25.08.1969

UNTERNEHMEN / SCHWAB AGMinus im Markt

Vorstandsvorsitzender Artur Neumann, 51, machte seine Pressestelle zu. Die Friedrich Schwab AG in Hanau, so Neumann Anfang dieses Jahres, habe vorerst keine erfreulichen Neuigkeiten mehr mitzuteilen.
Wie richtig der promovierte Volkswirt und Versandhaus-Chef Neumann die Lage einschätzte, werden seine Aktionäre an diesem Mittwoch erfahren, wenn sie sich in der Hanauer Stadthalle zur jährlichen Hauptversammlung einfinden: Fast 25 Millionen Mark Verlust weist das hinter Quelle, Otto und Neckermann viertgrößte deutsche Versandhaus für 1968 aus -- nach einem Defizit von insgesamt 18 Millionen in den voraufgegangenen Jahren.
Den Absturz In die roten Zahlen hatte Firmengründer Friedrich Schwab selbst eingeleitet. Der erst 1955 Ins Versandgeschäft übergewechselte Schuhvertreter übernahm sich bei dem Versuch, etablierten Warenhaus-Konzernen wie Karstadt und Horten mit eigenen Kaufhäusern Konkurrenz zu machen. Ohne ausreichende Erfahrung errichtete er seine City-Häuser durchweg an ungünstigen Plätzen und ließ darin ein zu schmales und biederes Sortiment feilbieten. Kapitalschwäche zwang Schwab überdies, seine Häuser teuer zu mieten, statt selbst zu bauen. "Mehr als die Hälfte unserer Verluste", so der heutige Versand-Chef Dr. Neumann, "gehen auf die Warenhaus-Politik von Herrn Schwab zurück."
Der Hanauer Versandherr mußte klein beigeben, als sein Partner, der Weinheimer Lederfabrikant Richard Freudenberg, 1965 wegen Schwabs Warenhaus-Experiment aus der Firma schied und seinen Geschäftsanteil mitnahm. In zwei Schüben trat Schwab insgesamt 78 Prozent seiner Aktien an den New Yorker Nähmaschinen-Konzern Singer ab. Der populäre Schwab-Reklame-Zeppelin, Stolz des ehemaligen Jagdflieger-Kommandeurs, wurde nach Japan verkauft, wo er an einer Klippe zerschellte.
Die Singer-Bosse setzten, statt des In die Schweiz retirierten Friedrich Schwab, ihren Manager Lester O. Naylor an die Spitze der angeschlagenen Versandfirma. Der Amerikaner liquidierte fast alle Schwab-Warenhäuser und versuchte sein Glück statt dessen mit vier "Mehrwert"-Verbrauchermärkten im Rhein-Main-Gebiet.
Doch schon nach knapp zwei Jahren, in denen die Verluste des Unternehmens weiter anstiegen, beorderten die ungeduldigen Singer-Herren ihren Naylor in die Zentrale zurück. Sie hatten einen deutschen Manager unter Vertrag genommen, von dem sie sich endlich bessere Nachrichten aus Hanau erhofften: Dr. Artur Neumann, ehemaliger Geschäftsführer des progressiven Hamburger Otto-Versands.
Neumann, der sich in seinen Hausmitteilungen "Informationen von Schwab" selbst "mitreißende Aktivität" attestieren läßt und täglich 15 Stunden am Schreibtisch verbringt, begann sein Sanierungswerk mit unpopulären Maßnahmen. Seinen Direktoren verbot er, über Mittag nach Hause zu fahren. Statt dessen gewöhnte er sie daran, mit ihm an den kahlen Tischen der Kantine zu speisen und die leeren Teller eigenhändig zur Essenausgabe zurückzubringen.
Um die Kosten zu senken, sparte Neumann 500 der 3700 Arbeitsplätze ein, sperrte leitenden Herren den Dienstwagen und strich einen Monat lang alle Büromaterial-Bestellungen.
Nachhaltigen Erfolg verspricht sich Schwabs neuer Mann jedoch erst von einer Modernisierung des Versandgeschäfts. Mit Hilfe qualifizierter Arbeitsgruppen für Marketing, Organisation und Datenverarbeitung will Neumann seine Kunden zukünftig schneller und fehlerfreier beliefern.
Schwabs wichtigstes Verkaufsinstrument, den lange Zeit als hausbacken verschrieenen Kunden-Katalog, bereicherte der Versand-Manager ("Wir machen neuerdings sogar ein bißchen in Sex") durch modische Schlager wie extravagante Hosenkleider und spitzenbesetzte Partyanzüge.
Dennoch wird Schwabs Neumann, auf der Hauptversammlung am Mittwoch dieser Woche, von den Aktionären harte Kritik einstecken müssen, Denn auch für 1969 kann er den Anteilseignern keine Dividende in Aussicht stellen. Kleinaktionär und Berufsopponent Kurt Fiebich will deshalb vom Großaktionär Singer, der inzwischen 87 Prozent der Schwab-Aktien hält, verlangen, daß er die restlichen freien Aktionäre "fair abfindet".
Überdies will der streitbare Dortmunder die überwiegend amerikanischen Aufsichtsräte des ertraglosen Unternehmens auffordern, auf ihre Tantieme zu verzichten.
Fiebich: "Ich werde hart zuschlagen."

DER SPIEGEL 35/1969
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