30.09.1969

„Mit dem Latein am Ende“

14. Fortsetzung
Am 25. August erkundigte sich der SPIEGEL brieflich bei 47 deutschen Hochschulprofessoren, wieviel Geld ihnen im vergangenen Jahr aus dem Universitätsetat, aus anderen öffentlichen Mitteln und aus Spenden zur Verfügung gestellt wurde. Schlußfrage: "Für welche Firmen, Ministerien, Verbände usw., auf welchen Gebieten und für jeweils welche Beträge haben Sie im vergangenen Jahr Auftragsforschung betrieben?"
Die 47 Befragten waren sämtlich Direktoren von Hochschulinstituten für Maschinenbau oder Elektrotechnik. Bis zum letzten Wochenende hatten 13 von ihnen geantwortet. Elf teilten mit, sie hätten im vergangenen Jahr keinerlei Forschungsaufträge für Industrie, Verbände oder andere universitätsfremde Instanzen ausgeführt. Zwei von ihnen machten Angaben über Auftragsforschung, die sie betrieben hatten -- der eine für eine nicht genannte Summe, der andere für rund 12 500 Mark, das entspricht 4,9 Prozent seines gesamten Forschungsetats von 252 400 Mark. 34 der Befragten antworteten dem SPIEGEL nicht.
Ebenfalls im August bat der SPIEGEL fernschriftlich 33 deutsche Großfirmen und Firmengruppen um Auskunft darüber, welche Forschungs- und Entwicklungsaufträge sie an Hochschulinstitute vergeben hätten. Bis zum letzten Wochenende hatten 22 Firmen geantwortet. Mit zwei Ausnahmen -- es handelt sich um den Röchling- und um den Philips-Konzern, die keine Forschung an Hochschulen betreiben ließen -- machte keine dieser Firmen präzise Angaben über Art der Forschungsaufträge, Höhe der Aufwendungen und Empfänger der Mittel.
Die Mitteilungen waren ausnahmslos vage -- derart, daß "eine ganze Reihe" (Blendax), "in unbedeutendem Umfang" (Kali-Chemie), "in der Regel nicht" (Wacker-Chemie) oder auch mit "fast allen Hochschulen" (AEG 1 Telefunken) Forschungsverbindungen bestünden.
AEG / Telefunken bat um "Verständnis, daß wir Ihnen mit spezifizierten Angaben über diesen Komplex nicht dienen können"; ähnlich äußerte sich das Volkswagenwerk. Die Mainzer Blendax-Werke fanden, daß sie "aus Wettbewerbsgründen diese Dinge nicht veröffentlichen sollten".
Geheimhaltung also überall. Und es nimmt nicht wunder, daß der FDP-Wissenschaftsexperte Karl Moersch zu dem Schluß kommt, in der Bundesrepublik wisse "niemand, wer was wo mit welchen Mitteln forscht". Einer der volkswirtschaftlich wie bildungspolitisch wichtigsten Investitionsbereiche in Westdeutschland liegt im dunkeln.
"Von wem ich mein Geld bekomme, brauchen nur meine Frau, meine Sekretärin und ich zu wissen", antwortete ein westdeutscher Ordinarius unlängst akademischen Interviewern im Rahmen einer wissenschaftssoziologischen Untersuchung, die zur Zeit ausgewertet wird. Dem entspricht auf seiten der Industrie der Standpunkt der Oetker-Gruppe, die sich "nicht daran interessiert" zeigte, "einzelne Angaben über Aufwand und Art der Aufträge an Hochschulinstitute, Forschungsinstitute oder einzelne Professoren zu veröffentlichen".
Die Gründe des Schweigens sind vielfältig. Die Industrie nimmt die Geheimhaltung im Interesse des Wettbewerbs für sich in Anspruch. Die Firmen möchten Konkurrenten keine "Aufschlüsse über unsere Forschungsvorhaben" geben (Esso AG). Konsequenterweise verpflichten sich auch häufig die Forscher durch Verträge mit Partnern aus der Wirtschaft zur Diskretion. Daß mancher Professor einen Teil seiner Nebeneinkünfte aus Forschungsaufträgen dem Finanzamt vorenthalte, daß manche Ordinarien nicht gern preisgaben, wieviel Arbeitskraft sie außeruniversitären Vorhaben widmen -- das sind begleitende Motive, die an jeder Universität zum Kollegen-Gemunkel gehören.
"Wir und die gesamte Öffentlichkeit sind auf den Zufall angewiesen", schreibt der SDS, der zusammen mit dem Verband Deutscher Studentenschaften (VDS) im kommenden Wintersemester eine "Auftrags- und Kriegsforschungs -- Kampagne" plant. "Wir sollten uns genau überlegen, was das heißt, wenn in einem hochindustrialisierten Land, das auf die Wissenschaft angewiesen ist, eine Handvoll Leute hinter verschlossenen Türen darüber bestimmt, worüber und für welche Zwecke wissenschaftlich gearbeitet wird" (siehe Kasten Seite 84).
Das genau ist das Problem, das nicht nur aus SDS-Perspektive wichtig erscheint. Wenn in öffentlich-rechtlichen Hochschulen, deren Professoren beamtet sind, und mit staatlich finanzierten Ausstattungen Forschungsaufträge -- seien sie vom Staat, von der Wirtschaft oder von Privatpersonen erteilt -- ausgeführt werden, dann bedarf dies in einer modernen demokratischen Gesellschaft einer Kontrolle. Denn Forschungsfinanzierung bedeutet, zumindest teilweise, Forschungssteuerung. Was aber erforscht zu werden verdient, ist in gleichem Maße Sache der Wissenschaft selbst wie der Gesellschaft. Der Göttinger Soziologe Professor Hans Paul Bahrdt: "Eine Forschungspolitik, die nicht einer technokratischen Aushöhlung der Demokratie den Weg ebnen will, ... muß das schwierige Problem lösen, wie auch die Öffentlichkeit so weit über die Probleme der Wissenschaftspolitik orientiert wird, daß sie zum Mitakteur werden kann."
Die Bundesrepublik -- öffentliche Hand und Wirtschaft -- gab 1968 rund 14 Milliarden Mark für Wissenschaft, Forschung und Entwicklung aus. Da aus Dutzenden von Etats Mittel in die Hochschulen fließen, manchmal die Hochschulforschung im engeren Sinn gefördert, dann aber auch wieder "Forschung und Entwicklung" finanziert wird, besagen diese Zahlen wenig.
Ein überaus dichtes Netz von -- teils sichtbaren, teils unsichtbaren -- Finanzierungskanälen verbindet Hochschulen und Geldgeber. Mittel fließen aus den öffentlichen Haushalten, aus Gewerkschafts- und Parteikassen, aus den Forschungsfonds der Industrie. Stiftungen wie die VW-Stiftung subventionieren ebenso wie private Mäzene. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) zahlt ebenso wie die Arbeitsgemeinschaft Industrieller Forschungsvereinigungen (AIF).
Ein wichtiger Geldgeber ist das Verteidigungsministerium in Bonn (Forschungsmittel 1969: über eine Milliarde Mark), das zwar die Groll- und Geheimprojekte an die Rüstungsindustrie oder an hochschulferne Institute vergibt, aber auf dem Gebiet der Grundlagenforschung weitgehend auf die Hochschulen angewiesen ist: In den vergangenen Jahren floß denn auch bis zu einem Viertel der Rüstungsforschungsgelder in die Hochschulen -- freilich nicht offen.
Bei der Abwicklung tritt nicht das Verteidigungsministerium auf, das die Auswahl von Forschern und Forschungsvorhaben trifft, sondern die von ihm beauftragte und teilfinanzierte Münchner Fraunhofer-Gesellschaft (FhG). Diese "Verwaltungshilfe" mag psychologische Gründe haben: Mancher Hochschul-Wissenschaftler hält militärische Forschung, so FhG-Vorstandsmitglied Professor Hans Jebsen-Marwedel, für "ethisch anfechtbar oder belastet".
