08.12.1969

GESELLSCHAFT / JUGENDSo wie Vati

"Wir sind eine kleine, radikale Minderheit". war ihr ironischer Schlachtruf, mit dem sie deutsche Bürger irritierten. Und eine kleine Minderheit sind sie, aufs ganze gesehen, noch immer.
Unter den Jungen stellen nicht, wie es scheinen mag, die Linken, sondern die anderen die stärkeren Bataillone -wie in der übrigen Gesellschaft auch. Die deutsche Jugend, die schon von der Linken unterwandert schien, neigt, so ermittelte der hannoversche PH-Psychologe Professor Dr. Walter Jaide, 58, weniger nach linksaußen als nach extrem rechts. Sie ist, so der "Bayernkurier". "besser als ihr Ruf".
Freilich: Was das rechte CSU-Organ besänftigt, ist für andere "ein bißchen erschütternd" (Jaide). Zwei Jahre lang fragte der Psychologe, der in Hannover eine Forschungsstelle für Jugendfragen gegründet hat, zusammen mit seinen Assistenten 1800 deutsche Teenager zwischen 15 und 19, um "die Struktur ihres Meinungsraums" zu erforschen.
Die "repräsentative Stichprobe" ergab: Die Kinder der frühen fünfziger Jahre sind nicht von "Marx und Coca-Cola", wie der französische Filmregisseur Godard fand, sondern eher nur von Coca-Cola. Unter seinen 1800 Jugendlichen entdeckte Jaide kaum einen Marxisten. Der Linken Hoffnung und der Rechten Sorge, daß diesem Land in absehbarer Zeit "bürgerkriegsähnliche" Zustände
vielmehr sah jaide durch seine erhebungen weitgehend die befürchtung des kölner diplom-psychologen karl h. börmer bestätigt, deutschlands jugend sei "reif für einen neuen faschismus". ein "in ein pseudo-demokratisches gewand gekleideter neofaschismus würde offene türen einrennen", so fand bönner bereits 1967*.
die voraussetzungen dazu sind unverändert: noch immer ist, wie eh und je in deutschland, das politische weltbild auch der heranwachsenden von ausbildung und herkunft bestimmt. zwar haben berufs- und oberschüler sich einander in "kleidung und gehabe" (jaide) angeglichen, aber in ihrem politischen urteilsvermögen sind sie nach wie vor weit voneinander entfernt.
noch immer scheitert ein drittel eines jeden jahrgangs vor dem erreichen des volksschul-ziels, der achten oder neunten klasse, und nur ein knappes drittel besucht weiterführende schulen. 75 prozent der teenager, meist volks- und berufsschüler, verzichten auf jegliche fortbildung, 60 prozent entstammen der unteren mittel- oder oberen unterschicht und sind so oft schon von geburt dazu bestimmt, weniger zu wissen als andere.
als jaide beispielsweise noch vor seiner teen-umfrage das politische bewußtsein junger arbeiterinnen in hamburg untersuchte, fand er deren "demokratieverständnis ... dürftig oder pervertiert"**. befragt, was sie über die "staatsform bei uns in der bundesrepublik" dächten, hatten zwei prozent "viel" daran auszusetzen, 25 prozent fanden "einiges" zu bemängeln, und für 26 prozent war "alles in ordnung". fast die hälfte jedoch dachte sich gar nichts.
das nicht-denken sah etwa so aus: "das volk kann nicht bestimmen in
* karl h. bönner: "deutschlands jugend und das erbe ihrer vater". gustav lübbe verlag; 228 seiten; 16,80 mark.
