06.10.1969

NPDDas wird sich zeigen

Ein "Sammelbecken für die Wiedergeburt der deutschen Nation" nannte NPD-Chef Adolf von Thadden einst seine Partei. Doch was sich am Tag der Bundestagswahl in dem nationalen Becken ansammelte, war so dünn, daß die Rechten "fassungsloses Entsetzen" befiel (siehe Thadden-Interview Seite 46).
Zehn Tage vor der Wahl hatte das NPD-Blatt "Deutsche Nachrichten" ("DN") noch prophezeit: "Sie wird mit einem Erfolg der NPD und einer vernichtenden Niederlage der roten Staatsfeinde enden." Doch nach der Wahl beschimpfte die "Deutsche Wochen-Zeitung", Sprachrohr des NPD-Präsidenten und Thadden-Vertrauten Waldemar Schütz, sogar die Wähler: "Die Masse der Westdeutschen hat gezeigt, daß sie weder politische Klarsicht hat noch Charakter."
Auch Adolf von Thadden, der 72 Stunden vor dem Wahlgang seiner Partei noch eine "Chance von acht bis zwölf Prozent" eingeräumt hatte ("Nichts ist eingetreten, was dieses Ergebnis nennenswert beeinflussen könnte"), gab nun alle Schuld den anderen: "Das ist das Ergebnis einer Verteufelungskampagne' einer rasenden Kampagne gegen uns, wie sie noch nie betrieben worden ist"
Erst hatte Thadden an das Debakel noch nicht glauben wollen. Um 19.10 Uhr am 28. September wertete er die Fünf-Prozent-Hochrechnung für die NPD als "Teilergebnis aus komplizierten Ländern". Um 19.45 Uhr, als nur noch von 4,8 Prozent die Rede war, sprach er: "Ich hoffe immer noch." Um 20.15 Uhr mußte er schon alle "Kontenance" (Thadden: "Mit diesem Wort bin ich aufgewachsen") aufwenden, um nationaldemokratische Haltung zu bewahren: "Das ist alles noch kein Endergebnis, das wird sich zeigen."
Es zeigte sich: Nur 1 422 106 Deutsche (4,3 Prozent) hatten die NPD gewählt -- "verglichen mit der radikalen Linken eine ganz stattliche Sache" (so der Bonner Politik-Professor Karl-Dietrich Bracher), verglichen mit den teilweise eindrucksvollen NPD-Erfolgen bei den voraufgegangenen Länderwahlen jedoch eine klare Schlappe.
Zwar nahm die NPD gegenüber der Bundestagswahl 1965 um 2,3 Prozent zu, gegenüber den Landtagswahlen der Jahre 1966 bis 1968 jedoch lief ihr rund ein Drittel der Wähler weg.
In den acht Ländern, wo sie zu Landtagswahlen antrat (in Nordrhein-Westfalen und im Saarland verzichtete sie auf eine Teilnahme), kam die NPD dabei auf insgesamt 1,5 Millionen Stimmen. Bei der Wahl am vorletzten Sonntag erhielt sie in diesen acht Ländern lediglich 1,1 Millionen Stimmen -- trotz größerer Wahlbeteiligung.
Charakteristisch für den Niedergang der NPD ist die Tatsache, daß sie überall dort, wo sie bei den Landtagswahlen besonders erfolgreich gewesen war, diesmal die schwersten Einbußen erlitt. So gaben die Wähler Baden-Württembergs, die erst im vorigen Jahr die NPD mit 9,8 Prozent ins Stuttgarter Parlament geschickt und damit einen nationalen Rekord aufgestellt hatten, den Rechtsradikalen am 28. September mit 4,5 Prozent das Nachsehen.
In Bremen, wo die NPD 1967 ihren bisher zweitgrößten Erfolg gefeiert hatte, halbierte sich ihr Stimmenanteil von 8,8 glatt auf 4,4 Prozent. Auch die Niedersachsen, die Thaddens Mannen 1967 noch mit sieben Prozent notiert hatten, wählten sie jetzt klar unter die Fünf-Prozent-Grenze (4,6 Prozent).
