15.01.1968

MEDIZIN ERSATZTEILETod überlebt

(siehe Titelbild)
Vierzig Stunden in der Woche versieht Ralph Zwick, 46, seinen Dienst als Parkwächter in Rochester (US-Staat New York). In seiner Freizeit geht er schwimmen, segeln oder tauchen. Vor drei Jahren mußte er die Kragenweite seiner Hemden ändern: eine Nummer größer. Unter der Haut, nahe der linken Halsschlagader, ist ein fünfmarkstückgroßer Regler eingepflanzt. Er steuert Zwicks Blutdruck.
Ed Roszak, Patient am Highland View Hospital in Cleveland (Ohio), kann Buchseiten umblättern, Karten spielen, sich rasieren und mit einer Gabel essen. Ärzte und Techniker messen, filmen und diskutieren jede seiner Bewegungen. Denn Roszak ist vom Hals abwärts gelähmt. Mini-Computer, Elektromotoren und elektronische Sensoren ersetzen Nerven und Muskeln, vollführen jede Bewegung seiner Arme, Hände, Finger.
Zweimal in jeder Woche geht Kreszentia Engelhart, 53, Hausfrau in Nürnberg, abends zum Nierenzentrum der· Vierten Medizinischen Klinik. Dort wird ihr linker Arm über zwei Plastikschläuche an eine Maschine angeschlossen. Wenn Frau Engelhart am nächsten Morgen aufsteht und sich der Hausfrauenarbeit widmet, ist ihr Blut entgiftet.
Ihre eigenen Nieren versagten 1965. Ohne Maschinen-Ersatz wäre das ihr Todesjahr gewesen.
Wie Kreszentia Engelhart borgen mittlerweile einige Tausend Menschen, deren Nieren den Dienst versagten, ihr Leben von der Maschine -- einige schon seit einem halben Jahrzehnt.
Andere, die an der gleichen Krankheit litten, überlebten ihren Tod, weil ihnen die Chirurgen ein blutwarmes Ersatz-Organ in die Bauchhöhle pflanzten: lebende Nieren, dem Körper von Leichen entnommen oder gespendet von Freiwilligen, die bereit waren, die eine ihrer beiden Nieren herzugeben.
Überpflanzt in Hunderttausenden von Fällen wurde die Hornhaut des menschlichen Auges, werden Hautstücke und Knochenteile. Drei Kinder in Amerika leben -- seit Sommer vorigen Jahres -- mit eingepflanzter Leber, drei Frauen mit Implantaten von Eierstockgewebe.
Allein in der Bundesrepublik gehen derzeit annähernd 2000 Menschen ihrem gewohnten Tagesablauf nach, bei denen ein elektrischer Schrittmacher, unter der Bauchhaut eingepflanzt, Stunde um Stunde, Jahr um Jahr dem Herzen den elektrischen Befehl zum Schlagen gibt.
Bei mindestens ebenso vielen Menschen pulst das Blut durch Aderstücke, die aus dem gleichen Material gefertigt sind wie Bratpfannen und Freizeithemden: aus Kunststoffen namens Teflon und Dacron.
Wahrlich: Die Gottähnlichen in den weißen Kitteln haben Verheißungen wahr gemacht. Sie hießen Lahme wieder gehen, machten Blinde wieder sehend. Und sie weckten -- wenn noch gälte, was einst das Kriterium des Todes war -- Tote auf. Schon leben einige Zehntausend Menschen auf der Erde, deren Herz für Minuten oder auch (im Operationssaal) für Stunden stillgestanden hat.
Staunend, voller Bewunderung und Heilshoffen, hat die Menschheit diese Revolution der Medizin im 20. Jahrhundert mit angesehen -- ohne sonderliche Erregung.
Ob aus dem Methodisten-Hospital in Houston (Texas) der erfolgreiche Einsatz einer für zehn Tage mit dem Herzen verbundenen Hilfspumpe gemeldet wurde (so im August 1966) oder die erste Überpflanzung einer Schimpansen-Niere auf einen zu Tode kranken Menschen (Ende 1963)* -- stets blieb die Sensation gedämpft.
Der Funke, der die Welt elektrisierte, war ein Impuls von 25 Wattsekunden. Es war der Stromstoß, mit dem am 3. Dezember 1967, morgens gegen fünf, der Kapstädter Arzt Christian Neethling Barnard das Herz zum Schlagen brachte, das er in fünfstündiger Operation dem Kolonialwarenhändler Louis Washkansky eingepflanzt hatte.
5000 Jahre lang hat ärztliche Heilkunst sich bemüht, des Menschen Gebrechen und Gebresten zu lindern, zu kurieren oder zu verhüten. Bis heute hat sie nicht vermocht, die magische Zielmarke zu überschreiten, die das Menschenleben unverrückbar, wie es schien, begrenzt. Die biblische Frist der siebzig, wenn es hochkommt achtzig Jahre schien biologisches Gesetz. Der Mensch war seines Todes sicher.
Daß er es nicht mehr ist, wurde ihm jäh bewußt, als Christian Barnard und sein Team zum erstenmal den noch zuckenden Lebensmotor einer Toten in den Körper eines Lebenden verpflanzten.
Mediziner und Techniker, so wurde die Welt gewahr, sind zum Äußersten entschlossen. Eine Leber, von Viren oder Krebs zerstört -das Haustier Schwein liefert Ersatz zum Einpflanzen. Tödliches Versagen beider Nieren -- eine Maschine auf dem Nachttisch des Patienten übernimmt die Blutwäsche. Eine Lunge, zerfressen von Staub oder giftigen Gasen -- die Techniker liefern Ersatz, Membranen aus Kunststoff, die sich in den Brustkorb fügen. Und schließlich, seit sechs Wochen nicht mehr Utopie: ein verkalktes, auf den Tod verbrauchtes Herz -- fünf Stunden Arbeit unter der OP-Lampe, und im Körper des Patienten schlägt ein neues.
Die Maschine Mensch, so scheint es, ist potentiell unsterblich, wenn nur das jeweils schadhafte Teil rechtzeitig repariert oder ausgewechselt wird. Tod, Selbstmord ausgenommen, wird
* Patient war der 43jährige Dockarbeiter Jefferson Davis; er starb zwei Monate nach der Operation an einer Lungenentzündung. so zum Lapsus der Ersatzteil-Lagerhalter und -Monteure degradiert.
Nicht ohne Hysterie, jedenfalls mit leisem Schaudern, hat die Welt während der letzten Wochen die Erfolgsmeldungen der Organ-Verpflanzer hingenommen. Das Chirurgen-Team in Kapstadt brach als erstes das Tabu. Aber schon Tage nach der ersten und wiederum knapp eine Woche nach der zweiten südafrikanischen Herzverpflanzung zogen die Professoren Adrian Kantrowitz in New York und Norman B. Shumway in Palo Alto (Kalifornien) nach. Und überall in der Welt, in England wie in Australien, aber auch in Brasilien und Dänemark planen Chirurgen, es den wagemutigen Kapstädter Kollegen gleichzutun.
Trotz aller Fortschrittszuversicht, mit der die Öffentlichkeit sonst den Vormarsch der medizinischen Wissenschaftler begleitet -- diesmal mischten sich Zweifel und düstere Visionen in die Bewunderung.