Um "Nutzen aus den wichtigen, weltweit verstreuten Wissenschaftlern ziehen zu können", vergibt auch das US-Verteidigungsministerium Forschungsgelder. Allein in diesem Jahr werden an acht Universitäten, drei Technischen Hochschulen und vier anderen Institutionen der Bundesrepublik Pentagon-Aufträge in Höhe von mindestens 2,7 Millionen Mark bearbeitet (SPIEGEL 21/1969).
Die Militärs interessieren sich zunehmend auch für die Geisteswissenschaften: Der Mannheimer Soziologie-Professor Mario Rainer Lepsius beispielsweise leitet den deutschen Zweig eines auf Formosa und in der Bundesrepublik betriebenen, in den Vereinigten Staaten koordinierten und vom US-Verteidigungsministerium finanzierten "Social Movement"-Projekts. Zweck des Vorhabens: Analyse von "institutionalisierten Verhaltensmustern", um für das Pentagon "ein Modell zu erstellen, das die Voraussage für den Ablauf gegenwärtiger politischer Protestbewegungen ermöglicht".
Wie sich die direkte oder indirekte militärische Forschung in den Einzeletats der Hochschul-Institute nieder* Universität Heidelberg.
schlägt, ist ebenso unbekannt wie der Anteil der industriellen Auftragsforschung. "Weder bei den akademischen Behörden noch bei der staatlichen Verwaltung" gibt es Unterlagen über das Ausmaß der Vertragsforschung, stellte der Wissenschaftsrat fest.
Selbst eine Groborientierung über die Herkunft von Mitteln für die laufende Forschungsarbeit, etwa durch die Unterscheidung von "Eigenmitteln" und "Fremdmitteln", ist schwer möglich. Eigenmittel -- das sind Gelder aus dem Universitätsetat, staatliche Mittel. Fremdmittel -- das sind zweckgebundene staatliche Sonderzuwendungen ebenso wie Gelder von Stiftungen, Verbänden und von Industriebetrieben, für die Auftragsforschung betrieben wird.
Wie schwierig es ist, allein den Umfang der Auftragsforschung zu ermitteln, erfuhr der Sozialdemokrat Dr. Rudolf Rass, als er am 5. Februar letzten Jahres im West-Berliner Abgeordnetenhaus eine Anfrage einbrachte, um herauszubekommen, "auf welchen Gebieten" an den West-Berliner Hochschulen Auftragsforschungen ausgeführt würden. Er mußte über sieben Monate auf eine ungenügende Antwort warten; Berlins Universitäten waren dem Wissenschaftssenator Professor Werner Stein, der die Antwort zu erteilen hatte, mit Auskünften nicht gerade behilflich.
Als der damalige Rektor der Technischen Universität, Kurt Weichselberger, mitteilte, daß er Insgesamt vier Fälle von Auftragsforschung aufgespürt habe, wurde er vom Wissenschaftssenator intern gerügt, der ihm unter dem Geschäftszeichen II D -- 31 8010 schrieb, er hege "Zweifel", "ob der Umfang der Auftragsforschung ... zutreffend dargestellt worden ist".
Die Zweifel waren berechtigt. Das stellte sich allerdings erst im Sommer dieses Jahres heraus, als die Technische Universität -- ein Novum in der deutschen Hochschulgeschichte -- mit einer Fragebogenaktion die Herkunft der Forschungsmittel ihrer Hochschullehrer untersuchte. Nachdem im Februar eine erste, von Studenten angeregte Umfrage am Widerstand der Professoren-Mehrheit gescheitert war, machten nun in der zweiten Fragebogen-Serie rund 80 Prozent der Professoren Angaben -- eine Folge teils des studentischen Drucks, teils der parlamentarischen Beratungen über das Berliner Hochschulgesetz, das mittlerweile, am 1. August, in Kraft getreten ist und, neu für Deutschland, ohnehin den Professoren die Offenlegung ihrer Mittel vorschreibt.
Das -- bisher unveröffentlichte -- Ergebnis der TU-Umfrage weist auf eine alarmierende Fremdfinanzierung der Hochschulforschung hin. Von den Forschungsgeldern, die den befragten Berliner Professoren 1968 zur Verfügung standen, stammten
* 5,38 Millionen Mark aus den Titeln 300 ("Lehre") und 860 ("Sachmittel") des Universitäts-Etats, aber
* mehr als das Doppelte, 11,09 Millionen Mark, aus hochschulfremden Quellen -- zumeist projektgebundene Gelder, über die nicht frei verfügt werden kann.
Je aufwendiger die Forschungsarbeit und je größer die Institute, desto ungünstiger gerät in der Regel das Verhältnis von Etatmitteln zu Fremdmitteln. Liegt es in der Philosophischen Fakultät der TU noch bei 1:2, so beträgt es in den Fakultäten für Maschinenwesen sowie Bergbau und Hüttenwesen 1:3. Direktoren besonders großer Institute gar bestreiten nur bis zu einem Zehntel ihrer laufenden Forschungskosten aus dem Universitäts-Etat. Ernst Fiala. Chef des Instituts für Kraftfahrzeuge, gab die Höhe seiner TU-Mittel mit 84 082 Mark, die der Fremdmittel, auch "Drittmittel" genannt, mit 916 814 Mark an.
"Wenn es die Drittmittel nicht gäbe", kommentiert Hans-Peter Rempel, Leiter des TU-Presseamtes, "dann müßte das eine oder andere Institut dichtmachen."
An der Frankfurter Universität können nach Schätzungen des bisherigen Dekans der naturwissenschaftlichen Fakultät, Hans Berckhemer, die meisten Institute nur bis zu zehn Prozent ihrer Forschungsarbeit mit Eigenmitteln finanzieren. Bei den Heidelberger Universitäts-Chemikern wären, wie eine studentische "Basisgruppe nat.-math." recherchierte, ohne Gelder der Badischen Anilin- & Sodafabrik (BASF) und anderer Chemie-Konzerne "höchstens 20 bis 30 Prozent der derzeitigen Forschung möglich".
Selbst eine verhältnismäßig "großzügige" staatliche Grundausstattung wie am Aachener TH-Institut für theoretische Elektrotechnik könnte, so Institutschef Walter Engl, "ohne zusätzliche Unterstützung Dritter wegen unzureichender Mittel für Verbrauchsmaterial nicht wirtschaftlich vertretbar genutzt werden" -- "eine allgemeine Erscheinung".
Professor Engl: "Spenden, zum Beispiel auch vom SPIEGEL, zur Aufbesserung des Etats für Ferngespräche von monatlich 30 Mark werden jederzeit dankbar entgegengenommen."
"Die Hochschulen wären als Forschungsinstitutionen längst nicht mehr ernst zu nehmen, wenn es den Institutsdirektoren nicht immer wieder gelänge, sich bei Verbänden, Ministerien, Stiftungen, Industrieunternehmen als Akquisiteur zu betätigen", meint Soziologe Bahrdt.
Mit solcher Tätigkeit begeben sich Wissenschaftler nur allzu leicht in einen Teufelskreis, in dem sie gezwungen sind, sich "angstvoll von Auftrag zu Auftrag zu hangeln" (Bahrdt): Direktoren von Mini-Instituten mit geringer Forschungskapazität, die für wenige oder gar nur einen einzigen Auftraggeber arbeiten, laufen Gefahr, in Abhängigkeit zu geraten. Dazu ein Ordinarius für Elektrotechnik: "Man müßte die Möglichkeit haben, ein Projekt abzulehnen. Man müßte eigentlich immer mit mehreren Firmen arbeiten."
Das aber gelingt in der Regel nur Instituten mit einer ausreichenden "technischen und personellen Forschungskapazität"" die wiederum nichts anderes ist als das "Ergebnis der Akkumulation von Menschen und Betriebsmitteln durch frühere Forschungsaufträge". Bahrdt: "Auf dem Forschungsmarkt herrscht die Regel: Wer hat, dem wird gegeben."
