25.08.1969

„Unser Interesse“

Die Gebefreudigkeit von Selbständigen wollen CDU-Verbände heben, indem sie in ihren Bettel-Briefen zum Wahlkampf drohen, eine SPD-FDP-Koalition werde die „freie Unternehmerinitiative“ empfindlich einschränken.
Der CDU-Landesverband Nordwürttemberg schrieb:
Die CDU ist der Meinung, daß eine so links orientierte Regierung, wie SPD und FDP sie darstellen würden, eine Gefahr für unsere Wirtschaft wäre ... Deshalb muß die CDU bei der Bundestagswahl so abschneiden, daß ohne sie nicht regiert werden kann. Um dies breiten Schichten der Bevölkerung deutlich zu machen, ist eine umfassende Aufklärung nötig. Die staatlichen Mittel für den Wahlkampf reichen dafür nicht aus. Die CDU ist daher auch weiterhin auf Spenden angewiesen. Auch wenn unser Kreis- oder Ortsverband schon bei Ihnen angeklopft hat, möchten wir Sie höflich um eine Spende bitten.
Der CDU-Ortsverband Verl (bei Gütersloh) schrieb:
Bei einer Bundesregierung, in der die SPD den Kanzler stellte, würden Probleme, wie unter anderem die Mitbestimmung, sicherlich im Sinne betriebsfremder Interessengruppen geregelt werden. Die CDU wird sich gemäß den Beschlüssen des Berliner Parteitages auch weiterhin dafür einsetzen, daß unsere Wirtschaft nicht durch unnötige Kontrollen gehindert wird. Wenn Sie möchten, daß die Sie besonders interessierenden Fragen der Politik in Ihrem Sinne gelöst werden sollen, dann geben Sie unserer Partei Ihre Unterstützung.
Der CDU-Kreisverband Stuttgart schrieb:
Unsere freiheitliche Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung wird aus ideologischen Gründen in Frage gestellt. Unter dem Druck der Gewerkschaften strebt die Mehrheit der SPD rigoros die paritätische Mitbestimmung an. Die Macht der Gewerkschaften soll auf Kosten der Allgemeinheit weiter ausgebaut werden ... Bei der Bundestagswahl muß es Ihr wie unser Interesse sein, der CDU zu der Mehrheit zu verhelfen, die es unmöglich macht, gegen sie zu regieren. Wir sind sicher, daß auch Sie bereit sind, einen Beitrag dafür zu leisten. Die öffentlichen Mittel reichen für den Wahlkampf nicht aus; sie decken gerade ein Viertel der entstehenden Kosten. Bitte unterstützen auch Sie uns durch eine entsprechende Spende.

DER SPIEGEL 35/1969
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