Journalisten ebenso wie fachgebildete Kommentatoren malten Horrorbilder: von "menschlichen Fleischkonserven", Leichen, deren Organe blutdurchpulst zur Verpflanzung bereitgehalten werden; von einem "modernen Kannibalismus ungeheuerlichen Ausmaßes", der sich mit solchen Operationen anbahne (so die Hamburger Illustrierte "Stern"); von Ärzten, die in gieriger Erwartung den Körper eines noch nicht vollends Toten umstehen und ihn -- womöglich vor der Zeit -- "ausschlachten" wollen (so Nobelpreisträger Werner Forßmann).
Sind Louis Washkansky und die vier Herzempfänger nach ihm Opfer menschlicher Hybris, Objekte des Ehrgeizes?
Wieder einmal, wie bei der Entwicklung der Atombombe, aber auch wie bei den Denkanstößen der Kopernikus und Galilei, sind die Frontkämpfer der
* 2. v. l.: Operateur Shumway.
Wissenschaft in Verruf geraten -- gilt ihr Tun als fragwürdig oder gar frevelhaft.
Kein anderer Eingriff der Medizin-Gelehrten, so meinen die Kritiker, hat so heftig die existentiellen Grundfesten des Menschseins erschüttert. Wird dem Menschen sein Recht auf den Tod streitig gemacht? Gilt es, die Ruhe seines Todes, die Würde seines Sterbens zu verteidigen? Maßen sich Menschen Gottesrechte an? Oder wird der Arzt, wie Professor Forßmann formulierte, "in letzter Konsequenz zum Henker"?
Ein gut Teil dieser Fragen zielt in irrationale Bereiche, die mit der Realität im Krankenzimmer oder im Operationssaal wenig Berührungspunkte haben." Noch nie", so schrieb der amerikanische Transplantations-Chirurg Thomas Starzl, "haben wir einen Menschen ohne Würde sterben sehen." Und: "Diejenigen, die über das "Recht zu sterben" meditieren, verteidigen das Recht der anderen, es zu tun. Ihr Standpunkt würde sich rasch ändern, sobald sie selbst betroffen wären."
Von dem Recht, den Strohhalm einer letzten Chance zu ergreifen, machte der erste Herzempfänger Louis Washkansky Gebrauch, ebenso wie sein Landsmann Blaiberg und der Amerikaner Kasperak, der Ende letzter Woche auf dem Weg der Besserung war. Und mit demselben Recht bat vorige Woche eine deutsche Patientin die Chirurgen der Universitätsklinik in Aarhus (Dänemark), ihr ein neues Herz einzupflanzen. Die 41jährige Sozialhelferin leidet an einer unheilbaren Herzkrankheit; deutsche Ärzte haben sie aufgegeben.
Wie sie gibt es allein in der Bundesrepublik jedes Jahr 150 000 Menschen, bei denen Herz oder Kreislauf tödlich versagen, ohne daß ärztliche Kunst ihnen noch Hilfe bringen könnte.
Und Jahr für Jahr sterben in Westdeutschland 1500 Menschen im Alter zwischen 15 und 45 Jahren an chronischem Nierenversagen. Bei mindestens tausend von ihnen, so schätzen die Ärzte, würde die Überpflanzung einer Ersatzniere oder der Daueranschluß an eine künstliche Niere das Leben um Jahre, vielleicht sogar um Jahrzehnte verlängern.
Solche Verlustziffern, die durchweg schon unterhalb der verheißenen Zielmarke gebucht werden, veranschaulichen ein Argument, mit dem Amerikas berühmtester Konstrukteur eines Kunstherzmodells und Erfinder der ersten künstlichen Niere, Professor Willem Kolff, sich gegen die Widersacher der Ersatzteil-Medizin zur Wehr setzt: "Die Frage, ob eine künstliche Pumpe in der Brust eines Menschen annehmbar, wünschenswert und ob der Aufwand dafür wirtschaftlich zu vertreten ist, kann nur im Licht einer einzigen Alternative diskutiert werden -- Tod."
Dieser Alternative zu begegnen, hat sich, wie der amerikanische Transplantationsforscher Joseph E. Murray äußerte, "ein buntgewürfeltes Heer, ja eine Galaxie von Wissenschaftlern der verschiedenen Disziplinen" zu gemeinsamer Anstrengung vereint.
Pathologen, Mikrobiologen und Biochemiker marschieren an der Front des Ersatzteil-Feldzugs neben Genetikern, Zoologen, Physiologen, Radiologen und Tierärzten. Und wie auf keinem anderen medizinischen Arbeitsfeld haben sich die Naturforscher mit den Technikern verbündet.
Ein Fachmann für Raketensteuerung von der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa, Kirby W. Hiller, konstruierte den pneumatischen Antrieb für ein Kunstherzmodell von Professor Kolff. Der Waffentechniker Kenneth E. Woodward, angestellt bei der amerikanischen Armee, entwickelte ein eigenes Kunstherzmodell, das von sogenannten Flüssigkeitsreglern gesteuert wird. Ein Techniker des Instituts für Plasmaphysik in Garching berät Professor Walter Brendel am Institut für experimentelle Chirurgie der Münchner Universitätsklinik bei der Entwicklung einer künstlichen Lunge.
Exotisch, mitunter auch makaber muten die Experimente an, denen sich die Ersatzteil-Forscher widmen.
Die Szenerie in einem engen Kellergewölbe des Downstate Medical Center in Brooklyn etwa gemahnt an die Brutanstalten in Huxleys "Brave New World": "Einige Hundert Literflaschen, die mit fast liebevoller Sorgfalt hin und her geräumt werden", so beschrieb der amerikanische Wissenschafts-Autor Fred Warshofsky**, "sind gefüllt mit einer Masse, die wie Beef-
* Entwickelt von Kenneth E. Woodward.
** Fred Warshofsky: "The Rebuilt Man -- The Story of Spare-Parts Surgery". Crowell Company, New York; 184 Seiten; 5,95 Dollar.
steak Tatar aussieht." Eine Million Hautzellen, von einem Quadratzentimeter Kaninchenhaut gewonnen, sollen sich in den mit Nährlösung gefüllten Flaschen wieder und wieder teilen, bis es zehn Milliarden Zellen sind; der Versuch dient zur Erforschung der Körperabwehr gegen Fremdgewebe.
Mit einem seltsamen Zwitterwesen aus Technik und Biologie experimentieren Forscher des New Yorker Maimonides-Hospitals und der Hokkaido-Universität in Sapporo (Japan). Die Wissenschaftler bauten eine künstliche Leber, die wie eine Kunstniere von außen an den Blutkreislauf des Patienten angeschlossen wird.
Aber die komplizierten chemischen Aufgaben, die das Organ Leber zu vollführen hat, können in der Maschine nicht allein auf technische Weise nachgeahmt werden: Ein Brei aus gemahlener Hundeleber bildet das biologische Arbeitszentrum der Maschine. Hunde, denen die eigene Leber entfernt wurde, haben an dieser Maschine 18 Stunden überlebt.
Der Zähnezucht widmen sich die Anatomen Robert A. Gerstner und Earl O. Butcher an der New York University. Mit einer delikaten Operationstechnik entnehmen sie 14 Tage alten Rattenembryos mikroskopisch kleine "Zahn-Keimlinge". In Glaskolben wird die Zahnsaat mit einem Gemisch aus Blutplasma und Fruchtwasser ernährt -- und wächst zu respektablen Rattenschneidezähnen. (Größtes Problem bislang: Der steinharte Zahnschmelz will sich nicht in der Retorte bilden.)