Doch selbst in Groß-Instituten "weht", so Bahrdt, "der Geist nicht, wo er will". Auch die Chefs dieser Institute können nicht nur "wissenschaftlich wünschenswerte" Forschung treiben -- sie müssen aus "Sorge um die betriebliche Kontinuität ... immer neue Forschungsaufträge" beschaffen.
Diese Querverbindungen zwischen Interessenten außerhalb und Wissenschaftlern innerhalb der Universität wirken sich für die Forschung nicht nur nachteilig aus. Ein Braunschweiger Elektrochemie-Professor: "Ohne Anregungen aus der Industrie wird man betriebsblind." Ein hannoverscher Elektrotechnik-Professor: "Unsere Erfahrungen stammen aus der Industrie. Wir sind durch die Industrie up to date. Wie der Chirurg nicht ohne Klinik, so kann ich nicht ohne Industrie arbeiten. Die Industrie ist praktisch mein Krankenhaus."
Andererseits muß die Hochschule erkranken, wenn sich aus Kontakten etwa zur Industrie Abhängigkeiten entwickeln und wenn die Zusammenarbeit nicht von wissenschaftlichen Motiven bestimmt wird.
Der Wissenschaftsrat hat 1967 einen Katalog von Voraussetzungen für die "Unabhängigkeit (eines) Instituts, seiner Mitarbeiter und der Forschungsarbeit" veröffentlicht -- Bedingungen, die zumeist nicht erfüllt werden. Der Wissenschaftsrat forderte unter anderem, daß
* "das Ausmaß der Fremdfinanzierung den zuständigen Organen der Hochschule bekanntgemacht" wird und
* "der Staat dem Institut einen für seine Aufgaben ausreichenden Grundetat sichert".
Doch der Staat hält die freie Forschung knapp. Schon 1965 wies der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Professor Julius Speer, mahnend darauf hin, "daß die gebundene Forschungsförderung" -- beispielsweise "in Form von Aufträgen" -- "die freie Forschung zu überspielen droht".
Seither ist die Anzahl der außerhalb der Industrie, etwa an Universitäten, betriebenen Industrie-Forschungsarbeiten nach einer Erhebung des Stifterverbandes gestiegen. Doch für die Industrie verliert die Vergabe von Forschungsaufträgen zunehmend an Bedeutung: Der Anteil der externen Industrieforschung an den rapide gewachsenen Gesamtforschungsaufwendungen der Wirtschaft sinkt.
Der Göttinger Professor Bahrdt sieht "selbstverständlich Gefahren für eine freie Entfaltung der Wissenschaft", wenn die Kontakte der Wirtschaft zur Forschung nicht durch "echtes Mäzenatentum", sondern durch ein "handfestes Bedürfnis nach praktisch verwertbaren Ergebnissen" bestimmt würden.
Nicht überall führt freilich die Einwirkung der Wirtschaft so augenscheinlich zur Verkrüppelung der Wissenschaft wie zuweilen Im Bereich der Arzneimittelforschung: Immer wieder finden sich Professoren, die -- honoraris causa -- im Auftrage pharmazeutischer Werke neue Medikamente testen und feine Gutachten (in Wirklichkeit wissenschaftlich verbrämte Reklame) in Fachblätter landeren.
"Es gibt viele Möglichkeiten", kritisiert der Hamburger Pharmakologe Walter Braun, "negative Befunde nicht so deutlich mitzuteilen und positive überzubetonen." Oft wird das Positive allerdings so sehr betont, daß Leser von Fachblättern, wie der Hamburger Physiologe Christoph Weiss formuliert, "bei der Lektüre im Hintergrund die Kassen klingen hören". Weiss: "Man merkt: Aha, der Mann Ist gekauft."
Ein ähnliches Aha-Erlebnis versprachen sich Studenten des Instituts für Zeitungswissenschaft der Universität München, als sie Anfang dieses Jahres Institutsräume besetzten und die Aktenschränke der Assistenten Peter Glotz und Wolfgang Langenbucher aufbrachen.
Die Münchner fahndeten nach Unterlagen über die Finanzierung einer von Glotz und Langenbucher angefertigten Studie zur "Konzernlinie des Hauses Springer", die ihr Mißtrauen erregt hatte: Die Studie vergleicht auf 51 Schreibmaschinenseiten die Nachrichtenpolitik dreier Springer-Zeitungen ("Bild", "Die Welt", "Berliner Morgenpost") mit der dreier Nicht-Springer-Blätter ("Hamburger Morgen -- post", "FAZ", "Der Tagesspiegel") und kommt zu dem erstaunlichen Ergebnis: "Keine signifikanten Unterschiede."
Zwar blieb die Akten-Suche in den Assistenten-Schränken vergebens, und Langenbucher höhnte: "Wenn wir bestochen werden, dann bewahren wir die Quittungen nicht im Institut auf." Der SPIEGEL fand gleichwohl heraus, daß die Jung-Publizisten mit Recht argwöhnisch gewesen waren: Glotz und Langenbucher hatten sich für ihre Springer-Studie außer 4500 Mark vom Bundespresseamt auch 7000 Mark von Springer zahlen lassen.
Mehr noch als die Gefahr des Mißbrauchs spricht ein anderes Argument gegen Interessentenforschung: Sie wird zwar in öffentlichen Instituten, aber oft, laut Wissenschaftsrat, zum "ausschließlichen Nutzen" der privaten Auftraggeber betrieben. Die Folge: Ein Teil dessen, was an Deutschlands Hochschulen erforscht wird, kommt nicht der Allgemeinheit zugute.
Gotthard Gambke, Generalsekretär der Stiftung Volkswagenwerk, konstatiert denn auch: "Die Angst der Wirtschaft, daß die Konkurrenz möglicherweise zuviel erfahren könnte", bewirke, "daß die Idee selber in sicheren Tresoren gehütet und ihr Schöpfer jeweils nach dem Grad der Abhängigkeit mehr oder weniger vollständig isoliert wird; im äußersten Grenzfall bis zum Verlust des Kontaktes zur aktuellen Wissenschaft".
Solcher Kontaktverlust führt häufig zu Parallelarbeit -- und damit zu Vergeudung öffentlicher Forschungskapazitäten. "Bei mir", gab ein Professor aus dem Bereich des Bauingenieurwesens zu Protokoll, "läuft ein Projekt, bei dem sich eine Zusammenarbeit mit einem anderen Institut unmittelbar anbietet. Ich kenne den Ordinarius sehr gut. Aber er hat den Auftrag von einer Industriefirma und hat Geheimhaltungsvorschriften. Ich habe Kontakte zur Konkurrenz. Wir können gar nicht zusammenarbeiten, obwohl wir es wollen."
VW-Forschungsförderer Gambke führt solche "Hindernisse" auf "das Gesellschaftssystem" zurück. In der Tat sind westliche Wirtschaftswissenschaftler längst zu der Einsicht gekommen, daß, so der renommierte US-Ökonom Wassily Leontief, "die Privatwirtschaft nicht einmal annäherungsweise in der Lage ist, die gleichen Vorteile aus den neuen wissenschaftlichen und technischen Ideen zu ziehen, wie es die gesamte Volkswirtschaft bei deren voller Ausnützung könnte.
Beispiel: Weil, nach einer Erhebung des industriellen "Stifterverbandes", rund 80 Prozent aller Forschungsaufträge in Deutschland von Großunternehmen (mit mehr als 2000 Beschäftigten) vergeben werden, schlägt sich ein Großteil des an deutschen Hochschulen produzierten Wissens in den Patent-Depots weniger Mammutfirmen nieder. Dort aber werden zudem ungefähr drei Viertel aller Patente gleichsam eingefroren, nur um sie dem Zugriff der Konkurrenz zu entziehen.
* Nach der Besetzung durch Studenten am 12. Februar 1569.
Wenn Forschungsergebnisse aber nicht auf Patent-Friedhöfen landen, sondern industriell verwertet werden, fließen die Gewinne in private Taschen -- obwohl die Forschungskosten zum Teil vom Staat getragen worden sind, der die Universitäten finanziert und die beamteten Auftragsforscher besoldet.
