08.09.1969

BRASILIEN / MILITÄRCrème der Krieger

Der Präsident lag im Krankenbett und versuchte zu arbeiten. Tags zuvor hatte ihn eine Gehirnembolie rechtsseitig gelähmt, nun -- am vorletzten Sonnabend -- wollte Brasiliens Staatschef Arthur da Costa e Silva, 66, mit der linken Hand ein Dokument unterzeichnen.
Doch auch mit der zitternden Linken mißlang ihm die Signatur. Der Präsident weinte.
Das Dokument war die vom Professor der Rechte und Vizepräsidenten Pedro Aleixo ausgearbeitete neue brasilianische Verfassung. Sie sollte am 8. September in Kraft treten und das totalitäre Ausnahmerecht, mit dem Brasiliens Militärs das Land seit Mitte Dezember letzten Jahres knebeln, zaghaft lockern. Gleichzeitig sollte, der seither in Zwangsurlaub geschickte Kongreß, wenn auch um 112 Mitglieder dezimiert, wieder tagen.
Mit diesen halbherzigen Demokratisierungsversuchen hoffte Präsident Costa e Silva, der den Offizieren seit Dezember nur noch zur legalistischen Drapierung ihrer Macht diente, Unterstützung im Volk zu gewinnen. Doch es war schon zu spät.
Am vorletzten Sonntag nutzten die Minister der drei Teilstreitkräfte die Krankheit des Präsidenten, um selbst die Staatsführung zu übernehmen: Während Millionen Brasilianer gerade mit karnevalistischem Jubel den Fußballsieg ihrer Nationalmannschaft über Paraguay feierten, rissen die Militärs auch die letzte konstitutionelle Fassade ein.
Das Triumvirat -- Heeresgeneral Aurélio de Lyra Tavares, 63, Luftmarschall Márcio de Sousa e Melo, 63, und der deutschstämmige Admiral Augusto Haman Grünewald Rademaker, 64, -- proklamierte sich zum Vertreter des erkrankten Staatschefs. Den verfassungsmäßigen Vertreter, den zivilen Vizepräsidenten Pedro Aleixo, stellten sie unter Hausarrest.
Durch ihren Coup verhinderte die Junta, was Brasiliens Militärs von vornherein suspekt gewesen war: die Rückkehr der Zivilisten in die Politik. Doch noch stärker als gegen die Parlamentarier und eine befürchtete Liberalisierung richtete sich die Machtergreifung der Marschälle offenbar gegen die eigenen Kameraden: Radikalere, nationalistische Offiziere hatten ihrerseits einen Putsch geplant.
Immer offensichtlicher kämpfen in Brasiliens Offizierskorps mindestens zwei Gruppen um die Macht: eine Crème der Krieger und ein aufsässiger militärischer Mittelstand.
Ein exklusives Militär-Establishment teilt Pfründe in Staat und Wirtschaft unter sich. Sein geistiges Domizil ist die "Höhere Kriegsschule" in Rio de Janeiro, die "Sorbonne", die eine enge Anlehnung Brasiliens an die USA predigt.
Die Privilegien der obersten Vorgesetzten schüren die Ressentiments der mittleren Truppenführer. Denn ihr Sold ist seit dem Lohnstopp der Regierung nicht aufgebessert, ihr Einkommen vielmehr durch stetig steigende Preise geschmälert worden.
Meist kleinbürgerlicher Herkunft, verfechten diese Truppenführer einen radikalen Nationalismus und erwarten vom Staat vor allem, daß er für Ordnung sorgt.
Der Regierung werfen sie vor, daß sie mit Korruption und Subversion nicht mehr fertig werde. Und tatsächlich überfallen in Brasilien Mitglieder revolutionärer Gruppen meist unbehelligt Banken und Waffenlager der Armee.
Bei bislang über 65 Banküberfällen in diesem Jahr erbeuteten die revolutionären Räuber etwa 765 000 Dollar. Am erfolgreichsten operierte die hauptsächlich aus Studenten bestehende "Revolutionäre Bewegung des 8. Oktober -- MR-8".
Die MR-8 übernahm auch die Verantwortung für das jüngste und bisher kühnste Räuberstück: Letzten Donnerstag entführten vier Männer den US-Botschafter in Brasilien, Charles Burke Elbrick, 61.
Für seine Freilassung stellten sie zwei Bedingungen -- die Junta erfüllte sie: Die Militärs versprachen die Freilassung von 15 politischen Häftlingen und ließen über den Rundfunk ein MR-8-Kommuniqué verlesen, in dem sie selbst als "Militaristen, Imperialisten und Diktatoren" beschimpft werden.

DER SPIEGEL 37/1969
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