27.10.1969

ZEITGESCHICHTE / REICHSTAGSBRANDSchüsse ins Blaue

Eine Weltsensation war angekündigt, die Demaskierung der Verbrecher versprochen. Endlich sollte geklärt werden, wer den Brand des Berliner Reichstagsgebäudes am 27. Februar 1933, Auftakt, Symbol und Vorwand der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft, inszeniert hatte.
Ein in Luxemburg gegründetes Komitee von Widerständlern, Publizisten und Historikern wußte die Antwort: Brandstifter waren die Nazis gewesen. Das "Europäische Komitee zur wissenschaftlichen Erforschung der Ursachen und Folgen des Zweiten Weltkrieges" verhieß Anfang September: "Es steht außer Zweifel, daß wir nicht nur die Planer, sondern auch den Namen des Brandstifters und seines Auftraggebers herausgefunden haben."
"Drei Deutsche unter Führung eines gewissen Dr. V." hätten den Reichstag in Brand gesetzt, verriet Komitee-Sekretär Dr. Edouard Calic der jugoslawischen Zeitung "Vijesnik", und die "Sunday Times" erfuhr von ihm, das Komitee habe "einwandfreie Beweise" gefunden, die darauf deuteten, daß der von der Gestapo präsentierte Brandstifter -- der holländische Maurer Marinus van der Lubbe -- durch die Polizei mißbraucht worden sei.
Mitglieder des Komitees ließen durchblicken, mit dem neuen Beweismaterial wolle es widerlegen, was der niedersächsische Ministerialrat Fritz Tobias 1959 zum erstenmal in einer SPIEGEL-Serie verbreitet hatte. Jahrelange Ermittlungen hatten ihn überzeugt, daß der Reichstagsbrand nicht von den Nationalsozialisten gelegt worden, sondern das Werk des Alleintäters van der Lubbe gewesen war. Calic: "Die Tobias-Serie hat die SS in den SPIEGEL lanciert."
Calic war von seiner Sache so überzeugt, daß er prominenten Anhängern der Tobias-These riet, sich von dem Ministerialrat loszusagen, ehe das Komitee seine "sensationellen Enthüllungen" (West-Berlins "Telegraf") veröffentliche. Selbst der SPIEGEL erhielt eine letzte Chance: Man werde ihn schonen, falls er sich "rechtzeitig von seiner These distanziert".
Wer freilich das Komitee um Vorlage konkreter Beweise bat, wurde auf eine Pressekonferenz verwiesen, die der Ausschuß in Paris abhalten werde. Anfang Oktober sollte sie stattfinden -- sie wurde abgesagt. Schließlich wurde ein neuer Termin genannt.
Als sich jedoch das Komitee, angeführt von dem Berner Historiker Walther Hofer und dem Pariser Kriminalisten Jacques Delarue, am Freitag vorvergangener Woche im Pariser Hotel Lutetia der Presse stellte, traten seine Sprecher abermals mit leeren Händen auf. Keine Dokumente wurden vorgelegt, nicht einmal die vermeintlichen Brandstifter genannt.
Per ehemalige US-Ankläger in den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen, Robert Kempner, beeilte sich, das rätselhafte Verhalten seiner Freunde zu erklären: Man habe die Aussagen zurückgehalten, um die Zeugen vor Pressionen zu schützen. Hollands renommiertester Zeitgeschichtler, Professor Louis de Jong, wußte freilich einen anderen Grund: "Einige Mitglieder des Komitees waren sich bewußt, daß der Beweiswert des Materials sehr, sehr schwach ist. Kein einziges Dokument beweist die Thesen des Komitees."
In der Tat blieb unerfindlich, was Delarue und Hafer veranlaßt hatte, eine Reichstagsbrand-Version zu verbreiten, die durch kein Dokument gedeckt wird.
Delarue trug in Paris vor, der NS-Befehl zur Brandstiftung sei "von allerhöchsten Stellen der Partei und sehr wahrscheinlich von Hitler selbst" gegeben worden. Beweis: "Ein solches Ereignis konnte ohne Hitler nicht inszeniert werden."