Und überall auf der Welt wiederholen und erweitern Mediziner jene absonderlich erscheinenden Experimente, mit denen der sowjetische Transplantationsforscher Wladimir Demichow vor acht Jahren die Welt erschreckte: Er nähte Hunden fremde Lungen, Nieren und Herzen ein und pflanzte ihnen (in der Nackengegend) den Kopf mitsamt den Vorderpfoten eines anderen Hundes auf. Das doppelköpfige Horror-Tier lebte 23 Tage.
Tierexperimente wie dieses in Moskau, Züchtungsversuche wie die in New York und die Bemühungen von Antriebs-, Steuerungs- und Elektronikfachleuten verdeutlichen die beiden Stoßrichtungen, mit denen die Forscher an fast allen Fronten des menschlichen Organismus gegen das Versagen einzelner Organe ankämpfen:
* Ersatz durch am Reißbrett konstruierte künstliche Organe -- bis hin zur künstlichen Lunge und zu Kunstherzen aus Plastik; oder
* Überpflanzung blutfrischer, womöglich auch tiefgefrorener Ersatz-Organe von menschlichen, vielleicht auch tierischen Spendern.
Beide Verfahren sind keine Erfindungen des 20. Jahrhunderts -- die Idee, verlorene oder verdorbene Organe technisch oder biologisch zu reproduzieren, hat vielmehr eine jahrtausendealte Tradition.
Ägyptische Grabmalereien aus dem dritten vorchristlichen Jahrtausend zeigen Einbeinige mit Krücken; auf einem italienischen Relief aus dem vierten Jahrhundert vor Christus hüpfen Beinkranke fröhlich auf dem Stelzfuß -- so wie er hernach jahrhundertelang zum Zunft-Symbol von Kaper-Kapitänen und ausgedienten Landsknechten wurde.
Aus der Zeit um 800 vor Christus datiert auch ein indisches Mediziner-Handbuch namens "Samhita", in dem erstmals die Technik einer Organ-Überpflanzung beschrieben wird: Wiederherstellung der Nase, falls sie im Schlachtengetümmel oder bei einer Bestrafung wegen Diebstahls abhanden kommt.
Die Inder machten es nicht viel anders als ihre Kollegen, die Kosmetik-Chirurgen der Soraya-Ära: Sie schnitten eine Hautplagge so aus der Wange, daß eine Restkante -- zur Durchblutung und Ernährung des Hautfetzens -- stehenblieb. Dann klappten sie das Hautstück über den (vorher aufgerauhten) Nasen-Torso. Und schließlich betteten sie zwei Röhrchen in das Transplantat, die späteren Nasenlöcher.
Auf ähnliche Weise modellieren heute die Chirurgen am menschlichen Körper, als sei"s ein Stück von Knetgummi. Sie füttern Busen mit Gewebe aus der Hüftgegend. Sie formen Herzklappen aus Bauchdeckengewebe und aus Teilen des Dünndarms eine neue Blase.
Verrenkungen für den Patienten brachte eine Nasen-Restaurationstechnik mit sich, die der berühmte Bologneser Anatomie-Professor Gasparo Tagliacozzi in der Zeit der Renaissance erprobte: Die Schönheitswilligen mußten zwei bis drei Wochen sitzend verharren, den Arm über den Kopf gebunden; aus dem Haut- und Muskelgewebe des Oberarms, das Tagliacozzi nach indischem Vorbild anschnitt, regenerierte sich die Nase.
Ähnlich verfuhr im Jahre 1950. der amerikanische Arzt Bromley S. Freeman von der Baylor University in Houston (Texas), als er einen 20 Monate alten Jungen, den ein Hund gebissen hatte, mit einem neuen Daumen versorgte. Der· Daumenstumpf wurde für vier Wochen mit Stahldraht am (vorher aufgeschnittenen) zweiten Fußzeh festgebunden, bis beide zusammengewachsen waren. Dann amputierte Freeman den Zeh -- der nun als Daumen seinen Dienst tut.
Ein Musterbeispiel für solchen "Grow it yourself"-Ersatz, wie es die Amerikaner nennen, gelang vor mehr als zehn Jahren erstmals dem amerikanischen Chirurgen Lyndon H. Peer: Er züchtet Ohren nach Maß.
Peer entnimmt Knorpelmasse aus den Brustrippen des Patienten und zerkleinert sie, "so, als wenn der Koch in der Küche Sellerie hackt". Diese Rohmasse wird sodann in eine stählerne Gußform gefüllt und mit ihr unter der Bauchdecke des Patienten eingepflanzt. Nach etwa fünf Monaten hat frisches Bindegewebe die Form und den Knorpelbrei durchwachsen. Der Stahl wird entfernt, das neue Ohrgerüst nochmals für einige Zeit in den Bauch gepflanzt, bis es sich auch noch mit Hautgewebe überzogen hat. Dann pflanzt Peer das Ersatz-Ohr -- rund 100 hat er mittlerweile gefertigt -- an seinen endgültigen Platz.
Fast verblüffender noch als solches Kunsthandwerk der Ärzte erscheint das Ingenium, mit dem die Techniker vervollkommnet haben, was einst den Krüppel zum Kinderschreck, zum Horror seiner Umwelt machte: Hilfs-Gliedmaßen, Prothesen.
Zu Hunderttausenden mußten die Orthopäden Arm- und Beinprothesen fertigen, als die Versehrten von den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges heimkehrten. Und wieder von neuem stellte sich das Problem, die Perfektion der Natur, so gut es geht, künstlich nachzuahmen, als Anfang der sechziger Jahre in Deutschland einige Tausend Kinder als Krüppel geboren wurden -- Opfer der Contergan-Katastrophe.
Die eiserne Faust des Götz von Berlichingen und der fischbeinerne Stelzfuß des "Moby Dick"-Kapitäns Ahab sind zu wahren mechanischen Kunstwerken entwickelt worden. Sowjetische Techniker entwarfen Kunstarme und -hände, die schon fast perfekt dem Willen ihres Trägers gehorchen: Den Ingenieuren gelang es, die bioelektrischen Impulse, die vom Gehirn des Menschen ausgehen und seine Muskeln lenken, aus den Nervenbahnen des verbliebenen Armstumpfs abzuzapfen und direkt zur Steuerung der Prothese zu benutzen.
Mit komprimiertem Kohlensäure-Gas werden -die meisten der Prothesen angetrieben, die zunächst von schwedischen, später auch von deut-
* Oben links: Gemälde von Fernando Rincon (um 1500, Ausschnitt). Oben rechts: Gregory Peck in der Verfilmung des Romans "Moby Dick". Unten: Zeitgenössische Darstellung.
schen Ingenieuren für die Contergangeschädigten Kinder entwickelt wurden. Ein komplexes System von Elektromotoren bewegt die stählernen Arme, mit denen am Case Institute of Technology in Cleveland der querschnittgelähmte Patient Ed Roszak ausgestattet wurde. Roszak steuert seine -- bislang ausschließlich experimentelle -- Super-Prothese (über elektronische Sensoren) mit den Augen.
Der Makel des Behelfs wird diesen ungefügen Konstruktionen stets anhaften. Aber für andere, weniger augenfällige Bezirke ·des menschlichen Körpers hat sich vollwertiger Ersatz konstruieren lassen.
