25.08.1969

INDIEN / INDIRA GANDHIHilfe von links

"Wenn Indira Gandhi nach 1972 noch im Sattel sitzen will", schimpfte ihre konservative Parteikollegin Tarakeschwari Sinha mit Blick auf die nächsten Parlamentswahlen, "dann muß sie sich außerhalb der Kongreßpartei umsehen."
Indiens Regierungschef in sah sich um -- und sie fand Helfer und Hilfsprogramm auch außerhalb der eigenen Partei, auf der Linken.
Der Helfer: Varahagiri Venkata Giri, 75, ein früherer Gewerkschaftsfunktionär mit zahlreichen Freunden bei den Kommunisten. Das Hilfsprogramm: die Allianz mit der Linken und den Armen Indiens.
"Der Kongreß muß sich entscheiden", so agitierte die Nehru-Tochter von einem Tisch herab vor jubelnden Rikscha-Kulis und ärmlichen Kleinbürgern, "was ihm wichtiger ist: das Wohl des Volkes oder das Wohl einiger weniger."
Vor ihrem Haus in der Safdarjang Road in Neu-Delhi gab sie selbst die Antwort: "Es geht um die Grundrechte jener Millionen, die nicht einmal das Nötigste besitzen und die seit je von der schmalen Schicht weniger Privilegierter vernachlässigt werden." An ihrer Seite stand Indiens prominentester Kommunisten-Freund, Nehrus ehemaliger Verteidigungsminister Krischna Menon.
Verärgert über die starrköpfige Regierungschefin "mit den engen Bindungen und der ideellen Gleichheit zu den Kommunisten" (so Indira-Kritikerin Sinha im Parlament), beschlossen die konservativen Parteibosse -- genannt "das Syndikat" -, lieber die Regierungschefin zu entmachten als sich auf eine mögliche Koalition Indiras mit der Linken einzulassen.
Gelegenheit zur Abrechnung mit der unbequemen Indira Gandhi schienen die Präsidentschaftswahlen am vorletzten Wochenende zu bieten, bei denen der Nachfolger des im Mai verstorbenen Zakir Hussain ermittelt werden sollte.
Ein Präsident aus den eigenen Reihen, so spekulierten die Syndikatsbosse, könnte die altersschwache Kongreßpartei über die Parlamentswahlen retten und zugleich die Amtszeit der Regierungschefin beenden.
Das Syndikat lehnte zwei Kandidaten der Ministerpräsidentin für das höchste Staatsamt ab und nominierte statt dessen einen alten Widersacher Indira Gandhis: den rechten Unterhauspräsidenten Milam Sandschiwa Reddy, 56, Mitglied des Syndikats.
Zugleich begannen die Syndikatsbosse, um die Stimmen religiöser und konservativer Oppositionsparteien für ihren Kandidaten zu werben. Ihr -- verborgenes -- Angebot: eine rechte Koalition nach der Entmachtung Indiras.
Doch die Regierungschefin dachte nicht daran, sich entmachten zu lassen. Kaum hatten die Syndikatsbosse Reddy nominiert, da
* warf sie ihren Stellvertreter, den rechten Finanzminister und Reddy-Fürsprecher Morardschi Desai, aus dem Kabinett,
* verstaatlichte sie die 14 größten Privatbanken Indiens und
* stellte sich offen gegen den Kandidaten der eigenen Partei.
Mit Desai entzog sie den Rechten ihren wichtigsten Mann im Kabinett, mit der Verstaatlichung der Banken beraubte sie die Syndikatsbosse ihrer wichtigsten Finanzquelle: Bislang hatten sich Indiens Rechte ihren Wahlkampf vorwiegend aus den Milliardenschätzen der Industrie-Imperien Tata und Birla bezahlen lassen.
Mit ihrem "ersten Schritt" zum Staatssozialismus will Indira Gandhi die "monopolistischen Tendenzen" des Syndikats stoppen und Indiens Armen und Kleinbauern langfristige Kredite verschaffen. (Diese stecken das geborgte Geld freilich oftmals in die Ausstattung heiratsfähiger Töchter oder in standesgemäße, teure Hochzeiten.)
Zugleich forderte die Regierungschefin "das Volk auf, den Kampf gegen die Feinde der Demokratie bis zum Ende zu kämpfen", und verteilte wichtige Ämter -- wie den Vorsitz der staatseigenen "Indian Airlines Corporation" -- an KP-Anhänger.
Die Linken revanchierten sich. "Hilfe für Frau Gandhi garantiert prompte Bezahlung gerechter Arbeitslöhne", verkündete das Politbüro der Rechtskommunisten und wies seine Mitglieder an, die Ministerpräsidentin -- nach dem Urteil des rechten Politikers Masani eine "Mischung aus Machiavelli und Marx" -- künftig zu unterstützen.
Die Belohnung für ihre einseitigen Maßnahmen konnte die Regierungschefin am vergangenen Mittwoch kassieren. Indiras Freunde hatten für den Präsidentschaftskandidaten gestimmt, den auch Nehrus Tochter bevorzugte: Gewerkschaftler Gin.
Ihn hatte Frau Gandhi selbst dem Kongreß als Kandidaten vorgeschlagen, doch sie war überstimmt worden. Gin hatte sich daraufhin als unabhängiger Kandidat aufstellen lassen -- und nun erhielt er die Mehrheit der Stimmen.
"Giri Sindabad" (Lang lebe Giri), lärmten die Anhänger der Ministerpräsidentin, als das Wahlergebnis bekanntgegeben wurde.
Mit dem Sieg ihres Kandidaten hatte die Nehru-Tochter zunächst einmal die Parteistrategen des Kongresses ausmanövriert und zugleich den Weg geebnet für eine Volksfrontregierung nach den nächsten Wahlen.
Der designierte Staatschef hat den Syndikalisten bereits den Kampf angekündigt. Auf sein hohes Alter angesprochen, erwiderte der 75jährige: "Wer sagt, ich sei zu alt, soll meine Faust zu spüren bekommen."

DER SPIEGEL 35/1969
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