09.01.1967

BANKEN / KASSENSCHUTZChancen für die Lady

Als der maskierte Revolvermann "Überfall, Geld her" rief, langte Kassierer Walter Wiederspahn gelassen zum Telephon. Fünfmal schoß der Bankräuber auf die Glasscheibe vor der Kasse. Doch die Kugeln vom Kaliber 7,65 hinterließen nur kleine Rosetten auf der Scheibe. Verwirrt ergriff der Räuber die Flucht.
Was dem Offenbacher Bankbeamten Wiederspahn das Leben rettete, fordern Polizei und Unfallverhüter der Berufsgenossenschaften seit fast neun Jahren: die Sicherung der Kassenschalter in deutschen Kreditinstituten mit schußsicherem Panzerglas.
Die Bosse von Banken und Sparkassen zeigten bisher aber wenig Neigung, ihr Geld und ihre Angestellten wirksam zu schützen. Bei Geldverlusten sprang die Versicherung ein, und kamen Angestellte zu Schaden, mußte die Berufsgenossenschaft zahlen.
Deutschlands Bankräuber nutzten ihre Chancen und kassierten immer dreister mit dem Revolver: 1953 wurden 15 Geldinstitute überfallen, 1965 erbeuteten die Gangster bei 202 Banküberfällen über zwei Millionen Mark. In den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres meldeten die westdeutschen Polizeiberichte bereits 455 Überfälle, bei denen über drei Millionen Mark geraubt wurden.
An den ungesicherten Bankschaltern einiger kleinerer Orte wurden die Bankräuber zu Stammgästen. Der Sparkasse in Ellerau (Schleswig-Holstein) zum Beispiel statteten die Revolvermänner innerhalb von zwölf Monaten dreimal einen Besuch ab. Eine norddeutsche Gangsterbraut (genannt "Bank-Lady") kassierte binnen eines Jahres mit einem Komplicen und zwei Pistolen zweimal bei der Kreissparkasse in Schenefeld ab. Ihre Beute: 99 530 Mark. Doch die Bankmanager erwiesen sich so störrisch wie die Taxifahrer, sie hielten nichts von schußsicheren Trennwänden. Erst die Angestellten der Berufsgenossenschaft muckten auf und veranlaßten das Bundesarbeitsministerium in Bonn, neue Unfallverhütungsvorschriften zu genehmigen. Die Bestimmungen traten am 2. Februar letzten Jahres in Kraft und machten es den Kreditinstituten zur Pflicht, innerhalb von drei Jahren sämtliche 40 000 Kassenschalter in der Bundesrepublik mit Panzerglas zu umgeben.
Die Banken fanden bis jetzt aber immer wieder Gründe, den Einbau der Anlagen, die zwischen 6000 und 10 000 Mark pro Schalter kosten, zu verzögern. So wurden bisher nur zehn Prozent aller westdeutschen Bankschalter mit Panzerglas gesichert.
Zuerst konnten die Geldinstitute auf die langen Lieferfristen der vier westdeutschen Panzerglasfabriken verweisen. Als die Firmen durch Ausbau ihrer Kapazitäten die Lieferfristen auf sechs Wochen verringerten, gleichzeitig aber ihre Preise um 25 Prozent erhöhten, hielten sich die Banken erneut zurück. Sie beschuldigten die Glasmanager, aus einer Notlage Kapital schlagen zu wollen. Der Raiffeisenverband sprach sogar von einem "Amoklauf" der Glasindustrie.
Verschreckt durch die massiven Angriffe der Sparkassen und Banken, boten die beiden größten Panzerglas-Hersteller (Kinon GmbH, Aachen; Deutsche Tafelglas AG, Fürth) schließlich ihr Panzerglas zu den alten Listenpreisen an.
Doch auch die niedrigen Preise brachten noch keine Massenaufträge ins Haus, Verkaufschef Klaus Arp von der Kinon GmbH: "Wir wundern uns."
Eine Erklärung für die Verzögerungstaktik der Banken glauben die Glasmacher in den neuen Unfallverhütungsrichtlinien zu finden. Dort heißt es: "Bei besonderen Schwierigkeiten kann die Übergangsfrist bis auf fünf Jahre verlängert werden."
*Nach Banküberfall in Offenbach.

DER SPIEGEL 3/1967
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