08.12.1969

KLIMENT J. WOROSCHILOW

Sechs Lenin-Orden, fünf Rotbanner-Orden und den Suworow-Orden hatte er gesammelt, zweimal wurde er Held der Sowjet-Union, und das für den vor Rührung weinenden Stalin vom britischen König gestiftete "Stalingrad-Schwert" in Gold durfte er 1943 in Teheran entgegennehmen.
Dabei war der Lametta-Sammler -- zuletzt selbst eher Exponat eines historischen Museums -- vorzeiten ein russischer Revolutionsgeneral gewesen, und einer der besten.
Er hatte gegen "Weiße" und Polen, gegen Kosaken und Deutsche gekämpft, aber ihn tötete keine Guillotine und kein Geschoß. Er starb an Gefällverengung in Hirn und Herz, mit 88. Denn Kliment ("Klim") Woroschilow war mehr an einem langen als an einem großen Leben gelegen -- obwohl er als proletarischer Bilderbuch-Rebell begonnen hatte. Der Bahnwärterssohn mußte schon mit sieben Jahren in einer Kohlengrube des Donezbeckens arbeiten; als gelernter Schlosser lieferte er später dem deutschen Eigentümer einer Lokomotivfabrik in Lugansk seinen Mehrwert ab. Mit 18 organisierte Woroschilow seinen ersten Streik. Er ging ins Gefängnis, in die Verbannung, ins Exil und wieder nach Rußland: zur illegalen Tätigkeit in Baku unter dem Berufsrevolutionär Stalin.
In der Revolution von 1905 hatten die Arbeiter von Lugansk ihren Kumpel Klim in den Arbeiterrat gewählt, in der Februar-Revolution von 1917 gelangte Woroschilow in den Arbeiter- und Soldatenrat von Petrograd. Er führte ein Garderegiment in den Oktoberputsch der Kommunisten und wurde Chef-Kommissar von Petrograd (später: Leningrad). Er besiegte die Konterrevolutionäre in Zarizyn; die Wolgastadt (heute "Wolgograd") erhielt den Namen von Woroschilows Politruk: Stalingrad. Woroschilow aber wurde Politruk bei Budjonnys Reiterarmee. Doch als sich 1921 die Kronstädter Matrosen und Arbeiter gegen die Parteidiktatur, für die Arbeiterräte erhoben, wurde Woroschilow selbst zum Konterrevolutionär -- er half, den Aufstand zu ersticken.
Den so Bewährten hielt Stalin für geeignet, beim Tode Lenins 1924 als neuer Stadtkommandant Moskau zu sichern. Der Stalinist Woroschilow erhielt im Jahr darauf, im Kampf um Lenins Nachfolge, den Posten, den ein Jahr zuvor Stalin-Rivale Trotzki, Gründer der Roten Armee, verloren hatte: Er wurde Verteidigungsminister und blieb es 15 Jahre lang. Er sammelte immer mehr Orden, der leidenschaftliche Reiter lernte beim US-Botschafter Bullitt Polo.
Aber der erste Marschall des Sowjetstaats deckte keinen seiner Armeeführer, als Stalin sie 1937 der Reihe nach liquidieren ließ.
Als der Krieg mit Hitlers Deutschland drohte auf den Woroschilow die Rote Armee mangelhaft vorbereitet hatte -, löste Stalin 1940 seinen Verteidigungsminister ab. "Woroschilow könnte niemals eine Armee führen", hatte Lenin hinterlassen, "ein Regiment vielleicht, aber keine Armee," Aber Woroschilows Bild hing in Kolchosen-Katen neben dem Stalins, und Jungkommunisten sangen über ihn Legenden-Lieder -- so erhielt Woroschilow wenigstens den Befehl über die Nordwestfront.
In den ersten Tagen der deutschen 900-Tage-Blockade Leningrads suchte Klim Woroschilow wiederzubeleben, was der bequeme Bürokrat längst eingebüßt hatte -- seinen revolutionären Elan. Mit Marineinfanteristen wollte der Marschall am 11. September 1941 bei Zarskoje Selo den deutschen Ring um die Stadt der Oktoberrevolution sprengen.
Die Angreifer, denen der 60jährige vorausstürmte, eroberten ein Dorf, schlugen zehn deutsche Gegenangriffe zurück -- und mußten dann doch flüchten. Stalin löste seinen ältesten Kampfgenossen noch am selben Tag "wegen Passivität vor dem Feind" ab. Woroschilow blieb aber im Obersten Verteidigungsrat, dem die alte Garde angehörte: Molotow, Berija, Malenkow.
Nach Stalins Tod durfte Augenosse Klim als Staatsoberhaupt die Kontinuität des Regimes demonstrieren. Insgesamt 66 Jahre hat er der Partei angehört, 43 Jahre dem ZK, 34 dem Politbüro und 32 dem Obersten Sowjet. Doch die Erben Stalins ersparten dem Greis nicht die Schande: 1961 warf Chruschtschow dem Stalin-Freund Umsturzpläne im Bund mit Molotow vor. Der so Beschuldigte, im Saal anwesend, beugte sich, wie er es gelernt hatte: Er übte Selbstkritik. Als Klim zwölf Tage später zur Oktoberrevolutions-Feier auf die Kreml-Tribüne stieg, fand er keinen Platz mehr. Er mußte umkehren.
Die Stadt Woroschilowgrad heißt seither wieder Lugansk.

DER SPIEGEL 50/1969
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