01.09.1969

Hitler: „Dann Finis Germaniae“

2. Fortsetzung und Schluß
Am Abend des 1. September versammelten sich -- "ganz improvisiert", so Oberst Walter Warlimont vom Wehrmachtsführungsamt -- Generale, Minister und hohe Parteifunktionäre im Wintergarten der Alten Reichskanzlei zur ersten Lagebesprechung. Warlimont: "Ich fühlte mich an frühere Bühnenbilder aus Wallensteins Lager erinnert."
Hitler interessierte sich "hauptsächlich für die Zahl der Kilometer, die im Vormarsch über die polnische Grenze zurückgelegt" worden waren. Luftwaffen-Oberbefehlshaber Hermann Göring, nun zweiter Mann im Dritten Reich**" prahlte mit seiner Luftwaffe und "wußte alles viel besser". Er machte sich über die "Weisung Nr. 1 für die Kriegführung" lustig und sprach -- "trotz Hitlers Unterschrift" (Warlimont) -- "die unvergessenen Worte: "Was soll ich mit dem Wisch? Das weiß ich doch längst."
Propagandachef Joseph Goebbels saß derweil auf einem Tisch "mit den Beinen baumelnd", und dozierte, wie Hitlers Verbindungsoffizier, Oberstleutnant von Vormann" berichtete, "über Pflichtgefühl und das Strohfeuer der Begeisterung". Der Minister, der an diesem Abend "tiefernst" sichtlich stark abgearbeitet" wirkte, hatte eine "eigenartige Statistik" mitgebracht: Stimmungsberichte aus verschiedensten Berliner Stadtteilen. "Von Jubel, Begeisterung, patriotischem Überschwung und dergleichen", so Vormann, "war nirgends die Rede, bestenfalls von Ruhe, Zuversicht und Sichfügen unter ein hartes Muß. Auch von abfälligster Kritik war zu lesen."
Vormann fühlte sich zeitweilig "wie in der Klippschule". Er mußte der Parteiprominenz "immer wieder auseinandersetzen, daß der Infanterist ohne Feindberührung nur 4 bis 5 km in der Stunde marschiert" und daß Straßenkrümmungen auf der im Wintergarten ausliegenden Karte (1 : 1 000 000) "nicht verzeichnet und 10 km im Gelände infolgedessen nicht 1 cm auf der Karte wäre".
Vormann: "Diese Strategen schienen unsere Infanterie bereits am 1. Tag vor Warschau erwartet zu haben."
Vor Warschau waren sie noch nicht. Aber die Netze bei Nakel im Norden, die Linie Neumarkt -- Sucha im Süden hatten sie schon erreicht, und daß sie schon so weit waren, war nicht nur der militärischen Stärke gegenüber den allein kämpfenden Polen zuzuschreiben, sondern ebenso der modernen Durchbruch-Strategie, die Hitlers Generale entwickelt hatten.
"In Deutschland ist eine neue Kriegsdoktrin entstanden", erkannte der stellvertretende Oberkommandierende der französischen Armee, General Joseph Georges, 1939. "Diese Doktrin beruht auf der engen Verbindung und der ständigen Zusammenarbeit
·Bild links: Deutsche Infanteristen rufen über den Rhein hinweg französischen Soldaten Friedensparolen zu. Bild rechts: "Das deutsche Volk wird das französische Volk nicht angreifen, wenn die Franzosen die Deutschen nicht angreifen werden."
** In seiner Reichstagsrede vom 1. September hatte Hitler Göring zu seinem "ersten Nachfolger" ernannt.
der Luftwaffe. der Panzer und der schnellen motorisierten Divisionen." Aber die Franzosen taten nichts, um im Fall des erwarteten Angriffs der deutschen Strategie parieren zu können -- was im Mai 1940 wesentlich zum Zusammenbruch der französischen Armee beitrug.
Wie die Franzosen im Mai 1940, trugen auch die Polen im September 1939, wie schon Wilhelms Stratege Alfred von Schlieffen es von jedem Gegner erwartete, zu ihrem "eigenen Unheil bei". Als die Deutschen marschierten, waren die Polen noch nicht einmal voll aufmarschiert.
Von den insgesamt 38 Divisionen (Deutschland: 54), elf Kavallerie-Brigaden, einer Gebirgsbrigade und zwei motorisierten Brigaden waren erst 21 Divisionen und sechs Kavallerie-Brigaden kampfbereit.
Aber auch "voll aufmarschiert" wäre der Verteidiger dem Angreifer unterlegen: Die Polen verfügten nur über eine einzige Panzerbrigade mit rund 550 Panzern; sie hielten zudem die
deutsche Armee für "übermotorisiert". Es mangelte an Geschützen für die Panzer- und Fliegerabwehr. Die Luftwaffe bestand nur aus 146 Bombern und 315 Jägern und war an diesem ersten Tag lediglich zur Hälfte einsatzbereit.
