25.08.1969

AHLERSAnständig auseinander

Trouble is my business. Sinnspruch im Arbeitszimmer von Conrad Ahlers.
Fern der Heimat erfuhr Kurt Georg Kiesinger das Unfaßbare. Einer seiner Getreuen war fremdgegangen.
Jovial hatte der Kanzler während seiner letzten Amerika-Visite auf einer Party in der deutschen Washington-Botschaft den Presseamt-Mann Heinz Schneppen gefragt: "Na, was gibt's Neues in Bonn?" Schneppen rapportierte: Presseamts-Vize Conrad Ahlers habe in einem Interview mit dem Berliner "Telegraf" Kiesingers Wahlkampf gegner Willy Brandt als nächsten Bundeskanzler empfohlen.
Der alte Kanzler verlor die Beherrschung: "Der ist doch wohl Was der wohl sei, mutmaßte der in der Nähe stehende Presseamts-Chef Günter Diehl: "Der Conny war wohl betrunken."
Conny Ahlers, 46, hatte wieder einmal Trouble. Der Bruch zwischen Kanzler und Knappe schien unabwendbar.
Dabei war es der SPIEGEL-Redakteur Conrad Ahlers gewesen, der Ende 1966 in unermüdlichem Maklerdienst zwischen SPD-Vize Herbert Wehner, Patenonkel von Ahlers-Sohn Detlev, und Kiesingers CSU-Freund Theodor Freiherr von und zu Guttenberg die Große Koalition gebären half.
Dem Kanzler-Kandidaten Kiesinger besorgte er aus dem SPIEGEL-Archiv jenen Persilschein, der dem ehemaligen NSDAP-Mitglied und stellvertretenden Leiter der Rundfunkpolitischen Abteilung des NS-Außenamtes die Tore des Palais Schaumburg öffnete*.
Überdies: Indem der parteilose Ahlers, einst prominentes Strauß-Opfer in der SPIEGEL-Krise, sich für die SPD ins Presseamt schicken ließ, erleichterte er es Herbert Wehner, den widerstrebenden Genossen die Zu-
* Der Persil-Schein: Aktennotiz eines SS-Führers aus dem Jahre 1944. Sie enthielt eine Denunziation eines Kiesinger-Untergebenen, der seinen Chef als unzuverlässig in der anti-jüdischen Propaganda bezeichnete.
stimmung zu einem Finanzminister Strauß abzuringen.
Fortan bestimmte Trouble das Geschäft von Conrad Ahlers. Denn der SPD-Protegé unterstand den Weisungen des CDU-Kanzlers. SPD-Wirtschaftsminister Karl Schiller definierte die problematische Doppelfunktion des stellvertretenden Regierungssprechers verständnisvoll: "Conny muß auf zwei Schultern tragen."
Regelmäßig tanzte Conny auch auf zwei Hochzeiten. Allmorgendlich fand er sich mit den Staatssekretären Carstens, von Guttenberg und Diehl zum Lever des schwäbischen Landesherrn im Kiesinger--Bungalow ein. Dort zogen sie die Richtlinien der, Politik.
Jeden Montag löffelte er mit den jungen Hoffnungen des SPD-Establishments, den Staatssekretären Ehmke (inzwischen Justizminister), von Dohnanyi, Arndt und Jahn sowie Brandts Sonderbotschafter Bahr in seiner Dienstvilla auf dem Bonner Venusberg Erbsensuppe. Dabei heckten sie die SPD-Gegenstrategie aus.
Gleichwohl hatten die Genossen bisher das meiste an ihrem Presseamts-Vertrauten auszusetzen. So lasteten sie ihm an, kanzlerhörig
* in Anzeigenserien des Presseamts zum Lobe der Großen Koalition Strauß und Kiesinger mehr als Schiller gefeiert zu haben,
* eine Bundeszentrale für Öffentlichkeitsarbeit zu propagieren, die früher schon einmal von der CDU vorgeschlagen, von der SPD aber strikt abgelehnt. worden war,
