06.10.1969

SCHWEDEN / ERLANDER-NACHFOLGEFackel in der Hand

Der umstrittenste Schwede ist der mächtigste Schwede geworden: Kultusminister Sven Olof Joachim Palme, 42.
Am Sonntag letzter Woche -- auf dem Kongreß der "Sveriges Socialdemokratiska Arbetarparti" (SAP) -- trat Partei- und Regierungschef Tage Erlander, 68, nach 23 Doppeldienstjahren freiwillig zurück. Am letzten Mittwoch wählte der Kongreß den schmächtigen Olof Palme zum Nachfolger. Nächste Woche wird ihn der König zum Premier ernennen. Halb Schweden, bis in die Reihen der eigenen Genossen, begegnet dem neuen Mann mit Mißtrauen und Vorbehalten.
Das Bürgertum sieht in Palme einen radikalen Linken, der an Protestmärschen gegen Amerikas Vietnamkrieg teilnahm. Für klassenbewußte Genossen ist er eher ein Herr im Zylinder: zwar der dritte Akademiker unter den bislang vier Führern der 80jährigen Arbeiterpartei, aber der erste aus der Oberschicht.
Palme stammt aus einer schwedischen Patrizierfamilie, deren erster Ahnherr als holländischer Kaufmann ins Land kam. Im Gründungsjahr der SAP, 1889, gründete ein Bankier-Großonkel Olof Palmes den Stockholmer Millionärs-Vorort Djursholm.
Palmes Vater war Versicherungsdirektor, seine Mutter entstammt einem baltendeutschen (von Knieriem), seine Frau einem dänischschwedischen Adelsgeschlecht (Beck-Friis).
Als Vierjähriger konnte Olof Palme schon lesen und zwei Fremdsprachen (Deutsch und Französisch) sprechen. Mit 17 Jahren war er Abiturient des von Hof und Adel bevorzugten humanistischen Gymnasiums in Sigtuna. Bei den Gardehusaren wurde er Oberleutnant der Reserve. Mutter und älterer Bruder waren und sind aktive Konservative.
1948 erwarb sich Palme an einem USA-College den Bachelor of Arts und trampte durch 33 US-Staaten. Später bereiste er Südostasien von Indien bis Indonesien. Kurz vor Weihnachten 1949 heiratete er in Prag pro forma eine Tschechin, um ihr aus dem Land herauszuhelfen.
Palme legte das juristische Staatsexamen ab, trat der SAP bei und wurde Vorsitzender des Verbands schwedischer Studentenschaften. Regierungschef Erlander erspähte den jungen Sozialdemokraten 1953 und machte ihn zu seinem Persönlichen Referenten. Fortan entwarf Palme für Erlander Reden und Briefe, belieferte ihn mit politischen Ideen und taktischen Einfällen. 1956 wurde er ins Parlament gewählt.
Zwölf Jahre lang ließ sich Erlander von Palme über die Schulter gucken, dann schickte er ihn ins Verwaltungs -- Praktikum. Als Verkehrsminister plante Palme die Umleitung des Straßenverkehrs von Links nach Rechts bis in kleinste Details wie die Umdressur von 500 Blindenhunden.
Als Kultusminister (seit 1967) verwirklichte er die Forderung des sozialistischen Parteiprogramms "Gleiche Bildungschancen für alle" durch eine gründliche Schulreform.
Schon 1965 begann er jene Aktivität gegen den Vietnamkrieg, die ihn über Schweden hinaus bekannt machte. 1968 marschierte der Minister an der Seite des nordvietnamesischen Moskau-Botschafters in einem Fackelzug der Protest-Komitees durch Stockholm. Palme: "Amerikas Krieg bedroht die demokratischen Ideale der ganzen Welt."
Amerikas Stockholm-Botschafter William Heath flog gekränkt in die USA und kehrte erst fünf Wochen später zurück. Im Januar 1969 erkannte Schweden Nordvietnam de jure an.
In Schweden wurde oft behauptet, Erlander habe damals seinem Palme die Vietnam-Fackel in die Hand gedrückt, damit er als Marschordner, Unmutsventil und Stimmenfänger walte.
Unter den Augen des Ministers war die Disziplin der 5000 Fackelzügler denn auch mustergültig. Und bei den Herbstwahlen schrumpfte Schwedens KP beträchtlich, errang Palmes Partei die absolute Mehrheit. Palme: "Wirkliche Revolutionäre sind geduldige Menschen, denen die Gewalt nur der allerletzte Ausweg ist. Denn sie wissen die Antwort auf die Frage: "Was wird der Revolutionär am Tag nach der Revolution?' Nun, ein behutsamer Reformer."
Der maßvolle Revolutionär fährt in einem Fiatchen 600, Jahrgang 1964, ins Büro. Vor fünf Monaten ernannte ihn sein Stockholmer Parteiblatt zu einem der "zehn am schlechtesten gekleideten Herren" des Landes. Er sei oft kaum gekämmt, trete in ungebügeltem Anzug, mit schiefsitzender Krawatte und "schwarzen Schnürsenkeln in braunen Schuhen" auf. Palme: "Das ist wohl alles Legende."
Später meldete das Blatt, Palme pflege sein Äußeres wieder mehr. Auch die Oppositionszeitungen entdeckten Veränderungen: Je näher der SAP-Kongreß rücke, desto vorsichtiger drücke sich der früher so freimütige Kandidat Palme aus.
Die Opposition hofft, daß Palme ihr bald wieder Angriffsflächen bietet. "Das Klima der politischen Debatte", prophezeite die Stockholmer Zeitung "Dagens Nyheter" (liberal), "wird schärfer werden."
Aber, so Palme in einem SPIEGEL-Gespräch (39/1969): "Ein scharfer Wechsel in der Linie der Partei wird nicht eintreten."

DER SPIEGEL 41/1969
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 41/1969
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SCHWEDEN / ERLANDER-NACHFOLGE:
Fackel in der Hand

  • Polizei erwischt Raser: Ein Wheelie zum Dienstbeginn
  • Paris: "Fliegende" Wassertaxis auf der Seine
  • Wie zu König Blauzahns Zeiten: Dänen bauen längste Wikingerbrücke
  • Süße Versuchung: Bär macht Kleinholz aus Bienenstock