpolizisten kamen und forderten mich auf, sie zu begleiten.
Am selben Abend wurde ich freigelassen und einige Tage später wiederum verhaftet. Ich sollte wegen "Beleidigung der Obrigkeit" vor ein Militärgericht gestellt werden, sagte man mir, in der Zwischenzeit sollte ich unter Hausarrest stehen.
Die Männer von der "Asphalia", der Geheimpolizei, kamen in unsere Wohnung und durchsuchten ungefähr vier Stunden lang die Bücherregale und alle meine Papiere, stürzten sich auf alle Photographien und Tonbänder und gaben die ganze Zeit vor, sie erledigten eine äußerst wichtige Aufgabe.
"Wir werden diese Bänder und Photos, Manuskripte und Papiere mitnehmen, aber wir werden sie alle zurückbringen! Wir werden sie alle einzeln numerieren, damit Sie bei der Rückgabe feststellen können, daß keins fehlt. Wir sind keine Diebe, wir sind Diener des Staates!"
ich war keineswegs erstaunt, daß wir von den mitgenommenen Sachen kein Stück zurückerhielten.
In den ersten drei Wochen waren mein Mann und ich an die Wohnung gefesselt. (Es wurde nie eine Erklärung abgegeben, warum er unter Hausarrest stand.) Die Mitglieder der Militärregierung, die immer Lügen zur Hand hatten, verkündeten der ausländischen Presse mit unbewegtem Gesicht, daß Herr C. Loundras (mein Mann) frei sei und daß Frau Vlachou mit ihren Rechtsanwälten zusammentreffen könne, wann immer sie es wünsche.
In Wahrheit war Herr Loundras keineswegs frei und Herr Romanos, mein Rechtsanwalt, bat vergebens um die Erlaubnis, mich besuchen zu dürfen. Er betrat während jener Monate kein einziges Mal meine Wohnung.
Inzwischen war klar, daß mein Prozeß nie stattfinden würde. Dreimal war er angekündigt worden, dann wurde er auf unbestimmte Zeit verschoben.
Jedermann in Athen wußte, daß die Obersten drei Leute nicht vor Gericht stellen würden: Andreas Papandreou, Mikis Theodorakis und Heleni Vlachou.
Den ersten, weil es sehr peinlich würde, ihn zu verurteilen, da er versagt hatte, wo sie Erfolg hatten, den zweiten wegen des weltweiten Interesses, das ein Prozeß gegen den Komponisten hervorrufen würde, und die dritte, weil sie nicht wußten, was sie vor Gericht sagen würde.
Nach dem gescheiterten Gegenputsch des Königs beschlossen mein Mann und ich, daß ich alles versuchen sollte, um zu fliehen. Wir hatten schon Pläne geschmiedet, denn wir hatten festgestellt, daß es selbst bei einer sechs Mann starken Bewachung durch die "Asphalia" -- drei oben und drei unten -- möglich war, aus der Haustür zu schlüpfen.
Als ich Griechenland verließ, sah es sehr traurig für meine Heimat aus. Der neue Premierminister und die beiden anderen Protagonisten der Junta haben zwar ihre Uniform abgelegt und unmittelbar vor Weihnachten versprochen, eine Generalamnestie, eine umfassende Begnadigung, zu verkünden -- und einen Augenblick lang glaubte man daran.
Sie brachen ihr Versprechen. Niemand kann wissen oder erraten, ob dieses Versprechen von der Spitze der Junta gegeben, jedoch von den noch mächtigeren Offizieren der unteren Ebene aufgehalten wurde oder ob es in einem Augenblick der Freude erfolgte, als Oberst Papadopoulos noch vom Erfolg trunken war, endlich das lang ersehnte Amt des Premierministers erlangt zu haben.
Es könnte auch sein, daß dieser vorgebliche Beweis der Milde dazu dienen sollte, die Aufschiebung des Referendums zur neuen Verfassung zu verdecken. Die Abstimmung über die Verfassung, wann immer sie stattfindet, ist aber doch nur ein Schauspiel für die Naiven im In- und Ausland. Ohne Redefreiheit, mit einer gegängelten und manipulierten Presse ist es lächerlich zu behaupten, man frage die Nation um ihre Meinung. Was werden die Wähler weiter tun als wählen, wenn der Augenblick gekommen ist?
Unter einer Militärregierung in oder ohne Uniform wird das Land automatisch in Kasernen und Gefängnisse geteilt. Wer das tut, was ihm befohlen wird, ist sicher und oft vielleicht auch glücklich. Es gibt aber auch die anderen. Wie man sie auch immer nennen mag, Kommunisten, Anarchisten, Einzelgänger, es gibt sie und es wird sie so lange geben, wie Menschen existieren.

DER SPIEGEL 3/1968
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