Über dieser Grenze, wenn auch im Vergleich mit ihren Landtagswahlergebnissen ebenfalls stark dezimiert, blieb die NPD in Bayern (von 7,4 auf 5,3 Prozent), Hessen (von 7,9 auf 5,1) und Rheinland-Pfalz (von 6,9 auf 5,2). Die beiden Bundesländer, aus denen keine Vergleichszahlen von Landtagswahlen vorliegen, lieferten je ein Rekordergebnis: das Saarland mit dem höchsten NPD-Stimmanteil von 5,7 Prozent (zugleich stärkste Zuwachsrate von allen Bundesländern gegenüber der Wahl von 1965) und Nordrhein-Westfalen, dessen Wähler der NPD nur 3,1 Prozent der Stimmen gaben und damit endgültig über das Schicksal der Partei entschieden.
Den generellen Trend -- starke NPD-Verluste, vor allem in den NPD-Hochburgen -- bestätigen auch die Ergebnisse in jenen Regionen, in denen rechtsradikale Parolen aufgrund der Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur traditionell guten Nährboden finden. So erzielte die NPD zwar auch am 28. September in evangelisch-ländlichen Gebieten mit 6,3 Prozent im Bundesdurchschnitt ihre besten Ergebnisse (Zuwachs gegenüber 1965: 3,3 Prozent); zugleich aber verringerte sich ihr Stimmenanteil gegenüber den Landtagswahlen um 2,6 Prozent.
Ähnlich erging es der Partei in Regionen mit einem hohen Anteil an Selbständigen. Auch dort lagen die Stimmengewinne mit 2,8 Prozent im Vergleich zu 1965 über dem Bundesdurchschnitt, jedoch 1,6 Prozent unter dem Anteil bei den Landtagswahlen.
Selbst in den industriellen Ballungsräumen, in denen die Partei hätte reüssieren müssen, um in das Bonner Parlament einziehen zu können, blieb der angestrebte NPD-Erfolg aus. Nach Erhebungen des Godesberger " Instituts für angewandte Sozialwissenschaft" blieb sie in Gebieten mit hohem Arbeiteranteil mit durchschnittlich 3,6 Prozent noch erheblich unter ihrem Bundesergebnis.
Immerhin erwies sich die These als richtig, daß die NPD vor allem von wirtschaftlich ungesunden Verhältnissen profitiert. So blieb die NPD im sanierten Ruhrrevier auch in Gemeinden mit einem Bergarbeiteranteil von mehr als 30 Prozent auf 2,7 Prozent der Stimmen sitzen; in vergleichbaren Gemeinden des Saarreviers dagegen erzielte sie 6,7 Prozent. Bruttoinlandsprodukt in Nordrhein-Westfalen: 103, an der Saar: 81 (Bund: 100).
Von den FDP-Verlusten, die im allgemeinen der CDU zugute kamen, profitierte auch die NPD in einigen Fällen stark. Der hessische Wahlkreis Waldeck, wo die Freidemokraten mit einem Minus von 12,4 Prozent ihre schwerste Niederlage erlitten, brachte sowohl den Christ- wie auch den Nationaldemokraten ein Plus von je 4,9 Prozent gegenüber 1965. In Fritzlar-Homberg, dem -- ebenfalls hessischen -- Wahlkreis mit den zweithöchsten FDP-Verlusten (minus elf Prozent), rangierten die NPD-Gewinne (4,7) sogar vor denen der CDU (4,0).
Nur in 72 der 248 Wahlkreise überwanden die Rechten die Fünf-Prozent-Hürde, darunter allein in 21 bayrischen. Nur in 57 Wahlkreisen waren sie stärker als die FDP. Auf mindestens acht Prozent, wie Adolf von Thadden prophezeit hatte, kam die NPD lediglich in sechs Wahlkreisen. Spitzenreiter: die Nibelungenstadt Worms mit 9,5 Prozent.
Das magerste Resultat mit 1,8 Prozent bescherten den Nationalen die Katholiken im münsterländischen Wahlkreis Steinfurt-Coesfeld -- trotz des Thadden-Wortes: "Bei Katholiken bin ich beliebter als bei Protestanten, da gibt es eine stärkere Wirkung meiner Law-and-order-Parole."

DER SPIEGEL 41/1969
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