Der Plan, den Reichstag anzuzünden und den Brand den Kommunisten anzulasten, stamme -- so Delarue -- von Joseph Goebbels, der zusammen mit Reichstagspräsident Hermann Göring die Operation geplant habe. Kein Dokument belegt diese Annahme, nur die Aussage eines Zeugen deckt einen winzigen Teil der Delarue-These.
Der Zeuge Ist der ehemalige Heizer Heinrich Grunewald" der im Keller des durch einen unterirdischen Gang mit dem Parlament verbundenen Reichstagspräsidenten-Palais gearbeitet hatte. Grunewald gab am 29. Juni 1969 an, er habe in den Stunden vor dem Brand aus einem Saal über sich Stimmen gehört, "die ich allerdings nicht verstehen konnte". Daraus will er geschlossen haben, "daß in dem Saal eine ganze Gruppe von Parteianhängern eingeschlossen sein mußte", die in der
* Auf einer Pressekonferenz am 17. Oktober 1969 mit den Experten Edouard Calic, Walther Hofer (2. u. 3. v. l.) und Jacques Delarue (r.).
Stunde X durch den unterirdischen Gang in den Reichstag eindringen sollte. Gesehen hat er freilich nichts.
Delarue kombinierte weiter: Die technische Durchführung des Brandes sei der SS übertragen worden: "Der Plenarsaal des Reichstages war vor dem Brand mit hochbrennbarem Material von SS-Männern präpariert worden. Zwei dieser Männer sind uns namentlich bekannt."
Kriminalist Delarue stützt sich dabei auf die Aussage des Bauingenieurs Adolf Schulz, der am 16. September 1969 zu Protokoll gab, zwei Betriebskollegen -- die SS-Männer Fritz Woite und Erwin Gepke -- hätten ihm 1933 erzählt, sie hätten einem "Spezialsonderkommando" der SS angehört, das im Auftrag des Berliner SS-Führers Kurt Daluege am 26. Februar 1933 "Benzin, Phosphor, Pulver u. ä. in den Reichstag gebracht" habe; das alles sei "ein genialer Schachzug des SS-Geheimdienstes" gewesen.
Zeuge Schulz wußte freilich nicht zu erklären, warum sich Daluege just des "SS-Geheimdienstes", also des Sicherheitsdienstes, bedient haben soll, mit dessen Führern Himmler und Heydrich er so zerstritten war, daß er damals jeder Zusammenkunft mit ihnen auswich. Schulz erschien denn auch sein Wissen lange Zeit "nicht ausreichend beweisbar", um es in die Öffentlichkeit zu tragen.
Schulz riet sogar noch am 25. September 1969 dem Befrager Calic ab, nach Beweisen für die Richtigkeit seiner Aussage zu suchen. Zwar hätten die beiden inzwischen verstorbenen vermeintlichen Brandleger Woite und Gepke auch anderen Freunden
Spurenleser Delarue will allerdings nicht nur die Fährte der SS entdeckt haben. Eine Gruppe von zehn SA- und SS-Männern unter Leitung des SA-Standartenführers Dr. Erwin Villain sei am Abend des 27. Februar 1933 durch den unterirdischen Gang in den Reichstag eingedrungen und habe den Brand gelegt, während "politische Provokateure" den als Brandstifter hergerichteten van der Lubbe von einer anderen Seite aus in den Reichstag geschmuggelt hätten.
Der holländische Kommunist und die braunen Brandstifter hätten gemeinsam das Feuer gelegt. Dem Villain habe die eigene Führung eingeredet, die Kommunisten wollten an jenem Abend einen kleinen Brand im Reichstag legen. Dieses Feuer müsse zu einem Fanal angefacht werden, um auch den letzten Deutschen von dem drohenden bolschewistischen Aufstand zu überzeugen und in die Arme der NSDAP zu treiben. Erst später, zu spät, habe Villain das Manöver durchschaut -- in den Bluttagen des Sommers 1934 ("Röhmputsch") seien er und alle Brandstifter von der SS liquidiert worden.
