08.09.1969

„Mit dem Latein am Ende“

11. Fortsetzung
Deutsche Architekten ernten Ruhm in aller Welt:
* "Menschlichkeit" bescheinigte die "Times" Hans Scharoun für "den schönsten Konzertsaal Europas", die neue Philharmonie in Berlin.
* "Intelligenz" sah der amerikanische Architektur-Kritiker Wolf von Eckardt in Egon Eiermanns neuem deutschen Botschaftsgebäude in Washington.
* "Eleganz" erlebten kanadische Besucher an Frei Ottos Kunststoff-Zelt, dem deutschen Pavillon auf der Weltausstellung in Montreal. Über Sepp Rufs Kanzler-Bungalow in Bonn urteilte der Hamburger Architekt Hermann Funke neidlos: "Wer nicht sieht, daß dieses Haus schön ist. muß schon ein sehr dickes Brett vor dem Kopf haben."
Und die kleine Burg, die sich Deutschlands führender "Brutalist", Professor Oswald Mathias Ungers, als Heimstatt in Köln errichtete, wertete der britische Architektur-Historiker Reyner Banham als "eines der wenigen qualitätvollen modernen Bauwerke in Nordeuropa".
Doch deutsche Architekten ernten weit öfter Schande im eigenen Land:
* Als "tot", "brutal", "gemein" empfinden die aus Sanierungsgebieten umgesiedelten Bewohner das West-Berliner "Märkische Viertel".
* "In dieser Ode gehen wir ein", klagen Mieter in der Hamburger Wohnsiedlung Lohbrügge-Nord.
* "Das ist keine Stadt", befanden Karlsruher Architekten über die neuerrichteten Häuser-Haufen in München-Perlach, "sondern eine undifferenzierte Addition von Wohngebieten, in denen das Leben von hunderttausend Menschen auf die Funktionen Arbeiten, Einkaufen und Schlafen reduziert wird." Über die Frankfurter Limes-Stadt urteilte der Ulmer Designer Otl Aicher: "An Monotonie nicht zu überbieten." Und die neue schwäbische Wohnstadt Aalen fand im Fachblatt "Baumeister" derart Kritik: "Eine Untat gegen Menschen und Landschaft, entwürdigend und vergeudet."
Große Würfe, das steht zu erwarten, werden auch Meistern der künftigen Architekten-Generation gelingen. Aber solche Repräsentativbauten" das steht zu befürchten, werden einsame Kristalle im Betonbrei sein.
Denn die jetzt schaffenden, die den Nachwuchs prägenden, die lehrenden Architekten haben weithin resigniert. Ihr überkommener Baumeister-Anspruch wurde an einer Gesellschaft zuschanden, die jedes Jahr mehr als 40 Milliarden Mark für Hochbau ausgibt, aber allenfalls mit Teak-Ramsch "schöner wohnen" will. Kaum ein anderes Problem, das alle Bürger betrifft. wird so sehr vernachlässigt wie dieses -- welche Gehäuse der Mensch in welcher Umwelt jetzt und künftig
* Links: Neue Philharmonie in West-Berlin; Mitte: Deutscher Pavillon auf der Weltausstellung in Montreal 1967; rechts: Gebäude der deutschen Botschaft in Washington.
wirklich braucht. Die vorhandenen unzulänglichen Bauten haben den Blick dafür verstellt, was Architekten mit den modernen Methoden und Materialien leisten sollten.
Diese Misere wird fortgeerbt von den "Entwurfsprofessoren" (so der Göttinger Architekt Jochen Brandi), die Kultgebäude genialisch türmen, die aber bei der Quartierbeschaffung für die Masse der Bevölkerung versagen. Sie willfahren nicht notgedrungen der Bedürfnislosigkeit; sie sind vielmehr angepaßt an die allgemeine Dürftigkeit der Vorstellungen davon, welchen Spielraum moderne Architektur den Menschen schaffen könnte.
Weder in der Fachwelt noch in der Öffentlichkeit, so umriß Diplom-Ingenieur Andreas Feldtkeller aus Tübingen die Schwierigkeiten seines Standes, bestehe "ein Konsens darüber, welche Aufgabe die Gesellschaft dem Architekten heute und in Zukunft zu stellen hat". Nicht wenige lehrende Architekten beharren deshalb auf einem engen, vermeintlich gesicherten traditionellen Aufgabenkreis. "Ich habe Lücken in Soziologie, aber ich bin nicht bereit, sie zu schließen". so dreist bekunden manche Architektur-Lehrer ihr Unvermögen zum Umdenken, in diesem Fall der Berliner Professor Peter Haupt. Und Professor Fritz Jaenecke aus Aachen urteilte über seine Art, Architektur-Wissen zu vermitteln: "Von einem Ochsen kann man nur Rindfleisch erwarten."
Dementsprechend bereiten sich denn auch fast alle angehenden Architekten auf ihren Beruf vor: "Man muß sie nur sehen", schilderte der Münchner Kritiker Peter M. Bode den Leerlauf ihres Lehrbetriebs, "wie sie tausendmal mehr Striche ziehen, als Gedanken über Architektur zu fassen."
