15.01.1968

AUTOMOBILE / ALFA ROMEOVom Wind geformt

Für ihr neuestes Modell ließ die italienische Automobilfirma Alfa Romeo den Namen eines Museumsstücks auferstehen. Er ist so schlicht, wie ein Autoname nur sein kann: 1750.
Unter diesem Typ-Namen hatte die Mailänder Marke im Jahre 1929 einen teuren, offenen Sportwagen herausgebracht, der ihren noblen Ruf wie kaum ein anderes Modell vertiefte. Der Sechszylinder-Wagen siegte so häufig in Rennen, daß Alfa Romeo von ihm für speed-frohe Käufer über 2900 Exemplare bauen mußte -- in der damaligen Zeit ein ungewöhnlicher Erfolg.
Den Namens-Nachfolger präsentiert Alfa Romeo in dieser Woche auf dem internationalen Automobil-Salon zu Brüssel mit einem Vierzylinder-Motor (Hubraum: 1779 Kubikzentimeter, Leistung: 115 PS) und in dreierlei Gestalt: als sportliche Luxus-Limousine "1750 Berlina" (185 km/h), Coupé "1750 GT Veloce" (195 km/h) und Spider "1750 Veloce" (195 km/h). Gemeinsame Merkmale der drei 1750er-Typen sind, außer den von der einstigen Rennwagenfirma gewohnten hohen Fahrleistungen, ihre ungewöhnlich günstig anmutenden Preise: 11 495 Mark für die Limousine, 14 707 Mark für das Coupé und 13 453 Mark für den Spider.
"Ja, das sind Kampfpreise", erläuterte Dr. Giancarlo de Bona, Alfa-Chef in Deutschland. "Wir wollen keine Komparsen sein, sondern richtig "reingehen in den Markt."
Trotz ihres berühmten Firmennamens und guten Rufes brauchten die Mailänder fünf Jahre, ehe sie ihren dünnen Kundenstamm in Deutschland zum Wachsen bringen konnten. Der Name war entstanden, als die 1909 gegründete Firma "S. A. Lombarda Fabbrica Automobil" (Alfa) 1918 nach ihrem Generaldirektor Nicola Romeo umbenannt wurde. Der gute Ruf ihrer Wagen gründet sich auf hohen technischen Standard und zahlreiche Siege, die Alfa-Romeo-Rennwagen errangen. 1951 hatten die Mailänder sogar den Rennwagen-Weltmeister gestellt.
Schon damals hatte die Firma, deren Werksanlagen während des Zweiten Weltkriegs zerbombt wurden, ihren alten Rang als Italiens zweitgrößter Automobilhersteller hinter Fiat wieder eingenommen. Die Produktion stieg im vergangenen Jahr von 59 297 auf 67 627 Wagen, darunter windschlüpfig gestaltete Sportmodelle, deren rassigen Look ein Alfa-Werbeslogan einmal poetisch rühmte: "Ihre Form schuf der Wind." Die Motoren unter den Hauben der Windgeborenen waren von jeher so aufwendig gebaut und so kräftig, daß die Wagen den meisten vergleichbaren Konkurrenz-Typen davonröhren konnten.
In Deutschland schreckten zunächst die hohen Alfa-Preise zwischen rund 9000 und 29 000 Mark und die beträchtlichen Betriebskosten viele Käufer ab. Die hochgezüchteten Mailänder Motoren erwiesen sich außerdem als empfindlich und wartungsbedürftig: Unsachgemäßes Fahren -- zu scharf oder zu lahm wirkte sich ebenso verkürzend auf ihre Lebensdauer aus wie das kühle Klima. Überdies verabsäumte es die Firma jahrelang, einen halbwegs ausreichenden Kundendienst zu organisieren. Eine 1961 in Frankfurt etablierte Vertriebszentrale verkaufte bis 1964 nur 2350 Wagen.
Erst strafferes Management und drastische Preissenkungen bis zu 5000 Mark lockten mehr Käufer an. Alfa Romeo baute die Frankfurter Zentrale mit acht Millionen Mark aus und steigerte die Anzahl seiner deutschen Service-Stationen von 30 (1965) auf 250 (1967). Erfolg: Alfas Statthalter de Bona verkaufte den Deutschen 1966 bereits 2640, im vergangenen Jahr sogar 3180 Wagen und übertraf damit die Sportwagenfirma Porsche. Der Umsatz kletterte gleichzeitig von 37 auf 45 Millionen Mark. Als Bestseller erwies sich dabei die 97-PS-Limousine "Giulia Super" zum Preise von 9800 Mark.
Von den neuen Modellen ist nur die Limousine 1750 eine Neuentwicklung vom Rad bis zum Dach. Das Coupé wurde aus dem bisherigen GT-Coupé entwickelt, erhielt ein frisches Gesicht mit Doppel-Leuchten und eine neue Innenausstattung. Den Spider übernahmen die Ingenieure ohne äußere Änderungen, verschönten jedoch seinen besonders von Deutschen als spartanisch empfundenen Innenraum.
Noch andere Wünsche deutscher Kunden wurden in Mailand verwirklicht. Die drei 1750er haben als erste Alfas Drehstromlichtmaschinen und geschlossene Kühlsysteme. So günstig sind ihre Fünfganggetriebe übersetzt, daß sich die Kurbelwellen bei Höchstgeschwindigkeit nur rund 5000mal pro Minute drehen.
Die neuen Wagen sollen vor allem ein Gattung neuer Alfa-Freunde anwerben, die für eine weitere Marktausbreitung entscheidend ist: Alfa Romeo will sein deutsches Händlernetz in diesem Jahr auf 300 bis 350 Stützpunkte erweitern.

DER SPIEGEL 3/1968
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