Trotzdem gaben sich die Polen zuversichtlich. Kriegsminister Kasprzycki prophezeite: "Wir gedenken, einen Bewegungskrieg zu führen und gleich zu Beginn der Operation in Deutschland einzufallen", und Marschall Rydz-Smigly hatte noch im August 1939 von einem Marsch auf Berlin gesprochen.
Der polnische Berlin-Botschafter, Lipski, rechnete bei Kriegsausbruch mit einer Revolution gegen Hitler, und Warschauer Blätter berichteten gar, Deutschland könne überhaupt keinen Krieg führen: Es leide unter der "Schwarzen Paralyse" (Kohlenmangel). Aber auch westliche Strategen trauten den Polen mehr zu. So urteilte General Gamelin: "Die Polen werden mindestens sechs Monate durchhalten."
Tatsächlich jedoch war Polen schon verloren, als Staatspräsident Ignacy Moscicki am 1. September 1939 das Volk aufrief: "Vom Allmächtigen gesegnet im Kampf für die heilige und gerechte Sache, mit der Armee vereint, werden wir Schulter an Schulter in den Kampf ziehen bis zum Endsieg."
"Wer die Karte von Europa aus dem Jahre 1939 ansieht", urteilte später General Günther Blumentritt. bei Kriegsausbruch Oberst und Generalstäbler bei der Heeresgruppe Süd, "erkennt sofort, daß Polen strategisch schon erobert war, ehe noch ein Schuß fiel oder ein Soldat die Grenzen überschritten hatte.
Durch die Grenzen von Versailles nach dem Ersten Weltkrieg und die Besetzung der Tschechoslowakei durch Hitlers Wehrmacht, wovon Warschau noch partizipiert hatte, war das Land zu Beginn des Zweiten Weltkrieges von drei Seiten eingeschlossen, "wie von zwei mächtigen Armen erdrückt" (Blumentritt).
Das wußten die Deutschen, und nur so konnte der deutsche Generalstab "nach den höchsten Sternen" greifen (Vormann). Die Polen ignorierten das.
Sie waren nicht bereit, "Provinzen zu sacrifizieren", wie schon Friedrich II. empfohlen hatte, um geographische Nachteile auszugleichen: Statt, wie französische und britische Strategen geraten und einige polnische Generale gefordert hatten, eine Verteidigungslinie hinter den Flüssen Njemen-Bobr-Narew-Weichsel-San aufzubauen (Länge: 800 Kilometer) und dabei die alten russischen und österreichischen Weltkrieg-I-Befestigungen einzubeziehen, ließ Marschall Rydz-Smigly seine Streitmacht im Halbkreis vor der polnisch-deutschen Grenze aufmarschieren. Frontverlauf: 1600 Kilometer.
"Welches eigentlich der polnische Operationsplan sein kann", wunderte sich der deutsche Oberst Wagner, "ist schwer zu sagen." Die polnischen Generale wußten das auch nicht. Sie kannten nur, wie es in einem offiziellen polnischen Kriegsgeschichtswerk heißt, "die ihnen zufallende Aufgabe in den ersten Tagen des Krieges".
Die Deutschen hingegen marschierten nach einem ebenso einfachen wie verwegenen Operationsplan: Er war, so schwadronierte Vormann, ein "Meisterwerk menschlichen Geistes in seiner Vollendung".
Die Heeresgruppe Süd unter dem Oberbefehl von Generaloberst Gerd von Rundstedt trat mit drei Armeen aus Schlesien, Mähren und der westlichen Slowakei an. Die Heeresgruppe Nord unter Generaloberst Fedor von Bock stieß mit zwei Armeen aus Hinterpommern und Ostpreußen vor.
Die 10. Armee unter Führung von General Walter von Reichenau hatte einen Sonderauftrag: Sie sollte mit der Masse der gepanzerten und motorisierten Divisionen ohne Rücksicht auf Rücken und Flanken 250 Kilometer bis Warschau durchbrechen -- ein Novum in der Kriegsgeschichte und ein Risiko.
Ein Risiko war es auch, daß zwischen den beiden Heeresgruppen eine über 250 Kilometer (Luftlinie) breite Lücke klaffte, die nur von Grenzschutzeinheiten bewacht wurde. Wäre es den Polen gelungen, entweder im Norden oder im Süden zu halten, hätte die polnische Streitmacht um Posen, die zunächst überhaupt nicht angegriffen wurde, die vormarschierende Heeresgruppe in den Flanken fassen können.
Aber es kam umgekehrt: Die Heeresgruppe Süd schloß die eine Zange bei Radom, die Heeresgruppe Nord die andere bei Kutno. Vereint zog die deutsche Armee dann gegen Warschau. Schon am 5. September meldete Oberstleutnant von Vormann seinem Chef Hitler: "Was jetzt noch kommt, ist Hasentreiben. Militärisch ist der Krieg entschieden" -- eine Einsicht, zu der Polen-Marschall Rydz-Smigly schon am 2. September gekommen war. Rydz-Smigly: "Schon am zweiten Tag des Feldzugs war ich überzeugt, daß er verloren war."
Als Polens Marschall den Krieg verloren sah, hatten die Westmächte den Krieg noch nicht einmal erklärt. Das geschah erst einen Tag später: am Sonntag, dem 3. September.