Forderungen wie die des sozialdemokratischen hessischen Wirtschaftsministers Rudi Arndt, Firmen sollten bei wirtschaftlicher Nutzung staatlich subventionierter Forschung Rückzahlungen leisten, sind ungehört verhallt. Bestehende rechtliche Bestimmungen, nach denen Professoren zehn bis zwanzig Prozent ihrer Auftragsforschungseinnahmen für die Nutzung von Material und Arbeitskraft an die Hochschulen abführen müssen, werden umgangen. Einer von vielen Tricks: Industriefirmen honorieren Forschungsarbeiten durch Spenden, die den Vorteil haben, erstens steuerabzugsfähig und zweitens für die Ordinarien frei verfügbar zu sein.
Wie sich zuweilen wirtschaftlichwissenschaftliche Symbiosen anbahnen, erhellt aus vertraulichen Briefen. die Studenten in Heidelberger Universitäts-Büros fanden:
Brief 1: Zwei BASF-Vertreter übermitteln dem Chemie-Professor Dr. Wolfgang Sundermeyer ihre Glückwünsche zu seiner Berufung; Brief 2: Sundermeyer bedankt sich für die Gratulation mit dem Hinweis, die "räumliche Nähe zur BASF" könne "sehr anregend" sein; Brief 3: Die BASF zahlt Sundermeyer 4000 Mark.
Aus einem anderen Aktenordner: Der Chemie-Professor Ulrich Hofmann sagt der Darmstädter Chemie-Fabrik Röhm & Haas "besten Dank für ... den Betrag von 4000,- DM, den Sie mir in diesem Jahr wieder zur Verfügung stellen", und hofft, "mich auch weiterhin gelegentlich durch kleine Untersuchungen für Sie nützlich zu erweisen".
Die von den Heidelberger Studenten veröffentlichten Professoren-Briefe, die an die Universitätsbürokratie gerichtet sind, schließen mit der schlichten Formel "Hochachtungsvoll". Unter Schreiben an die Industrie aber steht vornehmlich: "Ihr sehr ergebener. .
Wirtschaftlich interessant ist womöglich auch eine Doktorarbeit wie jene, über die kürzlich die "Münchner Studenten Zeitung" berichtete: Für Untersuchungen über den "Vergieß-Prozeß von Schokoladenmassen mit Hilfe der Röntgenbeugung" war der Grad des "Dr.-Ing." verliehen worden. Unter der Rubrik "Auftragsforschung"?" spottete das Studentenblatt über den Schoko-Forscher: "Der Titel sollte in Dr.-Sarott. abgeändert werden."
Daß industrielle Doktoranden-Förderung nicht unproblematisch ist, zeigt der Fall eines Berliner Studenten, der, bezahlt von einem westdeutschen Pharma-Werk, an einer Dissertation über Eigenschaften eines Medikamentes arbeitete. Als sich "Schwierigkeiten finanzieller und instrumenteller Art" einstellten, teilte ihm die Firma im Herbst letzten Jahres "ziemlich hart" mit, sie werde die Forschungsarbeiten nun selber weiterführen. Der 34jährige Doktorand, der sich daraufhin einem neuen Dissertationsthema zuwenden mußte, hofft." daß ich die zweite Arbeit vielleicht in zwei. drei Jahren fertigbekomme".
In noch stärkerem Maße abhängig von ihren Geldgebern sind solche Doktoranden, die einem Hochschullehrer als "Wissenschaftliche Mitarbeiter" zur Seite stehen. Die Wissenschaftlichen Mitarbeiter -- allein an der TU Berlin gibt es rund 2000 -- verfügen zwar über dieselbe wissenschaftliche Qualifikation wie Assistenten, aber sie sind, anders als Assistenten, nicht Mitglieder der Universität: Die (beamteten) Professoren schließen mit ihnen private Verträge ab. Bezahlt werden die Mitarbeiter nicht aus dem Universitätsetat, sondern aus Fremdmitteln, die beispielsweise von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, von Stiftungen und aus der Industrie stammen.
Weil aber diese Fremdmittel jeweils nur vorübergehend, für bestimmte Projekte, fließen, müssen Ordinarien mit ihren Mitarbeitern (Durchschnittseinkommen: 850 Mark) in der Regel Serien kurzfristiger Verträge abschließen.
Diese -- arbeitsrechtlich umstrittenen -- Kettenverträge bewirken, daß die Wissenschaftlichen Mitarbeiter, die zumeist als Doktoranden ohnehin auf das Wohlwollen ihrer Doktorväter angewiesen sind, vollends in Abhängigkeit von ihrem Chef geraten. Und viele Ordinarien verstehen das auszunutzen: Diplomingenieur Josef Dirks" Sprecher Wissenschaftlicher Mitarbeiter in Berlin, beklagt daß die Vertragsbedingungen von den Hochschullehrern "weitgehend willkürlich bestimmt" und daß Promotionen zuweilen "ungewöhnlich in die Länge gezogen" würden. Grund: Die Ordinarien lassen ihre Doktoranden zwischendurch immer wieder Auftragsarbeiten erledigen, an denen oft "für die Professoren erhebliche private finanzielle Gewinne hängen" (Dirks).
Durch solche und andere Praktiken ist die Freiheit der Forschung zweifellos längst beeinträchtigt. Doch völlig ihren Sinn verloren hat diese Maxime für gewisse Einrichtungen, die sich von den üblichen Instituten einer Hochschule äußerlich nur durch zwei Buchstaben unterscheiden: in den Instituten an einer Hochschule.
Das Wort "an" -- zuweilen auch "bei" -- steht im Namen von mehr als fünfzig Instituten und signalisiert nach Ansicht des Wissenschaftsrates eine "mögliche Gefährdung der wissenschaftlichen Unabhängigkeit". Denn Träger dieser Einrichtungen sind in den meisten Fällen nicht oder nicht nur staatliche Organe, sondern industrielle Interessenverbände. Zu diesen Instituten zählen:
* Das "Kautschukinstitut an der TU Hannover" (Rechtsträger ist der "Wirtschaftsverband der Deutschen Kautschukindustrie e. V.");
* das "Forschungsinstitut für Rationalisierung an der TH Aachen" (dem "Kuratorium" zur "Aufstellung von Richtlinien für den Institutsdirektor" gehören acht Mitglieder aus der Wirtschaft, aber nur drei aus der Wissenschaft an);
* das "Institut für Kern- und Verfahrenstechnik an der TH Braunschweig" (Träger: rund 200 in einer "Forschungs-Gesellschaft Verfahrenstechnik" organisierte Industriefirmen; Aufgabe: Lösung betriebsnaher Probleme");
* das "Forschungsinstitut für Kraftfahrwesen und Fahrzeugmotoren an der Technischen Hochschule Stuttgart", das -- im Daimler-Benz-Ort Stuttgart-Untertürkheim -- "überwiegend für die Industrie" arbeitet (Institutsdirektor Paul Rickert).
Schon vor vier Jahren riet der Wissenschaftsrat akademischen Gremien, bei einem Teil solcher Institute "kritisch zu prüfen", "ob die besonderen Bindungen an die Hochschule tatsächlich so stark sind, daß die Organisation als Institut "an" der Hochschule gerechtfertigt ist". Denn "unter Umständen", so vorsichtig formulierend der Wissenschaftsrat, diene die Bezeichnung nur dazu, "das Institut am Glanze der Hochschule teilhaben zu lassen".