Unauffällig wie die falschen Zähne im Gebiß (Bevölkerungsanteil: 20 Prozent) tragen Hunderttausende einen miniaturisierten Schallverstärker im schwerhörigen Ohr oder im Brillengestell. Vollends unsichtbar installieren die Ärzte einen Bügel aus rostfreiem Stahl im Mittelohr, wenn dort der sogenannte Stapesknochen durch Verkalkung seine Schwingungsfähigkeit verloren hat. Jedes Jahr werden auf diese Weise 5000 Ertaubte wieder hörend.
Stahlplatten und Stahlkugeln ersetzen Kniescheiben, Hüftknochen und Schultergelenke. Ein Stahlplättchen versteifte die Wirbelsäule des US-Präsidenten Kennedy, Rippen aus Silber wurden eingepflanzt, metallene Schädelplatten modelliert -- nicht erst für jenen russischen General, der nach Baron Münchhausens Erinnerung durch Anheben der silbernen Kopfplatte die Alkoholschwaden aus seinem Gehirn entlassen konnte.
Eine nicht ganz ernsthafte Abteilung hat die moderne Chemie dem Arsenal der Klein-Ersatzteile hinzugefügt. Mit Silikon-Kautschuk, unter die Haut gepflanzt, haben die Schönheits-Operateure am weiblichen Körper ergänzt, wo immer etwas fehlte: Hüft- oder Busenfülle, aber auch Wadenschwung nach Maß. Die anfängliche Schwierigkeit, daß sich die injizierte Silikon-Ladung unter der Hand oder auch ohne Hinzutun aus der gewünschten Lage verschob, hat sich durch die Verwendung festnähbarer Silikon-Kissen meistern lassen.
Amerikas mutigster Sexualforscher, William H. Masters, meisterte gewisse Beobachtungsprobleme seiner Wissenschaft gleichfalls prothetisch: Ein Plexiglas-Penis mit eingebauter Mini-Leuchte ermöglichte vorher nie gesehene Filmaufnahmen.
Auf einem internationalen Urologen-Treffen in Honolulu im Juni letzten Jahres wurde das gleiche Prothesen-Problem schon für den Hausgebrauch erörtert: Wissenschaftler der Universität von Kalifornien haben einen Silikon-Stab entwickelt, der -- unter die Haut des Originals gepflanzt -- "in gewissen Fällen psychogener Impotenz" Stärke leiht, allerdings, wie die Universität einschränkend mitteilt, "nur als Krücke, die unterstützt, aber andere notwendige Faktoren nicht ersetzt".
Ungeachtet solcher bislang eher kurios anmutenden Randprodukte, hat die moderne Kunststoff-Chemie Ersatzteile für den menschlichen Körper hervorgebracht, die aus der Chirurgen-Heilkunst nicht mehr wegzudenken sind. Hauptvorteil der verwendeten Kunststoffe: Sie fügen sich dem menschlichen Organismus nahezu ohne jede Abwehr-Reaktion ein und werden schließlich vollkommen von natürlichem Gewebe durchwachsen.
Eine dramatische Operation, die im Dezember 1961 im Eden Township General Hospital in Hayward (Kalifornien) ausgeführt wurde, war beispielhaft für diesen Zweig der Ersatzteil-Medizin. Eine Stunde nach der Geburt eines Kindes namens Donnie Lenhart bemerkten die Ärzte leichte Atmungsschwierigkeiten bei dem Neugeborenen. Eine Untersuchung ergab, daß vermutlich Donnies Zwerchfell, das den Lungen- vom Bauchraum trennt, nicht intakt war. Ein Loch im Zwerchfell, bei Neugeborenen nicht ganz selten, läßt sich gewöhnlich mit einem kleinen Eingriff zunähen.
Doch als die Ärzte in Hayward den Routine-Eingriff vornehmen wollten, stellten sie mit Entsetzen fest, daß Donnie ganz ohne Zwerchfell geboren war -- ein tödlicher Mangel. "Fast als Reflex-Handlung", so berichtete später der Chirurg Richard Smith, "kramten die OP-Schwestern in allen erreichbaren Schubfächern und Schränken. Und dann fand irgend jemand ein Stück Dacron, mit dem wir sonst Arterien flicken." Der Dacron-Flicken wurde zwischen Brust und Bauch des Neugeborenen genäht, Blut füllte die Poren des Gewebes. Und Monate nach der Operation fanden die Ärzte, daß körpereigenes Gewebe das Hilfs-Zwerchfell des Neugeborenen so vollständig durchsetzt hatte, als sei die luftdichte Trennwand von Natur gewachsen.
Wie im Körper des kalifornischen Jungen, so wurde Kunststoff -- gleichsam als Stützgerüst für nachwachsende körpereigene Zellen -- im menschlichen Körper eingepflanzt, wo immer Adern- oder Organwände, Herzscheidewände oder auch Herzventile schadhaft waren.
Allein an der Klinik des Pioniers auf diesem Gebiet, des Professors DeBakey in Texas, wurden schon mehr als 10 000 solcher Kunststoff-Einpflanzungen vorgenommen. DeBakeys prominentestem Patienten, dem Herzog von Windsor, wurden 1966 einige Zentimeter Kunst-Aorta eingesetzt.
Die wahre Meisterleistung chirurgischer Ersatzkunst, die Überpflanzung lebender Organe von einem auf den anderen Menschen, blieb indes den Medizinern jahrtausendelang verschlossen -- außer in Mythen und Legenden.
Am bekanntesten wurde die Legende von Kosmas und Damian, zwei Schutzpatronen der medizinischen Heilkunst im Mittelalter. Einem Mann mit krebskrankem Bein, heißt es, seien die beiden Medizin-Brüder des Nachts erschienen. Während der eine das kranke Bein amputierte, beschaffte der andere Ersatz von einem Mohren. der am selben Tag beerdigt worden war. Als der Kranke anderntags erwachte, fand er, an Stelle des krebskranken weißen, das gesunde Mohrenbein an seinem Körper.
Ernstlich packte die Wissenschaft das Problem der Verpflanzung von Organen erst vor gut einem Menschenalter an: In den Jahren 1905 bis 1912 erprobten der Franzose Alexis Carrel und der Amerikaner Charles Claude Guthrie an Hunden, Katzen und Ziegen fast alle Arten von Transplantation, die sieh denken ließen.
Carrel, der 1905 nach Kanada auswanderte, entwickelte eine raffinierte Naht-Technik für Adernwände (und erhielt später den Nobelpreis dafür): An zwei Papierblättern übte er sich. hauchfeine Nähfäden so durch die Kanten des Papiers zu stechen, daß an Ober- und Unterseite der Papierblätter kein Stich zu sehen war.
Guthrie, der schon 50 Jahre vor dem Russen Demichow zum erstenmal Hundeköpfe verpflanzt hatte, entdeckte vor dem Ersten Weltkrieg, was dann Jahrzehnte später zum Schreckenswort der Transplantations-Chirurgie wurde: die Immun-Barriere.
