13.10.1969

UNTERHALTUNG / GAINSBOURGLied von der Lende

Ich liebe dich", flüsterte sie. "Ich dich nicht", hechelt er. Aber er meint es nicht so, denn er seufzt auch zum Slow-Beat: "Ich komme und ich gehe", und das ist ihr durchaus recht. "Jetzt!" haucht sie, "komm!" haucht sie, "ah!" haucht sie, und die Geige schluchzt, und die Orgel rauscht.
"Stöhnen", sagt ein alter Spruch, "ist die halbe Arbeit." Auf dieser Platte jedoch -- Titel: "Je t'aime ... moi non plus" -- ist es die ganze. Vier Minuten und 20 Sekunden lang simuliert der französische Schlager-Sänger, -Texter und -Komponist Serge Gainsbourg, 41, ekstatischen Atemtausch bei amouröser Aktion.
Und das tut er nun schon zum zweitenmal: 1967 hatte er das Bettgeflüster im Verein mit Brigitte Bardot auf so naturalistische Weise bestritten, daß Ehemann Gunter Sachs protestierte. Erfolg: Die 5000 Philips-Platten wurden nicht ausgeliefert.
Jetzt, zwei Jahre später, singt Gainsbourg das süße Lied im Duett mit seiner britischen Gespielin Jane Birkin, 22, und macht wiederum Skandal. Der päpstliche "Osservatore Romano" ächtete die Akt-Musik als "beschämende Obszönität", das "Giornale d'Italia" verstieg sich gar In die Übertreibung, das schamlose Pärchen verströme "so viele Seufzer und Grunzer wie eine ganze Elefantenherde beim Kopulieren".
Das war zuviel. "Je t'aime" verebbte auf den Wellen der italienischen, spanischen, portugiesischen, brasilianischen, britischen und schwedischen Radiostationen. "Je t'aime" wurde von der Philips, die 1,2 Millionen "Je t'aime"-Exemplare verkauft hatte, fortan nicht mehr gepreßt.
Doch "Je t'aime" rotiert weiter. Denn nun bringt die weniger prüde französische Firma "AZ" das akustische Lustspiel auf den internationalen Markt. "Wir verschicken", sagt Bernard Daurès, Pressechef der "AZ", "täglich dreißig- bis vierzigtausend Platten ins Ausland."
Und das alles dank "Osservatore Romano". "Gainsbourg und Jane", so sieht es der "Figaro", "sollten den geistlichen Herren in Rom ewig verbunden sein, denn schließlich haben die ihre Namen auch dort berühmt gemacht, wo sie bislang völlig unbekannt waren." "Mein bester Werbeagent", so sieht es auch Gainsbourg "ist der Vatikan."
Dabei hat Gainsbourg den Vatikan nun wirklich nicht nötig. Seine Schlager sind Markenartikel wie Stuyvesant und Martini. Gainsbourg ist "in", seit er weiß, daß seine Dracula-Visage mit den großen Ohren, der Hakennase und den schwerfälligen Lidern überm zynischen Blick, seine "dreckige Fresse", wie er sagt, im Showgeschäft wie bei den Damen recht gut ankommt. Gainsbourg einst ein erfolgloser Maler und Mann am Klavier, ist mittlerweile so eine Art Pierre Cardin des französischen Chansons.
Mit viel Chic schneidert er seine ironischen, mondänen, versnobten "parfümierten Hits vom Jet Set und vom süßen Leben -- für France Gall ("Poupée de eire, poupée de son"), für Jeanne Moreau, Juliette Gréco Anna Karina, Elsa Martinelli, Mireille Darc und die Nightclub-Königin Régine. In langen schwarzen Lederstiefeln auf nackter Haut lispelt die blonde Brigitte Bardot Gainsbourgs Hoheslied auf das Motorrad: "Wenn ich auf dem Sattel sitze, steigt mir beim Rattern der Maschine Lust in die Lenden."
Ach ja, die Lenden -- Gainsbourg hat sie immer im Kopf, denn er liebt nur zwei Dinge und sonst nichts auf der Welt: "Erotik und Geld". Und das ist keineswegs eine unglückliche Liebe: Mit seinem "Je t'aime" hat er bereits über eine Million Franc verdient.

DER SPIEGEL 42/1969
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Lied von der Lende