13.10.1969

MALEREI / WHISTLERKübel ins Gesicht

Seine Gemälde sind wie Musik von der Palette; sie heißen "Scherzo In Rosa, Rot und Purpur", "Harmonie in Grau und Grün", "Nocturne in Blau und Gold" oder auch einfach "Symphonie in Weiß".
An der Farborgel: James McNeill Whistler, ein alter Meister (1834 bis 1903).
Gewiß, er hat kleine Mädchen und große Zeitgenossen porträtiert, er malte venezianische Veduten und Londoner Themsebrücken, doch das Sujet war ihm stets Nebensache. "Kann sein", so gab er zu, "daß der Brückenpfeiler auf meinem Bild ganz anders aussieht als die Pfeiler der Battersea Bridge. Ich habe nur eine bestimmte Farbenharmonie beabsichtigt."
Dank solchen Ansichten, die ihn als einen Vor-Abstrakten auszuweisen scheinen, ist Whistler neuerdings auf einen Ehrenplatz der Kunstgeschichte befördert worden. "Das Thema lag In der Luft", empfand Werner Haftmann, Direktor der West-Berliner Nationalgalerie, als er nach Whistler-Retrospektiven In London (1960) und Chicago (1988) jetzt die erste deutsche Whistler-Ausstellung organisierte.
Der neue Ruhm, das belegt die Berliner Kollektion aus 60 Gemälden sowie 162 Zeichnungen und Drucken, ist wohlbegründet -- doch kaum als Pionierruhm.
Denn daß Whistler bisweilen Farbe auf die Leinwand tropfte wie später der Action-Painter Jackson Pollock, erscheint als recht beiläufig. Wahrhaft nahe stand der traditionsbewußte Maler ("Die Kunst kann keine "Fortschritte' machen") seinen zeitlebens bewunderten Vorbildern Velasquez und Vermeer; Ihre raffinierte Delikatesse übersteigerte er aus dem Geist des Fin de siècle zu letzter Nachblüte.
Whistler, als Sammler von chinesischem Porzellan und Designer nobler Raumausstattungen auch ein Anreger des Jugendstils, tüftelte seine Gemälde mit feinschmeckerischer Sorgfalt als ausgewogene Kompositionen und nuancierte Farb-Arrangements: Ein Porträt des Pariser Kritikers Théodore Duret mit einem rosa Abendmantel übermalte er beispielsweise zehnmal, um jeweils alle Tonwerte ins Gleichgewicht zu bringen. Und für die "Harmonie in Grau und Grün", sein erst nach rund 70 Sitzungen vollendetes Meisterwerk, entwarf er der achtjährigen Londoner Sammler-Tochter Cicely Alexander vorweg das Kleid und kümmerte sich auch um die Anschaffung der Stoffe.
Stilisiert, gleichsam kostümiert, schritt Whistler selbst durchs Leben. Der gebürtige Amerikaner, der als Kadett der Militär-Akademie West Point im naturwissenschaftlichen Examen mit der Bemerkung gescheitert war, Kiesel sei ein Gas (Whistler später: "Wäre der Kiesel wirklich ein Gas, so wäre ich General geworden"), spielte sich in Europa als monokeltragender Dandy von hochfahrendem Witz auf.
Einem Kritiker riet er etwa, sich statt auf seine Augen lieber auf den Geruchssinn zu verlassen; und einen Auftraggeber, der sein von Whistler gemaltes Porträt nicht eben als großartiges Kunstwerk einschätzte, herrschte er an: "Sie sind ja auch kein großartiges Werk der Natur."
Immer reagierte der Maler empfindlich auf Kritik, und die bekam er reichlich zu hören. Von Paris, wo er 1855 seine Karriere begonnen hatte und wo ihn der Realist Gustave Courbet inspirierte, zog er 1859 nach London, als sein erstes bedeutendes Bild ("Am Klavier") zur offiziellen Salon-Ausstellung nicht zugelassen wurde.
Aus London -- dort entdeckte er auch die Hafenlandschaft als Motiv für Gemälde und sensible Graphiken -- schickte Whistler dann 1863 eine "Symphonie in Weiß" nach Paris, ein Mädchenbild mit präraffaelitischen Zügen. Es wurde gleichfalls zurückgewiesen und, zusammen mit Edouard Manets "Frühstück im Freien", zum größten Gespött In der Ausstellung ausjurierter Bilder ("Salon des Refusés").
Stärker noch als mit unakademischen Porträts jedoch irritierte Whistler seine Mitmenschen mit den "Nocturnes" -- verschwimmenden Stimmungs-Bildern von nächtlichen Gewässern, wie er sie am Themse-Ufer sowie auf Reisen nach Valparaiso und Venedig malte; bisweilen belebte er sie durch leuchtende Sternschnuppen- oder Feuerwerks-Effekte.
Der britische Maler und Kunsttheoretiker John Ruskin sah das so: "Ein Narr kippt dem Betrachter einen Farbkübel ins Gesicht und fordert dafür 200 Guineen."
Diese Attacke trieb den Künstler sogar vor Gericht. Und obwohl sein Anteil an den Prozeßkosten ihn finanziell ruinierte, konnte er sich als Sieger fühlen -- Ruskin wurde zu einer Buße von einem Viertelpenny verurteilt.
Siegreich, jedenfalls, war auch Whistlers Witz geblieben: Auf die Frage des Vorsitzenden, ab er ihm den Wert seiner Gemälde erläutern könne, fixierte Whistler den Juristen lange schweigend. Dann beschied er ihn: "Nein."

DER SPIEGEL 42/1969
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