01.01.1968

THEATER / AGATHA CHRISTIESofa gewechselt

Achtmal wöchentlich wird Mrs. Boyle erwürgt, schon 15 Jahre lang. Doch die ältliche Britin ist noch immer nicht tot.
Denn ihr schlimmes Ende ist sehr beliebt -- es findet, vor stets gut besetztem Haus, auf der Bühne des "Ambassadors"-Theaters im Londoner West End statt. Dort wird schon seit dem 25. November 1952 und noch bis auf weiteres an jedem Werktagabend sowie zweimal in der Woche auch nachmittags das Kriminalstück "Die Mausefalle" von Agatha Christie gegeben.
Das Dauer-Morden der Krimi-Veteranin Christie, 76, ist ein europäischer Rekord: Noch nie zuvor hielt sich ein einziges Drama so lange in einem Theater Englands oder des Kontinents. Nur ein Klub in Los Angeles spielte einst 20 Jahre hindurch, von 1933 bis 1953, en suite ein Sittenstück" "Der Trunkenbold".
Für rekordträchtig hatte Agatha Christie selbst ihre "Mausefalle" nicht gehalten -- sie traute dem "netten kleinen Stück", das zuerst ein Hörspiel gewesen war, höchstens eineinhalb Jahre Laufzeit zu. Theater-Impresario Peter Saunders, dem sie es übergab, rechnete sogar nur mit maximal sechs Monaten.
Dementsprechend bescheiden hatte sich die Autorin auch das Geschenk vorgestellt, das sie 1952 ihrem damals zwölfjährigen Enkel Matthew Pnchard präsentierte -- sie überließ dem Knaben alle "Mausefalle"-Tantiemen. Doch Enkel Matthew strich bislang (für Aufführungen in London, der englischen Provinz und 36 weiteren Ländern) rund 1,8 Millionen Mark ein.
Allein aus dem Londoner "Ambassadors" bezieht er täglich rund 200 Mark -- dort sahen schon 2,3 Millionen Menschen die Mord-Darbietung.
Sie sahen ein Spiel von bewährter Christie-Machart, ein mit mildem Witz durchsetztes Verbrecher-Stück aus dem englischen Milieu: In einem zur Fremdenpension heruntergekommenen Landsitz namens Monkswell Manor werden acht Personen durch Schneefall eingeschlossen. Eine davon, die moralisierende Fürsorgerin Mrs. Boyle, erliegt im Dunkel einem Würgegriff, der alle Überlebenden verdächtig macht.
Weder die leicht durchschaubare Handlung noch der anspruchslose Typenhumor -- eine bejahrte Engländerin raucht Zigarren, ein Italiener entwendet Uhren -- erklärt den Erfolg der "Mausefalle". "Es ist", bekennt fassungslos Impresario Saunders, "ein passables Stück, nicht mehr."
Ohne erkennbaren Grund ist das Stück, so der Theatermann, "zu einem der drei Wahrzeichen Londons geworden: der Tower, der Buckingham-Palast und "Die Mausefalle". Saundens: "Nur die Reihenfolge stimmt vielleicht nicht."
Das Wahrzeichen blieb in den 15 Jahren seiner Existenz nicht unverändert: Die acht Rollen der "Mausefalle" wurden nach und nach mit 104 verschiedenen Schauspielern besetzt; im Salon auf der Bühne mußte viermal der durchgetretene Teppich, dreimal das durchgesessene Sofa ausgewechselt werden; und die immergleiche Garderobiere, die das Stück nun auswendig kennt und Sätze daraus versehentlich im Gespräch mit Nachbarn verwendet, machte die Kleider der auftretenden Damen immer kürzer, die Hosen der Herren immer enger.
Sogar Agatha Christies Text wurde den veränderten Zeitumständen angepaßt: Statt ursprünglich sieben Pfund kostet die Vollpension in Monkswell Manor jetzt zwölf Pfund wöchentlich.

DER SPIEGEL 1/1968
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