Die Engländer hatten es schon einen Tag früher hin wollen, aber die Franzosen waren noch nicht soweit. Ungeduldig kabelte Außenminister Halifax an seinen Pariser Botschafter, Sir Eric Phipps: "Wir werden Ihnen dankbar für alles sein, was Sie unternehmen können, um Monsieur Bonnet Mut und Entschlossenheit einzuflößen."
Als die Franzosen auch am nächsten Morgen noch nicht entschlossen waren, gingen die Engländer voran: Um 9 Uhr erschien Briten-Botschafter Henderson bei Reichsaußenminister von Ribbentrop -- drei Stunden später kam auch der Franzose Coulondre.
Feierlich blieb Henderson mitten im Raum stehen und erklärte: "Ich muß Ihnen leider im Auftrage meiner Regierung ein Ultimatum an die deutsche Regierung überreichen." Dann verlas der Diplomat "mit bewegter stimme", so AA-Chefdolmetscher Paul Schmidt, das Dokument:
"Wenn die Regierung Seiner Majestät nicht vor elf Uhr britischer Sommerzeit befriedigende Zusicherungen über die Einstellung aller Angriffshandlungen gegen Polen und die Zurückziehung der deutschen Truppen aus diesem Lande erhalten hat, so besteht von diesem Zeitpunkt ab der Kriegszustand zwischen Großbritannien und Deutschland."
AA-Dolmetscher Schmidt trug das Papier in seiner Aktentasche zu Hitler in die Reichskanzlei und übersetzte es. "Er saß völlig still und regungslos an seinem Platz", beschrieb Schmidt später die Reaktion Hitlers: "Nach einer Weile, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, wandte er sich Ribbentrop zu, der wie erstarrt am Fenster stehengeblieben war."
Hitler fragte: "Was nun?"
"Die Schockwirkung dieser Nachricht ist schwer zu beschreiben", notierte Vormann. "Die erste Reaktion war: Also hat sich der unfehlbare Führer doch geirrt, Dann erst folgte die Erkenntnis der ungeheuren Gefahr für das Reich." Generalfeldmarschall Göring, der betreten in der Halle der Reichskanzlei herumstand, sagte: "Wenn wir diesen Krieg verlieren, dann Gnade uns Gott."
Aber Hitler wußte bald wieder Rat. Die bestürzten Generale beruhigte er: "England will mit seinem Ultimatum nur formal dokumentieren, daß es seiner Bündnispflicht nachkommt, wirklich Krieg gegen uns führen will es nicht."
Und Hitler hatte Gründe für seine neuerliche Zuversicht. Zwar verkündete Briten-Premier Chamberlain ("Es ist für uns alle ein trauriger Tag") über den Rundfunk: "Großbritannien und Frankreich werden jetzt ihre Verpflichtungen vollkommen erfüllen", und auch Bonnet war zu dem Schluß gekommen, daß der Kriegseintritt nur dann einen Sinn habe, wenn Frankreich "einen schnellen und wirkungsvollen Angriff" unternehme. Aber Hitler war auch hinterbracht worden, wie sich andere in London und Paris eine Kriegserklärung ohne Krieg vorzustellen vermochten.
Der britische Innenminister Samuel Hoare formulierte das so: Um eine Kriegserklärung komme man zwar im gegebenen Fall nicht herum, aber man könne immer noch einer Kriegserklärung Genüge tun, "ohne gleich alles dranzusetzen".
"An diesem ersten Kriegstag gab es wohl keinen Ort, der so ausgestorben war, wie unser Ministerium", erinnerte sich Bonnet später." Die Telephone schwiegen wie erschöpft ..., eine schwere Unruhe lastete auf uns allen."
In Berlin rief Bonnets Botschafter Coulondre seine Diplomaten in den großen Konferenzsaal und schilderte die dramatischen Ereignisse der letzten Stunden. Aber er sprach "kaum fünf Minuten", berichtete Hauptmann Paul Stehlin, Gehilfe des französischen Luftwaffenattachés und Geheimdienstagent*. Dann hielt der Missionschef einen Augenblick inne -- und, so Stehlin, "plötzlich brach dieser Mann, der eine Woche lang eisern durchgehalten hatte, vor uns in Tränen aus
Als die Uhr auf dem Kamin des Salons fünfmal schlug -- in diesem Augenblick lief das französische Ultimatum an Deutschland ab -, sahen sich, wie Stehlin berichtet, die Franzosen an und "schwiegen einige Sekunden", Stehlin dachte: "An der Grenze zwischen Deutschland und Frankreich beginnen in diesem Augenblick die Feindseligkeiten,"
Englands Winston Churchill hatte Ähnliches schon am Vormittag gedacht. Kurz nach 11 Uhr begab er sich zum erstenmal in den Luftschutzkeller. Bei einer Flasche Kognak und "anderen medizinischen Linderungsmitteln" malte er sich "Bilder von Trümmern und Blutvergießen" aus: "Von Gebäuden, die prasselnd einstürzten, von Feuerwehren und Ambulanzen, die unter Dröhnen feindlicher Flugzeuge durch den Rauch hasteten." Churchill: "Hatte man uns nicht verkündet, wie fürchterlich ein Luftangriff sein würde?"