Doch die Industrie ließ ihre trojanischen Filialen auf dem Campus. Mehr noch: Ein Jahr nach der Warnung des Wissenschaftsrates veröffentlichte das Unternehmer-Blatt "Wirtschaft und Wissenschaft" Überlegungen. "in welcher Weise man die mit den Instituten an der TH verbundenen Vorzüge" auf "alle Lehrstühle und Institute der TH" ausdehnen könne, "ohne weitere selbständige Institute gründen zu müssen
Eine Möglichkeit, normale Hochschul-Institute in Industrie-Ableger zu verwandeln, deren Ausstattung freilich weiterhin vom Staat finanziert wird, wurde in Stuttgart geschaffen -- mit der Gründung einer "Institutsgemeinschaft der Technischen Hochschule Stuttgart e. V.", deren Aufgabe in der Satzung so umrissen ist: "Verwaltungshilfe für alle Lehrstühle und Institute der Technischen Hochschule Stuttgart bei der Abwicklung von Forschungsmitteln, die nicht aus dem Hochschulhaushalt kommen." Das Wirtschaftsorgan "Wirtschaft und Wissenschaft" nannte das Model] "beispielgebend".
Das Stuttgarter Exempel -- ähnliche Einrichtungen gibt es mittlerweile anderswo -- markiert einen Trend, den "Wirtschaft und Wissenschaft" mit der Formel "Verwirtschaftlichung der Wissenschaft" umschrieb, der aber nach Ansicht des linken Marburger Soziologie-Professors Werner Hofmann einen "Übergang von der Ordinarien-Universität zur Industrie-Universität" einleiten könnte.
Eine solche Entwicklung aber wäre nur in Gesellschaftsformen unbedenklich, in denen sich die Interessen der Industrie mit denen der Allgemeinheit decken. Doch der Glaube daran, daß das für privatwirtschaftlich organisierte Industriestaaten wie die Bundesrepublik gilt, schwindet selbst bei Liberalen.
"Funktionen" die das Industriesystem nicht braucht, die der Staat aber trotzdem erfüllen muß", bemerkt der amerikanische Ökonom John Kenneth Galbraith ("Die moderne Industriegesellschaft"), "leiden unter einer deutlichen Diskriminierung." An den westdeutschen Hochschulen veröden all jene Bereiche, in die Bonner Forschungsförderer nichts oder zuwenig investieren und die zugleich der Wirtschaft keinen kurzfristigen Profit versprechen.
Obwohl die Bundesrepublik zum drittgrößten Automobilproduzenten der Welt avanciert ist, hängt, wie im August das "Deutsche Ärzteblatt" kritisierte, die Verkehrsunfallforschung noch immer im wesentlichen von der Initiative einiger weniger ab". "Weshalb", fragte das Blatt, "sinkt nicht die Zahl der Verkehrstoten" jährlich 17 000 -- "um die Hälfte, wie es theoretisch möglich wäre?" Antwort "Es fehlt an Geld."
Hinzu kommt allerdings, daß vorliegende Forschungsergebnisse nur unzulänglich ausgewertet werden; denn "im Widerstreit von Qualität und Profit" (so Diplomingenieur Alfons Stumpp, Ministerialrat im badenwürttembergischen Innenministerium) obsiegt im Zweifel der Profit. Der Heidelberger Verkehrsmediziner Professor Eberhard Gögler schätzt, daß bei konsequenter Nutzung des "derzeitigen Standes unseres Wissens" die Zahl der Verkehrstoten um 3500 und die der Verletzten um 200 000 sinken würde -- "und das Jahr für Jahr".
Obwohl "das gegenwärtige krebsartige Wachstum der Kraftfahrzeugdichte die Bewegungsmöglichkeit nicht mehr fördert, sondern sie einschränkt", befürchtet der Kybernetiker und Wissenschafts-Autor Karl Steinbuch ("Falsch programmiert"), daß die Deutschen sich vor den Automobilen nicht anders verhalten werden als "die Inder vor den heiligen Kühen". Forschung nach neuen Verkehrsmitteln, die auf lange Sicht Autos weitgehend überflüssig machen könnten, gibt es in der Bundesrepublik in nennenswertem Umfang nicht -- sie widerspricht, so Steinbuch, "den Interessen mancher Industriezweige".
Deutsche Städtebauer und Raumordner wissen häufig von ihrem Fach so wenig "wie die Mediziner vor 100 Jahren" ("Die Welt"). Für Bauforschung wurden bislang je Bundesbürger jährlich kaum zwei Pfennig ausgegeben. Nur werden die Versäumnisse auf diesem Gebiet, so der Architekt Richard Neutra unlängst in Frankfurt, "nicht so deutlich sichtbar wie beim Mediziner, weil niemand, der in ein miserabel und gesundheitsschädlich gebautes Haus einzieht, auf der Stelle tot umfällt".
Die Ernährungsforschung, ein Gebiet von "unmittelbar lebenswichtiger und lebensentscheidender Bedeutung", befindet sich nach den Worten des ehemaligen Direktors des Physiologisch-Chemischen Instituts der Universität Hamburg, Professor Joachim Kühnau, in der Bundesrepublik "in einem bedauerlichen Rückstand gegenüber anderen Ländern".
Die Kenntnisse über Auswirkungen von Fremdstoffen und über die Zusammenhänge zwischen Nahrungsfaktoren und Krankheiten nennt Kühnau "primitiv". Zuschüsse werden Deutschlands Ernährungswissenschaftlern von nur wenigen Industrieeinrichtungen -- wie der "Deutschen Fischwerbung e. V." -- zur Verfügung gestellt; diese Beträge sind zweckgebunden und "keineswegs sehr umfangreich" (Kühnau).
Im Mitteilungsblatt des industriellen "Stifterverbandes" rief der Direktor des Physiologischen Instituts der Universität Heidelberg, Professor Hans Schaefer, die Wirtschaft auf, die medizinische Forschung stärker zu fördern, "obwohl die Wirkung der Medizin ... sich kaum in finanziellen Größen messen läßt". Schaefer warnte vor "Kurzschlüssen" wie dem: "Was kann es den Fabrikherrn angehen, daß Kranke gesunden oder arbeitsfähig werden, solange es sich nicht um seine eigenen Arbeiter handelt?"
Doch auf eine Unternehmerschaft. für die noch nicht einmal immer die Anstellung von Werksärzten selbstverständlich ist, wirken solche Appelle kaum, Spenden aus der Wirtschaft werden vor allem in solchen Bereichen der Medizin vermißt, die der Staat vernachlässigt und an denen fachnahe Industriezweige -- seien es Pharma-Hersteller, seien es Apparatebauer -- nicht interessiert sind.
Flankiert von Mülleimern, in einem notdürftig eingerichteten Keller, haust die experimentelle Abteilung der Chirurgischen Klinik an der Universität Bonn. Hilfspersonal ist so knapp, daß selbst Reinigungsarbeiten von wissenschaftlichen Kräften miterledigt werden müssen. Daß diese Klinik gleichwohl bemerkenswerte wissenschaftliche Leistungen aufweisen kann -- dort gelang die erste Leber-Transplantation in Deutschland -, erschien dem "Deutschen Ärzteblatt" als "ein kleines Wunder".
Die vorbeugende Medizin ist, so Forschungsgemeinschafts -- Präsident Speer, trotz einer Starthilfe der DFG "in Deutschland so gut wie gar nicht vertreten". Auch auf dem Gebiet der Erforschung von Alterskrankheiten ist in der Bundesrepublik nach den Worten des Nürnberger Medizin-Professors René Schubert "überhaupt noch nichts Wesentliches" geschehen.
Bei der Hochschulforschung im Bereich der Arbeitsmedizin registrierte das Fachblatt "Arbeitsmedizin/Sozialmedizin/Arbeitshygiene" sogar einen "bedauernswürdigen Rückstand" gegenüber der DDR "in der Zahl der Institute -- von der Zahl der zur Verfügung stehenden Wissenschaftler ganz zu schweigen". Das Blatt weiter: "Es ist sicher so, daß Entwicklungsländer oft in Gebieten der Sozialmedizin größere Fortschritte gemacht haben,"
Das Sozialmediziner-Organ zählte auf, welche Ergebnisse dieses brachliegende Forschungsfeld verspräche, wenn es kultiviert würde: Geklärt werden könnte beispielsweise die Auswirkung der "erhöhten Mittätigkeit der Frau in Deutschland, insbesondere der verheirateten Frau, in der Industrie" auf die "gegenüber anderen Ländern doch so wesentlich schlechtere Zahl hinsichtlich der Neugeborenen-Sterblichkeit",
* der Einfluß "sozialer Faktoren auf Krankheiten", der "Zusammenhang von Betriebsklima und Krankenstand" und "das gewaltige Zunehmen einer Krankheit wie zum Beispiel des Herzinfarktes".
