15.01.1968

LIEBE MIT „QUICK“

Die Situation ist bekannt, und wir alle leiden täglich an ihr: "Mann und Frau lernen sich kennen, verlieben sich -- und wissen eigentlich gar nicht, was Liebe ist." Hilflos stehen sie sich gegenüber, ahnen nicht, was sie miteinander anfangen sollen. Doch Deutschlands große Illustrierte "Quick", die diesen erschreckenden Zustand schildert, zeigt Lösungen auf.
Woche für Woche bietet "Quick" seit November seinen Lesern exklusiv einen "Fahrplan ins Glück". Sein Titel: "Die vollkommene Liebe". Und wie erreicht man die? Zur Zeit noch auf Abschlagzahlung für 90 Pfennig je Woche. Denn -- so verspricht "Quick": "Lesen Sie diesen Bericht, und Ihre Liebe wird plötzlich unbelastet sein."
Dieser aufklärende Bericht muß natürlich von einigen Grundtatsachen ausgehen. Etwa von dieser: "Es gäbe schon lange keine Menschen mehr auf dieser Welt, hätte nicht der Geschlechtstrieb über Jahrmillionen hinweg die Erhaltung unserer Art gesichert."
So ist das. Aber, sagt "Quick" auch, die "tatsächliche Situation" bei uns ist schlimm, "selbst sachliche Gespräche über die Unterschiede der Geschlechter bleiben tabu". Schlimmer, "niemand spricht davon".
Damit hat "Quick" Schluß gemacht, indem es feststellte: "Quick macht jetzt Schluß mit dieser unverantwortlichen Heuchelei." Alles soll, bravo" ausgesprochen werden. Und ungeheuchelt schildert "Quick" seinen glücks- und lernbegierigen Lesern, was im "Zustand geschlechtlicher Erregung" geschieht: "Das Glied richtet sich auf. Nun ist das männliche Geschlechtsteil in der Lage, seine Funktion zu erfüllen."
Wie? Wo? Wann? "In der nächsten Quick", schreibt "Quick" und läßt seine unwissenden Leserinnen und Leser im Zustand atemberaubender Spannung zurück.
Keiner weiß doch, schrieb "Quick" selbst, was die Liebe ist. Was also mit jener funktionsbereiten Gebärde anfangen?
Nun, wer es eine Woche lang durchhält, erfährt das -- zunächst auch nicht. Treue Leser müssen in der nächsten Nummer erst einmal feststellen, daß das Serienmotto -- "offen, sachlich, ohne Heuchelei" -- geändert wurde in: "offen, sachlich, sauber". Dann werden sie -- nicht zum erstenmal -- ganz offen belehrt, daß man so etwas doch am besten in der Ehe tut. Diese ist nämlich, wie "Quick" empfiehlt, "die beste Form des menschlichen Zusammenlebens". In "flüchtigen Abenteuern" dagegen könne niemand "Erfüllung finden".
Wer hoffte, er erfahre jetzt endlich, was wann wo weitergehen soll, der irrt." Quick" muß zuvor noch, um etwas aus der Welt zu schaffen -- schnell eine Meinung vertreten, nämlich: "Quick ist der Meinung: Notwendig ist die offene und ehrliche Aufklärung über alle sexuellen Reaktionen, damit endlich einmal die vielen ... schmutzig-lüsternen Vorstellungen über die körperliche Liebe aus der Welt geschafft werden."
Jetzt endlich, nach fünf gefüllten "Quick"-Spalten, sind wir -- hoffentlich noch -- da, wo wir bereits vor einer Woche waren. "Quick" repetiert: "Erste Phase: Das Glied richtet sich fast zu voller Größe auf." Die zweite Phase indes -- sie läßt immer noch auf sich warten. Die ungeduldigen Leser müssen erst einmal zur Kenntnis nehmen, daß ein Sowjet-Greis von über hundert Jahren kürzlich einen Sohn gezeugt hat -- wie, wissen sie immer noch nicht.
Wen wundert's: Nach weiteren fünf "Quick"-Spalten wissen die wartenden "Quick"-Leserinnen und -Leser zwar, daß man in der Beziehung der Geschlechter nichts "dem Zufall überlassen" dürfe, aber was in der zweiten Phase geschehen soll, das erfahren sie -- wieder für eine Woche unterbrochen -- vielleicht: "In der nächsten Quick".
Der Fortgang ist bekannt und bewährt: "Gemeinsame Erfüllung", lesen die "Quick"-Leser nun schon im Chor, erlebt man am besten in der Ehe. Doch wen seine Funktionsbereitschaft nach vierzehn Tagen noch immer ungenützt bedrängte, der erfuhr -- "in der nächsten Quick" -- mit etwas hilflosem Staunen, welch fixe Kerls doch "Quick"-Journalisten sind: "Über Funktion und Bau des Penis (Glied) und der Vagina (Scheide) hat Quick bereits berichtet."
Und wo eine ahnungslose Menschheit, "Quick" berichtete darüber, bisher noch nie so recht wußte, wie sie sich eigentlich fortpflanzte, da sagt es jetzt ein wissender "Quick"-Leser voll Entdeckerfreude zum andern: "Ja, Quick berichtete darüber."
Von Otto Köhler

DER SPIEGEL 3/1968
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