20.10.1969

GESTORBENSONJA HENIE

SONJA HENIE, 57. Mit elf Jahren begann die Norwegerin ihre Karriere. Als erfolgreichste Eiskunstläuferin der Welt (drei Olympiasiege und zehn Weltmeisterschaften) erschloß sie eine neue Schau-Gattung -- die Eisrevue. In zehn Jahren zahlten zwölf Millionen Besucher ihrer Show 60 Millionen Mark. Dem klassischen Ballett entlieh sie ihre Glanznummer, den Sterbenden Schwan. Die geschäftstüchtige Eis-Läuferin erhandelte von Darryl Zanuck, dem Chef der "2Oth Century Fax", für ihren ersten Film statt 10 000 Dollar 100 000 Dollar Gage und spielte dann In zehn Filmen Hauptrollen. Ihr Kapital mehrte sie als Teilhaberin des Rockefeller Center, des Madison Square Garden, in Miethäusern, Im- und Export-Unternehmen und fünf Eispalästen. Ihrer Geburtsstadt Oslo errichtete die dreimal verehelichte Kunstliebhaberin mit den "vollkommenen Beinen" ("Neige et Glace") ein Kulturzentrum, in das sie ihre Gemälde-Sammlung einbrachte. Sie starb während eines Fluges nach Oslo an Blutkrebs.
HELENE WESSEL, 71. Die gelernte Fürsorgerin machte es den Männern der deutschen Politik nicht leicht: Im Preußischen Landtag stimmte sie im Gegensatz zu den männlichen Mitgliedern ihrer katholischen Zentrums-Fraktion 1933 gegen Görings Ermächtigungsgesetz. 1952 gründete sie zusammen mit Gustav Heinemann die gegen Adenauers West-Integration kämpfende Gesamtdeutsche Volkspartei. Mit Heinemann trat sie 1957 der SPD bei, 1968 meldete sie sich das letzte Mal Im Bundestag: gegen die Notstandsgesetze.
SERGE POLIAKOFF, 63. "Es Ist sehr schwer, ein Bild besser zu malen als eine Wand", bekannte der 1919 aus St. Petersburg emigrierte Unterhaltungsmusiker (Gitarre, Balalaika, Banjo), "und deshalb vergleiche ich beim Malen Immer." Die Kritiker fanden für die Kunst des Wahlfranzosen, der sich unter dem Einfluß von Kandinsky, Baumeister und Delaunay zum eigenwilligsten Maler der neuen, nicht figurativen "Ecole de Paris" entwickelte, einen anderen Vergleich: Poliakoffs immer gleiches Bildschema -- kunstvoll nach Art von Puzzlespielen ineinander verzahnte Vielecke -- erinnerte sie auch wegen ihrer strengen Farbigkeit an moderne "Ikonen". Sie wurden in den fünfziger Jahren in der ganzen Welt verehrt und bald zu Preisen zwischen 6000 und 25 000 Mark gehandelt. Den Vorwurf, ein Diener des Kunstmarkts zu sein, wies der wohlhabend gewordene Meister -- ein Rolls-Royce, sechs Rennpferde -- zurück: "Wenn ich während meines ganzen Lebens in einem Keller geblieben wäre", so ließ er wissen, "hätte ich die gleichen Dinge gemalt."
ABDI RASCHID ALI SCHERMARKE, wahrscheinlich 50. Somolias erster Premier (1960 bis 1964) und zweiter Staatspräsident (seit 1967) wollte seinen Nomaden-Staat am Osthorn von Afrika mit östlicher Hilfe entwickeln -- doch für den Kommunismus waren ihm seine Somalis "zu religiös und zu individualistisch". Deshalb ließ der gläubige Moslem und überzeugte Sozialist verschiedene Parteien zu, deshalb auch machte er Politik hauptsächlich mit Kompromissen. Als der in Rom promovierte Jurist und Politologe jetzt den ausgetrockneten Norden seines Landes besuchte, erschoß ihn ein Polizist, der ihn eigentlich bewachen sollte.

DER SPIEGEL 43/1969
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