25.08.1969

TSCHECHOSLOWAKEI / JAHRESTAGStunde der Hustapo

Ihr gehört uns, und wir lassen euch nicht los -- das ist alles. Sowjet-Parteichef Breschnew im Juli 1968 zu einem Prager Genossen.
Für den Jahrestag ihres Einmarsches in die Tschechoslowakei setzten die Sowjets wiederum Manöver an -- doch am 21. August 1969 war in den Städten der CSSR kein Sowjetmensch in Uniform zu sehen. Selbst die Russen-Botschaft in Prag wurde von tschechischen Soldaten bewacht.
Russen gab es nur in Zivil und als Späher. Funkwagen der Sowjet-Armee, außerhalb Prags und anderer Städte aufgefahren, gaben zwar Lageberichte an den Politchef der Roten Armee, General Jepischew, der in Prag zu Gast war.
Aber Russen-Regimenter mußten nicht eingreifen. Denn Krawalle zum ersten Jahrestag des Sowjet-Einmarsches gab es nur dort, wo Prags KP-Chef Gustav Husák es wollte, wo seine Polizei -- in den Sprechchören geprügelter Demonstranten "Husákové Gestapo" oder kürzer "Hustapo" genannt -- sie provozierte -- vor dem heiligen Bronze-Wenzel in Prag, in Brünn und im fernen Kaschau.
Der Parteichef brauchte die Krise -- und der Beweis, daß er die rebellischen Böhmen, Mähren und Slowaken wieder im Zaum halten kann, war ihm sogar fünf tote Bürger wert.
Mit dem örtlich begrenzten Bürgerkrieg, in dem ausschließlich Polizisten und Milizionäre der CSSR auf ihre Landsleute eindroschen, wollte und konnte Husák zeigen:
* Das Tschechenvolk ist nicht so einfach zu pazifizieren, wie es sich der Moskauer Parteichef Breschnew vorstellt -- er schlug Husák beim jüngsten Treffen auf der Krim Kulturabende und Ausstellungen zur Festigung der sowjetischtschechoslowakischen Freundschaft vor;
* die KPC hat unter Husáks Führung das Volk unter Kontrolle;
* innenpolitisch müssen klare Verhältnisse geschaffen werden, was nur durch eine endgültige Beseitigung der Reform-Symbole wie Dubcek geschehen kann.
Um die erwünschte Situation herbeizuführen, hatte Husák, wie die Wiener "Presse" befand, "seit Wochen Im Land die Krisenstimmung eskaliert".
Kaum waren die ersten Flugblätter erschienen, die zu strikt passivem Widerstand am Jahrestag aufriefen, da häuften sich in den Parteiblättern Provokations-Warnungen und -Meldungen.
Der Prager Rundfunk berichtete über eine "wachsende Tätigkeit der ausländischen Spionage-Dienste und Propaganda". Das KP-Blatt "Svoboda" entdeckte "kriminelle Elemente". Der Staatsrundfunk meldete die Verhaftung Bewaffneter, bei denen Liquidations-Listen mit Namen von Kommunisten gefunden worden seien.
Ein Brand bei den Skoda-Werken in Jungbunzlau wurde "Saboteuren" zur Last gelegt. Auf der Spitze des Tatra-Berges Rysy wurde laut Preßburger "Prawda" "in provokatorischer
Am 21. August 1969.
Absicht" eine US-Fahne gehißt. Und auf einem Unterhaltungsabend hätten die 2000 Gäste erst den Vortrag eines antisowjetischen Liedes verlangt und dann, als der Wunsch abgelehnt wurde, die Tribüne angezündet.
Am Montag begann in Prag eine Dauer-Sitzung des Parteiaktivs -- im schwerbewachten ZK-Gebäude am Moldauufer, in dem vor einem Jahr Dubcek verhaftet worden war,
Am Dienstagmorgen hielt Husák vor 3000 orthodoxen Kommunisten und Milizionären in stahlblauen Uniformen eine Brandrede gegen seinen Vorgänger Dubcek.
Der Reform-Chef, so schimpfte Husák, habe dem KP-Präsidium vor dem 21. August 1968 wichtige Hinweise der Russen vorenthalten: Erst "irgendwann im September oder Oktober" hätten die Genossen von einem Treffen Dubceks mit dem ungarischen Parteichef Kádár am 17. August erfahren. Einen Brief Breschnews unmittelbar vor dem "Eintritt" (Husák) der Warschaupakt-Truppen habe Dubcek dem Parteipräsidium völlig verschwiegen.
"Solche Aufmerksamkeit", höhnte Husák, "hat man den entscheidenden Augenblicken im Schicksal unserer Völker gewidmet." Die Versammlung schloß mit dem Ruf "At zije rudá armáda!" -- Es lebe die Rote Armee!