Jetzt lehnen sich die Studenten auf, die bis zu 22 Semester lang in unsozialem Wohnungsbau trainiert werden, aber vergebens zu wissen begehren: "Warum immer nur achtgeschossig?" Oder: "Was ist eine Fernsehfamilie?" -- so an der TH Aachen.
In Aachen ignorierten sie die Vorlesung des "Ochsen"-Sprüchemachers Jaenecke, bis er den Lehrstuhl aufgab. In Stuttgart boykottierten sie die Prüfungen der altgedienten Professoren Hans Brüllmann, 65 (jetzt emeritiert), und Maximilian Debus, 65 (der Ende dieses Monats emeritiert wird).
In Berlin konterkarierten sie, gemeinsam mit Assistenten der Technischen Universität, die Routine-Ausschreibung von fünf Lehrstühlen mit einer eigenfinanzierten Anzeige in der "Bauwelt": "Die langfristige Bindung an die Fakultät (Professur)" müsse "von wiederholtem Qualifikationsnachweis abhängig" gemacht werden.
Die Krise des Architektur-Studiums ist kein speziell bundesdeutsches Problem. Sie zeichnet sich weltweit seit anderthalb Jahrzehnten ab.
Früher reisten Studenten scharenweise zu den Internationalen Kongressen für Moderne Architektur (CIAM), um "zu Füßen ihrer großen Meister zu sitzen" (Architektur-Historiker Banham). Aber 1956 in Dubrovnik störten die britischen Eheleute Alison und Peter Smithson erstmals die Eintracht mit einem Manifest, in dem sie konstatierten, "daß die Mehrheit der Architekten den Kontakt mit der Wirklichkeit verloren hat und Träume von gestern errichtet".
Spätestens seitdem aber wurden auch die Mißstände der Architekten-Ausbildung in der Bundesrepublik offenkundig. Deren "Leitbild ist", wie Architekt Roland Ostertag aus Leonberg formulierte, "heute wie im 19. Jahrhundert immer noch der freie unabhängige Baukünstler", oder, wie der junge West-Berliner Architekt Johann Friedrich Geist urteilt, "der in sich gefestigte Dienstleistungsunternehmer".
Aber selbst für eine solche Stellung werden die Architektur-Studenten nur mangelhaft vorbereitet. Unentwegt hantieren sie in hellen Sälen, tüchtig, beflissen, irregeleitet, mit Tusche und Storchschnabel und Moos-Bäumchen -- als würden sie später nie mit profitgeleiteten Bauunternehmern und kleinkarierten Baunutzungsverordnungen konfrontiert.
"Selbstüberschätzung" und "Größenwahn" nannte selbst der greise Berliner Professor Edgar Wedepohl, 74, als typische Berufskrankheiten seines Standes, der bei den Bundesbürgern in der Wertschätzung der Berufe an fünfter Stelle steht. Unverblümt forderte deshalb Brutalist Ungers seine Diplomanten auf: "Werfen Sie Ihr Berufsbild über Bord." Denn: "Sie finden nur noch Baugesellschaften" und "werden so bauen, wie die Behörde es verlangt" (siehe Kasten Seite 80).
"Ein Mensch liegt zwei Meter lang, ein Meter breit", referierte der Aachener Hilfsassistent Cornelius van Geisten sarkastisch seine Studienerkenntnisse, "zwei Menschen liegen zum Schlafen, schon hab" ich ein Doppelbett: vier Quadratmeter Fläche. Zum Bettenmachen muß ich herumgehen, also 60 Zentimeter freilassen; nun noch einen Schrank dazu: 60 Zentimeter tief, 250 Zentimeter lang. Vier Wände drum herum, Tür, Fenster -- ein Schlafzimmer?"
Was mit solchem "Klippschul-Lehrstoff" (Eiermann) tatsächlich anzufangen ist, haben Absolventen der West-Berliner Technischen Universität bei einer Umfrage der Fachzeitschrift "Bauwelt" bekundet.
Acht Jahre nach Berufsbeginn waren jeweils drei von vier der diplomierten Architekten in abhängigen Stellungen.
Die Fachleute, die in ihrer Ausbildung jahrelang den rechten Winkel eingetrichtert bekamen, die Normen für Treppenstufen und Fensterfugen pauken mußten, die aufgeschnittene Kohlköpfe oder die Engelsburg zu Rom in ausgepichter Perspektive nachzeichnen lernten, gaben nun als häufigste Tätigkeiten an: Verhandeln mit Behörden (82 Prozent), Abwickeln von Schriftverkehr, interne Besprechungen.
Allesamt entbehrten sie "Kenntnisse, die im Studium nicht genügend berücksichtigt wurden": in Bau- und Betriebswissenschaft, Rechtswissenschaft, Soziologie, Psychologie und Verhaltensforschung, aber auch in Verkehrsplanung, Datenverarbeitung und modernen Fertigungsmethoden.