Diesen Roman hat Delarue aus der Aussage des Bonner Schriftstellers Dr. Helmut Stange herausgelesen, der Im Frühsommer 1934 als Schriftführer an einem NS-internen Ehrenverfahren gegen Villain teilgenommen hatte. SA-Führer Villain mußte sich damals verantworten, weil er den SS-Führer Leonardo Conti in einer persönlichen Auseinandersetzung geschlagen hatte.
Dabei habe, so will sich Stange erinnern, Villain auch seine Verdienste um den Reichstagsbrand hervorgekehrt und über seinen Einsatz in der Brandnacht berichtet. Stange am 9. Juli 1969: "Villain hat alle diese Dinge auch schriftlich niedergelegt."
Tatsache aber ist, daß die Akten jenes Ehrenverfahrens nicht den geringsten Hinweis auf den Reichstagsbrand enthalten, ganz zu schweigen von Stanges sonstigen Erinnerungstäuschungen, die das Aktenmaterial auf deckt. Kein anderer SA-Führer kann die Angaben Stanges bestätigen.
Auch die in Ost-Berlin lebende Witwe Villains dementierte die Stange-Version, als Rechercheur Calic sie im August dieses Jahres befragte. Sie hatte nie gehört, daß ihr Mann in die Reichstagsbrand-Affäre verwickelt gewesen sei. Einen halben Monat später setzte Calic einen weiteren Rechercheur auf die Witwe an. Sie blieb dabei: "Das weiß ich nicht."
Die Suchaktion des Reichstagsbrand-Detektivs Calic verriet etwas von den Schwierigkeiten, in die eine Geschichtsschreibung gerät, die aus wissenschaftsfremden Motiven Ereignisse der Vergangenheit zu klären versucht. Denn: Nicht das Temperament nüchterner Historiographie, vielmehr politische Leidenschaft hat Calic und seine Freunde veranlaßt, die Geschichte des Reichstagsbrands erneut zu interpretieren.
Professor Walther Hofer formulierte: "Wenn tatsächlich der Beweis erbracht werden könnte, daß die Nationalsozialisten fälschlich der Reichstagsbrandstiftung bezichtigt worden sind, dann ließe sich bald ebenso beweisen, daß sie auch die anderen Verbrechen nicht begangen haben."
Mit anderen Worten: Wer die NS-Schuld am Reichstagsbrand bestreitet, bricht damit einen Stein aus dem düsteren Gebäude nationalsozialistischer Verbrechen heraus und ruiniert das ganze Haus. Diese unhistorische Auffassung stand hinter allen Vorwürfen, denen sich Fritz Tobias ausgesetzt sah, seit er die Legende von der NS-Täterschaft zerstörte.
Dabei war auch der Sozialdemokrat Tobias, Jahrgang 1912, Sohn eines Berliner Porzellanmalers und Gewerkschaftlers, 1933 von den Nationalsozialisten aus dem Buchhändlerberuf vertrieben, 1945 Entnazifizierer und dann Beamter im niedersächsischen Innenministerium, in dem populären Glauben aufgewachsen, den Reichstag könnten nur Hitlers Gefolgsleute angezündet haben.
Allzu verdächtig waren die Indizien: Allein die Nationalsozialisten hatten von dem Brand profitiert. er paßte nur zu gut in das Schema systematischer Machteroberung, das man Hitler zuschrieb. Unter raffinierter Ausnutzung der antibolschewistischen Angstpsychose des Bürgertums hatten die NS-Herren den angeblich von der "Kommune" angezettelten Brand benutzt, die Verfassung vollends außer Kraft zu setzen und Hitlers Diktatur zu perfektionieren.
Mehr noch: Kaum jemand konnte sich vorstellen, daß ein Mann allein in zehn Minuten mit ein paar Kohlenanzündern das Riesengebäude des Reichstags in Brand gesetzt hatte. Hinzu kam, daß Marinus van der Lubbe einen hilflosen, fast geistesschwachen Eindruck machte. Schließlich hatte nicht einmal das unter stärkstem NS-Druck handelnde Reichsgericht, das den Brandstifter im Dezember 1933 zum Tode verurteilte, die braune Legende vom bevorstehenden KP-Putsch akzeptiert; sämtliche Mitangeklagten Lubbes, verhaftete KP-Führer, waren freigesprochen worden.
