15.01.1968

FÜR DIE KINDER EIN MERCEDES 600

Der teuerste Schauspieler der Welt tunkt sich zum Mittag zwei Spiegeleier mit einem Stück Butterbrot vom Teller und zündet sich anschließend mit einem Drei-Mark-Feuerzeug eine Zehn-Pfennig-Zigarette an. Marlboro gehört dazu. Dem walisischen Bergarbeiter-Sohn Richard Jenkins alias Burton verschaffen simple Genüsse nach wie vor Befriedigung.
"Das Essen ist gut hier", lobt er auch noch unaufgefordert und beschreibt mit seiner Zigarette einen Bogen, der die Bahnhofswirtschaft von Werfen im Salzkammergut ebenso einbezieht wie das Topfpalmen-Paradies des "Österreichischen Hofes" zu Salzburg, in das er über Glatteis und Schneewehen täglich zurückkehrt. Daß es mit der Verpflegung klappt, erscheint einem Mann, der nur für eine Million Dollar vor die Kamera kommt und die Wodka-Sorten der Erde blind unterscheiden könnte, nicht selbstverständlich, denn man lebt ambulant und keineswegs königlich, selbst als (fünfter) Ehemann von Elizabeth Taylor.
Auf seiner Brust trägt Burton ein Hakenkreuz: Er spielt einen britischen Agenten in der Uniform eines Gebirgsjägermajors der Großdeutschen Wehrmacht -- oder das, was man bei Metro-Goldwyn-Mayer dafür hält. Sie beengt ihn vor allem am Kragen.
Er versieht die Rolle eines teutonisch Verkleideten mit britischen Gamaschen und einer Haartracht, die sich mehr an den Beatles als an Deutschlands Vergangenheit orientiert. Das, findet er, ist "eben unser englischer Akzent".
Seine Rolle hat er sich unter dem einzigen Aspekt bestellt, in einem Film einmal nicht getötet zu werden. Die Kinder, sagt er (die beiden eigenen und die drei aus Elizabeths Ehen), hätten sich das gewünscht.
Alistair MacLean, der Romancier der "Kanonen von Navarone", lieferte die Geschichte nach diesem Maß, deren Titel -- "Where Eagles Dare" (Wo Adler es wagen) -- vom deutschen Verleih dennoch deprimierend übersetzt wurde: "Agenten sterben einsam".
Was die Kinder wollen, was mit den Kindern vorgeht, genießt Vorrang im Tischgespräch des 42jährigen, der ein schnelles, trockenes Oxford-Englisch spricht und nervös seine haarigen Boxerhände kratzt. Vom nächsten Film, den er im Frühjahr noch vorhat, scheint ihm lediglich erwähnenswert, daß man da en familie eine Jacht im Mittelmeer bewohnen wird. Das ist ihm noch lieber als die sechs Zimmer im vierten Stock des "Österreichischen Hofes", in denen er jetzt mit Frau, Zofe und zwei Kindern schon abends um acht Uhr verschwindet.
Schon einmal haben sie alle auf einem Boot gelebt. Er erinnert sich, wie er damals Maria, das Adoptivkind Elizabeth Taylors" vor dem Ertrinken bewahrte, obwohl er erst kurz zuvor mit schwerem Kopf und schwerer Leber von Land gekommen war.
Mit den Kindern war man zum Jahresanfang noch Skilaufen, "in Gstaad, wo wir ein Haus haben". Nur mit den Kindern sind sie bisher in Salzburg über die Straße gegangen, zum Speisen in einen nahen Grillraum. Der Kinder wegen, mit denen man spazierenfahren möchte, steht ein Mercedes 600 unter Dampf. Der wird sonst weder von Burton noch von Elizabeth benutzt, die gelegentlich mit Pekinese und Bergziegen-Zottelmantel zum Drehort hinaufkommt, ihm belegte Brote bringt und in dem eigens für ihn hinauf geschleppten Wohnwagen mit Bar einen Schluck nimmt.
Das letzte Fürstenpaar des Königreiches Hollywood kultiviert als höchsten Luxus familiäre Unzertrennlichkeit: eine Art chaotischer Familien-Idylle, in der man sogar den Fernsehapparat als Störung empfindet und sich auch noch die Salzburger Modenschau aufs Zimmer kommen läßt. Man hält Hof ohne Zuschauer, ohne Zeremoniell, ohne Glanz.
Einem Mann von Franz Burdas "Bunter Illustrierten", die Burton in München mit ihrem "Bambi" ·zu dekorieren wünscht, sagt der Star mit lustigem Flackern in den grünen Augen, er sei "delighted", entzückt, nichts weiter. Gleich fiel ihm ein, daß er der adoptierten Maria ja übrigens versprochen habe, einmal bei München mit ihr in den Ort zu gehen, in dem sie geboren wurde. Er weiß nur noch nicht, wie der Ort heißt. Bisher war nicht Zeit, sich zu erkundigen.

DER SPIEGEL 3/1968
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