Nur jeder zwanzigste aller Jung-Architekten, die selten vor dem 15. Semester -- kaum noch als Mittzwanziger -- das Hauptdiplom erwerben, habe es "nach fünf Jahren geschafft, ein eigenes Büro zu eröffnen", so errechneten Studenten und Assistenten im Arbeitskreis Architektur und Gesellschaft der Kritischen Universität Berlin. Mindestens ebenso viele, die nicht einmal als Angestellte -- Architekten-Jargon: "Zeichenknechte" -- unterkamen, bilden ein akademisches Proletariat: "Sie bereisen die Städte als Agenten für Außenanstriche und Eloxalfenster,"
In der Bundesrepublik gibt es keine offizielle Statistik über die Zahl der Architekten. Nach einer Erhebung des SPIEGEL von 1967 waren es 30 650.
Schon gar nicht gibt es eine repräsentative Untersuchung über den Bedarf an Architekten. Und schließlich ist auch unbekannt, wie viele junge Leute sich jedes Jahr neu für die Baumeister-Ausbildung entscheiden, teilweise mit merkwürdigen Motiven: "Meine Eltern haben ein Häusle gebaut -- und da habe ich meine Liebe zur Architektur entdeckt" (Bewerbung an der Technischen Hochschule Karlsruhe).
Wer immer Architektur studieren will -- er wird nur durch Zufall und mit Glück die seinem Talent, seinem Leistungswillen und seinen Berufswünschen entsprechende Ausbildungsstätte finden.
In der Bundesrepublik muß er wählen zwischen acht Technischen Hochschulen oder Technischen Universitäten (zu denen man nur mit Abitur zugelassen wird und die man als Diplom-Ingenieur, gegebenenfalls mit der Promotion verläßt). Dazu gibt es elf Hochschulen für Bildende Künste und Akademien ohne Promotionsrecht (Abschlußtitel: Arch. HBK) sowie 38 Ingenieurschulen für Hochbau (Titel: Ing. grad.). Und schließlich gibt es noch 21 Werkkunstschulen (auf denen man es zum "Arch. WKS" bringen kann).
Zu Recht forderte Professor Harald Deilmann, Funktionär des Bundes Deutscher Architekten (BDA): "Laßt uns dem Wirrwarr ein Ende machen!"
Die Vielzahl der Schulen steht in groteskem Mißverhältnis zur Zahl der Studienplätze. Allein an den acht Hochschulen versuchen sich jedes Jahr zwei- bis dreitausend Abiturienten einzuschreiben; viele versuchen es gleich an verschiedenen Orten. Aber insgesamt nehmen die TH und TU nur wenig mehr Studienanfänger auf, als sie Diplomanten entlassen -- nach Schätzung des BDA jedes Jahr 660 bis 720.
Dem Grundsatz, daß jedermann das Recht auf Bildung habe, muß notwendig überall und Jahr für Jahr auch bei angehenden Architekten zuwidergehandelt werden. So erwartet zum kommenden Wintersemester die Universität Stuttgart etwa 400 Bewerber für 110 Studienplätze, die TH Karlsruhe 200 bis 400 Bewerber für 70 bis 80 Studienplätze, die TH München 500 Bewerber für 120 Studienplätze.
Der Zwang zur Auslese könnte als Chance genutzt werden, die befähigtsten Studienanfänger auszuwählen. In Wirklichkeit ist "das ganze Prinzip des Numerus clausus falsch -- amoralisch bis zum letzten", wie der renommierte Karlsruher Professor Egon Eiermann urteilt.
Die Technischen Hochschulen und Universitäten bewerten die Bewerber nach Abiturzeugnis und Probezeichnungen, daneben aber zusätzlich nach unterschiedlichen, recht willkUrlich anmutenden Kriterien. So wurden beispielsweise verlangt
* in Aachen: Nacherzählung eines Theaterstücks sowie Zeichnen eines Gegenstands aus der Umwelt und Zeichnen eines Bauwerks oder Bühnenbilds nach der Erinnerung (ein Bewerber schaffte es mit "Des Teufels General", dem Abbild einer Aktentasche und einer Skizze der Kirche seiner Heimatstadt);
* in Karlsruhe: Lebenslauf sowie insbesondere gute Abiturnoten in den musischen und naturwissenschaftlichen Fächern;
* in Berlin: jahrelang nur Zeichenproben. Für das kommende Semester soll die Querzensur aus Mathematik, Deutsch, bester Fremdsprache sowie Musik oder Kunsterziehung entscheiden. Wer dabei die Durchschnittszensur "gut" oder besser vorweisen kann, darf das Studium sofort aufnehmen; nur jeder zweite derer, die lediglich mit "befriedigend" bis "gut" aufwarten können, wird ausgelost. Wer trotz aller gestalterischen Begabung ein schlechteres Zeugnis mitbringt oder -- wie einst Ludwig Mies van der Rohe -- keine Oberschule besuchte, hat an der TU keine Chance.
"Schon das Abitur als Kriterium Ist Blödsinn und schafft Klassenunterschiede", meint Professor Eiermann; denn in der Praxis ist keineswegs erwiesen, daß die an den Hochschulen Ausgebildeten tüchtigere Architekten werden als etwa die Ingenieurschul-Absolventen. Und in Aachen hat die Fachschaft -- die Vertretung der Studenten und Assistenten -- im vorletzten Monat gefordert, um der ohnehin praktizierten "Zufälligkeit der Auswahlkriterien zu entsprechen", die wenigen Studienplätze unter sämtlichen Bewerbern ohne weitere Formalitäten zu verlosen.
