25.08.1969

FDPD'r Tünnes kütt

Walter Scheel, Schuhgröße 46, trat einem deutschen Badegast aufs Allerheiligste.
Der FDP-Chef, Anfang letzter Woche auf Wähler-Werbung in Nord- und Ostseebädern, stieß auf der ostfriesischen Insel Borkum bei einer Diskussion mit Urlaubern mit dem Fuß versehentlich an eine Strandburg. Rot vor Zorn, fuhr der Bauherr hoch: "Macht doch eure Scheißpolitik woanders. Wer macht mir denn nachher meine Strandburg heil?"
Das "Unternehmen Badehose" des Bonner Oppositionsführers (Scheel: "Es bringt vermutlich keine Stimmen, macht aber ganz gewiß die Leute wieder auf uns aufmerksam") war der jüngste Versuch der finanzschwachen Liberalen, mit ihrem Zehn-Millionen-Etat im Wahlkampf gegen jene hundert Millionen Mark zu bestehen, über die CDU/CSU und SPD zusammen verfügen.
Rund 20 000 Mark, die den Weltkrieg-II-Nachtjäger Scheel die Chartermaschinen für den mitfliegenden Presse-Pulk kosteten, brachten der FDP vier kostenlose Fernsehauftritte und Reportagen in fast allen deutschen Zeitungen. "Inserate gleicher Wirkung", so errechnete FDP-Sprecher Hans-Roderich Schneider, "hätten uns Hunderttausende gekostet."
Selbst seine Privatausgaben münzte der Rheinländer Scheel, den sonnenbadende Landsleute mit dem Ruf "D'r Tünnes kütt" willkommen hießen, in Werbekosten um: Im Salon Konitzer in Wyk auf Föhr ließ er sich im Blitzlicht der Photographen und vor Fernsehkameras für 3,50 Mark die Haare stutzen.
Draußen vor der Tür beklatschten ihn dann 150 Schaulustige, nachdem er Scherze über seinen New Look gemacht und "weiterhin einen recht schönen Urlaub" gewünscht hatte. Scheel: "Solche Art der Sympathie-Werbung bringt hier mehr, als wenn ich den Leuten mit FDP und Politik gekommen wäre."
Nach dieser Devise hatte seine Partei bereits im Januar, gut fünf Monate vor den Christ- und Sozialdemokraten, ihren Bundestagswahlkampf begonnen. Die Düsseldorfer Werbeagentur "Team" hatte der Partei, die beim Führungswechsel von Erich Mende zu Walter Scheel im Januar 1968 gleichsam auf Null war und derzeit -- von ihren Demoskopen bestärkt auf rund zwölf Prozent Stimmen hofft, mit Erfolg geraten, sich zunächst ins Gespräch zu bringen und erst dann ihr politisches Programm zu präsentieren.
Schon nach wenigen Inseraten, in denen sich die FDP als F. D. P. vorstellte und versprach, "wir schaffen die alten Zöpfe ab", war die Partei ganz billig ins Gespräch gekommen: Die Annoncenserie kostete je tausend Leser nur 25 Mark; die gegenwärtigen CDU-Anzeigen hingegen kosten zum Beispiel je tausend Leser 300 Mark und erreichen, so ermittelten Volksbefrager im FDP-Auftrag, nicht annähernd den Aufmerksamkeitswert der Pünktchen- und Zopf-Werbung.
Auch in einer anderen Werbemethode waren die Liberalen sparsamer als die Unionschristen. Der von CDU-Sprecher Arthur Rathke als "großer Wahlkampf-Knüller" angekündigte CDU-Tele-Dialog, bei dem ein vorher abgesprochenes Frage-und-Antwortspiel zwischen Kanzler Kiesinger und Wahlversammlungsbesuchern per Kabel-Fernsehen aus einem Studio in fünf verschiedene Städte übertragen wird, war von der Düsseldorfer Hauser-Werbung zuerst der FDP angeboten, aber von Parteigeschäftsführer Hans Friderichs abgelehnt worden.
Nach der ersten Sendung schloß sich die CDU der Friderichs-Ansicht an, daß dieser Tele-Dialog viel koste, aber wenig bringe. Die Wahlkämpfer der Union kürzten die geplanten acht Veranstaltungen auf fünf.