** walter jaide: "junge arbeiterinnen". juventa verlag; 190 seiten; 16,80 mark.
der demokratie. es gibt nur ein durcheinander. die ordnung muß von einem gemacht werden", so eine arbeiterin unter 20 jahren.
eine andere werktätige namens gudrun, 17 (jaide: "ziemlich gepflegt und anmutig"), erläuterte ·. "ja, wir haben eine demokratie, leider. es müßte ein hitler da sein. er hätte einiges verboten, die todesstrafe ist besser."
wer hitler war, erklärte test-mädchen hildegard, 15: "der hat doch so menschen erschossen ... ja, wann er gelebt hat? vor 100 jahren, nein, der muß ungefähr so alt wie vati sein ... alle mußten jedenfalls kuschen, wenn er was sagte." hildegard hatte "auch mal was von lübke gesehen, aber der sah nach gar nichts aus".
nun, in seinem 1800-teenager-test, fand jaide bestätigt, daß die hamburger mädchen keine ausnahme waren. 61 prozent seiner jugendlichen waren der meinung, der nationalsozialismus habe auch seine "guten seiten" gehabt. 38 prozent hielten es für möglich, daß ein hitler wieder "die macht ergreifen" könne.
aus den ja- und nein-antworten auf seine fragen (beispiel: "sind sie der meinung, daß deutschland auf die gebiete jenseits der oder-neiße-linie verzichten soll?") kristallisierte jaide fünf "haupttendenzen" politischer haltung heraus, die in der jugend heute dominieren. jaide nennt sie > "restaurativ-autoritär" ("Wir wollten es nicht reaktionär nennen");
* "eine Gangart härter als die Restaurativen", nämlich: "faschistoid";
* "progressiv-liberal"; zwar etwas stärker als die reaktionäre Gruppe, aber wesentlich schwächer als Reaktionäre und Faschistoide zusammen;
* die Pazifisten, überwiegend Mädchen, die "abrüsten und entgegenkommen" wollen, und
* die Ängstlichen, die "Befürchtung"-Gruppe, die Angst hat vor Wirtschaftskrisen und gelb-roter Gefahr -- etwas schwächer als die faschistoide Tendenz.
Als Jaide die Computer des Darmstädter Rechenzentrums mit seinen Frage-Fakten fütterte -- je Befragtem 100 Meinungsdaten -, ermittelten die Maschinen als erste und auffälligste Tendenz die Reaktionären: jene Gruppe, die an den Staat appelliert, "dafür zu sorgen, daß sein Ansehen nicht geschädigt wird", und die "die Bundeswehr stark genug" wissen will, damit die Republik auch ohne Nato-Hilfe verteidigt werden kann. Sie lehnt ein "Entgegenkommen gegenüber der DDR" ab und empfiehlt für aufsässige Altersgenossen, "die sich gegen die Erwachsenen" stellen, einen "Arbeitsdienst".
Die ganz Rechten, die "Faschistoiden", antworteten noch militanter -- so als marschierten schon bald wieder schwarze Kolonnen: "Eine Weltmacht", so hoffen sie, würde Deutschland sein, wenn es nur wiedervereinigt wäre. Die deutschen Arbeiter, so wünschen sie, sollten alle ein bißchen länger arbeiten, damit das Land ohne Fremdarbeiter auskommt. Und die Fremden, zumal die "Entwicklungsländer", sollten sich, so verlangen sie, "aus eigener Kraft" und ohne deutsches Geld emporarbeiten.
Deutschlands Rechte, so scheint es demnach, ist kein Papiertiger, sondern hat ihr Potential. Jaide: " Mit der Niederlage der NPD ist die Sache nicht ausgestanden." Und: "Es wäre durchaus eine politische Konstellation denkbar, wo derartige Meinungstendenzen nach rechts ausschwingen."
Ein bißchen schwingt es jetzt schon. Bei den Reaktionären und auch bei den potentiellen Faschisten sind die Fünfzehnjährigen zahlreicher vertreten als die Neunzehnjährigen. Mag sein, daß sich das angleicht mit den Jahren, aber "ich würde mich", sagt Jaide, "darauf nicht verlassen".
Einen gefährlichen "Primitiv-Restauratismus" fanden die hannoverschen Meinungsforscher besonders bei den weniger gut Vorgebildeten, den noch immer unterprivilegierten Werktätigen" (Jaide).
