08.01.1968

BUNDESWEHR / NPD-SOLDATENBraune Feldgraue

Mehr und mehr deutsche Offiziere und Unteroffiziere gaben sich in den letzten zwei Jahren selber den Befehl: "Rechts schwenkt -- marsch!"
Doch die Feldherren im Verteidigungsministerium auf der Bonner Hardthöhe störte diese eigenwillige Truppenbewegung nicht. Denn "über den Eintritt von Berufssoldaten und Soldaten auf Zeit in die NPD", so Brigadegeneral Hermann K. Friedrich vom Führungsstab der Streitkräfte, "besteht kein Grund zur Unruhe. Das sind doch nur ganz wenige".
Der ranghöchste deutsche Soldat, Generalinspekteur Ulrich de Maizière, ließ durchzählen -- vom Verfassungsschutz. Das Ergebnis gab er selbst bekannt: "Weniger als ein halbes Prozent der Zeit- und Berufssoldaten sind Mitglieder der NPD." Das wären knapp 400.
NPD-Chef Adolf von Thadden kam freilich zu einem ganz anderen Ergebnis: "Ich veranschlage die Zahl der Mitglieder unserer Partei in der Bundeswehr auf rund 1500. Die Hälfte sind Unteroffiziere, etwa 250 sind Offiziere."
Der Verbindungsoffizier des Wehrbereichskommandos in München zu den politischen Parteien, Oberst Walter Kopp, hielt Thaddens Schätzung nicht für übertrieben: "Im jungen Offizierkorps zeigt sich ein zunehmendes Interesse an den Parolen der NPD."
Wenn man Weltkrieg-II-Oberleutnant von Thadden glauben darf, dann formiert sich das kriegsstarke nationaldemokratische Bundeswehr-Bataillon aus Unbehagen über
* die zu schwachen Kräfte für die Verteidigung Westeuropas,
* die "weiche Welle" in der Bundeswehr und
* das mangelnde Ansehen des deutschen Soldaten in der Öffentlichkeit.
Den Kampf der Nationaldemokraten um Glanz und Gloria führen an:
* Weltkrieg-II-Major Felix Buck, 55, Vorsitzender des NPD-Ausschusses für Wehrpolitik und selbständiger Kaufmann in Frankfurt, der als Senior der nationaldemokratischen Wehrertüchtiger seine Partei-Soldaten anhält, "nicht aufzufallen und sich stets korrekt zu verhalten, um keine Unannehmlichkeiten zu haben";
* Hauptmann Wolfgang Ross aus Roth bei Nürnberg, der sich als Wahlkampf-Organisator in Mittelfranken und Schleswig-Holstein hervorgetan hat, seiner Partei derzeit als Abgeordneter im bayrischen Landtag dient und sich darüber beklagt, daß "in den Kantinen der Bundeswehr Schokolade, Präservative, die "Bild-Zeitung" und Spiegeleier, nicht aber unsere Zeitung "Deutsche Nachrichten" verkauft werden darf";
* Major Georg Pemier, Stabsoffizier in der Abteilung "Operation, Organisation, Ausbildung" beim Wehrbereichskommando VI in München; > Hauptmann Dieter Nitsche vom Materialdepot in Ratheim bei Erkelenz (Rheinland).
Diese vier Offiziere sind die Urheber des Wehrprogramms ihrer Partei, das am zweiten November-Wochenende auf dem dritten NPD-Konvent in Hannovers Stadthalle verkündet worden ist und in dem steht, was viele deutsche Offiziere herbeiwünschen; zum Beispiel:
* die Bildung eines deutschen Generalstabs;
* die Verwaltung der Truppe durch die Befehlshaber und Kommandeure;
* die Wiedereinführung der Militärgerichtsbarkeit;
* die Abschaffung von Maßnahmen der Inneren Führung, "die scheinbar dem Wesen der Demokratie entsprechen, auf den militärischen Bereich übertragen aber zur Störung von Ordnung und Disziplin führen müssen".
Diese Wehrfibel der NPD ist nächst der im September erschienenen Kampfschrift "Rettet die Bundeswehr!" des Gardeoffizierssohnes und Kommentators rechtsorientierter Blätter Hans-Georg von Studnitz zur meistbelobigten Lektüre vor allem der jüngeren Bundeswehr-Offiziere geworden.
Ein Kompaniechef in Göttingen: "Das Studnitz-Buch und das Elaborat der NPD gehen bei uns von Hand zu Hand. Die Kameraden meinen, da stehe viel Wahres drin."
Denn ähnlich wie die Nationaldemokraten erklärt Studnitz den "Bürger in Uniform" des Grafen Baudissin für dienstuntauglich.
Wie die demokratisch bemühte Bundeswehrspitze solch ideologische Kriegführung der Rechten konterkarieren soll, weiß sie nicht.
Generalinspekteur de Maizière, seit 1930 im feldgrauen Rock des Vaterlandsverteidigers, sieht eine Chance zur Gegenoffensive erst, wenn die Rechtsextremisten "an den verfassungsmäßigen Grundlagen unserer Bundesrepublik rütteln".
Dann nämlich will er "diese Personen ... zumindest aus jeder erzieherischen Tätigkeit gegenüber Soldaten ausschalten".
Dazu Adolf von Thadden: "Wir denken ja gar nicht daran, an der Verfassung zu rütteln. Und wenn jemand von unseren Leuten aus fadenscheinigen Gründen versetzt werden sollte, dann gehen wir sofort zum Bundesverfassungsgericht."
Die braunen Feldgrauen in der Bundeswehr können also weiterhin auf dem Boden des Grundgesetzes rechts-um machen.

DER SPIEGEL 2/1968
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