In Berlin hoffen die unzufriedenen Studenten, noch in dieser Woche die Unzulänglichkeiten der Zulassung gerichtsnotorisch zu machen. Sie wollen einen der abgewiesenen Bewerber bewegen, sich in einem Musterprozeß das Recht auf einen Studienplatz zu erzwingen.
Eine individuelle und geduldige Beurteilung, etwa Numerus clausus nach einem Vorsemester für sämtliche Studienanwärter, könnte allerdings auch bei gutem Willen fast nirgends eingeführt werden. Denn schon für die bereits Studierenden fehlen Platz, Geld, Professoren und Assistenten. So müßten beispielsweise in Karlsruhe der Etat, das wissenschaftliche Personal und die Nutzfläche der TH verdoppelt werden, um auch nur die derzeit 550 dort eingeschriebenen Architekturschüler hinreichend auszubilden.
Lehrstühle sind fast überall vakant. In West-Berlin werden fünf Architektur-Ordinarien gesucht, in Stuttgart vier; in Aachen werden im kommenden Semester vier oder fünf Institute ohne Chef sein. Und Karlsruhe verliert in diesem Herbst Attraktion mit dem Star Eiermann, der wie kein anderer Professor die Misere selbst beschreibt, aber nach Erreichen der Altersgrenze zunächst nur noch für Olivetti in Frankfurt bauen möchte.
Doch auch besetzte Planstellen sind keine Gewähr für ordentlichen Unterricht. Mitunter halten Lehrstuhlinhaber in ihrem mit privaten Aufträgen gespickten Terminkalender (Bauvolumen des Berliner Professors Werner Düttmann: in drei Jahren rund 750 Millionen Mark) für die Studenten eher sporadisch Besuche frei.
Künstlerisches Flair verbreitend, fahren sie gelegentlich vor und verbessern Zeichnungen im Vorübergehen. Vorlesung und stete Entwurfskorrektur überlassen sie den Assistenten, die an Gehalt ein Drittel oder allenfalls die Hälfte der Professoren-Bezüge (monatlich etwa 4000 Mark) bekommen. In Stuttgart beispielsweise klagten Studenten, daß auf zehn Assistenten-Korrekturen nur eine Korrektur des geschäftstüchtigen Professors Rolf Gutbrod komme.
Beengt und für Tage oder Wochen sich selbst überlassen, üben die angehenden Architekten zuerst und vor allem sauberes Zeichnen. Sie müssen etwa in Berlin, um Punkte fürs Diplom zu sammeln, ein Stück Rinde nachstricheln oder eine zusammengeknüllte "Bild"-Zeitung. Sie müssen später Köpfe modellieren und Muster aus Hölzern legen. Sie wähnen sich fast schon am Ziel, wenn sie den Entwurf einer Halle abgeliefert, oder wenn sie die Dehnungsfugen einer Brücke berechnet haben.
Aus der Tradition des Berufsstandes ist vieles von dem zu rechtfertigen, was den Architektur-Studenten nach herkömmlichem Studienmuster in den Pflichtfächern abverlangt und in den Wahlfächern angeboten wird: Darstellende Geometrie, Schrift und freies Zeichnen, Perspektive und Vermessung, Statik und Konstruktion, Licht. Schall, Baustoffe und Baugeschichte.
Die Frage ist, ob ein angehender Architekt, der später vor allem mit Baupolizei, Wohnbaugesellschaften und Kiesfirmen zu verhandeln hat, einen Großteil seines Studiums noch mit traditionellem Wissenswust füllen muß. Medizin-Studenten sind wenigstens nicht verpflichtet, überholte Theorien aus der Aderlaß- und Klistier-Ära der ärztlichen Kunst zu büffeln; vom "Sachsenspiegel", einem umfassenden Rechtsbuch aus dem 13. Jahrhundert, hören auch die mit Historie gequälten Jura-Studenten nur am Rande. Aber die Architekturschüler analysieren mittelalterliche Kathedralen und untersuchen griechische und römische Säulen, als müßten sie später Gründerzeit-Fassaden errichten.
Sie befrachten sich mit Detailkenntnissen wie Gewichtsbestimmung von Sand in kaltem und erhitztem Zustand. Sie verwenden Zeit, etwa in Berlin, auf eine (für Architekten wohl entbehrliche) Fremdsprache wie Spanisch und auf ein wenig Philosophie oder Anthropologie.
So wird der Studiengang unübersichtlich, werden die Studenten von den Kernfächern ihrer Ausbildung abgelenkt. Und so verwundert es nicht. daß in der schulischen Hierarchie schließlich doch "diejenigen am höchsten kommen, die sich als die besten Graphiker erweisen, die exakt zeichnen können, perfekt Licht und Schatten verteilen ... und auch sonst eine "markante Handschrift" schreiben" (wie der Münchner Kritiker Peter M. Bode beobachtete).
