25.08.1969

„WO GEPLÜNDERT WIRD, IST ENGLAND“

Acht Nordiren starben, Hunderte wurden verletzt: Der Konflikt zwischen den Protestanten und der diskriminierten katholischen Minderheit in Nordirland drohte vorletzte Woche zum allgemeinen Bürgerkrieg auszuwachsen. Letzten Dienstag entmachtete Premier Wilson mit Hilfe der britischen Armee die bei den Katholiken verhaßten, überwiegend protestantischen Polizei- und Hilfspolizeitruppen. Der protestantische Agitator Paisley bezichtigte daraufhin die britische Regierung, sie habe sich dem Druck der Katholiken gebeugt. Bernadette Devlin, 22, katholische nordirische Abgeordnete im Londoner Unterhaus, begrüßte die Maßnahmen. In ihren Memoiren (die im November im Rowohlt Verlag erscheinen) gibt sie der katholischen Kirche eine Mitschuld an den Unruhen.
Mein Vater entstammte dem sozialen Bodensatz Cookstowns. Er war der Sohn eines Straßenkehrers. Mein Großvater hatte während des Burenkriegs in der britischen Armee gedient und eine Knieverletzung davongetragen. Zum Dank wurde er zum Straßenkehrer befördert.
Ich weiß nicht, ob mein Vater je einer politischen Partei angehörte. Er haßte die Engländer nicht, aber er haßte England und das nordirische System.
Aus meiner Kindheit erinnere ich mich an eine politisch bedeutsame Geste: Mein Vater trug an den Ostermontagen eine Lilie im Knopfloch. Wir alle wußten, was das bedeutete: Er gedachte damit des Osteraufstands 1916 gegen die Engländer.
Kein Zweifel: Mein Vater weckte das erste politische Interesse in mir. Die Märchen, die er uns erzählte. handelten nicht von Feen und Elfen, sondern ließen die ganze irische Geschichte an uns vorüberziehen. Er erzählte uns über die englische Unterdrückung, über die Aufstände und über das englisch-irische Handelsabkommen, das die Wirtschaft des Landes lähmte. Natürlich versuchte er nicht, objektiv zu sein. Es war Irlands Geschichte. erzählt von einem Iren mit den Empfindungen eines Iren.
In unserer Familie entwickelten wir durch die Erzählungen über die Geschichte unseres Landes unbewußt ein politisches Bewußtsein. Ich erinnere mich, daß ich als ersten Kinderreim lernte: "Wo ist die englische Flagge? Dort, wo blutig geplündert wird."
Ich hatte diesen Keim von meinem Vater gelernt und deklamierte ihn. ohne ihn mit England in Verbindung zu bringen oder Frustration und Verbitterung zu empfinden. Dennoch entwickelte ich eine Art Partisanenhaltung.
Mein Vater starb im August 1956. Damals hörten wir des Nachts immer wieder die Sirenen, Sobald sie heulten, öffneten sich in der Nachbarschaft die Türen und unsere Nachbarn traten heraus, zogen ihre schweren Mäntel an und schulterten ihre leichten Maschinengewehre.
Meine Mutter stand in den Alarmnächten am Fenster und blickte über das Sumpfgebiet. "Zumindest werden sie jetzt euren Vater niemals bekommen", sagte sie dann. Wenn wir auch nicht genau wußten, was sie meinte, so konnten wir es doch erraten.
Politik bedeutete für mich Diskussion, nicht Aktion, als ich im Oktober 1965 an der Queens University in Belfast mein Studium aufnahm. Ich war mir der Ungerechtigkeiten in der nordirischen Gesellschaft durchaus bewußt. Aber ich hatte gewissermaßen eine bewußt redliche Einstellung zu dem ganzen Problem zumindest sollte es für mich persönlich keinen Unterschied machen, ob jemand Katholik oder Protestant war.
Diese Unparteilichkeit war für mich nicht schwer. Ich wußte nie, welcher Konfession -- und ob überhaupt einer -- meine Freunde angehörten. Ich selbst stamme aus einer streng katholischen Familie.
Wenn man jedoch in Cookstown aufgewachsen ist, gelangt man zu einem gewissen Zynismus über den "guten Katholiken". Ich hasse die Begriffe "guter Katholik" und "praktizierender Katholik". Für mich sind es nur Bezeichnungen, aus denen hervorgeht, wie gut man heuchelt und wie gut man das Ritual befolgt. Man ist ein mustergültiger Katholik, wenn man jeden Tag zur Messe geht und auf dem Heimweg von der Kirche seine Nachbarn verleumdet,
Aber die wirklich guten Menschen, die sonntags nicht zur Messe gehen, sind Heiden. Über sie darf man sich in all seiner Frömmigkeit erheben und sie als "Schande für ihr Land" bezeichnen. Denn Ire sein, heißt Katholik sein im konservativen Sinn. Wir beten in der Familie den Rosenkranz, weil der Rosenkranz uns in den Tagen der Unterdrückung vor Cromwell bewahrte. Das ist der Grund, warum manche Leute einer Kirche angehören
Die katholische Kirche in Irland ist erzkonservativ. Um es sehr grob zu formulieren: Die irischen Katholiken sind an den Perlen ihres Rosenkranzes mehr interessiert als an dem Rosenkranz selbst, Sie interessieren sich in ihrem Tun nicht für die Gründe: Die Kirche zerfiele, wenn es nicht mehr Pflicht wäre. am Sonntag zur Messe zu gehen.
Unter den größten Verrätern, die es in Irland je gegeben hat, steht Mutter Kirche an oberster Stelle -- als gewaltiges Hindernis auf dem Wege zu Gleichheit und Freiheit. Sie ist von jeher nur eine erhaltende Kraft gewesen.
Durch den Gemeindepfarrer und seine Stellung in der kleinen Stadt und durch das vom Bischof proklamierte Recht hat die Kirche indirekt einen sehr großen Einfluß. Sie ist im Süden Irlands mächtiger als im Norden, Ihre Macht scheint sie korrumpiert zu haben, Es gibt in Südirland Bischöfe, die ihren Landbesitz zum eigenen Profit an andere verschachern.
Im Norden hätten die Kirchen, die katholische ebenso wie die protestantische, vor vielen Jahren schon für die Würde der Menschen kämpfen müssen. Das ist nie geschehen. Sie hätten sich dafür einsetzen müssen, das religiöse Sektierertum auszurotten. Sie haben nichts getan,
Ich habe nur sehr wenige Predigten gehört, in denen Duldsamkeit gegenüber Andersdenkenden gefordert wurde. Gelegentlich heißt es in den Predigten, man solle, ob es einem gefällt oder nicht, Vater und Mutter und den legitimen Vorgesetzten ehren und sich nicht darüber beklagen, wie sie einen behandeln.
Aber wenn die Kirche merkt, daß andere die Initiative gegen das Unrecht ergreifen, fürchtet sie um ihren Einfluß und verurteilt diese Initiative als Unruhestiftung, auf die sich kein guter Katholik einlassen dürfe.

DER SPIEGEL 35/1969
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