25.08.1969

KRIEGSVERBRECHEN / BISCHOF DEFREGGERFischer im Trüben

Für Matthias Defregger hat die achte Urlaubswoche begonnen. Aber ein Urlaubsende ist vorerst noch nicht abzusehen: Der Münchner Weihbischof will in seinem Alpen-Domizil abwarten, bis "der Aufruhr der Meinungen" verebbt ist und "der Sturm sich gelegt hat".
Aufruhr und Sturm hat der Urlauber selbst heraufbeschworen. Nachdem bekanntgeworden war, daß Defregger 1944 als Wehrmachtshauptmann im Abruzzendorf Filetto 17 Zivilisten zur Vergeltung eines Partisanenüberfalls erschießen ließ, wählte er zu seiner Verteidigung den Angriff: Alle Kritiker, die ihm vorwarfen, er wäre mit dieser Vergangenheit besser nicht Bischof geworden, bezichtigte der Oberhirte barschen Tons unlauterer Motive.
Es wurde auch nicht ruhiger um den militanten Geistlichen, als der Frankfurter Oberstaatsanwalt Dietrich Rahn Mitte des Monats ein Nachtrags-Ermittlungsverfahren gegen Defregger einstellte. Die italienische Justiz, so versicherte Mitte letzter Woche der Oberstaatsanwalt von L'Aquila, Armando Troise, wird ungeachtet des Ermittlungs-Stopps in Frankfurt die Untersuchungen gegen den deutschen Oberhirten fortsetzen. Falls Defregger den Vatikan besuchen wollte, müßte er mit Festnahme rechnen.
Defreggers vorgesetzter Gönner, der Münchner Kardinal Julius Döpfner, hatte die italienische Beharrlichkeit offenbar vorhergesehen. Bevor auch er sich urlaubshalber in die Berge absetzte, versuchte er noch insgeheim, über das Auswärtige Amt in Bonn und die deutsche Quirinal-Botschaft in Rom den prominentesten Strafverteidiger Italiens für seinen Schützling zu gewinnen -- den mehrfachen Ministerpräsidenten Giovanni Leone.
Als Leone ablehnte, weil er angeblich zur Zeit mit politischen Aufgaben überlastet ist, betraute Döpfner auf Vorschlag der deutschen Botschaft den Leone-Sozius Professor Franco Cuttica mit der Wahrnehmung von Defreggers Interessen.
Daheim mobilisierte Döpfner die "Münchener Katholische Kirchenzeitung" ("MKKZ"). Des Kardinals Hauspostille benötigte in ihrer letzten Ausgabe nahezu ein Drittel aller Spalten, um den umstrittenen Defregger reinzuwaschen: Er sei, so die "MKKZ" unter Berufung auf Rahns Einstellungsbeschluß, "wie wir bereits vor drei Wochen feststellten, sowohl rechtlich als auch moralisch eindeutig rehabilitiert".
Der Vorgesetzte des Oberstaatsanwalts, der hessische Justizminister Johannes Strelitz, äußerte sich weniger befriedigt über Rahns prompte Arbeit: "Hier dürfen auch die Juristen von moralischer Schuld sprechen und sagen, daß wir uns vor der Unmöglichkeit sehen, diese Schuld mit juristischen Mitteln zu bewältigen" (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 69).
Dem zur Zeit amtierenden Pressesprecher des Münchner Ordinariats, Dr. Hans Wagner, waren derartige Überlegungen fremd. Er fand lediglich an der "kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit" in München etwas auszusetzen:
* Die "Brisanz dieser öffentlichen Diskussion" sei in den ersten Wochen "fahrlässig unterschätzt" worden.
* Das "Spiel von Ankündigungen und Dementis einer Pressekonferenz Defreggers" sei "desavouierend" gewesen.
Letzter Spielstand laut Wagner: "Keine Pressekonferenz mit Defregger."
Außerhalb Münchens entdeckte Wagner auch katholische "Fischer im Trüben", denen der Fall Defregger willkommen sei, um Döpfner zu schaden -- vor allem "in einem Teil der kirchlichen Publizistik nördlich der Main-Linie".