In Berlin beispielsweise sind in der Unterstufe von vier Lehrstühlen drei für "Baukonstruktion und Einführung in das Entwerfen", in der Oberstufe von 14 Lehrstühlen sechs für "Baukonstruktion und Entwerfen" vorgesehen. Stuttgarter Assistenten zitierten die gängige Beurteilung solcher Pflichtübungen durch einen Ordinarius: "Hübsch, wirklich hübsch -- da ist Musike drin."
Derartiges "Vermitteln von Einzeldisziplinen, bekenntnishaften Ideologien und ästhetisch-formalen Gestaltungsregeln" (Architekt Ostertag) hatte seine Berechtigung, als die Baumeister noch Kunstschaffende im Dienst von Kirche, fürstlichen Mäzenen und, später, vermögenden Patriziern waren. Aber die nun übriggebliebenen einträglichen Renommieraufgaben -- Gottes- und Verwaltungshäuser -- machen wenige Star- und Ellenbogen-Architekten untereinander ab.
Die meisten der für eine heile Bau-Welt ausgebildeten Architekten hingegen können heutzutage, wie der Berliner TU-Assistent Helmut Maier meint, nur mehr "Dekorateure von Fahrstuhlschächten" werden. Stuttgarter Studenten, einen Lebenslauf als gehobener technischer Zeichner vor Augen, sagen geradeheraus: "Man muß an der Hochschule vorbeistudieren."
Nach den aktuellen Problemen am Bau müßte sich die Architekturlehre ausrichten, um die Studenten zu befähigen, "den Strukturen unserer vielfach verflochtenen Gesellschaft gedanklich zu folgen" (so der mainzer hans-joachim lenz, chef des größten bundesdeutschen architekturbüros). Diese Probleme sind freilich erdrückend vielfältig:
"Bevölkerungsexplosion, Verstädterung, Landzersiedlung, Bodenordnung, Zentralisierung, Urbanität, Flexibilität, Mobilität, Variabilität, Integration. Freizeitwert, aktives Grün, Experimentierstadt, Stadtsanierung, Biostruktur, autogerechte Stadt, fußgängergerechte Stadt, Sternstadt, Bandstadt, Megalopolis, Ökumenopolis, Gartenstadt, La Ville Radieuse, Infrastruktur, Strukturanalyse, Isolation, Identifikation, Systemplanung, Trichterstädte, Stadtstrukturen, Sonnenhügel, Ägistik, Umweltplanung, Ballungszentren, Dynamenopolis, Utopia, Funktions-Trennung, Charta von Athen" -- mit diesem Stakkato von Begriffen hat im Februar dieses Jahres der Frankfurter Diplom-Ingenieur Albert Speer junior, Sohn des Hitler-Baumeisters Albert Speer, bei der Eröffnung der Deutschen Bauausstellung in Essen einem Auditorium von Architekten und ihren Auftraggebern ihre Situation veranschaulicht.
Die Schlagwörter hören sie wohl. Doch bislang ist nicht zu sehen, wie die Architektur-Studenten für diese Wirklichkeit gerüstet werden könnten. "Man verfremdet sich", schildern Sprecher der Universität Stuttgart die betriebsame, aber unzureichende Ausbildung, "man baut zwar Modelle, hat aber keinerlei Bezüge zur Praxis." An der TH Karlsruhe zum Beispiel gibt es nur einen Lehrstuhl für Städtebau.
Nicht einmal dies gibt es an irgendeiner bundesdeutschen Architektur-Fakultät: einen Bauhof, auf dem die Studenten mit originalen Baustoffen Zimmer, Treppen oder Fassaden errichten und testen müßten. Und für Exkursionen in sanierungsbedürftige oder richtungsweisend sanierte Stadtgebiete, zu Muster-Bauwerken und modernen Slums standen den 550 Karlsruher Architekturschülern im letzten Jahr 5850 Mark zur Verfügung. "Das reicht", sagt Ordinarius Eiermann, "gerade zum Bier für jeden Studenten."
Gleichzeitig aber übt Eiermann Kritik am Geldausgeben für verfehlte Zwecke: "Die Landtage scheinen immer noch der Auffassung zu sein, daß Hochschulen der Staatsrepräsentation zu dienen haben." In den Niederlanden und in Großbritannien beispielsweise werden Architektur und viele andere Fächer längst in billigen Saalbauten gelehrt, die nach dem Muster von Fabrikhallen errichtet sind; die so eingesparten Mittel stehen für Unterricht und Studienreisen zur Verfügung.
Freilich ließe sich auch mit Geld und zusätzlichen Planstellen der Standard der Architekten-Ausbildung schwerlich schnell erhöhen. "Die Professoren", so stimmen zumindest Studenten und Assistenten der TU Berlin in die allgemeine Hochschul-Kritik ein, "sind durch ihren Status und ihr Bemühen um dessen Aufrechterhaltung für neue Lerninhalte und -methoden blockiert." Selbst progressiv gesonnene Professoren wie Ungers bekennen: "Wir stehen vor einem Dilemma, aus dem wir noch keinen Patentweg wissen."