Nach der Husák-Rede kam es auf dem Wenzelsplatz zum ersten Krawall. Tausende von neugierigen und nachrichtenhungrigen Passanten gerieten mit aufgeputschten Husák-Hörern aneinander.
Als 20 Mädchen an jener Stelle Blumen niederlegen wollten, an der sich im Januar der Student Jan Palach verbrannt hatte, fuhren Schützenpanzer mit der Aufschrift "verejná bezpecnost" (öffentliche Sicherheit) auf. Mit Knüppeln und Tränengas vertrieben "Husáks Husaren", wie das Volk die Räum-Kommandos nannte, die Menge vom Wenzelsplatz.
Von diesem Zeitpunkt an wurde die Hysterie amtlich verordnet. Auf dem Dach des Rundfunk-Gebäudes nahe dem Wenzelsplatz bezogen MG-Besatzungen Stellung, Von den insgesamt 600 Rundfunk-Bediensteten durften am 20. und 21. August nur 80 verläßliche Genossen mit Sonderausweis arbeiten -- für die beiden Tage kaserniert und von einer Miliz-Kompanie bewacht. Keine TV-Sendung durfte live gesendet werden.
Die Telex-Verbindungen ins Ausland fielen aus. Die Geräte der ausländischen Botschaften erhielten so wenig Strom, daß nicht einmal Chiffriermaschinen angeschlossen werden konnten, Ausländische Studenten und Journalisten wurden trotz gültiger Visa an den Grenzen abgewiesen. über 80 ausländische Besucher ultimativ aus der CSSR ausgewiesen.
Am Donnerstag folgten die Prager den Empfehlungen der Flugblätter und leisteten passiven Widerstand. Sie mieden alle öffentlichen Verkehrsmittel und tätigten keine Einkäufe, obwohl die Regierung für ein besonders reiches Warenangebot gesorgt hatte.
In Prag und Brünn kam es dennoch zur Straßenschlacht. Auf dem Wenzelsplatz fuhren 60 Panzer gegen 50 000 Demonstranten auf. Polizei und Miliz, durch Gerüchte über angeblich ermordete Beamte gereizt, räumten den Platz mit schlimmster Brutalität.
Mindestens fünf Menschen wurden getötet. Verletzte fanden in einer nahen Frauenklinik Erste Hilfe. Über 1300 Menschen wurden allein in Prag festgenommen. Nach einem noch Freitag nacht eilig erlassenen Sondergesetz können Unruhestifter ohne Anklage für drei Wochen in Haft gehalten werden.
Dem Genossen Husák bescheinigte darauf die Moskauer "Prawda": "Die konterrevolutionären Kräfte sind besiegt, aber noch nicht beseitigt."
An die Beseitigung kann der gestärkte Husák nach dem "den hanby", "Tag der Schande", gehen, zu dem die Prager den 21. August 1969 erhoben. Er fühlt sich stark genug zum Frontalangriff gegen die Reformer-Reste -- obwohl er nur acht Prozent der Bevölkerung hinter sich hat (so eine Umfrage, die nicht publiziert werden durfte).
Mit der selbst inszenierten Krise und ihrer Überwindung konnte Husák die Sowjets überzeugen, daß er doch ihr Mann ist. Bis vor wenigen Wochen hatte der kalte Jurist aus Preßburg lediglich als Übergangs-Figur gegolten. Noch in diesem Jahr, so ging das Gerücht, sollte Husák durch den für Moskau verläßlicher scheinenden tschechischen Parteichef Lubomir Strougal abgelöst werden.
Strougal aber hatte Pech mit Verwandten: Sein Bruder Premysl kehrte von einer England-Reise nicht mehr zurück, sondern bat die Briten um Asyl. Heute ist Strougal treuer Knappe Husáks. Der Parteichef ist nun sogar bereit, den Russen einen personellen Gefallen zu tun. Er will den weichen Reform-Premier Cernik durch den orthodoxen Kreml-Intimus Alois Indra ersetzen. Cernik soll Direktor der Bergakademie in Ostrau werden.
Gegen die Reformer-Spitzen will Husak härter vorgehen. Alexander Dubcek und Josef Smrkovský drohen Parteiverfahren mit Ausschluß aus der KPC. Smrkovský-Freund Pachmann, Schachgroßmeister der CSSR, wurde bereits verhaftet.
Spätestens im Oktober, so Husáks Zeitplan, sollen die letzten Reste des Prager Frühlings liquidiert sein, jener Bewegung, für die Moskaus "Prawda" am Freitag neue Schuldige ermittelte: die "Green Berets", die Spezial-Truppe der US-Armee.
Husáks Untertanen ziehen jetzt schon die Konsequenzen. Die Zahl der Tschechoslowaken, die täglich in Österreich um Asyl bitten, ist auf über 60 gestiegen.

DER SPIEGEL 35/1969
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