25.08.1969

STUDENTEN / LSDGroßer Bruch

Im Jahre 1950 gründeten freidemokratische Hochschüler den Liberalen Studentenbund Deutschlands (LSD) -- auf einer Basis "politischgeistiger Brüderlichkeit zwischen FDP und LSD", so einst Erich Mende.
Im Jahre 1969, am Sonntag vorletzter Woche, zerbrach die Brüderschaft. Der LSD, verlautbarte sein Berliner Sprecher Wilhelm Thiele, 22, habe die Hoffnung aufgegeben, auf den linksliberalen Flügel der FDP einwirken zu können, und sehe daher nur noch "eine spezifische Aufgabe: Wir müssen den 30 Prozent unter den Studenten, die nach Meinungsumfragen FDP wählen wollen, klarmachen, daß diese Partei keine Alternative zur Großen Koalition ist".
Daß dieser Studentenverband seinerseits keine Alternative zum SDS mehr ist, hatten LSD-Mitglieder schon vor der endgültigen Trennung von der FDP oft genug klargemacht: Der Bund mit den Rauschgift-Initialen, dessen Mitgliederzahl mal mit 800, mal mit 2500 angegeben wird, ernannte sich 1968 zu einem "Teil der internationalen Befreiungsbewegung", lehnte einen Parlamentarismus "wie den hier in der Bundesrepublik" (LSD-Sprecher und Jungsozialist Frank von Auer) ab und wunderte sich, daß die FDP ihm fortan den monatlichen 2000-Mark-Scheck verweigerte (SPIEGEL 13/1968).
Der Trennung von der Mutterpartei -- kurz vor der Bundestagswahl und damit zum "einzigen sinnvollen Termin" (Thiele) -- waren Dutzende von Trennungsankündigungen vorausgegangen. Und immer drohte der Bruch nur deshalb, weil der LSD der FDP um ein paar Jahre voraus war. Beispiele:
* 1960 verbot Bayerns FDP dem Münchner LSD die Benutzung der Parteiräume, nachdem der LSD gegen den "Kaisergeburtstagsstil" von 17.-Juni-Feiern protestiert hatte; sechs Jahre später forderte die FDP im Bundestag die Abschaffung dieses Feiertages.
* 1961 plädierte Mende im FDP-Bundesvorstand für die Scheidung, weil der LSD für Kontakte mit "Vertretern des Pankower Regimes eingetreten" sei; zwei Jahre später strebte der Gesamtdeutsche Minister Mende selber DDR-Kontakte an.
* 1965 stellte die FDP für drei Monate ihre Zusammenarbeit mit dem Studentenbund ein, weil sich LSDler für die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie ausgesprochen hatten; schon zwei Jahre später forderte ein FDP-Bundesparteitag, wenn auch verklausuliert, dasselbe.
Zu regionaler Trennung war es freilich hin und wieder schon vor dem großen Bruch gekommen -- so in München, wo LSD-Studenten zur Bundestagswahl 1961 die Parole "Liberale wählen SPD" ausgaben und, als die FDP ihnen die Zuschüsse strich, von einem "Freundeskreis" unterstützt wurden (unter den Freunden: SPD-Abgeordneter Adolf Arndt, Schriftsteiler Günter Graß, Gruppe-47-Chef Hans Werner Richter).
Und im Juni dieses Jahres stellten die liberalen Studenten West-Berlins ihre Zusammenarbeit mit der FDP ein -- teils aus Protest dagegen, daß bei der Partei Aufnahmeanträge über die Schreibtische des Verfassungsschutzes liefen (SPIEGEL 28/1969), teils aus Einsicht in die Unmöglichkeit, in der liberalen Partei ein "sozialistisches Konzept" durchsetzen zu können.
Freilich: Sozialismus und Liberalismus sind für den LSD spätestens seit 1968 als er in den Sog des SDS geriet, kein Widerspruch. "Liberal", so definierte ein Redner bei einer LSD-Delegiertenkonferenz, sei die Gesellschaft, "die dem einzelnen die größtmögliche Chance für freie Selbstverwirklichung verschafft". Und: "Wenn dies nur im Sozialismus möglich ist, dann sind wir alle Sozialisten."
Nach dem Bruch mit der FDP will der LSD denn auch seine bisherige Organisationsform aufgeben und über eine Koalition mit dem SDS, dem Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB) und der Humanistischen Studenten-Union verhandeln. LSD-Mann Thiele: "Eine Art linkes Kartell."

DER SPIEGEL 35/1969
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