15.09.1969

FRANKFURTER ALLGEMEINESo lebhaft

Dr. Wilhelm Throm, 62, Korrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ") in Düsseldorf. hörte "aus seriöser Quelle" eine unseriöse Geschichte: Bei den wilden Streiks in den Dortmunder Hoeschwerken sei auch die Privatvilla des Vorstandsvorsitzenden Fritz Harders von "Aufrührern" bestürmt worden; Frau Ulla Harders habe "mit einer Pistole in der Hand" ihr Heim verteidigt.
Die Pistolen-Story war Throm "so außerordentlich lebhaft geschildert" worden, daß er "keinerlei Zweifel an der Richtigkeit hatte". Obwohl der Vorfall sich schon sechs Tage zuvor zugetragen haben mußte und Throm mithin nicht unter dem Zeitdruck einer Tagesaktualität stand, verzichtete er darauf, seine Informationen zu überprüfen.
Ungeprüft kabelte Throm -- der laut "FAZ" von "jüngeren Kollegen erwartet, daß alles bis aufs 1-Tüpfelchen exakt erfaßt ist" -- die Geschichte an die Frankfurter Zentrale. Die "FAZ"Redaktion, die nach eigenem Bekunden einen "guten, aufrechten Stil" schätzt, sah ebenfalls keinen Grund, Throms Dortmunder Erzählungen noch einmal nachzuprüfen. Der für Politik verantwortliche Redakteur Dr. Hermann Ruelius: "Dafür ist uns Throm ein zu guter, seriöser Mann."
Am Dienstag letzter Woche stand die Geschichte über Ulla Harders und ihre Pistole, in der das Revier wieder mal so gewalttätig wie in den Gründerjahren erschien, als Aufmacher direkt unter dem Fraktur-Titel der "FAZ". Und wiederum ungeprüft druckte am nächsten Tag Springers "Bild" ("Frau Harders verscheuchte sie") in Hamburg die "FAZ"-Pistole nach.
Nur die Dortmunder "Ruhr-Nachrichten" hatten Zweifel. Sie überprüften schließlich durch eigene Recherchen, was aus seriöser Quelle über einen seriösen Korrespondenten in die seriöse "Zeitung für Deutschland" gerückt worden war.
Die "Ruhr-Nachrichten" fragten zu dem "Sensationsartikel" der "FAZ" das Büro Harders (Anwort: "Das stimmt nicht"), den Hoesch-Generalbevollmächtigten Erich Vogel ("Überlegungen, Kombinationen und auch Spekulationen"), die Polizei ("Frau Harders hat die streikenden Arbeiter nie zu Gesicht bekommen") und einen Hoesch-Arbeiter ("Alles gestunken und gelogen"). Fazit der "Ruhr-Nachrichten": "Es bleibt nicht" viel, was den Wahrheits-Test besteht."
Dies erkannte am Donnerstag letzter Woche -- zwei Tage nach Erscheinen seines Artikels -- auch "FAZ"Korrespondent Throm. Nach Beginn der SPIEGEL-Recherchen lotete er seine "seriöse Quelle" noch einmal aus: Der Gewährsmann, so erfuhr er nun, habe "in der Aufregung vergessen zu sagen, daß es zu der Pistolenaktion der Frau Harders gar nicht gekommen sei".
In der "FAZ"-Ausgabe vom Freitag letzter Woche berichtigte Throm seinen eigenen Bericht: Eine Konfrontation von Frau Harders mit den Demonstranten, erfuhren nun die "FAZ"-Leser, habe "glücklicherweise" gar nicht stattgefunden.
Nur einer bedauerte das: Fritz Berg, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie. Berg am Freitag letzter Woche bei einem Empfang der Industriekreditbank in Düsseldorf: "Die hätte doch ruhig schießen sollen, einen totschießen, dann herrschte wenigstens wieder Ordnung."

DER SPIEGEL 38/1969
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