"das Ausmaß von Verschleiß, Aufbrauch, Erschöpfung und Voralterung durch Berufsarbeit".
Wissenschaftler, die so etwas erforschen wollen, müssen fast immer in finanzieller Bedrängnis und nicht selten in räumlicher Enge arbeiten. Teile des Instituts für Arbeitsmedizin der Universität Tübingen waren jahrelang in muffigen Kellerräumen untergebracht, "so daß es sich für die Besucher empfahl, ihre Nasen durch Taschentücher vor dem üblen Geruch zu schützen" ("Stuttgarter Zeitung").
Weil zur Erforschung moderner Massenkrankheiten "große Kollektive von Menschen wissenschaftlich beobachtet und untersucht werden" müssen und die Daten nicht anders als elektronisch verarbeitet werden können, ist dieser Wissenschaftszweig "ungewöhnlich kostspielig", wie die deutsche "Kommission für Medizinische Epidemiologie und Sozialmedizin" feststellte. Der "Nachholbedarf gegenüber dem Ausland", nach Ansicht der Kommission "beträchtlich", dürfte sich daher in absehbarer Zeit kaum verringern.
"Im Bereich der Bildung" könne, meint der Berliner Bildungsforscher Professor Hellmut Becker, "keine Rede" davon sein, daß "die wesentlichen Lebensumstände, von denen unsere Existenz abhängt, wissenschaftlich erforscht sind. Hauptursache: Die Bundesrepublik stellt ihren Bildungsforschern nicht, wie vergleichbare Industrienationen, zwei Prozent der Ausgaben für Erziehung und Bildung zur Verfügung, sondern nur ein Achtel dieser Summe: 40 Millionen Mark.
Die Serie der Versäumnisse läßt sich verlängern. Wo immer in der Bundesrepublik Hochschulforschung zwar Nutzen für die Allgemeinheit, aber nicht gleichzeitig Profit für die Privatwirtschaft verspricht, wird sie vernachlässigt. Beispiel: die Friedensforschung.
"Die Ursachen der Konflikte unter den Völkern und die menschlichen Aggressionstriebe sind", so mahnte Bundespräsident Gustav Heinemann. "weniger erforscht als die Gesetze der Ordnung im Atom ... Deshalb brauchen wir eine Erforschung dieser Zusammenhänge. Wir brauchen eine Friedensforschung."
Ein hochschulfreies "Institut für Zukunfts- und Friedensforschung" in Hannover hat nur ehrenamtliche Mitarbeiter. Die finanziellen Mittel erlauben gerade die Beschäftigung einer Sekretärin -- für täglich zwei Stunden. Bei internationalen Friedensforschungskongressen ist mancher Zwergstaat mit kopfstarken Abordnungen. die Bundesrepublik aber nur durch einen einzigen Delegierten vertreten.
Nicht besser bestellt ist es um die > Lärmforschung: Längst ist erwiesen, daß der Verkehrslärm in Ballungszentren "die gesundheitsschädigende Grenze überschritten" hat (Professor Otto Guthof, Köln). Doch Deutschlands Lärmforscher sind noch nicht über die "Definition der Meßgrößen" hinausgekommen: Vor ihnen "türmen sich häufig Schwierigkeiten", verursacht durch "Kostenprobleme" und "wirtschaftliche Interessen" (Professor Werner Klosterkötter, Bochum);
* Abgasforschung: Obwohl unter bestimmten klimatischen Voraussetzungen etwa im Ruhrgebiet durch Luftverunreinigungen zeitweilig "nicht mehr nur Pflanzen, sondern auch Menschen -- Säuglinge vor allem und ältere Menschen mit Schäden an Kreislauf und Lunge -- lebensgefährlich bedroht sind" ("FAZ"), fehlen in Deutschland beispielsweise selbst "medizinische Untersuchungen darüber, welche Abgaskonzentrationen unter welchen Bedingungen schädlich sind" (Dr. Hans Peter Lenz, Leiter der Entwicklungsabteilung der Deutschen Vergasergesellschaft);
* Abwässer-Forschung: Obwohl in der Nordsee täglich über 20 000 Tonnen industrieller Abfälle
Schwefelsäure, Gipsschlamm, Fettsäuren, Chlorkohlenwasserstoffe, Phenole, Schwermetallsalze -- versenkt werden, liegen über die Folgen für Fisch- wie Planktonbestände bislang nur "erste Resultate" vor: Deutsche Wissenschaftler stießen in der Nähe von Abfall-Schiffen auf "tödliche Konzentrationen". Zur Fortsetzung der Forschungsarbeiten kann die Bundesrepublik -- aus finanziellen Gründen -- "nur einen bescheidenen Beitrag leisten" (Deutsche Forschungsgemeinschaft).
Daran, daß die Prioritäten der Forschung "mehr von Handelsbilanzen und Aktienkursen ... als vom Wohle der Menschen" (Steinbuch) bestimmt werden, ändert auch jene Organisation nichts, die sich mit dem höchsten moralischen Anspruch aller deutschen Forschungsförderungs-Einrichtungen ziert: der Wirtschafts-"Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft"; Motto: "Maecenates voco" ("Ich rufe die Gönner").
Die Liste der Vorstands- und Kuratoriumsmitglieder schmücken die Namen von Gönnern wie Hermann Josef Abs und Alwin Münchmeyer, Hermann Reusch und Axel Springer. Ihre Großherzigkeit lassen sich die Stifter alljährlich in aufwendigen Feierstunden so salbungsvoll bescheinigen, daß das "Handelsblatt" Anlaß sah, den Verband an die Maxime "Mehr sein als scheinen" zu erinnern.
Denn die -- zu rund 50 Prozent aus Steuerersparnissen finanzierten -- 28,5 Millionen Mark, die Deutschlands Wirtschaft letztes Jahr über den Stifterverband der Wissenschaft gespendet hat, würden nicht einmal ausreichen, einer Technischen Hochschule einen Prüfreaktor hinzustellen.
Die "Neue Zürcher Zeitung" fand, die Stifterverband-Spenden lägen "weit unter den Möglichkeiten eines Landes von der wirtschaftlichen und industriellen Kapazität" der Bundesrepublik.
Wenn der Stifterverband als Geldgeber auch nahezu bedeutungslos ist, so weiß er seine Mittel trefflich anzulegen. Subventioniert werden vom Stifterverband in der Regel nicht einzelne Forscher, sondern Forschungsförderungseinrichtungen -- und zwar nur solche, die "ausreichend Repräsentanten des Stifterverbandes in ihre Entscheidungsgremien aufnehmen". Auf diese Weise hat sich die deutsche Wirtschaft mit Hilfe ihrer mageren Spenden Sitz und Stimme oder Gehör in elf zentralen Wissenschaftsgremien und in 31 Förderergesellschaften einzelner Hochschulen verschafft.
Der weitaus größte Teil (65 Prozent) der Stifterverbandsgelder fließt in die Kasse der wichtigsten Forschungsförderungs- und -lenkungsorganisation der Bundesrepublik: der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) die als Selbstverwaltungsorgan der deutschen Wissenschaft gilt und von der die Hochschulforscher das Gros ihrer "Fremdmittel" beziehen. Obwohl der 185-Millionen-Etat (1968) der DFG zu 93,3 Prozent von Bund und Ländern und nur zu 6,7 Prozent von der Wirtschaft gespeist wird, spielt der Stifterverband in der DFG "eine ausschlaggebende Rolle" (DFG-Präsident Julius Speer).
