15.01.1968

JOYCE-MANUSKRIPTBitte, Herr Gott

Ein völlig neuer Joyce wird auch in New York zutage gefördert: In diesem Monat bringt der Verlag The Viking Press, der auch ein 200-Seiten-Digest von "Finnegans Wake" anbietet, ein bisher unveröffentlichtes Klein-Werk des irischen Jahrhundert-Genies auf den Markt. Ironischer Titel der Ausgabe, der die 16 Faksimile-Seiten des Manuskripts sowie Erläuterungen des Joyce-Biographen Richard Ellman beigegeben sind: "Giacomo Joyce"**.
Giacomo ist die italienische Form des Vornamens James und der Vorname des großen italienischen Liebhabers Casanova. Ein Liebhaber, wenngleich kein sehr glückhafter, ist der "Giacomo", "Jamesy", "Jim" des kleinen Joyce-Werks in jeder Zeile -- es enthält, in schönster Handschrift des Autors fixiert, delikate Tagebuch-Aufzeichnungen einer Passion, die der Englischlehrer Joyce während seiner Jahre in Triest (1905 bis 1915) für eine Schülerin empfand.
Joyce, Familienvater (zwei Kinder), äußerst eifersüchtiger Ehemann und starker Trinker, war etwa 30, er hatte längst den Erzählungsband "Dubliners" abgeschlossen und sein "Jugendbildnis" begonnen, als er der kühlen Amalia, Tochter des jüdischen Geschäftsmanns Leopoldo Popper, in ihrem Elternhaus erstmals englische Sprachregeln beibringen durfte.
Giacomos erste Momentaufnahme von der "vornehmen jungen Person": "Ein bleiches Gesicht, von schweren, duftenden Pelzen umrahmt. Ihre Bewegungen sind scheu und nervös ... Ein kurzes Lachen. Ein kurzer Wimpernschlag."
* Barbara Jefford im US-Film "Ulysses", mit Maurice Roeves als Stephen Dedalus.
** James Joyce: "Giacomo Joyce". The Viking Press, New York; 62 Seiten; 10 Dollar.
Mit diesem Wimpernschlag begann für den armen Privatlehrer eine schmerzhafte, groteske Liebesromanze, die viele Monate anhielt. Joyce blickte zu seiner begehrenswert-unerreichbaren Amalia "auf aus Nacht und Kot" und der "Dunkelheit des Verlangens". Er warb stumm und beobachtete scharf." Sie putzt sich die Nase nie", vermerkte er andächtig. Und: "Ihr Körper hat keinen Geruch: eine Blume ohne Duft." Er genoß (so Ellman) "die Melancholie des Liebenden, der sein eigenes Scheitern voraussieht".
Spät abends wanderte Joyce zum Haus Amalias und beobachtete ihr Fenster. "Bitte, Herr Gott, großer Herr Gott", flehte er und suchte Trost in schönen Halluzinationen: Sie hebt die Arme im Versuch, beim Nacken ein Kleid von schwarzem Schleierstoff einzuhaken. Sie kann es nicht, nein, sie kann es nicht. Sie geht rückwärts stumm auf mich zu. Ich hebe die Arme, um ihr zu helfen ... Eine Berührung, eine Berührung.
Zu der Berührung ist es nie gekommen. Joyce resignierte: "Die Jugend nimmt ein Ende: Das Ende ist da. Es wird nie sein. Du weißt das wohl. Was nun? Schreib es, verdammt noch mal, schreib es! Zu was sonst bist du gut?"
Joyce schrieb seine Liebes-Notizen, in denen er bereits den Inneren Monolog des "Ulysses" erprobte, 1914 in ein großformatiges Schulheft. Einige Passagen aus "Giacomo Joyce" sind später, zum Teil wörtlich, ins "Jugendbildnis", in das Drama "Verbannte" und den "Ulysses" eingegangen.
Auch Amalia Popper ging dem Dichter nicht ganz verloren: Ihr Charakter und ihr südländisches Aussehen sind in der "Ulysses"-Protagonistin, der (inzwischen auch im Film dargestellten) Dubliner Ehefrau Molly Bloom, aufgehoben.
Biograph Ellman: "Ein Großteil dessen, was Joyce geschrieben hat, reflektiert offenkundig ... jene Romanze seiner mittleren Jahre.

DER SPIEGEL 3/1968
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 3/1968
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

JOYCE-MANUSKRIPT:
Bitte, Herr Gott

  • "Star Wars"-Finale: Zeit für Antworten es ist
  • Wir drehen eine Runde: Mazda 3 Skyactive X: Der Benziner mit dem Diesel-Gen
  • Neue Protestbewegung in Italien: Sardinen gegen Salvini
  • Nach der britischen Parlamentswahl: "Ich bin sehr beunruhigt"