Schon in einer früheren Untersuchung "über die Unruhe in der jungen Generation" war Jaide zu dem Schluß gekommen, daß junge Arbeiter offenbar mehr dazu neigen, "zu moralisieren als zu politisieren und dabei gewissen politischen Schnulzen auf den Leim zu gehen wie: Ruhe und Ordnung -- Einigkeit und Stärke".
Die Ursache sieht der Psychologie-Professor vor allem in einer "undifferenzierten, passiven, traditionellen" Meinungsbildung, "die zum Teil nur der Machterhaltung" dient. Für die Werktätigen, so Jaide, wirken sich besonders aus
* Bildungsmängel in all ihren Varianten,
* frühe und starke Absorbierung durch Berufsausbildung und Gelderwerb,
* Scheu vor einer Überkomplizierung
politischer Informationen und > eine seit Jahrhunderten wirksame politische Entfremdung, Resignation und Angst.
Solche Angst schlägt nur allzuleicht um in Aggressivität. Und für die erwachsene Linke ist das auch alles nichts Neues. Professor Peter Brückner, Marxist und Chef des Psychologischen Seminars an der hannoverschen Technischen Universität, weiß: "Viele Angehörige der sozialen Unterschicht hoffen eben, an der Macht eines Diktators zu partizipieren, für sie ist Liberalität ein Klassenmerkmal von denen da oben"
Die Söhne von denen da oben können denn auch leicht liberal sein. Denn Gymnasiasten neigen geradezu von Haus aus zu der von Jaide als "progressiv" eingestuften Jugend-Bewegung. Sie wollen die Oder-Neiße-Linie anerkennen und lehnen die Hallstein-Doktrin ab, sie plädieren für eine starke parlamentarische Opposition und hätten auch nichts dagegen, wenn sich Beamte oder Offiziere "gegen die Regierung" stellen, falls sie an ihre eigenen besseren Einsichten glauben. Sie möchten, so interpretiert Jaide, "mal was Neues machen, weg von der Parole: 'Keine Experimente'".
Vergeblich forschte Jaide, "den man nicht zu den Pessimisten rechnen darf" (so sein Kölner Kollege Bönner), nach Linken unter den jungen Deutschen. Er fand lediglich eine pazifistische, eher unpolitische Strömung, überwiegend weiblich und der Mittel- oder Oberschicht entstammend, die für Abrüstung in aller Welt und dafür votiert, daß die Bundesrepublik, wenn nötig, damit den Anfang macht. Diese Jugendlichen plädieren auch für den Abzug der Amerikaner aus Vietnam und sind vom Friedenswillen der Nordvietnamesen überzeugt.
Doch die Nordvietnam-Sympathie st das einzige, was sie -- beinahe zufällig -- mit Marxisten verbindet. Verwundert konstatierte Jaide, daß der Computer keinen "Linksfaktor" registrierte und "wie spielend er dagegen das Faschistische ausgeworfen" hat. So wollten nur wenige etwas von einer "sozialistischen Wirtschaftsreform" oder einer "radikalen Bildungsreform" wissen, und wenn sie überhaupt vorkamen, wurden solche Entscheidungen durch entgegengesetzte aus anderen Fragenkomplexen wieder neutralisiert.
Die Forderung nach einer radikalen Bildungsreform ist für Jaide die wichtigste Konsequenz seiner Untersuchung. Denn vom Jungvolk der zwanziger und frühen dreißiger Jahre unterscheidet sich die neue deutsche Jugend nur geringfügig. Allenfalls, so glaubt der Kölner Jugendpsychologe Bönner, haben "rassenpolitische und machtpolitische Inhalte einen geschichtlich bedingten. Wandel erfahren", aber selbst "von dem Großteil der demokratisch eingestellten Jugendlichen" sei kaum mehr als "Systemkonformität zu erwarten".
Und auch dem Professor Jaide ist klar, daß das bundesdeutsche System. das zwanzig Jahre lang vor allem durch die Christen-Union beeinflußt wurde, sich wandeln müßte, wenn die Jugend sich wandeln soll. Die Veränderung, so Jaide, "sollte oben beginnen, in der Regierung, die ihre Arbeit endlich transparenter machen müßte".

DER SPIEGEL 50/1969
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