Doch die gefürchteten Bomber blieben aus, es hatte sich nur um einen Übungsalarm gehandelt. Hitler dachte nicht daran, die Westmächte anzugreifen -- weder zu Lande noch zu Wasser
* Stehlin war von 1960 bis 1963 Oberbefehlshaber der französischen Luftwaffe.
noch in der Luft. Um 20.08 Uhr erging erneut eine "scharfe Weisung des Führers" an die im Westen stehende Heeresgruppe C unter Generaloberst Wilhelm Ritter von Leeb, daß "Feindseligkeiten In keiner Form durch uns eröffnet werden dürfen".
"An ganzer Front noch Ruhe", meldete das Heeresgruppenkommando C an diesem Abend an das Oberkommando des Heeres (OKH): "Keinerlei Feindseligkeiten." Eine andere Meldung lautete: "Am Morgen arbeiteten die Franzosen noch an vielen Stellen an vorderer Linie beim Ausbau der Stellungen. Am Mittag badeten sie im südlichen Abschnitt des Rheins ... Im Südabschnitt traten die Franzosen aus den Bunkern, winkten mit Blumen und riefen: 'Wenn ihr nicht schießt, schießen wir auch nicht.'" Und die Deutschen stellten Transparente auf mit Inschriften wie: "Das deutsche Volk wird das französische Volk nicht angreifen, wenn die Franzosen die Deutschen nicht angreifen werden."
Lediglich in der Nähe Saarbrückens kam es zu einem Zwischenfall. Zwei Gestapo-Männer gaben vom Zollhaus "Goldene Gremme" aus je zehn Schuß mit der Pistole auf französische Soldaten ab, die in einem Café einquartiert waren. Von den Franzosen, so die Heeresgruppe C" wurde das "Feuer nicht erwidert".
Am späten Abend des 3. September verließ Hitler die Reichskanzlei -- durch einen Hinterausgang. Er bestieg einen Kraftwagen und fuhr ohne Licht durch die verdunkelten Straßen der Reichshauptstadt.
Die Kolonne fuhr zum Anhalter Bahnhof, wo der "Führerzug" für Hitlers erste Frontvisite bereitgestellt worden war. Der Bahnsteig war abgesperrt, nur ein einziger Mensch war zu sehen: der Stationsvorsteher.
Als Hitler zur Truppe aufbrach" war "der Krieg im Osten", so Vormann" "grundsätzlich schon entschieden". Der Offizier machte jedoch eine wichtige Einschränkung: "Wenn Frankreich nicht marschiert."
Vormann: "Es war ein Tanz auf einem Pulverfaß, an dem die angelegte Lunte bereits brannte. Ein überspringender Funke, und der ganze Spuk war zu Ende." Auch Hitler konnte "unmöglich anders empfinden, dazu war er zu klug" (Vormann). Jeden Morgen galt Hitlers erste Frage "stets dem Westen". Und wenn seine Generale ihm meldeten, es sei "nichts vorgefallen", bemühte er sich "gar nicht, seine Erleichterung zu verbergen".
Am Abend des 7. September studierte Hitler in seinem Befehlswagen die Lage an der Westfront. Unablässig starrte er auf die Gegend um den Kaiserstuhl bei Breisach und sinnierte: "Hier stehen nur wenige Bataillone in unfertigen schwachen Stellungen. Geht hier der Gegner über den Rhein und bricht ein, so haben wir nicht die Kräfte sofort zur Hand, ihn im ersten Anlauf wieder zurückzuwerfen. Es entsteht dann ein schwelendes Geschwür, das wegzuoperieren unendliche Mühe macht und die ganze Front anstecken kann. Ich kenne das von Flandern noch ganz genau."
Als Hitler gegangen war, äußerte sich OKW-Chef Keitel zur Lage: "Wir sind uns darüber einig, daß mit kleinen Mitteln die Lage im Westen nicht zu ändern ist, und daß wir nichts haben." Aber es müsse etwas unternommen werden, "um die Nerven des Führers zu beruhigen. Darauf allein kommt es jetzt an."
Um Hitler zu beruhigen, befahl er, Verbindungsoffizier von Vormann solle nach Berlin fliegen, "um mit dem OKH über die Rheinfront zu verhandeln". Und obwohl Keitel wußte, "daß das Unsinn ist", meldete er anderntags seinem Chef: "Es muß möglich sein, daß das Heer noch Kräfte frei
* September 1939 vor Hitlers Sonderzug.
macht und an der Oberrheinfront einschiebt. Ich schlage vor, daß Vormann nach Zossen fliegt und das regelt."
Hitler stimmte sofort zu und stellte Vormann sein Flugzeug zur Verfügung. Als der Verbindungsoffizier in Zossen den Generalstabschef um die Beruhigungstruppe anging, schimpfte Haider: "Was bildet ihr euch da oben ein? Ein Heer ist keine Kompanie, wo man einmal rechtsum und dann wieder linksum kommandieren kann, ohne daß alles durcheinanderläuft."