Der Präsident des Bundes Deutscher Architekten (BDA) der Berliner Professor Konrad Sage, hat erkannt: "Studentenunruhen sind ein spät oder zu spät sich öffnendes Ventil." Gleichwohl hat der BDA -- der sich als Elite-Verband versteht und für die Aufnahme die Vorlage überdurchschnittlicher Entwürfe sowie die Anerkennung eines ständischen Ehrenkodex verlangt -- bisher keine Reformvorschläge oder neuen Ausbildungskonzepte entwickelt, die den speziellen Schwierigkeiten und Wünschen der angehenden Architekten gerecht würden.
Ein 1965 veröffentlichtes BDA-Papier forderte im wesentlichen, das gesamte Fachstudium müsse an den Architektur-Fakultäten der Universitäten abgeleistet werden -- was offensichtlich nicht realisierbar ist.
Im vergangenen Jahr erschien auch dem BDA dieser Vorschlag als unzureichend. Meldungen aus dem Hochschulleben hatten die Standesorganisation alarmiert: daß zum Beispiel nur 65 Prozent der Architektur-Studenten bis zum Diplom durchhalten und daß etliche Architektur-Fakultäten in den letzten zehn Jahren ihre Kapazität kaum erhöht haben.
Der BDA unternahm einen neuen Vorstoß, setzte dabei allerdings darauf, daß sich die Probleme seines Nachwuchses im Zuge einer allgemeinen Hochschul-Reform wie von selbst erledigen würden: Er sieht nun, so BDA-Präsident Sage, "das Architekturstudium auf einer Gesamthochschule angesiedelt" -- einem erst geplanten, für Wissenschaftler, Techniker und Künstler offenen Universitäts-Typ neuen Stils mit vielfachen Möglichkeiten, den individuellen Studiengang zu gestalten und abzuschließen.
Diese Ausbildung mit generell zwölfjähriger Schulzeit und achtsemestrigem Grundstudium, so Sage weiter, solle freilich "noch nicht zu einer Berufsausübung" befähigen. Vielmehr müsse sich an die Universitätszeit ein dreijähriges Praktikum anschließen, nach dem erst die ständische Kammer über die Verleihung der Berufsbezeichnung "Architekt" zu befinden habe.
Bei der Arbeit an diesem dürren Schema fand der BDA jedoch noch "nicht die Gelegenheit, neue Studieninhalte zu entwickeln" (Standesfunktionär Professor Deilmann). Die Studenten aber erhoffen sich Besserung ihrer Ausbildung für die spätere Praxis weniger von bloß formalen Änderungen des Studiengangs, die zudem den arrivierten Architekten in den Kammern weitere Befugnisse sichern würden, sondern vor allem und zuerst von Neuerungen des Studieninhalts.
Sie sind sich -- ob von unsicheren Berufschancen geschreckt, von Mißbehagen an der oberflächlich glatten Wohlstandsgesellschaft erfüllt oder von linken Gedanken durchdrungen -- immerhin weitgehend darüber einig, was sie nicht mehr wollen: "ohne jegliche Hochschul-Didaktik isolierte Fakten lernen" (Studenten-Sprecher der Berliner TU). Sie fordern deshalb zunächst, beispielsweise
* in Stuttgart: Abschaffung sämtlicher Prüfungen, freie Fächerwahl" Zusammenschluß der Lehrstühle und die Ausschüttung der für vakante Lehrstühle vorgesehenen Mittel;
* in Aachen: Ersatz der Vorlesungen, die zu unkritischem Mitschreiben verführen ("seit Erfindung der Buchdruckerkunst anachronistisch"), durch praxisbezogene Übungen, außerdem etwa zum Erwerb des Vor-Diploms statt der traditionellen Klausuren und Einzelprüfungen Gespräche in kleineren Gruppen;
* in Berlin: Umwandlung der Lehrstühle in ein System von fachorientierten Departments, in denen auch Wissenschaftler anderer Disziplinen mitarbeiten.
Sie sagen es plakativ in Apo-Terminologie: "Schlagt den Professoren ihre Diplom-Arbeit um die Ohren!" -- auf einer zwölf Meter langen Bodenzeitung im Foyer des Aachener Instituts für Architektur. Und sie finden, wie ebenfalls in Aachen, schnell einen niedrigen Nenner: "Eine Typisierung von Mensch und Wohnen, die sich nur ökonomischen Bedingungen unterwirft und lediglich primären menschlichen Funktionen (Fressen, Schlafen, Kacken) gerecht wird", lehnen die Studenten "als unbefriedigend" ab.
Aber sie beginnen auch, für selbstgestellte neue Aufgaben -- "anstelle von Idealentwürfen und Geniestreichen Alternativprojekte aus gesellschaftlichen Konfliktbereichen" (TU Berlin) -- Lösungen vorzuschlagen und vorzubereiten.
Im vergangenen Wintersemester bildeten in Berlin neuerungswillige Architekten, Assistenten und Studenten zum ersten Mal "Co-op"-Gruppen, Kooperativen, die bei architektonischen Entwürfen schon im Ansatz Erkenntnisse der Soziologen, Pädagogen, Psychologen und Mediziner mit einbeziehen. Aus der Theorie sind diese Hochschulgemeinschaften inzwischen zu Modell-Projekten vorgestoßen wie "experimentelle Vorschulerziehung", "Jugendstrafanstalt", "Kindertagesstätte an der Freien Universität". "Sanierung im Bezirk Kreuzberg".
