01.09.1969

GESTORBENERIKA MANN

ERIKA MANN, 63. Sie, die ihr Bruder Klaus "die rüstigste von uns" nannte, hat von allen Kindern Thomas Manns dem Vater am nächsten gestanden. Sie hat ihn wesentlich im Entschluß zur Emigration bestärkt, später auch zur Rückkehr nach Europa; sie durfte den "Doktor Faustus" kürzen, hat sich um die Verfilmung von Vaters Werken gekümmert und in Kilchberg am Zürichsee seinen Nachlaß gehütet, seine Briefe (nicht unumstritten) ediert. Doch die talentierte, resolute Frau, die "graziöse Amazone" (Ludwig Marcuse) ist nie nur Tochter des Berühmten gewesen: Als Autorin eines guten Dutzend Kinder- und anderer Bücher, als Schauspielerin und Journalistin, vor allem aber als Gründerin der "Pfeffermühle", des denkwürdigen Antinazi-Kabaretts, hält Erika Mann in der Zeitgeschichte ihren eigenen Platz.
ALFRED FEUSSNER, 33. "Er war sicher einer der klügsten Darsteller seiner Generation", sagt der Komponist Mauricio Kagel über den Schauspieler und Filmemacher. Liber zehn Jahre lang war Feussner Mitautor und Hauptdarsteller in Kagels experimentellem Musiktheater und in den Fernsehfilmen, mit denen der Kölner Komponist eine "filmische Dramaturgie nach musikalischen Gesetzen" begründet hatte. Feussners eigene Filme ("Perforation", "Labor", "Takes") sind, so Kagel, "Dokumente einer außerordentlichen Liebe für die Wirklichkeit des unwirklichen Geschehens".
BORA MIRKOVIC, 80. Der Generalmajor und letzte Oberbefehlshaber der königlich-jugoslawischen Luftwaffe schrieb einen auf Mitwisserschaft hindeutenden Bericht über die Geheimorganisation serbischer Offiziere, "Schwarze Hand", die den Mord an Österreichs Erzherzog Franz Ferdinand organisiert und damit das Signal zum Ersten Weltkrieg gegeben hatte. Im Zweiten Weltkrieg unterstützte Mirkovic den Putsch gegen die achsentreue Beigrader Regierung im März 1941 und forderte damit den deutschen Angriff auf Jugoslawien heraus, der Hitlers Plan verhinderte, die UdSSR schon im Frühjahr anzugreifen (und noch vor dem Winter zu schlagen). Mirkovic, der Geheim-Informationen von der jugoslawischen Gesandtschaft in Berlin an die Engländer übermittelt hatte, ging ins englische Exil, wo er in einem armseligen Quartier lebte (mit kaum 230 Mark monatlich aus einem Hilfsfonds) und vorletztes Wochenende starb. Das kommunistische Jugoslawien hätte ihn bei Rückkehr als Nationalhelden empfangen; doch Mirkovic 1968 in London: "Ich will in diesem freien Lande sterben."

DER SPIEGEL 36/1969
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GESTORBEN:
ERIKA MANN

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