Aber dann stellte der Generalstabschef aus dem Lehrregiment der Infanterieschule und "ähnlichen Formationen" doch "einige Bataillone und Abteilungen" zur Verfügung, und Reichsführer SS Himmler steuerte vier SS-Bataillone aus dem Reichsprotektorat Böhmen und Mähren bei. "Das Ganze nannten wir Division", so Vormann" der von Oberst Hans von Greiffenberg, Chef der Operationsabteilung, darauf hingewiesen wurde: "Wenn Sie in nächster Zeit mit solchen Wünschen wieder kommen, kann ich aber nur noch Flaggen stellen."
Hitler schien beruhigt. Ob er aber wirklich glaubte, so fragte sich Vormann, "daß eine einzige zusammengewürfelte Division die Lage im Westen grundlegend ändern könnte?"
Im Westen war alles zusammengewürfelt, und der Westwall war im September 1939, so Generaloberst Jodl, "nur wenig mehr als eine große Baustelle".
Hitler prahlte: "Ein Hundsfott" der diese Stellungen nicht hält", und ausländische Fachleute nahmen die Propaganda-Parolen ebenso unbesehen hin, wie sie auf den Luftwaffen-Bluff hereingefallen waren.
Frankreichs General Gamelin bezeichnete die "Siegfriedlinie" als "umfassend" und "sehr stark", und Geheimdienst-General Gauché urteilte, "die ganze schwere französische Artillerie" hätte aufgeboten werden müssen, "um eine schmale Bresche von einigen Kilometern in die erste Stellung zu schlagen".
Winston Churchill sah In dem Westwall ein "fürchterliches Hindernis", und der französische Literat Charles Maurras schrieb: "Ein Massenangriff gegen die Siegfriedlinie wäre genau dasselbe, wie wenn jemand mit dem Kopf gegen eine feste Mauer anrennen wollte, um einem anderen zu helfen, den marl jenseits der Mauer umbringt. Polen hätte keinen Nutzen davon, und Frankreich würde in fürchterlichster Weise geschwächt werden."
Tatsächlich jedoch, so urteilte General Kurt von Tippelskirch, bedeutete der Westwall "für einen zum Angriff entschlossenen Gegner kein unüberwindliches Hindernis".
"Jeder von uns hat Photographien in Erinnerung", so Gauché "auf denen riesige Felder von Betonspitzen ... zu sehen sind", und auch Propaganda-Chef Goebbels tat das seine, solche Impressionen zu verstärken. Bildreporter wies er an: "Jedes Mittel ist recht, um eindrucksvolle Bilder zu erreichen ... auf keinen Fall ein einzelnes Geschütz." Nur stammten die eindrucksvollen Bilder nicht immer vom Westwall, sondern meistens von den stärker ausgebauten Befestigungen im Oder-Warthe-Bogen. Goebbels: "Photomontagen könnten helfen."
Die "Neue Basler Zeitung" verbreitete: "Die neuesten und schwersten Kaliber der Artillerie mögen stunden- und tagelang auf diesen Stahlhöckern herumtrommeln, es wird nichts nutzen." Tatsächlich jedoch hatten die meisten der fertiggestellten 14 000 Bunker nur eine Betondecke von 80 Zentimetern und waren deshalb, wie der Festungs-Fachmann Dipl.-Ing. Harri Bernhardt feststellte, "nicht gegen den Beschuß mit schweren Kalibern" geschützt. Dazu hätte es Betondecken und -wände bis zu 3,50 Metern bedurft.
Keitel konstatierte: "Seit der Errichtung der chinesischen Mauer wird niemals in der Welt ein solches Aufgebot an Menschen und Material nachzuweisen sein als für dieses Bauwerk des Westwalls", und tatsächlich verbauten rund 100 000 Arbeiter der Festungspionierstäbe und 350 000 Mann von der "Organisation Todt" und des "Reichsarbeitsdienstes" rund acht Millionen Tonnen Zement, 1,2 Millionen Tonnen Eisen und 20,5 Millionen Tonnen Holz, Täglich rollten 8000 Eisenbahnwaggons und bis zu 50 000 Lastkraftwagen für den Westwall. Aber der überstürzte Bau der Befestigungsanlagen, die eigentlich erst 15 Jahre später fertiggestellt sein sollten, dann aber auf Befehl Hitlers in einem Jahr gebaut werden mußten. führte zu erheblichen Lücken und Mängeln.
Die Stellungen gegenüber Holland waren bei Kriegsbeginn, so Generalmajor Helge Auleb, "gar nicht", gegenüber Belgien und Luxemburg "nur behelfsmäßig" ausgebaut. Nur im Abschnitt südlich der Mosel "gab es einige moderne Stützpunkte".
Auleb kritisierte, beim Bau des Westwalls sei "das Pferd insofern am Schwanz aufgezäumt" worden, als die für eine Festung "seit Urzeiten" erforderlichen Straßen zuletzt gebaut werden sollten.