* Schillers Haltung in der Aufwertungsfrage dadurch ins Zwielicht gerückt zu haben, daß er eisern bei der Kanzler-Version blieb, der Wirtschaftsminister sei im letzten November zur Aufwertung gar nicht bereit gewesen.
Ahlers revanchierte sich für SPD-Verdächtigungen mit einem bösen Ausfall gegen die Parteibaracke. Auf Weltreise mit seinem Kanzler in Teheran, ließ er im vergangenen Herbst nach Bonn drahten, von einer Begünstigung der CDU könne "überhaupt nicht die Rede sein". Wohl aber sei es für ihn "zuweilen notwendig gewesen, sich gewisser Pressionen von SPD-Seite auf Begünstigung zu erwehren".
Mit den Christdemokraten bekam Ahlers Trouble, als er
* im Dezember vergangenen Jahres erklärte: "Der Bundeskanzler ist ein wandelnder Vermittlungsausschuß, und das entspricht seiner Natur ganz gewaltig";
* in einem Interview mit der "Neuen Ruhr-Zeitung" der CDU "Rückfall ins Reaktionäre" und eine "Rückkehr zu einem nationalkonservativen Kurs" vorwarf;
* sein eigenes Wort, des Kanzlers Nein zur Aufwertung gelte auf "ewig", später dem Koalitionsfrieden zuliebe umfunktionierte in: "Auf absehbare Zeit."
Connys Versuch, "den Graben zwischen Kiesinger und Schiller" (Ahlers) in der zum Wahlthema Nummer eins aufgewerteten Währungsfrage zuzuschütten, trug ihm einen Rüffel seines Kanzlers ein. Der gescheiterte Vermittler Ahlers fühlte sich mißverstanden; "Dafür bin ich nun auch noch angepfiffen worden."
Das "Telegraf"-Interview kühlte die Freundschaft zwischen Kanzler-Adlatus und Kanzler vollends ab. Ahlers hatte dem Berliner Blatt nach einem Bekenntnis zur Großen Koalition erklärt: "Natürlich würde ich es für wünschenswert halten, daß die SPD diesmal den Bundeskanzler stellt. Aber auch eine Große Koalition unter der Führung Brandts könnte sehr erfolgreich sein."
Als Kanzler Kiesinger aus den USA heimkehrte, brach über die Folgen der Franc-Abwertung schließlich der offene Konflikt aus. Unter seinen Amtspapieren fand der Kanzler ein Memorandum, in dem der Nicht-Ökonom Ahlers -- nach Rücksprache mit SPD-Wirtschaftsminister Schiller -- dem Aufwertungsgegner Kiesinger eine Kurskorrektur der Mark um vier Prozent (bei gleichzeitiger Abschaffung der Exportsteuer) vorschlug.
Wenig später widersprach Ahlers dem Regierungschef erneut. Diehl hatte vor der Bundespressekonferenz kanzlerkonform Schillers Interpretation eines Telephongesprächs mit dem französischen Finanzministers Giscard d'Estaing -- die Franzosen erwarteten eine Markaufwertung -- lächerlich gemacht: "Der Eindruck ist der, daß er etwas hören wollte oder gehört hat, was er gern hören wollte." Ahlers beharrt heute noch darauf, womit er vorher schon seinen Kanzler gereizt hatte: "Ich war dabei, als Schiller telephonierte, der Minister kann sich nicht verhört haben."
Kiesinger witterte Kanzler-Verrat und ließ seinen einstigen Intimus fallen. Seither darf der stellvertretende Regierungssprecher nicht mehr an den internen Besprechungen im Kanzler-Bungalow teilnehmen. Der Regierungschef würdigt ihn keines privaten Wortes mehr.
Conny Ahlers bereitet sich auf seine Trennung von Kanzler und Amt vor. Ehe er letzte Woche in Salzburg beim "Rosenkavalier" Entspannung suchte, offenbarte er: "Ich werde Kiesinger sagen, wenn schon, dann sollte man anständig auseinandergehen."

DER SPIEGEL 35/1969
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