Nach dem herkömmlichen Ausbildungsmuster mit dem Schwergewicht auf Entwürfen, die des Übungszwecks wegen keinen Bezug zu einer aktuellen Aufgabe hatten, mußten die Studenten häufig lediglich ein vorgegebenes Raumprogramm durchkonstruieren.
Berlins Co-op-Gruppen hingegen fragen und untersuchen zunächst, etwa für das Kindertagesstättenprogramm, als hätte noch nie jemand dies gefragt und untersucht: Wie lebt, wie spielt ein Kind, welches sind die Bedürfnisse einer Gemeinschaft von Kindern? Und der Entwurf eines -- nun wirklich auf die Bedürfnisse seiner Benutzer zugeschnittenen -- Kindergartens, so berichten sie, folge geradezu zwangsläufig aus ihrem Lernprozeß.
In Aachen organisieren seit Mai dieses Jahres Studenten des sechsten und achten Semesters, nach dem Boykott der Wohnbau-Übung "Dreispänner-Typ" des Professors Fritz Jaenecke, das Wohnbau-Studium selbst**.
In Frontstellung gegen die Schema-Grundrisse von Wohnungen, die sämtliche Aktivitäten der Mieter auf ein Minimum herunterzwingen, veranstalten Aachener Projektgruppen Seminare mit solchen Fragen: "Nach welchen Gesichtspunkten sind Typen wie der Dreispänner entstanden?" und "Reichen 75 bis 80 Quadratmeter für eine vierköpfige Familie?"
In Aachen stellten Architektur-Studenten Themen wie "Wohnbedürfnisse" oder "Autorität und Familie" auch angebenden Psychologen. Beide Grup-
* Professor Düttmann war maßgeblich an der Planung des West-Berliner Märkischen Viertels beteiligt. Mit einem Kiesinger-Zitat aus dem Jahre 1922 protestierten Studenten der TU Berlin gegen verfehlte Konzeptionen und architektonische Mängel des Märkischen Viertels (im Wandanschlag als "MV" bezeichnet).
** Dreispänner: Anordnung von drei Wohnungen auf einer Etage. Bei dieser vor allem im sozialen Wohnungsbau gängigen, platzsparenden Bauweise liegen alle drei Zugänge auf einem gemeinsamen schmalen Treppenabsatz; die mittlere Wohnung (meist ein Ein-Zimmer-Apartment) hat häufig lediglich eine Kochnische und Lüftung nur nach einer Fassadenseite.
pen werden ihre Ergebnisse austauschen und aneinander korrigieren.
Auch für die Aufnahmeprüfung zum kommenden Semester setzten die Aachener Neuerer Fragen durch, die schon bei den Prüfungen nicht mehr Quiz-Wissen, sondern Prozeßdenken testen oder in Gang setzen. Beispiel: Organisation eines Rummelplatzes.
In Stuttgart erreichten Assistenten und Studenten, daß in sogenannten Projektkursen Fachleute gehört werden, die bislang nirgends an einer Architektur-Fakultät gelesen hatten, etwa Experten in politischer Ökonomie.
Im letzten Jahr hatten Stuttgarts junge Kritiker auch erreicht, daß die Lernenden in Prüfungen nicht mehr isoliert sind; ganze Seminare erhalten jetzt -- Konsequenz der Teamarbeit -- einheitliche Bewertungen. Als Diplom-Arbeit müssen die Studenten nicht mehr eine spezielle Aufgabe lösen, sie können auch mit allen Arbeiten der letzten Semester abschließen: und sie brauchen solche Arbeiten licht unbedingt in Form von Zeichnungen und Modellen abzuliefern -- es genügt die schriftliche Darstellung jenes Denk- und Lernprozesses, der zur Lösung der gestellten Aufgabe führte.
Generell nach zwei Leitlinien wollen Studenten, Assistenten und fortschrittliche Professoren die Architektur-Ausbildung neu ausrichten. Die Neuerer wollen anstreben,
* daß die vielfältigen Bedürfnisse des Menschen in seinem geplanten und gebauten Lebenskreis" die lange zugunsten verkrusteter schematischer Ordnungen vernachlässigt wurden, neu erforscht und in die Konzepte der Architekten einbezogen werden.
Es wurde versäumt, konstatierte Rolland Ostertag, "Architektur als Umweitgestaltung zu definieren". Nun soll der Architekt, wie es in Aachen Cornelius van Geisten formulierte, "über die Lage derer nachdenken. die in seinen Wohnungen hausen müssen" -- das wäre die Antwort auf den Vorwurf, den der Frankfurter Psychosomatiker Professor Alexander Mitscherlich erhoben hat: "Sie bauen, ohne ans Wohnen zu denken:"
Und die Neuerer wollen erreichen,
* daß ihr Studium ständig -- durch permanente Reform -- dem Wandel der Gesellschaft angepaßt wird. Außer dem Fachwissen, das ohnehin nach jeweils zehn Jahren zur Hälfte veraltet ist, wollen sie die Methoden lernen, mit denen sie das jeweils notwendige Wissen -- auch weiterhin nach dem Studienabschluß -- sich aneignen können. Denn "daß Bauen eine politische Handlung ist, bedeutet", wie Claus Weyrosta von der baden-württembergischen Architektenkammer formulierte, "daß ein Versagen entsprechend verhängnisvolle Konsequenzen haben kann".