Doch Tobias kamen Zweifel, ob die Nazis wirklich den Brand inszeniert hatten. Spuren von Mittätern waren nicht gefunden worden, keine Werkzeuge am Tatort zurückgeblieben, keine Reste von Brennmaterialien. Ein ehemaliger Polizist, der Kriminalrat Walter Zirpins, bestärkte Tobias in seinem Zweifel.
Er erzählte Tobias, die Polizei habe stets angenommen, daß van der Lubbe allein gehandelt hatte. Zirpins mußte es wissen, er hatte die Vernehmungen des Brandstifters geleitet. Tobias beschaffte sich den Abschlußbericht der Berliner Politischen Polizei vom 3. März 1933 und fand dort den Kernsatz: "Die Frage, ob van der Lubbe die Tat allein ausgeführt hat, dürfte bedenkenlos zu bejahen sein." Tobias begann zu forschen, nach jahrelangen Studien wußte er: Die Nazis schieden als Täter aus.
Er verstand jetzt auch, wie es zur Reichstagsbrand-Legende gekommen war. Sie stammte im Grunde von dem Reichstagspräsidenten Göring. Er hatte sich am brennenden Tatort einer Meldung aus dem Jahr 1932 erinnert, die
* Bei der Vernehmung van der Lubbes (M.), 25. Oktober 1933.
besagte, durch den unterirdischen Gang zwischen Parlament und Präsidenten-Palais seien Bombenwerfer in den Reichstag eingedrungen.
Von Stund an war er überzeugt, daß die Brandstifter des Februar 1933 auf dem gleichen Weg gekommen und verschwunden waren; für den enragierten Bolschewikenfeind Göring stand fest, daß es nur Kommunisten gewesen sein konnten. Die Propagandamaschine von Goebbels übernahm die Version.
Die Kommunisten aber, alles andere als putschgelüstig, wußten nur zu gut, daß keiner von ihnen der Brandstifter war. Was lag da näher als die Annahme, die Braunhemden selber seien für den Brand verantwortlich. Die nach Frankreich emigrierten Genossen machten sich auf, den Beweis zu führen; sie veröffentlichten "Braunbücher", sogenannte Dokumentationen. in denen die NS-Schuld nachgewiesen wurde.
Die roten Propagandisten hatten freilich "keine unmittelbaren Beweise, keinen Zugang zu den Zeugen", erinnert sich Braunbuch-Mitarbeiter Arthur Koestler. "All das gründete sich auf Deduktion, Intuition und Pokerbluff." Es waren "Schüsse ins Blaue".
Tobias fiel es nicht schwer, den Nachweis zu führen, daß nahezu sämtliche Indizien für die NS-Schuld am Reichstagsbrand auf die Fälschungen der Braunbuch-Autoren zurückgingen. Zug um Zug widerlegte er die Brandlegende, zunächst im SPIEGEL, später in dem 723-Seiten-Buch "Der Reichstagsbrand".
Die Fachhistoriker reagierten mißgelaunt, wie so oft, wenn besessene Amateure den Profis Fehler vorrechnen. Das für die Erforschung der Hitler-Ära maßgebliche Institut für Zeitgeschichte beauftragte einen Gutachter, die Tobias-Thesen zu widerlegen; wo immer die alten Legendenschreiber von der Art des Hans Bernd Gisevius gegen Tobias antraten, durften sie der Unterstützung des Instituts sicher sein.
Als jedoch der Gutachter seine Expertise vorlegte, wurde das Institut vorsichtig. Einer seiner jüngeren Historiker, Dr. Hans Mommsen, übernahm es, die These von Tobias noch einmal zu überprüfen. Er entdeckte zwar einige methodische Fehler (ungenaue Zitate, irreführende Quellenangaben), gleichwohl fand er, die Tobias-Arbeit beruhe "auf einem sorgfältig zusammengetragenen, umfassenden Material, das nicht beiseitegeschoben werden kann".
