15.01.1968

LITERATUR / JOYCE-ÜBERSETZUNGWsch! Ne Möwe

Siebzehn Jahre, von 1922 bis 1939, schrieb James Joyce an seinem großen Traum -- Epos "Finnegans Wake". 28 Jahre plagen sich seither die "Finnegan"-Forscher damit ab, dieses schwierigste Werk der Weltliteratur zu entziffern und zu interpretieren -- es lesbar zu machen.
Sie durchforschten die 628 labyrinthischen Seiten voll mysteriöser Wortmusik nach Mythen, Rhythmen, Klangassoziationen, Schachteiwörtern, Lautmalereien, Anspielungen, Kalauern und versteckten Zitaten, nach "Kinderreimen in Finnegans Wake", "Swiftiana in Finnegans Wake" und "Schweizerdeutsch in Finnegans Wake". Sie feilten an einem "Nachschlüssel zu Finnegans Wake" und übten sich immer wieder in der Mühsal, das Unübersetzbare wenigstens bruchstückhaft zu übersetzen.
Neueste Übersetzungshäppchen mit lehrreichen Kommentaren haben, in drei Sendungen, gerade erst der Nord- und der Süddeutsche Rundfunk dargeboten. Die Autoren der Radio-Essays, gewitzte Literaten und Literatur-Dolmetscher alle drei: Klaus Reichert, Wolfgang Hildesheimer, Kurt Heinrich Hansen.
In Hildesheimers deutschem "Finnegan" raunt es beispielsweise so:
Wer die Zeit nicht zähmt, kommt in die Zitterwochen. Wie du flutest, so sollst du ebben. Drautiger alter Listknabe! Schlüpft in die Ehe und treibt's in der Luv ... Und immer das Haupt howth-hoch, unser aller auswarthiger Fürst mit 'nem Schuß von Pompuckel wie'n Wanderwiesel ...
Hildesheimers Kommentar: "Was ich hier als deutsche Version anzubieten habe, kommt bestenfalls dem Original streckenweise nah, beleuchtet vielleicht auch Methode und Machart, kann aber nicht sein Idiom wiedergeben. Im gewissen Sinne handelt es sich also um eine Demonstration der Unübersetzbarkeit."
Im gleichen Sinn demonstrierten auch Hildesheimers Kollegen ihre Mutlosigkeit vor dieser "kosmischen Choreographie" (Hansen), "diesem polyglotten Buch, in das das Vokabular von mindestens 16 Sprachen eingegangen ist" (Reichert) und in dem jede
* Ausschnitt aus dem jetzt erstmals gedruckten Manuskript "Giacomo Joyce" (siehe Seite 105).
Gestalt "so wenig real wie der Erlkönig" (Hildesheimer) -- sich unablässig verändert, neue Konturen und Namen annimmt und wieder traumhaft zerfließt.
Die Hauptfigur Humphrey Chimpden Earwicker etwa, ein stotternder Kneipwirt und Saufaus im finstersten Dublin, verwandelt sich in Adam, Noah und Joyces eigenen Vater, in Cäsar und Lord Nelson, in einen Griechen und Trojaner, Franken und Normannen. Seine Initialen H. C. E. tauchen in immer neuen Abwandlungen -- BeispieL. "Here Comes Everybody" (Hier kommt Jedermann) -- tausendfach auf.
H. C. E. erscheint als Riese und Gott, als Berg, Baum und Landschaft, und seine Ehefrau Anna Livia Plurabelle (A. L. P.) durchläuft ähnliche Metamorphosen. Sie ist Göttin, Urmutter, die Eva des Paradieses und die Isolde der Tristan-Sage, sie flüstert vom Sündenfall und vom Raub der Sabinerinnen und rauscht als Fluß Liffey durch die Stadt Dublin dem Meer entgegen. Bei Reichert rauscht sie so: Wir huschen durch buschen keuchen gesträuchen zu. Wsch! Ne möwe ...
"In 'Finnegans Wake'", erläuterte Hildesheimer, "geschieht nichts, außer daß eine Nacht vergeht und die Liffey fließt"; der nächtliche Fluß "bestimmt und beherrscht den Rhythmus des gesamten Buches" und auch die rätselhafte Traum-Sprache, den "verabsolutierten Inneren Monolog" (Reichert), dessen Worte so vieldeutig ineinander verschwimmen wie die Phantome H. C. E. und A. L. P.
Mehrdeutig -- und beispielhaft für den ganzen Text -- ist bereits der Buch-Titel. Joyce entlieh ihn der irischen Ballade vom versoffenen Maurer Tim Finnegan, der in Dublin vom Gerüst stürzt, sich den Hals bricht und bei Leichenschmaus und Totenwache (beides heißt auf englisch "Wake") wieder zum Leben erwacht, als eine Whiskyflasche auf dem Sargdeckel zerbricht und das Lebenswasser zu ihm hereinsickert. "Finnegans Wake" bedeutet demnach "Leichenschmaus (oder Totenwache) für Finnegan". Es enthält aber zugleich den beschwörenden Anruf "Finn again wake" (Finn, erwache wieder) sowie die Feststellung "Finn again is awake" -- Finn ist wieder wach.
Eben solchen komplizierten Verschachtelungen ist kein noch so genialer Übersetzer gewachsen. Hansen: "Ginge man all den Hinweisen in einem Wort nach und deutete sie aus, um eine einigermaßen erschöpfende Übersetzung zu finden -- es würde ein Buch daraus; und aus den 628 Seiten van 'Finnegans Wake', verführe man Wort für Wort auf die gleiche Weise mit ihnen, würde eine Bibliothek."
Das Problem scheint folglich unlösbar. Trotzdem zerbrechen sich Finnegans Fans weiter den Kopf. Autor Arno Schmidt hat schon vor sechs Jahren in einem Radio-Essay "Überlegungen zu einer Lesbarmachung von 'Finnegans Wake'" angestellt. In drei bis fünf Jahren, schätzte er damals, könnte eine zweisprachige Ausgabe nebst Erläuterungen "auf breitem Rand" fertiggestellt sein -- vorausgesetzt, daß sich ein einziger Übersetzer an die Arbeit machte.
Etwa zur selben Zeit faßte der Verleger Günther Neske (der noch heute eine Langspielplatte mit James-Joyce-Stimme feilbietet) den Plan, "Finnegans Wake" durch ein Übersetzer-Team (Vorsitzender: Wolfgang Hildesheimer) eindeutschen zu lassen. Neskes Traum wurde nie verwirklicht.
Mittlerweile liegen die deutschen Rechte an sämtlichen Joyce-Werken beim Suhrkamp Verlag, der zwischen 1969 und 1972 einen ganz neuen Joyce vorstellen will. Geplant sind Neuübertragungen des "Ulysses", der "Dubliners", des "Jugendbildnisses", des "Stephen Hero"" der "Exiles" (Übersetzer: Klaus Reichert), ein Band kritischer Schriften und zwei Brief-Bände (Übersetzer: Kurt Heinrich Hansen).
An einer deutschen Fassung von "Finnegans Wake" soll bei Suhrkamp gleichfalls experimentiert werden. Cheflektor Walter Boehlich freilich ist da noch skeptisch: "Vielleicht bringen wir ausgewählte Stücke -- die ganze Finnegans-Nuß ist nicht zu knacken." Und skeptischer noch: "Wahrscheinlich werden wir die Waffen strecken."

DER SPIEGEL 3/1968
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