Sooft Guthrie an seinem Experimentiertisch in der Universität Chicago zum Skalpell griff und einer Katze eine Fremdniere einpflanzte, nahm der Eingriff den gleichen mißlichen Verlauf: Unmittelbar nach der Operation waren die Tiere meist wohlauf. Aber nach einigen Tagen, spätestens nach Wochen, wurden die Katzen von Lähmungserscheinungen, Erbrechen. Durchfall, Haut- und Schleimhautblutungen heimgesucht -- alles Anzeichen einer akuten Harnvergiftung. Sie verfielen ins Koma und starben.
Lange Zeit glaubten Guthrie und andere Transplantationsforscher, die Mißerfolge seien auf eine mangelhafte Operationstechnik zurückzuführen. Ein Gegenversuch widerlegte diese Vermutung: Wenn der Operateur einem Tier die Nieren herausschnitt und sie dann demselben Tier -- mit der gewohnten Technik -- wieder einpflanzte, blieb die Harnvergiftung aus. Stammte hingegen das Organ von einem fremden Tier, schien der tödliche Ausgang unausweichlich.
So witterte Guthrie den Feind richtig bei einem komplexen Mechanismus, der sich im Körper von Mensch und Tier in Jahrmillionen der Evolution entwickelt hat: einer höchst aggressiven Abwehr gegen alles Fremde.
Paradoxie der Medizin: Dieselbe biologische Vorkehrung, die den Körper gegen Krankheitserreger schützt, löst jene fatale Schockwirkung aus, die anfangs jeden Versuch der Oberpflanzung von Organen scheitern ließ.
"Was ist das für ein großartiger und furchtbarer Mechanismus", schrieb US-Autor Warshofsky, "der den Körper so heftig und blindwütig schützt?" Als Auslöser dieser Verteidigungsstrategie des Körpers entlarvten die Biochemiker bestimmte Eiweißstoffe in den Zellen und Zellwänden -- sogenannte Antigene -, deren chemische Eigenart von Individuum zu Individuum verschieden ist. Die Antigene dienen gleichsam als Ausweis der Körperzellen für ihre Zugehörigkeit zu dem betreffenden Organismus.
Dringen nun fremde Zellen -- Bakterien, Viren oder auch das Gewebe eines überpflanzten Fremdorgans -- in den Organismus ein, so werden sie am Merkmal ihrer andersartigen Anti-
* Verschiedene Bewegungsphasen auf einem zweimal belichteten Film.
gene sogleich als unerwünschte Eindringlinge identifiziert.
Die Antwort des Körpers auf die Invasion ist eine allgemeine Mobilmachung: Als erste Verteidigungsmacht strömen mit dem Blut, in dem sie gleichsam als Wache patrouillieren. besonders aggressive weilte Blutkörperchen heran, die Phagozyten. und suchen die feindlichen Zellen zu verschlingen. Andere weilte Blutzellen und chemische Hilfsmannschaften suchen unterdes den Ort der Invasion abzudämmen.
Für den Fall, daß diese erste Schutzmacht vorm den Aggressoren überwältigt wird, mobilisiert der Körper eine zweite, stärker ausgerüstete Verteidigungstruppe. Milz, Lymphknoten, Leber und Knochenmark produzieren und entsenden ein zielstrebiges Heer von chemischen Abwehrtruppen -- sogenannten Antikörpern -- an die Einbruchstelle, wo sie ähnlich radargesteuerten Fernraketen den Feind orten verfolgen und zerstören.
Wie der menschliche Körper es zustande bringt, diese Verteidigungs-Armeen so zielsicher und wirkmächtig auszustatten, gehört zu den großen Rätseln der Wissenschaft vom Leben: Für jeden der Millionen Typen von Eindringlingen -- gegen jede Viren-, jede Bakterien- oder Fremdgewebeart konstruieren die biochemischen Labors des Körpers eine eigene, individuelle chemische Abwehrwaffe.
Erst während des Zweiten Weltkrieges -- als in England der Immun-Experte Peter Brian Medawar versuchte, den Brandopfern des Luftkriegs Haut zu überpflanzen -- wurden diese Zusammenhänge aufgehellt: völlig geklärt sind sie bis heute nicht.
So war der Kampf der Transplantations-Chirurgen in den letzten zwei Jahrzehnten vor allem ein Ansturm gegen die schier unbezwingbar scheinende Immun-Barriere.
Ein Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg unternahm der französische Mediziner Jean Hamburger, Chirurg am traditionsreichen Pariser "Hospital Necker", zum erstenmal den Versuch, Nieren von eben Verstorbenen auf Todgeweihte zu überpflanzen. Hamberger benutzte Nieren aus den Leichnamen Verurteilter, die unter der Guillotine enthauptet worden waren. Doch die Empfänger starben stets nach wenigen Tagen.
Der einzige Gewebetyp, den die Transplantations-Chirurgen mit Erfolg von Mensch zu Mensch verpflanzen konnten, waren undurchblutete Organteile wie Augenhornhaut, Knochen. Nervenstränge, Zähne und Knorpelgewebe. In diesen Organen bleibt, da die Blutzirkulation fehlt, auch die gefürchtete Abwehrreaktion des Empfänger-Organismus aus.
Für diese erfolgreich überpflanzbaren Körperteile gibt es seit Jahren buchstäblich Ersatzteillager: Organbänke, in denen präparierte oder auch tiefgekühlte Leichenaugen, Nerven, Knochen und Knorpel verschiedener Spezifikation nach Bedarf abgerufen werden können.
Ähnlich problemlos glaubten die Mediziner jahrzehntelang mit einem anderen Organ (in der Mediziner-Sprache wird es in der Tat so bezeichnet) hantieren zu können: mit Blut.
Als kurz nach der Jahrhundertwende die vier Blutgruppen A, B, AB und 0 entdeckt wurden, schienen alle Verträglichkeitsprobleme der Bluttransfusion gemeistert -- außer vielleicht jenen, die in nationalen Vorurteilen wurzeln: Ein verwundeter deutscher Soldat, so wird berichtet, beging in britischer Gefangenschaft bei Tobruk Selbstmord, als er erfuhr, daß ihm britisches Blut übertragen worden war. Desgleichen soll ein englischer General in Nordafrika die Vernichtung von 100 Blutkonserven befohlen haben, weil sie von deutschen Kriegsgefangenen stammten.
Heute wissen die Mediziner, daß außer den Grund-Blutgruppen noch eine ganze Reihe von biologischen Faktoren der roten Blutkörperchen zu Unverträglichkeitserscheinungen führen kann -- nicht nur der Rhesusfaktor, der 1940 entdeckt wurde*. Aber verblüffenderweise ist es gerade diese Erkenntnis der Blutspezialisten, die nun auch Transplantationsforscher hoffen läßt, bei der Überpflanzung menschlicher Organe die Immun-Schranke am Ende doch zu überwinden.
* Rhesusfaktor: Eigenschaft des Blutes, die nach den Rhesusaffen benannt wurde. Das Zusammentreffen von Rhesus-positivem und rhesus-negativem Blut führt zu Unverträglichkeitserscheinungen.
Auf zwei Wegen suchten die Überpflanzungsforscher das Hindernis der Antigen-Antikörper-Reaktion zu umgehen:
* Sie beschränkten sich zunächst auf Überpflanzungen, bei denen die Antigene von Spender und Empfänger identisch waren -- bei eineiigen Zwillingen; die erste Nieren-Überpflanzung dieser Art gelang in Amerika 1954;
* sie suchten nach Möglichkeiten, mit Hilfe von Medikamenten und Bestrahlung die Abwehrreaktion im Körper des Empfängers so weit zu mildern, daß das eingepflanzte Organ schließlich einheilen konnte. Erste Erfolge: 1959 in Frankreich und Amerika.