So waren bei Kriegsbeginn von den sechs geplanten Straßen (fünf senkrecht zur Front und eine hinter den Stellungen quer zur Front) nur eine einzige rechtzeitig fertig: die Hunsrück-Höhenstraße.
Aber auch die Bunkerlinie war, so Generalmajor Hans-Jürgen von Arnim, damals Divisionskommandeur an der Westfront, "zum Teil unmöglich geführt", und zwar, wie Bernhardt urteilte, aus "politischen Gründen". Es sollte möglichst wenig deutsche Erde preisgegeben werden.
"Vor mehreren Bunkern lag", so Arnim weiter, "eine mehrere Meter hohe Bergwerkshalde" so daß man aus den Bunkern nicht schießen konnte. Zahlreiche andere Bunker lagen auf Vorderhängen statt auf Hinterhängen, wo sie vor feindlichem Artilleriebeschuß besser geschützt gewesen wären. Andere Bunker wiederum hatten nur die überholten Frontalseharten, die eine Ringsum-Verteidigung ausschlossen -- oder gar keine" weil so das Bau-Soll schneller zu erfüllen war."
Hinter diesem Westwall hielten 34 2/3 Divisionen die Wacht am Rhein. Kriegstüchtig waren allerdings nur die 11 2/3 aktiven Divisionen (1. Welle) -- knapp ein Drittel der 900 000-Mann-Armee. Die meisten Soldaten der 2. und 3. Welle -- Reservisten, Landwehrmänner und Rekruten -- waren mangelhaft ausgerüstet und schlecht bewaffnet. Manche von ihnen waren überhaupt nicht ausgebildet. Und die 4. Welle erreichte gar erst ab 3. September die Front.
Der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe C, Generaloberst von Leeb, wies seine Kommandeure an, "die Ausbildung namentlich bei den Verbänden der 2., 3. und 4. Welle noch weiter zu fördern. Dazu gehören für die in der Stellung noch fremden Verbände die Ausbildung im Waffengeorauch in den Anlagen, das Einleben in der Stellung ... Auch Marschübungen sind abzuhalten."
Häufig konnten die Soldaten nicht einmal schnell genug marschieren, um planmäßig in die Bereitstellungsräume zu gelangen. "Beabsichtigte Marschleistung der 225. Division von den Ausladeräumen in die Stellung", so meldete beispielsweise die Heeresgruppe C am 2. September dem OKH, "konnte nicht erreicht werden." Als Gründe führte die Heeresgruppe an: "Nicht einmarschierte Truppe, ungewohntes bergiges Gelände, wenig Schlaf."
Erst am 4. September waren die Divisionen der 3. Welle "vollzählig" -- und erst ab Mitte September waren sie "beschränkt" einsatzbereit. Mit der 4. Welle konnte ein richtiger Krieg überhaupt nicht geführt werden.
Aus einem noch unveröffentlichten Bericht der 87. Division (2. Welle) wird deutlich, wie schlecht es um die Wacht am Rhein bestellt war. Und so war sich denn auch die Heeresgruppe C "im klaren, daß mit solchen Feststellungen gerechnet werden mußte und daß diese in noch größerem Umfange bei Divisionen 3. und 4. Welle zutreffen".
Die 87. Division hatte am 6. September 1939 gemeldet:
Die beider letzten Tage haben gezeigt, daß die Truppe den an sie gestellten Marschforderungen in dem sehr schwierigen Gelände nach nicht gewachsen ist. Die Infanterie ist nicht (in die Bereitstellungsräume) einmarschiert, bei der Artillerie und den übrigen bespannten Einheiten entstanden an den steilen Steigungen zum Teil stundenlange Verzögerungen.
Der Hauptgrund dafür ist das Fehlen einer genügenden Anzahl von im Fahren von Sattei ausgebildeter Mannschaften und nach mangelnde Erfahrung einzelner Fahrer im Überwinden solcher Hindernisse. Die gebrauchten Marschzeiten überschritten infolge der eintretenden Stockungen und notwendigen Rasten bei weitem das übliche Maß. Die Infanterie hat in diesen Tagen bis zu 30 Prozent Marschverluste gehabt, ebenso trat Pferdeausfall ein. Die Marschfähigkeit der Infanterie wird zwar nach einem unbedingt notwendigen Ruhetag wieder hergestellt sein, jedoch erscheinen In den nächsten Tagen Marschleistungen von 15 Kilometern als das Höchste. was der Truppe ohne schwere Schädigung zugemutet werden kann ...
Es ist bedauerlich. daß durch die beiden Marschtage die gerade angelaufene Ausbildung der Truppe wieder unterbrochen wurde. Bisher standen der Truppe unter Abrechnung der Aufstellungszeit und des Bahntransparts nur zwei Tage zur Ausbildung zur Verfügung. Besonders bedenklich ist die jetzt noch völlig unzureichende Zahl van am Maschinengewehr 34 ausgebildeten Mannschatten und die mangelnde Spezialistenausbildung ... Das Pferdematerial in der Aufklärungsabteilung, den Reiterzügen und den Batterietrupps der Artillerie ist zu schwer und für die Aufgabe eines raschen Einsatzes nicht geeignet.
