15.01.1968

ÖSTERREICH / RUNDFUNKNackt geeinigt

Österreich hat sieben Millionen Einwohner und immer ein Gespenst. Das Gespenst vom Dienst bin zur Zeit ich."
So sprach Gerd Bacher, 42, Generalintendant des Österreichischen Rundfunks und meistgehaßter Mann der Alpen-Republik.
Bacher ist umstrittener Chef eines Unternehmens, das in Österreich von jeher höchst umstritten war.
Vor dreieinhalb Jahren hatten 832 353 Rundfunkhörer gegen die alpenländischen Ätherwellen rebelliert: Sie unterschrieben einen Antrag zur Reformierung des Rundfunks, den Österreichs unabhängige Tageszeitungen formuliert hatten. Die Wiener Wellen waren Tiraden von Gewerkschaften und Unternehmern, Arbeiter- und Bauernkammer, Kanzler und Vizekanzler. Die Nachrichten begannen -- auch wenn anderswo Geschütze donnerten -- stets mit heimatlichen Ordens-Verleihungen oder Hofrats-Ernennungen.
Die Tatsache, daß fast 20 Prozent der wahlberechtigten Österreicher das Rundfunkreform-Begehren unterschrieben hatten, bewog die konservative Österreichische Volkspartei (ÖVP), das Radio-Programm in ihre Wahlversprechen aufzunehmen. Sie siegte damit und bildete die erste Ein-Parteien-Regierung Österreichs seit dem Krieg.
Die Rundfunk-Reform wurde Gesetz. An die Spitze des staatlichen Rundfunks und Fernsehens (drei Hörfunk-, zwei TV-Programme) berief die Regierung den früheren Journalisten Gerd Bacher, der mit dem Wiener "Bild-Telegraf" (heute "Express") die Boulevard-Zeitung in Österreich eingeführt und später als Verlagsleiter den Molden-Buchverlag emporgemanagt hatte.
Der neue Mann sprach zunächst von Geld. Er handelte sich ein (für Österreich hohes) Gehalt von 40 000 Schilling (6200 Mark) samt einem lukrativen Abfertigungs- und Pensionsvertrag ein. Dann ließ er sich vom Parlament eine Erhöhung der Hörergebühren von 7 auf 20 Schilling (eine auf drei Mark) genehmigen, womit Österreichs Rundfunk- und Fernsehgebühren mit 70 Schilling (elf Mark) zu den höchsten Westeuropas wurden.
Er kaufte neue Leute ein -- paritätisch von der Linken und der Rechten, aber auch Außenseiter: Nachrichtenchef wurde der Franz-Josef-Strauß-Intimus Alfons Dalma.
Dann erteilte Bacher Order, Politiker und Politik gemäß BBC-Vorbild künftig nur noch nach ihrem Nachrichtenwert zu beurteilen -- für Österreich eine Revolution.
Die Betroffenen heulten auf, zuerst die oppositionellen Sozialisten. Sie ernannten den Generalintendanten zum "General-Dilettanten", schmähten ihn als "Geldmacher Goldbacher" und schürten die Neidgefühle schlechtbezahlter Landsleute mit Veröffentlichung der genauen Gehalts- und Pensions-Abmachungen des Radio-Generals.
Als Bacher einen prominenten roten Fernseh-Mann feuerte, tobte SPÖ-Chef Ex-Außenminister Bruno Kreisky im Parlament: "Das lassen wir uns nicht gefallen."
Auch die konservative ÖVP wollte sich Bacheriaden nicht gefallen lassen. Ihr vermeintlicher Günstling hatte das Sakrileg begangen, Bundeskanzler Klaus das Wort im Mund abzuschneiden. Der Kanzler beendete seine vierzehntägigen Ansprachen ans Volk stets mit "Auf Wiedersehen in vierzehn Tagen. Das schnitt Bacher ihm heraus: Er wollte den Regierungschef nur noch einmal im Monat reden lassen.
Beim nackten Rendezvous in der Sauna kamen die Herren dann überein, daß Klaus zwar weiterhin alle zwei Wochen, aber nur noch 15 statt 20 Minuten zu seinen Mitbürgern plaudern sollte.
Nächster ÖVP-Vorwurf: Bachers Nachrichtenpolitik sei schuld daran, daß die Partei Wahlen in zwei Bundesländern verloren habe.
Bacher wurde zum "Fall", mit dem sich Parlament, Regierung und schließlich der Bundespräsident befaßten -- der "tiefe Besorgnis" über Bachers Politik äußerte.
Ende Dezember traf den Rundfunk-General auch noch die Kugel eines Kollegen: In einem Leitartikel forderte der Herausgeber des Wiener "Kurier", Ludwig Polsterer, den Sturz des Wellen-Leiters. Gerade der "Kurier" aber hatte einst das Rundfunk-Volksbegehren gefördert, für den "Kurier" war Bacher "der richtige Kandidat" gewesen.
Nun fand der "Kurier"-Besitzer, der neue Mann sei "weder gut noch richtig".
Der bullige Bacher schoß zurück. Zwar lehnte Angreifer Polsterer die Einladung zu einer Fernseh-Diskussion ab, aber er stellte dem Äther-Chef Platz im "Kurier" zur Verfügung. Dort enthüllte Bacher die Hintergründe der Enttäuschung des "Kurier"-Herrn:
Polsterer habe ihn, Bacher, vor der Ernennung zum Rundfunk-Chef zu einer zweistündigen vertraulichen Unterredung empfangen. Dabei habe der "Kurier"-Herausgeber erkunden wollen, wie Bacher zu dem Polsterer-Projekt eines privaten Werbefernsehens stünde.
Bachers damalige Antwort: "Ich habe alles Verständnis für privatwirtschaftliche Erwägungen. Aber als Geschäftsführer des Österreichischen Rundfunks wird meine Loyalität unteilbar sein."
Bacher nun über Polsterer: "Er soll nicht Freiheit, Meinung und Vaterland schreiben, wenn er Geld meint."
Gerade in dem Moment, da er sich weidwund geschossen wähnte, erhielt der attackierte Generalintendant Schützenhilfe von unerwarteter Seite.
Der wendige SPÖ-Chef Kreisky, der sich Bacher noch kurz zuvor "nicht gefallen lassen" wollte, lud den allseits Attackierten Zu Naturschnitzel, Vogerlsalat und Kohlsprossen in seine Villa in Wien-Döbling.
Dann verkündete der Chefsozialist, seine Partei werde künftig "mit dem Rundfunk leben". Als Dank erhofft sich Kreisky Äther-Begünstigung für die SPÖ -- was ihr bei den nächsten Parlamentswahlen helfen könnte.
Bacher will es trotzdem weiter versuchen: "Ich werde mit der Geduld eines Heiligen daran arbeiten, einen unabhängigen Rundfunk zu schaffen." Er wird wohl weiter Österreichs Gespenst vom Dienst bleiben.

DER SPIEGEL 3/1968
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