Auf einer langwierigen Fährtensuche, reich an Risiken und Irrwegen, haben die Transplantationsforscher sich gemüht, auf diesem zweiten Weg
der Unterdrückung der Immun-Abwehr im Körper des Organ-Empfängers -- zu annehmbaren Lösungen zu gelangen.
Sie versuchten es mit hoher Dosis von Röntgenstrahlung und mit Medikamenten zur Hemmung des Zellwachstums (Zytostatika), wie sie auch im Kampf gegen Krebs verwendet werden. Der amerikanische Transplantations-Chirurg Joseph E. Murray in Boston probierte es mit einer Drainage: Durch einen oberhalb des Schlüsselbeins eingepflanzten Schlauch entzog Murray den Patienten die Lymphflüssigkeit und filterte die Antikörpertragenden Lymphozyten heraus.
Zum direkten Kampf gegen die Lymphozyten entschlossen sich deutsche Transplantationsforscher an der Klinik von Professor Rudolf Zenker in München: Sie entwickelten ein besonders reines Anti-Lymphozyten-Serum, das im Körper des Patienten die gefürchteten Träger der Abwehrreaktion zerstören soll.
Freilich, alle diese Maßnahmen zur Unterdrückung der Immun-Abwehr blieben, wie das britische Wissenschaftsfachblatt "New Scientist" formulierte, "Holzhammermethoden" -- denn stets beschwört dieses massive Bombardement des Körpers eine andere Gefahr herauf: Der absichtlich geschwächte Abwehrmechanismus des Patienten ist nun auch gegen alle Infektionen hilflos. Eindringende Bakterien können sich ungehemmt vermehren. Daran -- an einer lawinenartig sich ausbreitenden Lungenentzündung -- starb der erste Herzempfänger, Louis Washkansky.
Einen Ausweg aus diesem Dilemma ein amerikanischer Mediziner nannte es "einen Drahtseilakt zwischen zuwenig und zuviel Immuno-Suppression" -- sehen die Wissenschaftler nur, wenn es gelänge, auch für das menschliche Gewebe einen differenzierten Merkmal-Katalog aufzustellen -- wie heute schon bei Blutkonserven.
Dann nämlich könnten die Ärzte für jede bevorstehende Überpflanzung etwa einer Niere von vornherein einen Spender auswählen, dessen Antigene denen des Empfängers so ähnlich sind, daß die gefürchtete Antikörperreaktion ausbleibt oder auf ein erträgliches Maß beschränkt ist. Amerikanische Forscher schätzen, daß für jeden Überpflanzungsbedürftigen unter jeweils 100 seiner Mitmenschen 16 mit solcher Gewebe-Übereinstimmung ausfindig zu machen wären.
Doch auch mit dem Hilfsmittel der Immun-Unterdrückung haben die Transplantations-Chirurgen in den letzten zehn Jahren dramatische Fortschritte erzielt. Bis vor acht Jahren waren Nierenüberpflanzungen nur möglich gewesen, wenn Spender und Empfänger eineiige Zwillinge waren 1959 gelang dem Franzosen Hamburger zum erstenmal eine solche Überpflanzung zwischen Brüdern.
Seither sind in über 1500 Fällen Nieren überpflanzt worden. Derzeitige Erfolgsquote (Überlebenszeit zwei oder mehr Jahre) bei nahen Verwandten: 80 Prozent. Und selbst bei Nieren-Überpflanzungen von fremden Spendern stieg seit 1963 die Überlebenschance für den Empfänger von 20 auf 65 Prozent.
Angesichts so beachtlicher Erfolge war es nur konsequent, daß sich Chirurgen in aller Welt -- Barnard war nur der erste, der es wagte -- entschlossen, auch das menschliche Herz zu überpflanzen, zunächst bei solchen Patienten, denen anders kein Funke Überlebenshoffnung blieb.
Daß trotzdem nach Barnards kühnem Vorstoß ein solcher Sturm der Entrüstung und des Zweifels losbrach, würde sich vermutlich tiefenpsychologischer Deutung noch am ehesten erschließen: Der Griff nach dem Herzen berührte jahrtausendealte Tabus.
Und mit dem Moment, da der mythenumwobene Lebensmotor des menschlichen Organismus zum bloßen Inventarstück im Ersatzteillager der Organe abgestempelt wird, ist eine Urfrage menschlichen Seins neu aufgeworfen: die Frage nach dem Tod.
Seit menschliches Bewußtsein existiert, haben Menschen den Tod als Schicksal begriffen -- als elementare Tatsache ihres Daseins. Unter dem Zwang, mit dem Tod zu leben, haben sie ihn zu deuten versucht, waren bestrebt, sich in das Unvermeidliche zu fügen oder die lebenslange Bedrohung zu verdrängen.
Philosophen und Religionsstifter boten der Menschheit immer neue Tröstung an -- oder doch wenigstens Todesdeutungen, die dem biologischen Verfall tieferen Sinn geben sollten.
Für den französischen Philosophen Michel de Montaigne hatte alles Denken die Aufgabe, den Menschen auf das nahende Lebensende vorzubereiten. Einen Essay über den Tod überschrieb er mit dem Platonischen Satz: "Philosophieren heißt sterben lernen." Und selbst im säkularisierten 20. Jahrhundert erklärte der Existenz-Denker Martin Heidegger den Tod zum unverrückbaren Prüfstein, an dem sinnvolles ("eigentliches") Menschendasein sich bewähren müsse: Menschliches Leben gewinne seinen Sinn erst dann, wenn es den Tod entschlossen auf sich nehme.
Der Aufstand gegen den Tod kam von den Naturwissenschaftlern. "Von welcher Seite man das Problem auch betrachtet", so spekulierte 1965 der Tübinger Medizin-Dozent Friedhelm Schneider, "nichts spricht dafür, daß der Tod naturnotwendig mit dem Begriff des Lebens verknüpft ist." Stets sei es Krankheit, die zum Tode führe, mithin etwas, das Mediziner und Biochemiker dereinst ihrer Herrschaft unterwerfen könnten.
So sind es die Mediziner, die mit dieser Erkenntnis am ehesten in Abgründe des Zweifels gestürzt werden. Handeln sie sträflich, wenn sie dem Menschen schon im Diesseits zur Unsterblichkeit zu verhelfen trachten? Gilt es, den Tod zu retten?
Ärger noch als von solchen philosophischen Fragestellungen sehen sich die Wächter an Krankenbett und Totenlager gegen Ende des zweiten christlichen Jahrtausends von einer Unsicherheit gequält, die ihre eigene Wissenschaft aufgeworfen hat: Sie wissen nicht mehr, wann ein Mensch tot ist.
Im Jahre 1964 wurde in einem englischen Krankenhaus ein Mann eingeliefert, der bei einer Wirtshausschlägerei tödlich verletzt worden war. Er atmete nicht mehr, sein Herz stand still. Aber die Ärzte stießen den Pumpenmuskel wieder an und hängten den Körper des Patienten an eine Beatmungsmaschine -- 24 Stunden lang. Dann schnitten sie seinen Leib auf, entnahmen eine Niere und verpflanzten sie auf einen anderen Menschen. Erst nach der Entnahme des Organs wurde die Wiederbelebungs-Apparatur abgeschaltet.