Abschließend wird gemeldet, daß die Truppe infolge personeller Zusammensetzung, körperlicher Ungeübtheit des Einzelnen und der erwähnten Mängel in der Ausbildung noch nicht einer aktiven Division gleichzusetzen ist und insbesondere mit plötzlichen Schwierigkeiten nicht fertig wird.
Oberbefehlshaber von Leeb teilte dem OKH mit: "Wir sind weder kräftemäßig noch zeitlich ausreichend abwehrbereit." Und: "Divisionen 3. und 4. Welle für Großkampf nicht zu gebrauchen,"
Der französische Geheimdienst allerdings kam auf völlig unverständliche Weise zu einem ganz anderen Ergebnis: "Der Vergleich der Truppen, die einander gegenüberstanden", so General Gauché, "war sicherlich nicht dazu angetan" die Geister zu kühnen Unternehmungen zu inspirieren." Und so beließen es die Franzosen, während die polnische Armee zusammenbrach, bei kleinen Unternehmungen -- und dazu entschlossen sie sich auch nur, um den Polen Bündnistreue vorzutäuschen: "Wir haben unsere Truppen einen oder zwei Kilometer vorgeschoben", bestätigte Franzosen-General Maxime Weygand nach dem Kriege, "damit wir sagen konnten, wir haben uns bewegt."
In der Nacht zum 4. September bewegten sich die Franzosen zum erstenmal. Spähtrupps drangen bei Hirschthal in deutsches Reichsgebiet ein. Sie "zogen sich aber wieder zurück", berichtete das 35, Infanterieregiment. "ohne daß es zum Kampf kam",
In den folgenden Nächten schlichen -- "mit unendlicher Vorsicht", so der britische General Alan Francis Viscount Alanbrooke -- Einheiten der 4, und 5. französischen Armee zwischen Luxemburg und dem Rhein in das Vorfeld des Westwalls vor, aber nur bei Saarbrücken kam es zu größeren Schießereien mit den Deutschen. Als die Franzosen wichtige Höhen erreicht hatten, sie aber nicht einnahmen, sondern stehenblieben oder sich gar freiwillig wieder zurückzogen, war "ganz klar", so Oberbefehlshaber von Leeb, "daß sie keinen entscheidenden Angriff beabsichtigten".
Wie wenig die Franzosen wirklich unternahmen, erschließt sich aus den noch unveröffentlichten Akten der Heeresgruppe C:
8. September: Im Abschnitt der 1. Armee überschritten feindliche Spähtrupps und kleinere Abteilungen an mehreren Stellen die Grenze. Sie wurden Im Abschnitt der 79. Division und 34. Division wieder über die Grenze geworfen. Dabei wurden bei Berus durch schnelles Eingreifen des Leutnants von Levetzow ... 6 Gefangene gemacht ... "1 leichtes MG erbeutet und 14 Tote festgestellt. Feind hält nach Ihn und Leidingen im Abschnitt der 34. Division und mit schwachen Teilen in Warndt die Linie Steindinger (2 km südlich Überherrn) -- Straßengabel, 1 km südlich Ziegelhütte. Vor 6. Division drang ein Spähtrupp vorübergehend in Habkirchen ein.
9. September: Bei Saargemünd und Bliesgersweiler setzten im Schulze des Morgennebels einzelne feindliche Trupps auf Floßsäcken über die Saar. Brücke Saargemünd etwa 4 Uhr von uns gesprengt. Bei IX. Armeekorps fühlte 4 Uhr starker französischer Spähtrupp auf Weintor bei Schweigen vor. Schwaches Artilleriefeuer dort etwa 800 m vor HKL ... An der Oberrheinfront keine Angriffsabsichten erkennbar, jedoch Gesamteindruck, daß Gegner sich zunehmend mehr kampfbereit macht -- -- Verluste durch eigene Minen: 9 lote, 3 Schwerverletzte.
10. September: Vor 7. Armee Verholfen des Gegners heute wieder friedensmäßiger (zum Teil Baden im Rhein).
11. September: Generalkommando Saarpfalz: Gegen Mittag wurde bei 36. Division Feindangriff von etwa 2 Bataillonen in Linie Medelsheim-Peppenkum zum Stehen gebracht. Am Nachmittag konnten weitere Feindkräfte in Stärke von 2 Bataillonen, unterstützt von 4 leichten und
1 schweren Batterie, in den Wald nordwestlich Brenschelbach und in den Wald nördlich Kahlenberg eindringen, Bei Seyweiler wurden 2 feindliche Kampfwagen außer Gefecht gesetzt ... Im allgemeinen zeigt Gegner wenig Angriffslust. Oft genügt ein Schuß unserer Artillerie, um den Angriff zum Stehen zu bringen ... Nördlich Breisach (wo Hitler am 7. September einen französischen Angriff befürchtet hatte) rufen französische Soldaten zum ersten Male: 'Wir schießen jetzt.' An dieser Stelle haben früher die französischen Soldaten gerufen: 'Nicht schießen, wir schießen auch nicht!' Und daraufhin später: 'Wenn wir schießen, werden wir es sagen.'
