15.01.1968

Prof. Froese über Hildegard Hamm-Brücher: „... Erziehung im technischen Zeitalter“WARTEN AUF 2000?

Protessor Leonhard Froese, 43, ist Direktor der Forschungsstelle für vergleichende Erziehungswissenschaft an der Universität Marburg und Herausgeber sowie Mitautor der Schritt „Der Bildungswettlauf zwischen West und Ost“. -- Die FDP-Politikerin Dr. Hildegard Hamm-Brücher, 46, amtiert seit April 1967 als Staatssekretär Im hessischen Kultusministerium.
Das Jahr 2000 übt auf die Deutschen eine magische Anziehungskraft aus: Im Titel eines Buches, das sich mit jener heilverheißenden Zukunft befaßt, die eigentlich schon begonnen haben müßte, darf er nicht fehlen.
Ich gestehe, daß mir der Titel -"Aufbruch ins Jahr 2000 oder Erziehung im technischen Zeitalter. Ein bildungspolitischer Report aus 11 Ländern" -- nicht gefällt; er präsentiert gleich drei problematische Größen auf einmal. Seit dem Conant-Report in den USA und dem Robbins-Report in England versteht man unter einem "Bildungspolitischen Report" eigentlich etwas anderes, als mit dieser Schrift beabsichtigt und vorgelegt werden konnte.
Erziehung, besser wohl Bildung oder auch Bildungspolitik im technischen Zeitalter, ist, wie es scheint, das eigentliche Thema des Buches. Aber wir wissen: Im Zeichen der neuen industriellen Revolution unserer Tage sind wir im Begriff, ins technologische Zeitalter einzutreten, dessen Schwelle wir noch vor 2000 überschreiten werden, soweit wir es nicht schon jetzt getan haben.
Doch jedermann weiß, wie Buchtitel zustande kommen. Fragen wir lieber nach Motivation und Intention dieser zweiten bildungspolitischen Schrift Hildegard Hamm-Brüchers. Sie nennt das ihrem Taschenbuch zugrunde liegende imposante Programm von "elf großen und elf kleinen" Studienreisen innerhalb und außerhalb Deutschlands mißverständlich zwar, doch dann auch wieder verständlich "Bildungsreisen". Bildungsreisen -- wozu? Nun, um sich "für die bildungspolitische Diskussion im eigenen Lande Anregung, Bereicherung und auch Herausforderung" zu erhoffen.
Wird diese Saat aufgehen? Wir glauben es bestimmt. Denn das ist das besondere Verdienst von Hamm-Brüchers Report und das nicht mindere Verdienst des Verlegers: Dieses Taschenbuch bringt Fragen und Antworten zur aktuellen Bildungspolitik an den Mann, die, dem Fachmann wohlvertraut. noch. immer nicht die Schallmauer der Massenwirkung durchbrochen haben.
Das geschieht in einer Sprache, die über die eingängige Formulierung, den bildhaften Ausdruck und den aufrüttelnden Appell verfügt. Zwei Proben westdeutscher Selbstkritik zum Exempel -- die Autorin zitiert aus Schülermund: "Unsere Schule besteht aus Unterrichtsstunden und Pausen. Beides spielt sich nach strikten Geboten und Verboten ab, die wir nach Möglichkeit übertreten." Und Hildegard Hamm-Brücher selbst formuliert: " ... daß wir uns trotz mancher Fortschritte immer noch nicht bewußt sind, wie unsere Bildungspolitik in Theorie und Praxis ein Vierteljahrhundert hinter der internationalen Entwicklung herhinkt und daß wir mittlerweile nicht einmal mehr Lorbeeren haben, um uns darauf auszuruhen".
Stärker noch als in ihrer ersten bildungspolitischen Schrift ("Auf Kosten unserer Kinder? Wer tut was für unsere Schulen -- Reise durch die pädagogischen Provinzen der Bundesrepublik und Berlin", 1965) zeigt sich hier das fruchtbare Bemühen eines Außenseiters, in einen Problem- und Realitätskomplex einzudringen, über den er eigentlich weder vom Fach noch von der Funktion her die erforderlichen Erfahrungen und Erkenntnisse schon hätte gewinnen können.
Hildegard Hamm-Brüchers Vorzug besteht zweifellos darin, frei von jener Betriebsblindheit zu sein, die angriffsfreudige Studenten als "Fachidiotie" anprangern. Verglichen etwa mit amerikanischen oder schwedischen Schriften zur Bildungspolitik und Bildungsreform" haftet nicht wenigen deutschen Veröffentlichungen auf diesem Gebiet noch zu viel von jener "Wissenschaftlichkeit" an, die sich im eigenen "Selbst-Verständnis" erschöpft. Und doch: Wenn Politiker sich mit Fragen befassen, über die Untersuchungsergebnisse aufgrund langjähriger Studien vorliegen, diese dann aber einfach ignorieren, weil sie ihnen nicht hinreichend bekannt sein mögen, so erscheint uns das ein wenig zu unbekümmert.
Zwanzig Jahre hatten die westdeutschen Länder Zeit, sich darauf zu besinnen, wie man neben dem äußeren Wiederaufbau des nachkriegsdeutschen Bildungswesens jenen Entwicklungsrückstand wettzumachen habe, der uns als Hypothek aus dem Deutschland Hitlers überkommen ist. Wir sind heute jedoch weit davon entfernt, den fortschreitenden Bildungsrückschritt eingedämmt, geschweige denn zum Stillstand gebracht zu haben -- von den Dorfschulen, die zuwenig Klassen, bis zu den Hochschulen, die zuwenig Seminare haben.
Zwei Beispiele als Beleg: Die Zahl der einklassigen Schulen hat sich binnen zehn Jahren im Bundesdurchschnitt verdoppelt. -- Obgleich die Bundesrepublik bis 1980 mit einer Verdoppelung der Studentenzahl rechnen muß, ist die gegenwärtige Ausbildungskapazität so beschaffen, daß sie der vorhandenen Studienbedürfnisse nicht Herr wird; sie wird bei optimalen Bedingungen, das heißt bei Erfüllung sämtlicher vom Wissenschaftsrat empfohlenen personellen und sachlichen Verbesserungen, immer noch einen Teil der Studienwilligen abweisen müssen.
Zum Vergleich: Die DDR hatte bereits 1958 sämtliche einklassigen Schulen abgeschafft, und sie hat schon heute proportional zu ihrer Bevölkerungszahl doppelt so viele Studenten aufzuweisen wie wir.
Wer bisher noch geglaubt haben mochte, aufgrund unserer humanistischen Bildungstradition und vermittels unserer föderalistischen Bildungspolitik würden wir den Bildungswettstreit der modernen Industriestaaten schon "irgendwie" bestehen, wird nach der Lektüre des Buches von Hildegard Hamm-Brücher wissen: So geht es hierzulande nicht weiter!
Bliebe die Frage nach der einzig möglichen Alternative: Weiterhin den Kopf in den Sand -- und warten auf das Jahr 2000 ... "In der Pädagogik", so hat Wilhelm von Humboldt gesagt, "braucht man 100 Jahre, um einen Irrtum zu erkennen. Noch ein Jahrhundert braucht man, um diesen Irrtum zu korrigieren."

DER SPIEGEL 3/1968
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