Nach englischem Gesetz war dieser Nierenspender noch am Leben, solange die Maschinerie seinen Blutkreislauf künstlich in Gang hielt. Sie hätte es monate-, jahrelang tun können, ohne daß der Patient, dessen Gehirn unwiderruflich ausgelöscht war, je das Bewußtsein wiedererlangt hätte.
"Früher", sinnierte Nobelpreisträger Professor Werner Forßmann, "war es so: Eine Leiche war eine Leiche." Wenn ein Spiegel, den der Arzt vor den Mund des Patienten hielt, nicht beschlug, wenn die Herztöne verstummt waren, konnte der Totenschein ausgefertigt werden.
Heute, mit dem modernen Geräte-Arsenal zur Wiederbelebung und Aufrechterhaltung der rein vegetativen Herz- und Kreislauffunktionen, sind die Konturen des Todes nebelhaft verwischt.
Ähnlich dem englischen Wirtshausschläger existieren in den Neurologischen Kliniken und Unfallkrankenhäusern Dutzende von Menschen im unheimlichen Niemandsland zwischen Leben und Tod, ohne daß die Ärzte verbindliche Maßstäbe für die Entscheidung hätten, ob ein solcher künstlich beatmeter Organismus noch am Leben oder nur mehr biologisches Präparat ist.
Nur etwa drei Minuten, soviel wissen die Ärzte, vermag das Gehirn eine Unterbrechung der Blutversorgung unbeschadet zu überstehen. Dagegen
* An der künstlichen Niere der Vierten Medizinischen Klinik in Nürnberg.
kann das Herz noch nach einer Pause von vier bis fünf Stunden seine Arbeit wiederaufnehmen. Und gälte das Absterben auch noch der letzten Körperzelle als Kriterium, so müßte man -- wie Professor Barnard im amerikanischen Fernsehen -- einräumen, "daß der menschliche Körper als Ganzes ... erst sechs oder sieben Tage nachdem das Herz zu schlagen aufgehört hat, vollständig tot ist".
Die Frage, nach welchen Merkmalen ein Mensch für tot zu erklären sei, beschäftigt Chirurgen-Kongresse schon seit Jahren -- nicht erst seit der ersten Herztransplantation.
Die deutschen Chirurgen setzten auf ihrer letzten Jahrestagung Ende März 1967 eine Kommission ein, die sich ausschließlich diesem Problem widmen soll. Und schon vor anderthalb Jahren hat die Pariser Medizinische Akademie versucht, den Todeszeitpunkt neu zu definieren: Menschliches Leben sei erloschen, wenn die vom Elektroenzephalographen (EEG) gezeichneten Kurven seiner Hirnströme für mehrere Stunden eine "totale Null-Linie" zeigen, wenn also erkennbar das Gehirn seine Aktivität eingestellt hat.
So leidenschaftlich die Kontroverse um Tod und Leben gegenwärtig geführt wird -- es zeichnet sich schon die Möglichkeit ab, daß sie dereinst weitgehend gegenstandslos werden könnte.
Vielleicht, so lautete schon vor Jahren ein Vorschlag des Genetikers und Nobelpreisträgers Joshua Lederberg, ließen sich künftig Tier-Horden, etwa Schimpansen oder Schweine, zum Zweck der Organverpflanzung auf den Menschen züchten.
Andere Forscher rechnen mit der Möglichkeit, einzelne Herzzellen oder Herz-Embryos in einer Nährflüssigkeit zu kompletten Ersatzherzen heranwachsen zu lassen -- ähnlich wie Champignons in den Kreidehöhlen bei Paris.
Bis solche Träume sich erfüllen, haftet der Organüberpflanzung auf den Menschen ein entscheidender Mangel an: das Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage.
Nieren zum Überpflanzen, so meinen die Transplantations-Operateure, ließen sich dereinst vielleicht in genügender Zahl bereitstellen, wenn geeignete Methoden der Lagerhaltung entwickelt sind. Brauchbare Herzen hingegen werden zwangsläufig Mangelware bleiben -- gerade weil die meisten Menschen in den hochzivilisierten Ländern an einem verbrauchten Herzen sterben.
Daß die Verpflanzung lebender Organe aus eben diesem Grund "nicht der Königsweg" der Ersatzteil-Medizin sein werde, äußerte auch Professor De-Bakey, entschiedener Anführer an jener zweiten Hauptkampflinie der modernen Austausch-Chirurgie, die sich mit Raumfahrt-, Kunststoff- und Atomtechnologie verbündet hat -- zur Konstruktion automatischer Herzen, Lungen und Nieren aus Plastik, Stahl und Transistoren.
Aus Wurstpelle, einer Rolle Fliegen-Gaze und einer Art Waschkessel bestand die Apparatur, mit der Dr. Willem Kolff, damals Arzt an der Universität von Groningen, 1941 zum erstenmal einem Patienten das Blut entgiftete -- es war die erste künstliche Niere.
Einer utopischen Filmkulisse, chrom- und glasstarrend, ähnelt die Blutwasch-Anlage, die seit kurzem im Nierenzentrum der Universität Seattle (US-Staat Washington) in Betrieb ist: 15 Patienten, deren Betten rings um die Super -- Kunstniere (Klinik -- Jargon: "Monster") angeordnet sind, lassen gleichzeitig ihr Blut durch die Waschwaben des stählernen Tanks strömen, der sie Woche um Woche vor dem sicheren Tod bewahrt.
Die primitive Apparatur des Holländers Kolff und die "Monster"-Kunstniere in Seattle verdeutlichen den Fortschritt, den die Kunstorgan-Fertiger in kaum einem Vierteljahrhundert erreichen konnten.
In den meisten Universitätskliniken Europas und Amerikas, vereinzelt auch schon in den großen städtischen Krankenhäusern, gibt es inzwischen Nierenzentren; in Deutschland beispielsweise in München, Freiburg, Würzburg, Nürnberg, Hamburg und Berlin, jeweils für zehn bis 20 Dauerpatienten. Die Behandelten können fast durchweg ein normales Leben führen. Ein Kunstnieren-Patient aus London erkletterte im Sommer 1966 den 4105 Meter hohen "Mönch" im Berner Oberland.
Noch immer freilich sehen sich die Ärzte bei jedem mit chronischem Nierenversagen eingelieferten Patienten vor der Entscheidung, ob er einen Platz an der Kunstniere erhalten oder ob er sterben soll.
Daß noch so relativ wenige Kunstnieren im Einsatz sind, ist auf die hohen Kosten (je Patient jährlich 30 000 bis 40 000 Mark), vor allem aber auf den Mangel an geschultem Personal zurückzuführen.
Dieses Problem würde entfallen, wenn sich beispielsweise die Pläne eines jungen amerikanischen Ingenieurs realisieren ließen, der gegenwärtig ein zusätzliches Medizin-Studium absolviert: Er will durch Kombination von Teflon-Membranen mit bestimmten elektrolytischen Verfahren die künstliche Niere so weit miniaturisieren, daß sie sich in den Körper des Patienten einpflanzen läßt.