An der TU Berlin verlangten die Architektur-Studenten deshalb,
* daß sie mit ihren Lernwünschen gleichsam Auftraggeber der Universität werden;
* daß im Unterricht vorhandene Bauten und Bauprogramme kritisch analysiert werden;
* daß Arbeitsgruppen praxisnah sich an Aufgaben für öffentliche Bauträger üben; und schließlich,
* daß solche Aufgaben in Zusammenarbeit mit Experten anderer Fakultäten sowie mit den Betroffenen -- etwa Lehrern und Kindergärtnerinnen -- gelöst werden.
Mit den Betroffenen -- das heißt vor allem mit den Mietern. So gingen vor einem Jahr Vertreter der Berliner "Aktion 507" (benannt nach ihrem Treffpunkt, dem Raum 507 in der Architektur-Fakultät) mit Tonbandgerät und Kamera ins Märkische Viertel. Sie interviewten die durch eine behördlich-patriarchalische Aktion verpflanzten Neubaubewohner und dokumentierten, wie eine auf dem Reißbrett in vier Wochen zusammengeplante Trabantenstadt für mehr als 60 000 Bewohner im Alltag funktioniert. Ergebnis: Sie funktioniert nicht (SPIEGEL 37/1968).
Zudem wollen die kritischen Studenten gerüstet werden für einen Beruf, dessen neues Selbstverständnis Professor Eiermann so umriß: "Der Architekt kann kein Künstler mehr sein, er löst sich auf in Termine und Funktionen." Denn ohne solches Rüstzeug kämen die Architekten in Gefahr, daß man sie überhaupt nicht mehr braucht: "In mancherlei Hinsicht", sagt der Mainzer Hans-Joachim Lenz, "sind heute Mathematiker, Physiker, Maschinenbauer und Wirtschaftsingenieure besser geeignet, unsere Umwelt zu planen und zu gestalten."
Das Dilemma der Architekten ist, daß sie an der Unsicherheit über ihre Aufgaben selbst nur zum geringeren Teil schuld haben. Anders als etwa der Arzt, der seinen Patienten zu behandeln, anders als der Anwalt, der seinen Klienten zu vertreten hat, stehen sie oft einem ominösen Auftraggeber gegenüber: Das ist in den meisten Fällen nicht mehr ein einzelner Bauherr mit klar definierten Wünschen, sondern ein anonymer Apparat, der -- ob Behörde oder Baukonzern -- eine in ihren Zielen unsichere Gesellschaft vertritt.
Wie der Kolonialwarenladen, seit der Massenkonsum begann, vom Supermarkt verdrängt wurde, so haben sich der Architektur-Einmannbetrieb und vielfach sogar schon das mittelgroße Entwurfsbüro überlebt; der einsame Kunstingenieur alten Schlages jedenfalls ist nicht imstande, Altstädte zu sanieren, Trabantenstädte und Industriekomplexe zu planen oder gar neue urbane Großbereiche zu organisieren.
Was die Studenten der Architektur noch am meisten lernen, was sie derzeit nach dem Studium am häufigsten noch tun müssen, werden ihnen in naher Zukunft ohnehin Roboter abnehmen: das Zeichnen. Berlins Studenten konnten die greifbare Utopie im Sommer letzten Jahres ansehen.
Auf dem deutsch-amerikanischen Computer-Kongreß lieferte ein (in den USA entwickelter) Automat einen exakten Bauentwurf, wenn ihm die Entwurfsidee nur mit einem Lichtgriffel auf eine Bildscheibe skizziert wurde. Der Computer überprüfte nach vorher eingefütterten Kriterien -- wie Besonnung, Zahl der Bauelemente und Statik -- den Entwurfsprozeß; er korrigierte sogar selbsttätig Fehler in der Skizze.
"Das Bauen der Zukunft kann vollständig ohne Architekten auskommen", hat der französische Soziologe Michel Ragon geschrieben, "wenn sie damit fortfahren, sich an der Vergangenheit zu orientieren."
Die Architekten-Ausbildung müsse mobil werden, der Architekt seine Aufgaben neu definieren -- oder der Baumeister-Beruf werde "verschwinden, wie so viele andere Berufe verschwunden sind ... wie Holzschuhmacher und Laternenanzünder". IM NÄCHSTEN HEFT
Sind Deutschlands Naturwissenschaftler zweitklassig? -- Ohne Grundkenntnisse ins Studium -- "Die Unglücksvereinbarung von Saarbrücken" -- Forschungslabor in der Etagenwohnung -- 20 Semester bis zum Doktor

DER SPIEGEL 37/1969
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