25.08.1969

CDUDavid vor dem Kampf

Wilhelm Daniels, 66, ehemaliger Oberbürgermeister von Bonn, beschwerte sich beim Schwaben-Kanzler über seine Landsleute. "Ich habe nichts gegen Sie, Herr Bundeskanzler. Ich bin CDU-Mann und will es bleiben. Aber was mich ärgert, ist der rheinische Klüngel."
Kurt Georg Kiesinger hatte den aufgebrachten Parteifreund ins Palais Schaumburg befohlen, um ihm einen Plan auszureden, der die Christenunion um ihren angestammten Wahlkreis 63 Bonn bringen kann: Der ergraute Lokal-Matador will gegen den offiziellen CDU-Kandidaten, den Bad Godesberger Anwalt Alo Hauser, 39, in den Bundestags-Wahlkampf ziehen.
Denn Daniels fühlt sich von seinen eigenen Parteifreunden verschaukelt. Noch Ende vergangenen Jahres hatte eine Allensbach-Umfrage dem Ex-OB einen Popularitätsvorsprung von 53 zu 22 Prozent vor seinem Kontrahenten Hauser bescheinigt. Doch die Delegierten der CDU-Kreise Bonn, Bad Godesberg und Duisdorf ließen sich von dem Punkte-Konto nicht beeindrucken. In einer Kampfabstimmung gaben sie im Januar dem alerten Anwalt mit 35 zu 25 Stimmen den Vorzug vor dem würdigen Stadtvater. Die Unionschristen von Bad Godesberg und Duisdorf rächten sich so an Danleis, der ihren Lokalpatriotismus durch sein Eintreten für eine Zusammenfassung der drei Gemeinden zur Kommune Groß-Bonn verletzt hatte.
Die Niederlage gegen Alo Hauser blieb nicht der einzige Tort, den die Partei dem Bonner Ehrenbürger antat: Die rheinländischen CDU-Landesdelegierten setzten Daniels auf den aussichtslosen Platz 63 der nordrheinwestfälischen Landesliste. Daniels: "Das ist eine Beleidigung."
Der verdiente Partei-Mann begehrte auf. Bestärkt von einer neuerlichen Popularitäts-Tabelle, die ihn auch nach seiner Niederlage gegen Hauser noch immer mit sechs Punkten in Führung sah, entschloß er sich, seinen Weg in den Bundestag auf eigene Faust zu machen.
Zunächst warb ein "Aktionskomitee Daniels in den Bundestag" in den Bonner Lokalblättern: "Der Wille der Wähler und nicht der Parteiapparat soll darüber bestimmen, wer unser Abgeordneter wird." Und tags darauf schon zählte die Jura-Studentin und CDU-Parteifreundin Maria-Theresia van Schewik in einem Organisationsbüro am Bonner Wichelshof 800 Sympathie-Erklärungen für den Partei-Rebellen. Maria-Theresias Bruder, Heinz-Helmich van Schewik, Mitarbeiter im Presseteam des Danleis-Gegners Alo Hauser, sah "das nicht mit großer Freude".
Auch im Hause Daniels gab es Querelen. Sohn Hans Daniels, der im väterlichen Notariat arbeitet und als aussichtsreicher CDU-Landtagskandidat gilt, warf seinem Vater parteischädigendes Verhalten vor. Daniels junior: "Ich riet meinem Vater ab. Aber ob er folgt, weiß ich nicht, denn er folgt nicht allen meinen Ratschlägen, wie ich auch seinen nicht folge."
Am schwersten traf der einsame Entschluß des Partei-Rebellen den CDU-Kandidaten Alo Hauser: "Es ist keine politisch-sachliche Rechtfertigung, nur deshalb zu kandidieren, weil man mit einer in einer demokratischen Wahl gefallenen Entscheidung unzufrieden ist."
Hauser und die Bonner CDU-Funktionäre fürchten nämlich, durch den Bruderzwist den Bonner Wahlkreis an den SPD-Kandidaten Wilderich Freiherr Ostman von der Leye zu verlieren, obwohl die CDU bei den Bundestagswahlen 1965 mit 59 Prozent die SPD (29 Prozent) klar geschlagen hatte. Doch damals hatten die Christdemokraten nur einen Kandidaten: Konrad Adenauer.
Selbst Kanzler Kiesinger und CDU-Manager Bruno Heck gelang es nicht, Daniels von seiner Kandidatur abzubringen, Auch die Aussicht auf ein Parteiausschluß-Verfahren (Daniels: "Man kann mich natürlich auch so reizen, daß ich selbst austrete") oder das im rheinischen Landesverband erwogene Tauschgeschäft, Daniels solle zugunsten einer neuen OB -Herrschaft über Groß-Bonn auf eine Kandidatur verzichten, beeindruckte den Störenfried nicht. Daniels: "Ich habe auf dem Höhepunkt das Fest verlassen. Soll ich mich jetzt in die neue Stadt hineinstürzen bei dieser Lage in der CDU? Ich wäre ja von Leuten umgeben, die mich wüst bekämpft haben."
Am Freitag letzter Woche verkündete Daniels, daß sein Entschluß endgültig sei: "Ich bin bereit zu kandidieren." Zwar fühle er sich als Einzelgänger wie "David vor dem Kampf mit Goliath", doch dafür sei er auch "wirtschaftlich wie politisch unabhängig". Noch am selben Abend beschloß der Vorstand des Bonner CDU-Kreisverbandes einstimmig, ein Parteiausschluß-Verfahren gegen den Rebellen einzuleiten. Daniels kämpft inzwischen ums Prinzip: "Was ich will, ist, daß diese Herrschaft der Interessenverbände und Organisationen, ja sogar Cliquen sich in der Partei nicht durchsetzt."
SPD-Kandidat Ostman sieht das anders: "Daniels hat ein gewisses Sendungsbewußtsein. Wenn man mal irgendwo Oberbürgermeister gewesen ist, denkt man, der Bundeskanzler hänge im hohen Alter noch dran."
* Bei der Unterschriftensammlung auf dem Bonner Münsterplatz.

DER SPIEGEL 35/1969
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