Genau dies aber ist die technische Hürde, die den Ersatzteil-Konstrukteuren auch an anderen Ecken des menschlichen Organismus noch am meisten zu schaffen macht. Längst ist es gelungen, die Aufgaben etwa der Lunge oder des Herzens maschinell nachzuahmen. Aber alle Apparaturen sind, wie ein Berliner Lungenchirurg formulierte, bislang noch "um einige Zehnerpotenzen" zu groß, als daß sich ihr Einbau in den menschlichen Körper auch nur erträumen ließe.
"Was wir nicht wollen", erklärte der nun in Amerika beheimatete Chefkonstrukteur der medizinischen Ersatzteil-Technik Willem Kolff, "ist der Patient, der ein Kunstherz im Brustkorb hat, aber einen riesigen Haufen Elektronik im Handkarren neben sich herziehen muß."
Mit einer Lastwagen-Benzinpumpe fing Kolff 1957 an zu experimentieren. Nun aber führt er auf Kongressen ein geschmeidiges, wohlgerundetes Kunstherzmodell vor, das dem natürlichen Vorbild durchaus ähnelt -- freilich müßte im unteren Bauchraum Platz geschaffen werden für den Preßluftantrieb, der gegenwärtig noch die Abmessungen einer Botanisiertrommel aufweist.
Von dem Fernziel, ein wirklich funktionstüchtiges und hinreichend zuverlässiges Kunstherz für den Menschen zu entwickeln, trennen Dr. Kolff und seine Gehilfen noch Jahre, vielleicht Jahrzehnte.
Immerhin: Im Stall der Versuchstiere an der Cleveland Clinic Foundation standen schon einige Kälber am Futtertrog, die ein Kolffsches Kunstherz in der Brust und die dazugehörige Botanisiertrommel auf dem Rücken trugen. Eines der Tiere hat die Operation um 30 Stunden überlebt.
Das Tempo, mit dem die moderne Technologie die Utopien von gestern verwirklicht, läßt keinen Raum für die Annahme, daß es den Ersatzteil-Konstrukteuren nicht dereinst gelingen werde, die menschliche Natur perfekt nachzuahmen.
Das gleiche konstatierte der amerikanische Transplantationsforscher Murray auch für die Verpflanzung von natürlichen Organen: "Die praktischen Möglichkeiten sind unbegrenzt."
Utopien, die Schlußphase solcher Entwicklungen betreffend, sind schon ausgedacht.
Professor Murray sprach auf einer Wissenschaftlertagung in London vor zwei Jahren von "gänzlich unvorhersehbaren physiologischen Erfordernissen", die auftauchen könnten, wenn der Mensch zu anderen Planeten auf-bricht: zusätzlich angepflanzte Lungen etwa, um den atmosphärischen Bedingungen von Venus standzuhalten; sechs, acht oder zwölf Extra-Gliedmaßen, um (mit dem dort verzwanzigfachten Körpergewicht) "auf Jupiter herumzukrabbeln".
Die Techniker ziehen solchen Fabelwesen eine technische Lösung vor: "Cyborg", Maschinen-Mensch mit Stahlstützen fürs Knochengerüst und atomaren Kraftverstärkern für die Muskeln -- so etwa beschrieben es 1960 Ingenieure der US-Raumfahrtbehörde Nasa.
Daß der Mensch dereinst sogar gänzlich auf seine angestammten Sinnes-, Fortbewegungs- und Stoffwechselorgane verzichten könnte, hat sich vor Jahren der britische Wissenschaftsautor Arthur C. Clarke ausgemalt. Seine Vision: vom Körper befreite Menschengehirne, die in Klimakammern lagern und über elektronische Tentakeln ("Drahtleitungen oder Funk") mit der ganzen Welt verbunden sind. Auch für dieses letzte, wohl makaberste Zukunftsbild ist die Szenerie im Labor schon aufgebaut: In einer Dachkammer des Instituts in Cleveland steht der Chirurg Robert White am Operationstisch und präpariert lebende Affenhirne.
Elektrische Messungen beweisen dem Professor, daß die
blutdurchströmte Hirnmasse für Stunden und Tage fähig bleibt, Geräusche zu registrieren. Die Hirnstromkurven unterscheiden sich nicht von denen eines kompletten, noch mit Körper versehenen Affen.
Der Versuch, das Gehirn von einem Menschen auf den anderen zu überpflanzen, würde die Mediziner zwar, wie White erläuterte, vor das schwierige Problem der Verbindung von einigen Millionen Leitungsdrähten stellen, sei aber im Prinzip nicht auszuschließen. Freilich müsse in einem solchen Fall wohl eher davon gesprochen werden, daß der Körper auf das Gehirn verpflanzt werde, und nicht das Gehirn auf den Körper.
Nicht erst bei dieser Aussicht taucht die Frage auf, ob menschlicher Forscherdrang auf solchen Pfaden weiter vordringen oder ob er haltmachen soll.
Der britische Gelehrte Sir George White Pickering, Medizin-Professor an der Oxford University, sagte es so: "Ich bin froh, daß ich tot sein und aufgehört haben werde, zu der Katastrophe beizutragen, lange ehe sie sich ereignet." Und: "Wir sollten uns fragen, ob es Zeit ist, Entwicklungsprogramme zu stoppen, die solche Dinge dereinst möglich machen werden."
Mag sein, daß derlei Überlegungen auch im Spiel waren, als sich während der letzten Woche der Sturm der Entrüstung gegen den Herzverpflanzer Christian Barnard und seine amerikanischen Kollegen erhob.
Von düsteren Zukunftsmöglichkeiten war reichlich die Rede: von Nabobs und Diktatoren, die sich ein frisches Herz durch Meuchelmord oder auf dem Schwarzmarkt der Organe beschaffen könnten; von Ärzten, die jeden Moralkodex vergessen und nach dem Herzen Noch-nicht-Toter greifen könnten. Das Wort "Gewissensentscheidung" paßte häufig ins Vokabular.
Es gibt Anhaltspunkte dafür, daß Christian Barnard -- vor allem Ruhm und aller Schmähung -- sein Gewissen redlich konsultiert hat, wenn auch mit etwas weniger Metaphysik als die meisten seiner Kritiker.
Barnards Entscheidung war pragmatisch: "Die Spenderin hatte bereits das Stadium überschritten, wo ich ihr mit meinen medizinischen Kenntnissen noch hätte helfen können. Für den Patienten hingegen bestand eine Möglichkeit, ihn zu behandeln -- und zwar durch eine Herzverpflanzung."
Eine vergleichbare Entscheidung haben Ärzte wie der Franzose Hamburger und der Amerikaner Murray vor einem Jahrzehnt gefällt, als sie anfingen, menschliche Nieren aus dem Körper von gesunden Spendern auf Todgeweihte zu überpflanzen -- in der recht ungewissen Hoffnung, deren Leben zu verlängern.
Heute sind mehr als 600 Menschen noch am Leben, die ohne diese Operation an ihrem Nierenleiden hätten sterben müssen. Sieben von ihnen wurden von dem Berliner Chirurgen und Urologen Professor Dr. Wilhelm Broseg operiert einem der wenigen deutschen Mediziner, die sich dem Vorwurf, Barnard habe "verfrüht" gehandelt, nicht anschließen mochten.
Broseg erinnerte sich: "Wenn wir auf die Immunologen gehört hätten, dann hätten wir nie transplantiert." Und der Arzt aus Berlin verteidigte das Wagnis seines Kapstädter Kollegen: "So primitiv es klingt, einmal muß man damit anfangen."

DER SPIEGEL 3/1968
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