Professor Hans Rothfels, der Doyen des Instituts, folgerte daraus, "daß keinerlei haltbares Indiz für Mittäterschaft vorliegt". Ein Historiker nach dem anderen schwenkte in das Tobias-Lager ein. Der von Tobias korrigierte Hitler-Biograph Alan Bullock verkündete, er werde das Tobias-Buch an einer sichtbaren Stelle seiner Bibliothek bewahren "als Ermahnung, den wichtigsten Forschungsgrundsatz nicht zu vergessen -- nichts zu übernehmen, was man nicht selber überprüft hat".
Einige Wissenschaftler aber mochten sich dem Beifall für diesen "Triumph des freien Geistes" (Professor A. J. P. Taylor) nicht anschließen. Sie konnten zwar die Kernthese von Tobias nicht widerlegen, aber sie hielten es für politisch gefährlich, die Nationalsozialisten von einem der ihnen zugeschriebenen Verbrechen freizusprechen. Allzu viele Deutsche könnten nun meinen, so argumentierten sie, das Dritte Reich sei gar nicht so schlimm gewesen.
Der Historiker Golo Mann machte sich zum Sprecher der Kritiker. "Diese neue These ist mir nicht angenehm", schrieb er Tobias am 20. September 1961. Würde sich die Argumentation von Tobias als richtig erweisen, so wäre "es mir sozusagen Volkspädagogisch unwillkommen".
Mochte auch Tobias einwenden an der Beurteilung der Hitler-Diktatur werde sich nichts ändern, da niemand daran zweifle, daß die Nationalsozialisten den Brand für ihre totalitären Pläne ausgebeutet hätten -- die Gegner zeigten sich unbeeindruckt. Mann insistierte: "Man kann ja nicht gezwungen werden, sich überzeugen zu lassen; Überzeugungen sind frei."
Die Kritik an Tobias wurde noch durch Wissenschaftler emotionell aufgeladen, die sich von dem Amateur aus Hannover arg widerlegt sahen. Dem Politologie-Professor Karl Dietrich Bracher hatte Tobias nachgewiesen, den Oberbranddirektor Gempp, einen Kronzeugen der Reichstagsbrand-Legende, als "Beamten mit dem unbestechlichen Gewissen" geleiert zu haben, ohne zu berücksichtigen, daß Gempp in einen der größten Korruptionsskandale der Berliner Feuerwehr verwickelt gewesen war, und dem Historiker Hofer kreidete er an, als Schlüsseldokument der NS-Schuld ein längst als Fälschung erkanntes Papier aus den Braunbüchern verwandt zu haben. Tobias: "So etwas vergißt ein Professor nicht."
Die Gegner verschlossen sich jedem Argument. Sie luden ihren Herausforderer zu keinem Symposion ein, sie beantworteten seine Briefe nicht. Ein Tobias-Gegner weiß: "Ein Professor hat sich geweigert, sich mit Tobias an einen Tisch zu setzen, weil er ein Fälscher ist."
Die Kontrahenten warteten, bis sich ihnen 1966 ein Mann anbot, der temperamentvoll und bedenkenlos genug war, die Kampagne gegen den Ministerialrat in Hannover zu eröffnen, Der kroatisch-französische Journalist Edouard Calic, ein Mann ungeklärter Vergangenheit und Doktorwürden, durfte sich des Wohlwollens bedeutender Gelehrter sicher sein. Calic zeigt noch heute einen Brief Golo Manns vom 11. Januar 1969 herum, in dem es" heißt: "Tobias ist ein Schuft. der schon längst überführt werden sollte."
Calic machte sich an die Arbeit. Sein Leben verrät Wendigkeit und Phantasie: 1910 In Istrien geboren, nach dem Ersten Weltkrieg in Zagreb Studium und Tätigkeit als großserbischer Propagandist, 1939 Stipendiat der deutschen Alexander-von-Humboldt-Stiftung" ein Jahr danach Berliner Korrespondent der Zagreber Zeitung "Novosti", im Propagandaministerium wohlgelitten und doch Gegner des Regimes, 1942 verhaftet und ins KZ Sachsenhausen eingeliefert, nach 1945 Sprecher am Pariser Rundfunk, schließlich abermals Korrespondent in Berlin, diesmal für den Pariser "Combat".
