25.08.1969

BERLIN / TRAVELBOARDWind weg

Der Weg aus der DDR in die weite Welt führt durch eine West-Berliner Hintertür. Es ist die Eichenpforte an der Rückseite des 1913 erbauten preußischen Kammergerichts, wo 1945 der Alliierte Kontrollrat Quartier bezog.
Dort, "mitten auf dem Territorium der DDR" ("Neues Deutschland"), in Souterrain und Beletage der Schöneberger Elßholzstraße 32, residiert das alliierte Reiseamt (Nato-Slang: Travelboard), das ostdeutschen Bürgern für Fahrten in Nato-Länder Reisepässe aussteht -- oder verweigert.
Staatsfunktionäre wie Manager, Schlagersänger oder Wissenschaftler -- wer etwa von Cottbus nach Cambridge, von Vetschau nach Versailles oder von Rügen nach Reykjavik will, muß zunächst bei den drei Verbindungsoffizieren der USA, Großbritanniens und Frankreichs vorsprechen. Wegweiser-Text: "Facilities" -- Erleichterungen. Wilhelm Girnus, einst DDR-Staatssekretär und heute als Literatur-Professor ständiger Kunde des Nato-Amts: "Ein Witz."
Um sich die Erleichterung -- den grünen Paß-Ersatz im Taschenbuchformat, das "Temporary Travel Document" (TTD) -- zu verschaffen, pilgern tagtäglich rund 30 Ostdeutsche über die Sektorengrenze zum Schöneberger Büro. An schwarzuniformierten Wachposten vorbei gelangen sie in den Warteraum, füllen ihren Antrag aus und gehen -- "unverschämte Diskriminierung" ("Neues Deutschland") -- dem Klassenfeind "nach bestem Wissen und Gewissen" (Formularformel) Auskunft über Parteizugehörigkeit und Reiseziel, über Arbeitsplatz und Familienverhältnisse.
Doch wenn es sein muß, lügen sie auch. Siegfried Förster zum Beispiel, ein stellvertretender Abteilungsleiter im SED-Zentralkomitee, witzelte hinterher: "Auf die Frage nach dem Beruf habe ich geschrieben: 'Angestellter eines wissenschaftlichen Instituts'; schließlich ist der Sozialismus ja auch eine Wissenschaft."
Der Institutsangestellte Förster bekam seinen Ersatz-Paß und fuhr in diesem Frühjahr unbehelligt nach Paris zur französischen Schwesterpartei. Dem ZK-Apparatschik Förster hingegen hätten die Berliner Nato-Pförtner den Frankreich-Trip verbieten müssen. Denn bislang galten dem Travelboard Parteifunktionäre und Propagandisten grundsätzlich als unerwünschte Personen. Ausnahmen gab es nur dann, wenn sich die Herren Genossen einwandfrei als Handels- oder Kulturreisende legitimieren konnten und überdies kein Verdacht bestand, die Reise diene hintergründig nicht etwa doch subversiven Absichten.
Hatten die Kontrolloffiziere von Schöneberg in dieser Hinsicht auch nur leisen Verdacht, verweigerten sie die Reisegenehmigung selbst dann, wenn die Profession der Antragsteller harmlos erschien, etwa:
* 1963 dem Brecht-Theater "Berliner Ensemble" für ein London-Gastspiel;
* 1966 einigen DDR-Sportjournalisten für die Berichterstattung über die Ski-Weltmeisterschaften in Norwegen;
* Anfang dieses Jahres dem Abteilungsleiter im DDR-Kulturministerium, Dr. Eberhard Bartke (SED), zur Eröffnung einer Ausstellung des DDR-Kunstschmieds Kühn in Paris.
Spitzengenossen der Einheitspartei bekamen die Schöneberger Paß-Beamten darum in den letzten Jahren nur noch selten zu Gesicht. Vor allem westreisewillige Politbürokraten scheuten die Demütigung. Sie suchten nach Wegen, die Nato-Kontrolle zu umgehen -- und fanden sie. Im August 1968 zum Beispiel erteilte das Brüsseler Außenamt dem SED-Chefideologen Professor Kurt Hager den Sichtvermerk für eine Reise nach Lüttich, ohne das Travelboard zu konsultieren. Und im Dezember 1968 wie im Februar 1969 gestattete die italienische Regierung dem SED-Agitator Professor Albert Norden Reisen zu Kommunisten-Kerngressen in Bologna und Neapel gleichfalls ohne Nato-Paß.
Doch nicht nur bei den Nato-Partnern Belgien und Italien wuchs die Bereitschaft, die Hindernisse für DDR-Besucher zu mindern. Schon An-fang 1967 hatte sich auch das dänische Sozialdemokratenblatt "Aktuelt" beklagt, "daß das Personal eines West--Berliner Büros bestimmen soll wen wir im Lande haben wollen". Und noch einmal, im Mai dieses Jahres, protestierte Dänemark: Die Berliner Nato-Notare hatten zwei von norwegischen und dänischen Parlamentariern eingeladenen Volkskammerabgeordneten die Reisedokumente verweigert.
Außenminister Hartling im Folkting: "Es gibt starke Gründe dafür, die Reisebestimmungen des Ato (Allied Travel Office) aufzuheben." Denn, so die Skandinavier im Juni auf der Brüsseler Nato-Ratstagung, es gehe vor allem darum, der SED durch Ab-bau der "Anti-Nato-Stimmung" den "Wind aus den Segeln zu nehmen".
Die Nato-Brüder nahmen den Wind weg und beschlossen, die Schöneberger Paßbräuche fortan zu modifizieren: Künftig sollen statt des Travelboards (Norwegens "Arbeiderbladet": "Eine stumpfsinnige Einrichtung") die Gastländer entscheiden, wer aus der DDR sie besuchen darf. Jeder Genosse, der das Visum eines Nato-Landes vorweisen kann, bekommt dann automatisch den Schöneberger Marschbefehl.
Walter Ulbrichts Spruch: "Also, das Travelboard-Büro zeigt ein Musterbeispiel dafür, wie die Bonner Regierung das Reisen erschwert, ja", gehört nun der Vergangenheit an. Wie hingegen die Ost-Berliner Regierung das Reisen erschwert, bleibt Gegenwart -- und mutmaßlich Zukunft.
Nur auserwählten Genossen gibt der Mauerstaat eine Ausreisegenehmigung nach Westen, und schlichtes DDR-Volk hat nicht einmal die Chance, beim Nato-Büro in der Elßholzstraße einen Travelboard-Paß auch nur zu beantragen. Schon eine S-Bahn-Reise nach Schöneberg ist mehr, als die Volkspolizei erlaubt.

DER SPIEGEL 35/1969
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