Bei geringeren Kosten und größerer Wirksamkeit hätte dieses Partei-Fernsehen der FDP freilich aus einem Dilemma helfen können: ihrem Mangel an Köpfen ohne alte Zöpfe.
Populär und so bekannt wie die Spitzenpolitiker der schwarz-roten Koalition ist nur Walter Scheel. Die zumindest beim jungen und linken Wahlvolk bekannten und attraktiven FDP-Intellektuellen Ralf Dahrendorf, Hildegard Hamm-Brücher und Werner Maihofer will das Parteipräsidium nicht allzu aktiv werden lassen. Die Präsiden fürchten entweder, daß dieses Trio die Partei zuweit nach links steuern oder daß sie sich als potentielle Führungs-Rivalen aufbauen könnten.
Die offizielle Wahlkampftaktik der FDP-Führung, die Parteilinie in gleich weitem Abstand zu CDU und SPD zu ziehen und sich damit beiden gleichermaßen als künftiger Koalitionspartner zu empfehlen, zwang Scheel bei seinen Polit-Disputen am Rettungsschwimmerturm auf Borkum, am Kurhaus auf Helgoland oder im "Deutschen Haus" auf Norderney zu paritätischer Kritik an Christ- und Sozialdemokraten.
Scheel tadelte Schiller (den er in der Sache unterstützt), weil der Wirtschaftsminister im Kabinett bleibt, obwohl er Kiesingers Nichtaufwertungsentscheidung und "dessen Begründungen schriftlich und mündlich als
Volksverdummung bezeichnet". Und er tadelte Kiesinger, weil der Kanzler den gegen Kabinettsdisziplin verstoßenden Minister nicht entläßt. Außerdem warf
* Rechtes Bild: Mit Megaphon.
er dem Kanzler vor, das Volk in CDU-Inseraten zur Aufwertungsfrage zu belügen.
In der Vermögenspolitik lavierte der FDP-Chef zwischen SPD-Arbeitnehmern und CDU-Arbeitgebern: "Der Wertzuwachs des Wirtschaftsvermögens muß für eine breite Vermögensbildung mobilisiert werden, statt ihn weiterhin gänzlich den zufälligen Vorbesitzern zu überlassen."
Am unverbindlichsten aber antwortete Scheel auf die Frage, welche Koalition seine Partei nach der Wahl anstrebe: "Wir werden mit dem Partner regieren, mit dem wir das Höchstmaß unserer politischen Vorstellungen durchsetzen können; reicht das Maß nicht, bleiben wir ganz gern in der Opposition."
Was Scheel und seine Führungsgehilfen wirklich anstreben, wollen sie öffentlich nur durch ihren Slogan andeuten, den sie in den letzten beiden Wochen vor der Wahl auf zehn Quadratmeter großen Plakaten weiß auf schwarz verkünden: "Sie können Deutschland verändern. Machen Sie Schluß mit der Großen Koalition."
Zu verändern aber ist Deutschland, darin ist sich das FDP-Präsidium einig, nur bei einem Machtwechsel in Bonn -- und das heißt: Regieren ohne CDU.
Willy Brandt. und Helmut Schmidt bekundeten unlängst ihre Bereitschaft, zusammen mit der FDP zu regieren. Sie baten den FDP-Bundesgeschäftsführer Hans Friderichs, der am 15. September als Staatssekretär ins Mainzer Weinbau- und Landwirtschallministerium gehen will, seinen Entschluß noch einmal zu überprüfen, da eine SPD/FDP-Koalition jeden Mann in Bonn brauche, der diese Regierung stützen könne.
Scherzhaft verkündete Scheel nach seiner Bädertour am letzten Dienstag Parteifreunden bei Bier und Korn im Schleswiger "Hohenzollern", wie diese Koalition am 28. September eine sichere Mehrheit bekommen kann: "Jeder FDP-Wähler müßte mit der Erststimme den SPD-Kandidaten wählen und jeder SPD-Wähler seine Zweitstimme der FDP geben. Sie müssen mal nachrechnen, was dabei rauskommt."
SPD und FDP hätten dann zusammen fast eine Zweidrittelmehrheit.

DER SPIEGEL 35/1969
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