13. September: Seit 9 Uhr Angriff stärkerer Feindkräfte im Abschnitt 32. und 6. Division im Gange. Feindliche Artillerie aus Gegend Rotherberg feuert auf HKL südlich Saarbrücken. Im Stiftsforst St. Arnual lebhafte Spähtrupptätigkeit. Feindlicher Angriff Im Gange gegen Birnberg (1 km nordwestlich Bübingen), ferner Bereitstellung stärkerer Feindkräfte im Ostteil Hinterwald.
15. September: Bis auf Störungsfeuer durch feindliche Artillerie und Maschinengewehre zwischen Saar und Pirmasens Nacht ruhig verlauten,
Am 17. September, als deutsche Soldaten schon vor Warschau lagen, war der Krieg im Westen wieder nur noch drollig. Bei Plittersdorf grüßten, wie die Heeresgruppe C nach oben meldete, drei französische Offiziere "lebhaft und freundlich nach dem deutschen Ufer", und bei Freistett war wie im tiefen Frieden "wieder Glockenläuten aus den gegenüberliegenden Dörfern hörbar".
Bei "Rhein km 171,6", westlich Plittersdorf, trugen französische Soldaten Ring- und Boxkämpfe aus ("im Sportanzug"), und bei "Rhein km 23,5", gegenüber Steinenstadt, riefen sie: "Deutschland Krieg beendet", und: "Kommt rüber! Helft uns arbeiten. geht heim, der Krieg ist aus."
Frankreichs General Gamelin hatte schon am 9. September angedeutet, daß der Polen-Krieg bald aus sein würde. In seiner "persönlichen Instruktion Nr. 1" wies er seinen Stab an: "Bereits jetzt muß man bedenken, daß die polnische Armee am Narew und an der Weichsel nicht wieder Fuß fassen kann. Die militärischen Konsequenzen müssen geprüft werden."
Gamelins Stab prüfte und stellte die Operationen ein. Gamelin selber verfaßte einen Brief an Polens Marschall Rydz-Smigly. Noch einmal tat er, was er monatelang getan hatte -- er täuschte die Polen.
Frankreichs Oberkommandierender schrieb: "Mehr als die Hälfte unserer aktiven Divisionen des Nordostens stehen im Kampf" -- tatsächlich waren es nur ein paar Bataillone.
"Seit Überschreiten der Grenze haben uns die Deutschen einen nachdrücklichen Widerstand entgegengesetzt. Wir sind nichtsdestoweniger vorwärtsgekommen" -- tatsächlich hatten die Deutschen Befehl, sich bei Feindberührung zurückzuziehen und, wenn irgend möglich, nicht zu schießen.
Gamelin teilte mit: "Wir sind in einem Stellungskrieg gebunden gegenüber einem abwehrbereiten Gegner, und ich verfüge noch nicht über alle notwendige Artillerie." Tatsächlich hatte die im Übermaß vorhandene französischen Artillerie bis dahin nur vereinzelte Salven abgefeuert.
Der General hatte das "Bewußtsein, einen beträchtlichen Teil der deutschen Luftwaffe uns gegenüber zu haben" -- tatsächlich gab es im Westen so gut wie keine deutschen Flugzeuge, und erst am 10. September erlaubte Hitler das Überfliegen französischen Gebietes, allerdings nur für Aufklärer.
Frankreichs Gamelin schloß seinen Brief: "Ich habe --- mein Versprechen, mit meinem Gros am 15. Tag nach dem ersten französischen Mobilmachungstag die Offensive zu beginnen, bereits vorher erfüllt. Es war mir nicht möglich, mehr zu tun."
Hitler urteilte ganz anders und richtig: "Was bis jetzt an der französischen Front geschehen ist, war durch eine Reihe mehr oder weniger theatralischer Versuche gekennzeichnet, die den Eindruck erwecken sollten, als finden Operationen statt, die in Wirklichkeit nicht einmal versucht worden sind." Und nach dem Kriege sahen viele französische Offiziere das auch so.
General Weygand bekannte: "Wir traten in den Krieg ein, um Polen zu verteidigen. Das Ergebnis ist heiter ... Nichts als Heuchelei."
Es war nicht nur heiter, nicht nur Heuchelei. Der Verzicht auf einen Zweifrontenkrieg war auch die falsche Strategie.
Nach den Polen, die Frankreich allein gelassen hatte, waren nun die Franzosen allein. Am 10. Mai 1940 griffen die Deutschen an. Sieben Wochen später war Frankreich überrollt. Die Grande Nation spielte, so Charles de Gaulle, "in dieser Tragödie die Rolle des Opfers, das ruhig wartet, bis es selber an die Reihe kommt". Ende
Von SPIEGEL-Redakteur Wolfgang Malanowski

DER SPIEGEL 36/1969
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DER SPIEGEL 36/1969
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