30.09.1969

APO / MÜNCHENAn der Südfront

Um vier Uhr früh am Mittwoch vergangener Woche versammelte Münchens Polizeipräsident Dr. Manfred Schreiber knapp 300 Untergebene in der Kantine seiner Behörde -- 16 Stunden bevor die Wahlkämpfer Kurt Georg Kiesinger (CDU) und Franz Josef Strauß (CSU) unmittelbar
neben dem Oktoberfestgelände eine Massenkundgebung (für 4000 CSU-Mitglieder * Mit Gisela Erler (rechts oben).
mit numerierten Eintrittskarten) abhalten wollten.
Um fünf Uhr griff die Polizei zu. In VW-Bussen und mit Hunden rückten die Beamten, teils in Uniform, teils in Zivil, gleichzeitig gegen 16 Objekte vor: Sie durchsuchten die Räume des Asta in Schwabing, den Trikont-Verlag im Osten Münchens sowie 14 Wohnungen quer durch die Stadt, in denen politische Kommunen hausen.
Die polizeiliche Strecke: 21 entwichene Fürsorgezöglinge, eine ausweislose erwachsene Mannsperson, eine zweite mit Haschisch-Kippe; diverses Schriftmaterial, darunter ein Verzeichnis von Ärzten, die Antibabypillen verordnen; Bierflaschen, Lumpen, Batterien und sonstige Materialien, die sich für die Herstellung von Molotow-Cocktails eignen könnten; ein Dutzend Kinnriemen von Plastikhelmen; ein Autoradio, ein Tonbandgerät, zwei Kameras; eine Petroleumlampe; ein Renault R 4; ein Megaphon.
Die Durchsuchungsbeschlüsse waren primär mit Verstößen gegen das Jugendwohlfahrtsgesetz begründet worden. Die Münchner Kommunengruppe Südfront" hatte es seit Juni unternommen, "an die Stelle der Heimerziehung von Minderjährigen" -. so die Formel der Staatsanwaltschaft -- "das Modell eines sogenannten Erziehungskollektivs zu setzen".
Erzogen wurden Jungen vorwiegend aus Fürsorgeheimen -- nachdem sie dort ausgerissen waren. Die "Südfront" betrieb in den Anstalten Eigenwerbung, und etwa hundert Zöglinge fanden nach und nach den Weg zur Kommune. Allein aus dem Pius-Heim im oberbayrischen Glonn verschwanden in den letzten Wochen 24 schwererziehbare Jugendliche gen Schwabing.
"Südfront"-Sprecher Michael Braun, 23: "Wir strebten eine Resozialisierung der Zöglinge durch Gemeinschaftsleben und Arbeitstherapie an." Die Arbeit freilich beschränkte sich auf Dienstleistungen für das Kommuneleben -- ohne ordnungsgemäße Papiere fanden die Flüchtlinge nirgendwo Stellung.
Doch so ganz illegal war das Erziehungskollektiv auch wieder nicht. Jeden einzelnen Zögling meldeten die Südfrontler dem Münchner Jugendamt, und diese Behörde tolerierte die Kommune-Therapie. Amtsleiter Werner Wittmann: "Ich bin überzeugt, daß die den Jugendlichen aus Idealismus wirklich helfen wollten. Wer denn sonst bemüht sich, den Schwererziehbaren an ein normales Leben zu gewöhnen und ihn in die Freiheit einzuführen?"
Wie das normale Leben aussah, glaubt die Staatsanwaltschaft zu wissen: "Vor allem in den Kommunen kam es zum Geschlechtsverkehr zwischen Minderjährigen und weiblichen Kommunemitgliedern. Die Partner wurden hierbei häufig gewechselt." Sprecher Braun: "Kein wahres Wort. Jungen und Mädchen schliefen in getrennten Räumen."
Wahr oder nicht die jetzt erhobenen Vorwürfe sind den Behörden schon seit Monaten bekannt. Die Polizeiaktion vom letzten Mittwoch nennt der städtische Jugendamtsleiter Wittmann "recht unglücklich". Kommunen wiederum begreifen eine eindeutige Verbindung zur abendlichen CSU-Darbietung, die sie mit "Diskussionsforderungen" beleben wollten.
Im linken Trikont-Verlag beispielsweise nahmen die Beamten statt der schwererziehbaren Jugendlichen ein Manuskript von Professor Jürgen Habermas, einen Haufen Putzlappen, vier Radiobatterien sowie ein Kabel von 71 Zentimeter Länge mit. Gisela Erler, 25. Tochter des verstorbenen SPD-Fraktionsvorsitzenden Fritz Erler. Germanistik-Studentin und Trikont-Teilhaberin: "Das deutet doch darauf hin, daß sie gar nicht auf Zöglinge aus waren."
Die Asta-Türen wurden -- ohne Wissen des Asta -- von Universitäts-Kanzler Franz Friedberger geöffnet. Die Polizisten durchsuchten 13 Räume, dazu den Keller. Zur Beute gehörten nicht nur die Pillen-Liste und Notizbücher, sondern auch ein dickes Paket mit Briefen, in denen schwangere Mädchen um Eingriff-Tips gebeten hatten. Asta-Vorsitzer Gerald Thiel: "Jetzt brauchen die Behörden bloß zu prüfen, wer von denen kein Kind zur Welt gebracht hat."
Mancherorts entschuldigten sich die Polizisten diskret: "Das geht alles von der Staatsanwaltschaft aus." Tatsächlich dirigierten mehrere Staatsanwälte die morgendliche Aktion vom Polizeipräsidium. Polizeipräsident Schreiber seinerseits, auf den Ruf seiner Leute bedacht, hatte die Durchsucher noch unmittelbar vor Beginn in der Kantine über die gesetzlichen Vorschriften "intensiv belehren" lassen.
Die Staatsanwaltschaft bestreitet jeden Zusammenhang zwischen Massendurchsuchung und Großkundgebung. Immerhin: Kiesinger und Strauß blieb dank des staatsanwaltschaftlichen Vorgehens die "Südfront" erspart. Gisela Erler vor Versammlungsbeginn: "Nach diesem Durcheinander haben wir keine Zeit mehr, uns um die Faschisten zu kümmern."
Am Mittwochabend wurden die 21 entwichenen Zöglinge in ihren Heimen abgeliefert. Keine 24 Stunden später fanden sich die ersten fünf wieder bei ihren Schwabinger Erziehungstherapeuten ein.

DER SPIEGEL 40/1969
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