Denn die Mittel, die der Staat der DFG gewährt, sind angesichts des Bedarfs der deutschen Forschung so "bescheiden" (Speer), daß die DFG dem einzigen, wenn auch knauserigen, zusätzlichen Geldgeber. der Wirtschaft. unverhältnismäßig viel Mitspracherecht einräumt. Mit anderen Worten: Auch in der DFG, die ein Gegengewicht zu den industriebezogenen Teilen der Hochschulforschung hätte bilden können, sitzen die Lobbyisten der Großindustrie.
Zwar ist der Präsident der DFG, Speer, ein Professor. Doch im Präsidium steht ihm Ernst Hellmuth Vits, Generaldirektor der Vereinigten Glanzstoffabriken AG, zur Seite. Zwar gehören dem "Senat" der DFG fast nur Professoren an. Doch im entscheidenden Gremium, dem "Kuratorium"-, das die Haushaltspläne verabschiedet, sind mehr als ein Drittel der Mitglieder Ministerialbeamte und Wirtschaftler -- darunter Gerhard Elkmann, Vorstandsmitglied der Hoesch AG; Karl Klasen, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank; Hellmut Ley, Vorstandsvorsitzer der Metallgesellschaft AG; VW-Generaldirektor Kurt Lotz. Vorstandsvorsitzender der Brown Boveri & Cie. AG; Thorwald Risler, Generalsekretär des Stifterverbandes.
Eine ingeniöse Regelung bewirkt, daß trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit die Kontinuität des wirtschaftlichen Einflusses im Kuratorium gewahrt wird: Ein Drittel der Professoren unter den Mitgliedern wird jedes Jahr ausgewechselt. Die Vertreter des Stifterverbandes aber sind an diese Drei-Jahres-Fristen nicht gebunden.
In dem für die Industrie wichtigen DFG-"Ausschuß für angewandte Forschung" schließlich, dem Beratungsgremium für alle ingenieurwissenschaftlichen Vorhaben, haben die Hochschullehrer mit zehn von 26 Mitgliedern nicht einmal die einfache Mehrheit. So knüpft die DEG, wie sie in ihren Broschüren berichtet, "Kontakte zur Industrieforschung, die ihrerseits aus diesen Kontakten viel Nutzen ziehen kann".
Das wirft die Frage auf, wie es dann um die Forschung bestellt ist, die "nutzlos" erscheint. Nur 16 Prozent der 1968 im Normalverfahren* verteilten DFG-Gelder wurden für medizinische Forschungsvorhaben bewilligt; für naturwissenschaftlich-technische Projekte dagegen stellte die DFG 55 Prozent bereit.
Der Anteil der von der DFG im Normalverfahren abgelehnten Forschungsgelder (durchschnittlich 24 Prozent) war am höchsten auf Gebieten, die nicht kurzfristig profitträchtig erscheinen -- etwa Architektur. Städtebau und Landesplanung (53 Prozent abgelehnt), Sozial- und Wirtschaftswissenschaften (38 Prozent abgelehnt), praktische Medizin (34 Prozent abgelehnt).
Ähnlich das "Schwerpunkt-Programm"* der DFG: Für alle Vorhaben auf den Gebieten der Frühinvalidität, der Luftreinhaltung, des Lärmschutzes, der Fremdstoffschäden, der Gesundheitsgefährdung durch Arbeitsstoffe und der Krebsbekämpfung zusammengenommen (insgesamt: 2,4 Millionen Mark) zahlte die DFG 1968 weniger als für die zweifellos auch sehr wichtigen Arbeiten in einem einzigen
* Im Normalverfahren wurden 1968 von der DEG rund 107 Millionen Mark für Beihilfen, Stipendien und Forschungsfreijahre bereitgestellt, um die Arbeit einzelner Forscher aus allen Disziplinen zu fördern. Im Schwerpunktverfahren bewilligte die DFG 56 Millionen Mark für größere Arbeitsgruppen, um "gezielt neue Forschungseinrichtungen und -projekte zu unterstützen. In einem dritten Förderungsverfahren wurden 4,5 Millionen Mark zur Gerätebeschaffung an Sonderforschungsbereiche verteilt, um die Forschungskapazität bestimmter Hochschulen "auf ausgewählten Gebieten über einen längeren Zeitraum massiv zu verbessern".
Bereich der Ingenieurwissenschaften (Hochspannungs -- Gleichstromübertragung: 2,8 Millionen Mark).
Bewilligt wurden von der DFG letztes Jahr 97 Prozent aller für die Erforschung der "Frühgeschichte der Industrie in Deutschland" beantragten Zuschüsse -- ein Programm, das schon seit fünf Jahren gefördert wird und Themen umfaßt wie: "Die Entwicklung der Eisenhütten St. Antonii, Gute Hoffnung und Neu-Essen von ihren Anfängen bis zur Fusion zur Firma 'Haniel, Huyssen & Jacobi'."
Abgelehnt wurden dagegen von der DFG 46 Prozent aller Zuschüsse auf dem Gebiet der für die vorbeugende Verbrechensbekämpfung bedeutsamen empirischen Kriminologie -- ein Bereich, der von der DFG ohnehin erst seit einem Jahr gefördert wird und Themen umfaßt wie die Erforschung der Kinderkriminalität und die Resozialisierung junger Gefangener.
DFG -- Mitarbeiter mögen solche Disparitäten allerdings nicht auf außerwissenschaftliche Einflüsse zurückführen. Generalsekretär Carl Heinz Schiel ("Die Wirtschaft hat sich überhaupt noch nie eingemischt") gibt die Schuld an der Vernachlässigung sozialer Forschungsbereiche nicht den Forschungsförderern, sondern den Forschern. Schiel zum SPIEGEL: "Wer will sich schon in Deutschland mit Arbeitsmedizin befassen? Dafür gibt es ja keine Nobelpreise."
Manche Forscher wiederum kritisieren die DFG wegen der Verteilungsbräuche.
Obwohl die produktivste Phase eines Wissenschaftlers in der Regel vor seiner Habilitation liegt, gehören den DFG-Organen nur Habilitierte an. Das System der Antragsbewilligung ist undurchschaubar: Als Gutachter fungieren Fachkollegen -- zuweilen, so der Marburger Völkerkundler Professor Horst Nachtigall. nach dem Motto: "Gutachtest du für meinen Assistenten, so gutachte ich für deinen."
Die exakte Höhe einzelner DFG-Zuschüsse wird nicht veröffentlicht. Ablehnungen von Zuschußanträgen bleiben unbegründet. Anfechtungen sind erfolglos, weil die DFG als eingetragener Verein nicht der Verwaltungsgerichtsbarkeit unterliegt. Eine öffentliche Erfolgskontrolle gibt es nicht: Sind Gelder erst einmal bewilligt, kümmert sich die DFG "um nichts mehr als um die Vorlage der Rechnungsbelege" (Nachtigall).
Gleichwohl wäre eine transparente DFG" die wirklich und nichts weiter als Selbstverwaltungsorgan der Wissenschaft ist, durchaus die richtige Instanz, Forschungsmittel zu verteilen -- so genügend staatliche Mittel zur Verfügung stünden. Zwar kennt Bundesforschungsminister Gerhard Stoltenberg (CDU) die Lücken der deutschen Forschung. Im Rahmen eines Programmes "Neue Technologien" sollen Wissenschaftler
* nach Möglichkeiten zur Verbesserung des Nahverkehrs fahnden, > künstliche Organe, zum Beispiel für
Contergan-Kinder, entwickeln und > Methoden zur Wasser- und Luftreinhaltung, Abfallbeseitigung und Lärmbekämpfung finden.
Doch für dieses Forschungsprogramm stellt Stoltenberg nur insgesamt 17 Millionen Mark (1969) bereit -- ein Bruchteil der 412 Millionen, die sich Bonn 1968 die Stützung des Magermilchpreises kosten ließ.
Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkte setzt die Bundesregierung vor allem in Rüstung (1969: eine Milliarde Mark), Atomtechnik (1968 bis 1972: sechs Milliarden Mark), Weltraumforschung (1969: 351 Millionen Mark) und Datenverarbeitung (1969: 75 Millionen Mark). Stoltenbergs -- inzwischen verstorbener -- Staatssekretär Wolfgang Cartellieri: "Der Wunsch des Staates, bestimmte Fachbereiche zu fördern, beruht oft auf Überlegungen, die nicht aus dem wissenschaftlichen, sondern aus dem wirtschaftlichen Bereich stammen, aus der Abwägung von Investitionen und späterem Nutzen, der Rendite."
Daß die Kernforschungsförderung die "Exportbemühungen unserer (Reaktor-) Industrie" unterstützen soll, daß die Datenverarbeitungs-Förderung "die Schaffung einer leistungs- und voll wettbewerbsfähigen eigenständigen EDV-Industrie" ermöglichen soll -- dagegen wäre weniger zu sagen, wenn darüber nicht wichtige andere Bereiche der Forschung geradezu fahrlässig vernachlässigt würden.
In einem Memorandum von 20 wissenschaftlichen Vereinigungen (angefangen von der "Gesellschaft Deutscher Chemiker" bis zur "Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie"), das kürzlich veröffentlicht wurde, heißt es bezeichnenderweise: "Der Bundesforschungsminister fördert mit erheblichen Mitteln Großforschungen auf ausgewählten Gebieten, insbesondere auf den Gebieten der Kernenergie, der Raumfahrt, der Meeresforschung und der automatischen Datenverarbeitung. Solche schwerpunktartigen Förderungsmaßnahmen können aber nur dann wirklich großzügig und ergiebig sein, wenn in den Nachbarbereichen zusätzlich die Grundlagenforschung mit der zugehörigen Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses intensiviert wird.
"Es sollte deshalb ein dringendes Anliegen des Bundesforschungsministeriums sein, zur Sicherung des optimalen Erfolges der eigenen Großprojekte zweckgebundene Sondermittel zur Förderung breiter Grundlagenforschung in den in Frage kommenden Nachbarbereichen an die DFG zu geben. Damit wäre das Gleichgewicht zwischen der Schwerpunktforschung und der insbesondere an den Hochschulen traditionell betriebenen Grundlagenforschung gewährleistet."
Im Grunde genommen leitet Stoltenberg weniger ein Ministerium für wissenschaftliche Forschung als für industriell verwertbare Forschung. Die "partiellen Staatsmonopole", die infolge der konzentrierten Zusammenarbeit von Staat und Wirtschaftsgruppen auf dem Gebiet der Forschung entstehen, verstärken auch nach Mei-
* Kernforschungsanlage Jülich.
nung des ehemaligen DFG-Präsidenten Gerhard Hess das "Ungleichgewicht": Die Hochschulforschung verliert um so stärker an Bedeutung, je mehr staatliche Subventionen in außeruniversitäre Entwicklungsbüros und Forschungslabors fließen.
Wolfgang Koeck, Mitglied der Geschäftsführung des Verbandes der Chemischen Industrie: "Läßt sich nicht klar erkennen, ob ein bestimmtes Forschungsvorhaben ... innerhalb eines nicht zu langen Zeitraumes ... in der Bilanz eines Unternehmens einen positiven Niederschlag finden wird, dann ist eine solche Forschung der Privatwirtschaft nicht zuzumuten."
Anders: Auf dem Gebiet der Big Science soll der Steuerzahler Investieren, die Wirtschaft profitieren; die Verluste sollen sozialisiert, die Gewinne privatisiert werden.
Wenigstens einigen Abgeordneten ist dieses Politikum aufgegangen. Am 14. September 1968 fragten sie die Bundesregierung, ob es nicht "angemessen" sei, "daß Unternehmen für den Fall des Erfolges die staatlichen Förderungsmittel zurückzahlen oder eine Beteiligung am wirtschaftlichen Ergebnis der geförderten Vorhaben einräumen, damit Rückflüsse im Rahmen des Förderungsprogrammes wiederum eingesetzt werden können". Stoltenberg entgegnete, er wolle auf die Rückzahlung der Subventions-Millionen verzichten, um etwas in seinen Augen offenbar Schlimmeres zu vermeiden: den damit verbundenen "unverhältnismäßig hohen Verwaltungsaufwand".
Es leuchtet ein, daß Big Science kaum noch in Universitäten betrieben werden kann -- will man die Hochschulen nicht aufblähen zu Technologie-Konzernen. Daß aber Grundlagen-
* Die Europa-I-Rakete auf der Abschußrampe in Woomera (Australien).
forschung, sei es auch nur schwerpunktartig, an den Universitäten beheimatet und besonders gefördert werden muß, ist doppelt wichtig:
* einmal, weil Studenten nicht rezeptiv lernend, sondern nur aktiv forschend wissenschaftliche Leistungen vollbringen können,
zum anderen, weil sich die Universitäten nur im Zentrum der Wissenschaft zu unabhängigen "Beobachtungsstationen der Gesellschaft in Richtung Zukunft" entwickeln können, zu einem "Ort, wo Kurs und mögliche Steuerkommandos diskutiert werden", wie Karl Steinbuch formuliert.
Dazu bedarf es ungebundener Hochschul-Wissenschaftler, die weder finanziell noch politisch von Einzelgruppen der Gesellschaft abhängig sind -- im Gegensatz zu den zuweilen auf das Buhlen um Forschungsaufträge angewiesenen Ordinarien der derzeitigen Universitäten; im Gegensatz auch zur Masse der wissenschaftlichen Bediensteten in der Abgeschiedenheit industrieller, staatlicher und halbstaatlicher Forschungsanstalten.
Daß die Prioritäten der Forschungspolitik von Politikern gesetzt werden, sei unangefochten, Nur müßten diese Entscheidungen -- und deren Voraussetzungen -- durchschaubar und überprüfbar sein. Der Göttinger Soziologe Bahrdt; "Nur wenn die Forschungspolitik breite Resonanz in der Öffentlichkeit findet, der sich dann aber auch die Politiker, die sie vertreten, stellen müssen, wird die Gesellschaft geistig darauf vorbereitet, die Ergebnisse der Forschung zu ihrer Wohlfahrt zu nutzen."
In diesem Punkt sind sogar die Studenten mit den Professoren einer Meinung. "Die wissenschaftliche Tätigkeit x", heißt es in einer Flugschrift Erlanger Jung-Techniker, "kann den als vernünftig erkannten Zielen y dienen, Wegen des instrumentalen Charakters unserer Wissenschaft kann x aber auch unvernünftigen Zielen dienen. Es kommt daher darauf an, daß x wirklich y dient, damit x gerechtfertigt ist."
Ober ihr x, so fordern Studenten und Professoren, sollen die Hochschulen selbst entscheiden -- ohne den finanziellen Zwang, für universitätsfremde Auftraggeber forschen zu müssen. Dazu freilich wäre zumindest notwendig, daß Bund und Länder ihre nicht zweckgebundenen Zuschüsse an die Hochschulen und an Institutionen wie an eine -- reformierte -- DFG erheblich erhöhen.
Wie weit bereits "Fremdmittel" deutsche Hochschulinstitute ihrem Zweck -- der freien Forschung -- entfremdet haben, verriet unlängst der ehemalige Jura-Dekan der FU, Professor Roman Herzog, in einem Fernseh-Interview.
"Ich könnte Ihnen", sagte Herzog, "einige Institute nennen, die insgesamt mit ihrer gesamten institutionellen Besetzung jederzeit von der Industrie als Forschungsinstitute übernommen werden, wenn sie nur dazu bereit sind. Es wäre dann wirklich nur so, daß der betreffende Industriekonzern noch das Haus von der Universität mieten müßte, und die Sache könnte so bleiben, wie sie ist."
IM NÄCHSTEN HEFT
Fachhochschulen statt Höhere Fachschulen: das Dilemma bleibt -- Was unterscheidet einen Ing. grad. von einem Dipl.-Ing.? -- Sind Sozialarbeiter Armenpolizisten? -- Veraltete Berufsleitbilder und Prestige-Denken bedingen Bildungsbarrieren

DER SPIEGEL 40/1969
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