15.01.1968

THEATER / GOMBROWICZHeim nach Polen

Das Spiel ist ein Traum, und der ist wüst und schwer zu deuten.
Schon während der drei Monate Proben, sagt der Berliner Regisseur Ernst Schröder, 52, "hat keiner das Stück richtig verstanden". Und bei der Premiere, vergangene Woche im Berliner Schiller-Theater, "rätselte das Publikum mit zerfurchter Stirn" ("Süddeutsche Zeitung").
Rätselvoll schrieben danach auch die Rezensenten. Friedrich Luft ("Die Welt") reportierte eine "Phantasmagorie der aktuellen Angst", Günther Rühle ("FAZ") raunte von der "Selbstentfremdung des träumenden Täters", der zudem, so Karena Niehoff in der Süddeutschen Zeitung", "von der Schuld des Unschuldigen gebissen" wird.
Das Traum- und Zeit-Stück "Die Trauung" des exilpolnischen Romanciers ("Verführung") Witold Gombrowicz, 63, wurde erstmals deutsch gespielt -- 23 Jahre nach der Niederschrift und, sagt Schröder, "zehn Jahre zu früh".
Gombrowicz, ein irisierender, irritierender Geist, hatte 1939 die Jungfernfahrt eines polnischen Ozeandampfers nach Buenos Aires mitgemacht. Vom Kriegsausbruch überrascht, verschob er die Rückfahrt -- bis heute.
Im Traumspiel kehrt er heim. Der "Trauung"-Held Henrik (Gombrowicz: "Ich bin mein einziges Problem") fühlt sich von der "Frontlinie in Nordfrankreich" plötzlich in eine polnische Wirtschaft versetzt, wo die Eltern ihn empfangen und ihm Essen vorsetzen; leider nur, sagt die Mutter, "Suppe aus Pferdedärmen und Katzenpisse".
Das Mutter-Mahl stören "Würdenträger", die den krakeelenden Vater zum König ausrufen. Henrik, von lemurischen Hofschranzen angestachelt, wirft sich selbst zum Herrscher auf und plant, was der Titel verspricht -- seine Trauung.
Doch hart im Traume stoßen sich die Sachen. Ein Säufer, der stets den Zeigefinger reckt, denunziert die Braut als Dirne, und an den König legen Häscher die Hände. Ende.
Gombrowicz ("Ich bin kein Liebhaber lauwarmer Suppen") läßt seinen Helden in ein nachtmahrisches Polen tauchen, voll von Terror, Verderbtheit und Wort-Orgiastik" mit Anklängen an "Hamlet", an Alfred Jarrys sado-surrealen "König Uhu" und an die absurden Zwangs-Vorstellungen Ionescos.
Das Lieblingswort der "Trauungs"Gäste ist "Schwein", und lustvoll wühlen sie sich in Variationen -- etwa: "Du schweinischer Schweinehüter, Schwein einer Dirne, säuischer Schweinigel, schweinernes Schwein."
Vor Schröder hatte Fritz Kortner in den Münchner Kammerspielen zweimal die "Trauung" aufgeboten. Aber 1965 war ihm die neu eingebaute Beleuchtungsapparatur nicht gut genug, und im Jahr darauf brach er die Proben ab, weil Henrik-Darsteller Helmut Lohner erkrankte.
Um eine irreale, gleitende Atmosphäre zu erwecken, wollte Kortner seine Künstler mit Rollschuhen auf die Bretter schicken. Schröder ließ vom tschechischen Bühnenbildner Josef Svoboda eine spiegelnde Plexiglas-Wand diagonal über die Bühne ziehen; dahinter schwankten Traumgestalten.
Die Berliner Aufführung, mit Helmut Griem als Henrik und mit Schröder in der Vater-Rolle, wurde zum Ereignis der Wintersaison: Der Vorhang mußte 56mal aufgezogen werden, und auch mitten im Spiel gab es Applaus -- bei der Meldung: "Alle aufrührerischen Elemente sind verhaftet ... auch die Polizei ist verhaftet worden."
"Naive Leute", sagt Schröder, "verstehen das Stück; die Halbgebildeten haben es am schwersten." Etwa vorhandene Klarheiten wurden bei ihnen spätestens durch die Lektüre der Kritiken beseitigt.
Der französische Kritiker Robert Kanters ("L'Express") hatte die "Trauung" schon freudianisch entschlüsselt und Homosexualität, Vaterfurcht und im Säufer-Finger Phallus-Symbolik gefunden. Die deutschen Kollegen bemerkten gleichfalls "dieses schäbige Organ des schäbigen Tastgelüsts" (Rühle) -- und mehr: "Visionen werden gestaffelt, gehäufelt, werden wie zu einem Kartenhaus schwebend montiert" (Luft), oder: "Im Traum wird der Traum einer säkularisierten Welt entzaubert" (Karena Niehoff).
Gombrowicz spricht weniger kundig von der Welt seines Stücks -- sie sei "selbst dem Autor nicht von vornherein bekannt". Und sein Held Henrik sagt: "Dumm spreche ich, doch ihr hört mich weise an, und darum werde ich selbst zu einem Weisen."

DER SPIEGEL 3/1968
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