23.01.2006

KONZERNEKurztrips in Krisenzeiten

Mit kostspieligen Ausflügen hat E.on Ruhrgas versucht, Stadtwerke als Großkunden an sich zu binden. Das Unternehmen stand mit dieser Praxis indes nicht allein.
Die Reise führte nach Barcelona, und sie begann an einem heißen Sommertag im Jahre 2003. Die 17 Teilnehmer residierten in einem Traumhotel mit Klimaanlage, besuchten Theater wie Museen und kamen sich abends bei Rioja und Meeresfrüchten näher. "Gesellig" sei das alles gewesen, erinnert sich Franz-Josef Britz.
Was dem Aufsichtsratschef der Stadtwerke Essen und den anderen Mitreisenden besonders gefiel an dem Drei-Tage-Trip war die Finanzierung: Flug, Unterbringung und Eintrittsgelder wurden fast komplett von E.on Ruhrgas bezahlt.
Die kostspielige Kurzreise, die insgesamt weit über 100 000 Euro verschlang, steht stellvertretend für eine jahrelang praktizierte Politik des Gebens und Nehmens zwischen deutschen Stadtwerken und dem umstrittenen Essener Gasversorger. Stichwort: politische Landschaftspflege.
Nach derzeitigen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Köln soll E.on Ruhrgas für seine treuen Abnehmer eine Art Reisebüro betrieben haben - und dabei zum Teil sehr bereitwillig auf die Wünsche seiner wichtigsten Großkunden eingegangen sein. Eine Praxis, die es offenbar nicht nur bei E.on Ruhrgas gab, sondern auch bei RWE. Inzwischen mehren sich die Hinweise, dass es sich bei den bezahlten Trips um ein Problem der gesamten Energiebranche handeln könnte. Ins Visier der Ermittler geraten ist auch die heute von RWE-Energy betriebene Thyssengas.
Wie bei E.on Ruhrgas durchsuchten die Staatsanwälte auch dort bereits im vergangenen Jahr Geschäftsräume und beschlagnahmten kistenweise Reiseunterlagen. Der Verdacht ist der gleiche wie im Fall E.on Ruhrgas: Auch Thyssengas soll Reisen von Stadtwerke-Aufsichtsräten finanziert haben, die nur einen untergeordneten Bezug zu gasfachlichen Themen hatten. Im Klartext: Es war nicht immer leicht, den Ausflügen einen amtlichen Anstrich zu verpassen.
Insgesamt sollen fast 200 Kommunalpolitiker, die beispielsweise in den Aufsichtsräten über die Arbeit der Stadtwerke wachen, von den Freigebigkeiten der Branche profitiert haben. So finanzierte E.on Ruhrgas Abenteuertrips auf eine Bohrinsel, Sightseeing-Touren nach Rom und Barcelona sowie Tagesausflüge zu Luxusrestaurants. "Auch Lust- und Genussreisen" seien da früher bezahlt worden, räumt ein hochrangiger Manager ein.
Die Ermittlungen treffen die Energieversorger in einer Phase, die selbst krisen-
erprobte Manager als "Vorstufe zur Eskalation" umschreiben: Unterstützt von Verbraucherverbänden, gehen in der Republik Interessengemeinschaften gegen die ihrer Meinung nach horrenden Gaspreise vor. Die EU-Kommission fordert eine schnellere Öffnung der Gasmärkte in Europa. Und auch Kartellwächter wollen die Marktmacht des deutschen Oligopols stutzen.
Angesichts solch massiver Bedrohungen scheint es nicht verwunderlich, dass bei den Unternehmen die Pflege der wichtigsten Großkunden ganz oben auf der Prioritätenliste angesiedelt ist. Um die 100 000 Euro ließ sich E.on Ruhrgas die Gruppenreisen von zehn bis zwölf Personen kosten. Teilweise wurden die lustigen Trips der Stadtwerke-Vertreter sogar von den kommunalen Versorgern selbst organisiert. Solange ein gaswirtschaftlicher Bezug zumindest in den Programmen zu erkennen war, sprang E.on Ruhrgas als großzügiger Finanzier ein und übernahm die Kosten - entweder ganz oder zu großen Teilen.
Ein dreitägiger Kurzurlaub, den sich die Stadtwerke Essen laut Staatsanwaltschaft von dem Energieversorger spendieren lassen wollten, wäre mit 160 000 Euro allerdings so teuer geraten, dass E.on eine Woche vor Reiseantritt absagte.
Das Gasunternehmen übernahm indes die Stornogebühren in Höhe von rund 16 500 Euro - und zeigte sich weiterhin großzügig. Zur Entschädigung der enttäuschten Aufsichtsräte wurde flugs ein Abendessen im Schlosshotel Lerbach in Bergisch-Gladbach anberaumt. Dass dort Drei-Sterne-Koch Dieter Müller an einem Gasherd steht, unkte ein Ermittler, sei wohl der einzige Zusammenhang zur Arbeit des Unternehmens.
Skrupel hatten lange Zeit weder die Unternehmen noch die kommunalen Nutznießer bei solchen Ausflügen. Erst als beispielsweise mit dem Kölner Müllskandal im Jahr 2002 Kommunalpolitiker wegen der Annahme von Geschenken ins Visier von Ermittlungsbehörden gerieten, wurde E.on Ruhrgas unter seinem neuen Chef Burckhard Bergmann vorsichtiger. Von da an, heißt es, habe man zumindest auf mögliche Probleme hingewiesen und Politikern freigestellt, einen Teil der Kosten selbst zu tragen. Wie hoch dieser Anteil dann sein sollte, überließ man den Stadtwerke-Vertretern praktischerweise selbst.
Beim RWE-Konzern, der die Hausdurchsuchungen und Ermittlungen im Zusammenhang mit Thyssengas bestätigte, schließt man solche Reisen zumindest seit dem vergangenen Jahr aus. Da sei ein Verhaltenskodex erarbeitet worden, an den alle Töchter gebunden seien.
Auch E.on-Ruhrgas-Chef Bergmann will bereits vorhandene Regeln nun strenger fassen lassen. So könnte beispielsweise detaillierter vorgeschrieben werden, ob Kunden und Politiker eine Eigenbeteiligung bei Reisen tragen müssen. Bis zur Fertigstellung, so Bergmann gegenüber dem SPIEGEL, werden "sämtliche Kundenveranstaltungen dieser Art komplett eingestellt".
Die Gaskunden in Deutschland dürfte zumindest diese Mitteilung freuen. Denn in letzter Konsequenz finanzierten sie die feudalen Ausflugsreisen über ihre Gasabrechnungen. ANDREA BRANDT,
FRANK DOHMEN, GUIDO KLEINHUBBERT
* In Essen.
Von Andrea Brandt, Frank Dohmen und Guido Kleinhubbert

DER SPIEGEL 4/2006
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