In Wirklichkeit kommt die gewichtigste kirchliche Kritik aus Rom: Die Vatikan-Zeitschrift "Osservatore della Domenica" ließ Mitte letzter Woche in einem Artikel (Titel: "Der Bischof und der Hauptmann") beziehungsvoll die Frage offen, ob Defregger nach dem Massaker von Filetto "ein neuer Mensch" geworden sei: "Nach den öffentlichen Stellungnahmen des Weihbischofs glauben einige, negativ auf diese Frage antworten zu können, da seine Haltung, seine Sprache keinerlei wahre 'Erneuerung' enthüllt hätten. Wir werden kein Urteil für oder wider zu fällen wagen, denn es gibt einen anderen Richter der Reinheit des Gewissens."
Derart versteckte Seitenhiebe schmerzten schon vorher einen Döpfner-Verehrer, den Leiter des Münchner Zeitungswissenschaftlichen Institutes, Professor Otto B. Roegele. Er klagte: "Nach bewährtem Muster ließen vatikanische Kreise durchblicken, man sei in Rom über Kardinal Döpfner erzürnt."
So ist es: Döpfner hat sich schon als Konzilsmoderator eher durch sein forsches, oftmals verletzendes Auftreten als durch sein Eintreten für Reformideen mehr Gegner als Freunde in der Kurie geschaffen. Der "Versuchung, jetzt alte Rechnungen zu begleichen" (Roegele), können viele und einflußreiche Konservative nicht widerstehen. Und Döpfner macht es ihnen leicht, indem er starrköpfig an seiner einmal getroffenen Entscheidung, Defregger solle bleiben, festhält.
Aber auch im deutschen Episkopat, wo Döpfners progressive Anläufe keinesfalls ungeteilten Beifall fanden, werden jetzt die Risse für jedermann deutlich. Obwohl derzeit der Fall Defregger die deutschen Katholiken wie keine andere Affäre beschäftigt, schweigen die deutschen Bischöfe dazu wie auf Kommando.
Um so lauter mischten sich ihre Diözesan-Blätter in den Meinungsstreit: Weitaus die meisten Bischofs-Blätter, die über Defregger schrieben, kritisieren Defreggers Bleiben wie Döpfners Durchhalte-Taktik. Und diese Kritik hörte keineswegs südlich der Main-Linie auf. So meinte das "Konradsblatt" (Erzbistum Freiburg), Defregger habe sich "so ziemlich alle Chancen" genommen, "noch als glaubwürdig zu erscheinen", Das Blatt der Diözese Rottenburg (Neckar) empfahl Döpfner, er möge "ein weiteres Verbleiben (Defreggers) in seinem Amt" erneut überprüfen.
Nördlich des Mains monierte die Limburger Diözesan-Zeitung, ein Mann von Döpfners Format "sollte eigentlich nicht über eine solche Sache stolpern". Und "Paulinus", das Trierer Bistumsblatt, hielt es für kaum verständlich, warum Defregger, "der, wie er immer wieder versichert, bis zur Stunde von seiner Vergangenheit gepeinigt wird, dem nicht ein Ende macht auch gegen den Willen seines Vorgesetzten ..."
Das "Kolping Blatt", die Zeitung der deutschen Kolpingsfamilie, glaubte nicht recht an Defreggers Beteuerung, er fühle sich "vor allem moralisch unschuldig", und fand es "geradezu grotesk", daß er bei seinem ersten Auftritt in der Öffentlichkeit vor Zersetzung der Moral gewarnt habe.
Anhänger finden Döpfner und Defregger allenfalls noch in weltlichen Blättern besonderer Prägung. So rühmte die Münchner rechtsradikale "Deutsche National-Zeitung" das Echo auf Defreggers öffentlichen Moral-Appell als "denkwürdige Vertrauenskundgebung für den von der Journaille beschmutzten Münchner Bischof Defregger".
Und der Münchner "Bayernkurier" (Herausgeber: Franz Josef Strauß) beschwor den geistlichen Landsmann, "im Interesse der Kirche, im Interesse der Rechtsstaatlichkeit in der Bundesrepublik" die Stellung zu halten,
Das CSU-Organ gab sich um das Vaterland besorgt: "Sollte Defregger zurücktreten ... würde nicht wieder gutzumachender Schaden angerichtet."

DER SPIEGEL 35/1969
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