25.08.1969

SOWJET-UNION / 21. AUGUSTGeht heim

Zum Jahrestag des 21. August 1968 wird den Bürgern der Sowjet-Union und der DDR zum erstenmal vorgeführt, was sie bisher nicht sehen durften. Die Aufnahmen aus Prag zeigen Menschenmassen, die Sowjetpanzer auspfeifen und anzünden, tote und verwundete Sowjetsoldaten sowie Spruchbänder und Plakate mit Aufschriften in russischer Sprache: "Ihr wollt uns versklaven", "Auf ewig ohne die Sowjet-Union", "Russische Soldaten -- geht heim!"
Der Film mit dem Titel "Die Tschechoslowakei -- Das Jahr der Prüfung" wurde vom Moskauer Zentralstudio für Dokumentarfilme vorwiegend aus Filmen westlicher Kameramänner zusammengeklebt. Er läuft gegenwärtig in vielen Kinos der UdSSR: auch das DDR-Fernsehen zeigte ihn am Vorabend des Jahrestages.
Nicht nur Finsterlinge kämpfen gegen die Sowjet-Union. "Junge, fröhliche Menschen" -- so der Kommentar im Film -- zerstören das "Denkmal des Sowjetsoldaten" in Karlsbad. Ein hübsches Mädchen sagt: "Das ist eine Okkupation, Sie überzeugen mich nicht." Ein kommunistischer Funktionär: "Viele sind feindlich gegenüber den sowjetischen Truppen,"
Im Bild erscheinen Gruppen Jugendlicher, die sich den Panzern entgegenstellen -- und der Kommentator fragt: "Sind sie die Konterrevolution? Welche böse Absicht führt sie?" Bildfolgen aus dem Jahr 1945 untermalen den Gegensatz: Damals wurden die Sowjet-Truppen wirklich als Befreier begrüßt.
Reformer Smrkovský darf auf der Leinwand vor Sowjet-Bürgern sagen. in Zukunft solle nicht mehr die Partei allein die führende Rolle ausüben.
Als einziger westlicher Politiker (neben Ex-Kanzler Erhard und Berlin-Bürgermeister Schütz) und sogar mit Ton: Willy Brandt. Er sei "erschreckt" von den Prager Ereignissen, erklärt er. und: "Den Frieden zu organisieren. bleibt unsere Aufgabe."
Sechsmal (im Faksimile) zitierter Kronzeuge des Dokumentarfilms ist der SPIEGEL (Kommentar: "Diese Zeitschrift weiß in der Regel, wovon die Rede ist"). Symbolisch erscheint im Bild der SPIEGEL-Titel "Der neue Kommunismus" (20/1968).
In seiner Grundtendenz sucht der Kommentar des Films das Prager Abweichen vom Sowjetkurs zu erläutern und Prager Intellektuellen sowie dem Westen die Schuld zuzuschreiben.
Aber in langen Passagen zeigt der Film keineswegs ein häßliches Antlitz der Konterrevolution: biertrinkend Bürger, spielende Schulkinder. Schlager singende Stars und Ballett.
Vieldeutig klingt der Film mit einer gegen die Reaktion gerichteten Parole aus: "Der Kampf geht weiter."

DER SPIEGEL 35/1969
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DER SPIEGEL 35/1969
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