Im KZ Sachsenhausen will Calic zum erstenmal auf die wahren Reichstagsbrandstifter gestoßen sein. Nach dem 20. Juli 1944, so Calic, sei auch der in den mißglückten Putsch verwickelte Generalquartiermeister Eduard Wagner eingeliefert worden, in dessen Brieftasche er, der Effektenverwalter Calic, ein Papier gefunden habe, aus dem eindeutig die NS-Täterschaft am Reichstagsbrand hervorging.
Der derart zum Mitwisser des Brandgeheimnisses gewordene Calic reagierte freilich beleidigt, als ihm Historiker nachwiesen, Wagner sei niemals im KZ Sachsenhausen gewesen, sondern habe sich bei Zossen getötet. Calic schimpfte: "Diese sogenannten "Historiker" lügen und schweigen." Grund des Ärgers: Zeuge Calic hatte 1962 in einem KZ-Prozeß unter Eid den Sachsenhausener Arzt Baumkötter beschuldigt, Wagner im Auftrag der Gestapo zu Tode operiert zu haben
Das unglückliche Treffen mit der Historiographie verlockte Calic, die Reichstagsbrand-Legende doch noch zu beweisen. Dabei mußte er besonders zum Gegner von Tobias werden. Am 15. August 1966 saßen sich die beiden Rivalen in der Privatwohnung von Tobias gegenüber. Calic gab sich friedlich, ja erklärte sogar, von der Tobias-These "vollauf überzeugt" zu sein.
Doch dann eröffnete er den Kampf. Calic stieß auf stilistische Ungeschicklichkeiten, die Tobias unterlaufen waren, und lastete dem Autor an, daß er auch die Aussagen hoher Polizeifunktionäre des Dritten Reiches verwendet hatte, ohne deren Karriere in Heydrichs Sicherheitspolizei zu erwähnen. Calic: "Tobias ist Naziverbrechern in die Falle gegangen."
Je lautstärker die Kampagne des Kroaten wurde, desto mehr gewann er die Sympathie gelehrter Tobias-Gegner, die sich schließlich 1968 im "Europäischen Komitee zur wissenschaftlichen Erforschung der Ursachen und Folgen des Zweiten Weltkriegs" vereinigten. Eifrigste Mitglieder des Komitees: Golo Mann, Hofer und Bracher.
Komitee-Sekretär Calic reiste unmüdlich durch Europa, aber einen entscheidenden Beweis für die NS-Schuld fand er nicht. Auch sein Anfang 1969 veröffentlichtes Buch "Le Reichstag brûle" (Der Reichstag brennt) enthielt keine neuen Indizien.
Doch noch hofft er, seinen Gegner schlagen zu können -- vor den Schranken eines Gerichts. Seit dem 18. Oktober vergangenen Jahres liegt bei der West-Berliner Staatsanwaltschaft eine Strafanzeige, in der Dr. Edouard Calic den ehemaligen SA-Führer Franz Knospe beschuldigt, ihn im Auftrage von Tobias mit einem Revolver bedroht und sieben Stunden lang In seiner Wohnung gefangengehalten zu haben. Calic ·."Nur meine Kaltblütigkeit rettete mich."
Calic hatte gehofft, von Knospe persönliche Aufzeichnungen zu erhalten, in denen der SA-Führer die Meinung vertritt, die SS habe den Reichstag angezündet. Ober die Verwertung der Aufzeichnungen aber war es zum Streit zwischen Calic und Knospe gekommen, worauf der Veteran sein Papier zurückverlangt hatte.
An eine Freiheitsberaubung Calics können freilich selbst seine Freunde nicht so recht glauben. Die Kriminalpolizei ermittelte bei einer Hausdurchsuchung, daß sich die Tür der Knospe-Wohnung seit einem Bombenangriff im Krieg nicht mehr verschließen läßt. Auch Knospes Revolver beeindruckte die Fahnder nicht: Es war eine Kinderpistole aus Plastik.

DER SPIEGEL 44/1969
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