25.08.1969

WÄHRUNG / PFUND-SPEKULATIONDreißig Tage Frist

"Seit der Pfund-Abwertung 1967", stöhnte vergangene Woche der Frankfurter Devisenmakler Helmut Froböse, "haben wir so etwas nicht mehr erlebt."
Sogenannte Tagespfunde, die noch am vergangenen Dienstag zum Zinssatz von 50 Prozent (auf das Jahr umgerechnet) zu haben waren, kosteten am frühen Mittwochmorgen schon 114 Prozent Zinsen. Als gegen Mittag bei Frankfurter Banken ein regelrechter Run auf das Pfund Sterling einsetzte, erhöhten Westdeutschlands Kreditinstitute die Preise für Ein-Tages-Darlehen in englischer Währung sogar auf den Rekordsatz von 130 Prozent.
Superzins und plötzlicher Run auf die derzeit schwächste Valuta der Welt gehören zu den gegenwärtigen Paradoxien an den internationalen Devisenmärkten.
Nach der Abwertung des französischen Franc am 8. August war auch dis britische Pfund ins Rutschen gekommen. Aus Furcht, Englands Premler Harold Wilson könnte sich dem französischen Währungsschnitt anschließen und das seit Jahren sieche Pfund ebenfalls abwerten, hatten sich Außenhändler, Banken und internationale Großkonzerne in aller Welt von ihren Sterling-Reserven getrennt und dadurch den Pfund-Kurs an den Devisenmärkten stark gedrückt.
Doch anders als in früheren Währungskrisen, als die Bank von England jede Menge eigenes Geld angekauft hatte, um einen Kurssturz ins Bodenlose abzufangen, stellte Notenbank-Gouverneur Sir Leslie O'Brien am Dienstag vorletzter Woche ohne weitere Erklärung die Pfundstützung ein. Daraufhin sackte die Sterling-Notiz auf 2,3805 Dollar -- den tiefsten Pfund-Stand aller Zeiten.
Börsenjobber und Spekulanten in New York, Zürich und Frankfurt werteten dies als Zeichen dafür, daß eine Pfund-Abwertung unmittelbar bevorsteht. Denn laut Statuten des Internationalen Währungsfonds ist die Bank von England verpflichtet, den Kurs des Pfundes nicht unter den sogenannten unteren Interventionspunkt von 2,38 Dollar sinken zu lassen. Als die Notenbank jetzt -- nur 5/100 Cent von der zulässigen Untergrenze entfernt -- immer noch nicht einsehritt, blieb für die Devisenhändler nur ein Schluß: Bank-Gouverneur O'Brien selbst hat kein Vertrauen mehr ins Pfund.
Wie vorher nur im November 1967 setzte eine Massenflucht aus dem englischen Geld ein. In der Hoffnung, wie damals vor zwei "Jahren auch an einem neuen Währungsschnitt klotzig zu verdienen, verkauften die Spezialisten unter den internationalen Devisenhändlern am Ende Pfunde, die sie selbst noch gar nicht hatten.
Solche sogenannten "beerverkäufe" von Devisen sind im internationalen Zahlungsverkehr seit Jahrzehnten üblich und dienen normalerweise dazu, alle für einen bestimmten Termin vereinbarten Zahlungen in fremder Währung gegen einen plötzlichen Kurswechsel abzusichern. In den hektischen Tagen nach der Franc-Abwertung aber wurde die Technik der Leerverkäufe zum reinen Instrument der Spekulanten.
Ihre Rechnung: Wer vor der Abwertung eine Million Pfund zum alten Preis von rund 9,5 Millionen Mark "leer" verkauft und dabei vertraglich vereinbart, die Pfund-Million erst nach dem Stichtag zu liefern, muß durch die Währungsoperation um einige hunderttausend Mark reicher werden. Denn statt wie vorher 9,5 Millionen Mark, kostet eine Million Pfund nach einer Abwertung um beispielsweise zehn Prozent nur noch 8,6 Millionen Mark. Spekulationsgewinn: rund 900 000 Mark.
Am vorletzten Freitag hatte sich auf den internationalen Devisenmärkten das Gerücht von einem Pfundschnitt "binnen der nächsten 24 Stunden" so verdichtet, daß die meisten Devisenspezis Millionen Pfunde, über die sie selbst noch nicht verfügten, zum frühesten Termin -- dem Dienstag vergangener Woche -- leer verkauften. Genau damit aber hatte Sir Lesile O'Brien gerechnet.
Der Notenbank-Gouverneur, der keineswegs beabsichtigte, den Kampf um das Pfund so schnell aufzugeben, wie die Spekulanten hofften, hatte bereits am Mittwoch vorletzter Woche heimlich den Ankauf-Stopp aufgehoben und über Mittelsmänner sämtliche, zu Spekulationszwecken gehaltene Pfund-Reserven an sich gebracht. Damit aber waren die Spekulanten, die meinten, den Bankboß zur sofortigen Abwertung zwingen zu können, selber in die Enge gedrängt.
Denn als am vorletzten Wochenende die Abwertung ausblieb, fehlten ihnen plötzlich die britischen Devisen, um am darauffolgenden Dienstag ihren Lieferverpflichtungen nachzukommen. Verzweifelt suchten sie den ganzen Montag, durch Verkäufe von Dollar, Mark oder Schweizer Franken in Besitz der Briten-Währung zu gelangen.
Vergebens: Da nach internationaler Börsen-Usance sogenannte Devisen-Kassageschäfte nur über zwei Werktage -- das hieß frühestens für Mittwoch -- abgeschlossen werden, drohten die Spekulanten für einen Werktag In Verzug zu kommen. Im streng reglementierten Devisengeschäft aber ist ein solcher Fall nicht vorgesehen.
In ihrer Not erbaten die Leerverkäufer Pfundhilfe von den Banken In London, Frankfurt und der Schweiz. Und obwohl die Kreditinstitute bereits zum vorletzten Wochenende ihre gesamten Sterling-Reserven bis auf den letzten Penny geräumt hatten, brachten sie das Kunststück fertig, über ihre Geschäftsfreunde in aller Welt noch einmal die benötigten Millionen zusammenzukratzen und den Abwertungsspekulanten zur Verfügung zu stellen.
Freilich ließen sie sich ihre Dienste mit den höchsten Zinsen aller Zeiten (bis zu 130 Prozent) bezahlen. Überdies erhöhten sie die Abgabepreise für das Pfund. Bereits am Mittwoch vergangener Woche notierte daher die noch kurz zuvor weltweit verschmähte Briten-Währung am Londoner Markt stark erholt: mit 2,3889 Dollar.
Für den Gouverneur der Bank von England ist damit die Schlacht um das Pfund jedoch noch lange nicht gewonnen. Seit in der vergangenen Woche bekannt wurde, daß auch der bisher mächtigste Bundesgenosse O'Briens, Deutschlands Bundesbankpräsident Karl Blessing, für Pfundstützungen kein Geld mehr flüssig hat (SPIEGEL 34/1969), muß künftig O'Brien gegen Devisenhändler und Spekulanten allein kämpfen.
Wieviel Zeit ihm die Internationale Finanzwelt dafür noch gibt, zeigten in der vergangenen Woche die Kurstafeln in den internationalen Devisenbörsen an. Am Mittwoch wurden in Frankfurt Pfunde, die in drei Monaten fällig sind, mit einem Abschlag von 15 Prozent gehandelt -- Pfunde mit einer Laufzeit von lediglich 30 Tagen aber schon mit 22 Prozent Abschlag.

DER SPIEGEL 35/1969
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