25.08.1969

PERU / BODENREFORMEin für allemal

"Bauer, nie mehr soll dein Herr von deiner Armut leben", verkündete Túpac Amaru, angeblicher Nachfahre des letzten Inka-Kaisers Manco Cápac II. Mit 40 000 Indios zog er in den Kampf gegen die spanischen Kolonialherren. In der alten Kaiserstadt Cuzco ("Der Nabel der Welt") verhaftete man ihn, auf der Plaza de Armas wurde er gevierteilt. Das war im Jahre 1781.
Noch fast zwei Jahrhunderte lang lebten die fremden Herren von der Armut der Indio-Bauern. Seit zwei Monaten jedoch scheint sieh in Peru die Verheißung Túpae Amarus zu erfüllen.
Am "Tag des Indio", dem 24. Juni, hat die peruanische Militärjunta unter General Juan Velasco Alvarado ein Gesetz zur Landreform erlassen, das (so die "New York Times") "wahrscheinlich die oligarchische Gesellschaft dieser Nation für immer zerstören wird". Das Porträt des Bauernkriegers Túpac Amaru schmückt den Einband der Broschüre (Preis: 90 Pfennig), mit der die 196 Artikel des Reformgesetzes unters Volk gebracht werden.
"Ein für allemal" will General Velasco Alvarado "die ungerechte soziale Ordnung abschaffen, welche die Bauern in Armut und Elend leben läßt".
In Peru verfügte bislang die kleine Oberschicht der 1200 wichtigsten Grollgrundbesitzer (0,1 Prozent aller Landbesitzer in Peru) über 11 653 000 Hektar Land. Das sind 80 Prozent der gesamten Anbaufläche. Der größte Teil davon wurde nur ungenügend oder gar nicht bewirtschaftet.
Hingegen bebauen 668 000 Klein- und Kleinst-Bauern (83 Prozent der peruanischen Landbesitzer) nur 5,8 Prozent der kultivierten Gesamtfläche.
Etwa 24 000 Reiche kassieren 5,5 Milliarden Mark des Nationaleinkommens. Der Rest der Bevölkerung (rund zwölf Millionen, davon fünf Millionen reine Indios, etwa sieben Millionen Mestizen) muß sich in die verbleibenden 6,9 Milliarden teilen. Mehr als die Hälfte der arbeitsfähigen Bevölkerung verfügt über ein monatliches Pro-Kopf-Einkommen von nur rund 20 Mark.
Auf den Haciendas der Granden lebten bis heute Hunderttausende von quasi leibeigenen Indios: Sie bearbeiten das Land des "patrón" an vier bis fünf Tagen der Woche ohne Lohn. durften dafür aber eine winzige Parzelle des Landes auf eigene Rechnung bebauen, Oft mußten sie die Hälfte ihrer ohnehin spärlichen Ernte an den Grundherrn abführen -- beispielsweise als Benutzungsgebühr für Wege und Straßen der Hacienda. Wurde der Besitz verkauft, galten Vieh und Indios vielfach als lebendes Inventar, das auf den neuen Eigentümer überging.
Jetzt sollen auch die Indios Eigentum bekommen. Die Militärs dekretierten: Aller Grundbesitz wird enteignet, sofern er mehr als 150 Hektar bewässerter Fläche an der Küste oder -- je nach Bodenqualität -- mehr als 15 bis 55 Hektar im Gebirge und am Urwaldrand umfaßt. Landgüter mit Viehwirtschaft dürfen fortan nicht größer als 1500 Hektar sein.
Das enteignete Land wird an Kleinbauern, Landarbeiter und Pächter (in Peru fast ausschließlich Indios und Mestizen) verteilt. Die Kaufsumme können sie in 20 Jahresraten abzahlen.
Die enteigneten Land-Lords sollen nach den Angaben in ihrer Steuererklärung und Buchführung entschädigt werden. Sie erhalten freilich nur einen Bruchteil der Summe (bis zu 100 000 Mark) in bar, den Rest in Staatspapieren mit 20 bis 30 Jahren Laufzeit und vier bis sechs Prozent Zinsen. Den vollen Nennwert ihrer Schuldverschreibungen können sie sofort einlösen, wenn sie den Betrag in ein Industrieunternehmen investieren.
Damit die Erträge infolge der Boden-Zerstückelung nicht sinken, sollen die Indio-Bauern ihr Neuland möglichst in Genossenschaften bewirtschaften. Die Regierung sorgt für technische Hilfe, günstige Kredite end Versicherungen. um die neuen Eigentümer gegen Naturereignisse wie Trockenperioden und Frosteinbrüche abzudecken.
"Das Gesetz", lobte Kubas Fidel Castro die Agrar-Offensive der peruanischen Generale, "ist radikal. Wenn es richtig angewandt wird, kann es revolutionär sein." Daß sie ihr Gesetz jedenfalls konsequent anwenden wollen, machten die Militärs sofort klar:
Schon einen Tag nach der Verkündung des Dekrets Nr. 17 716 schickten die radikalen Generale Spezialistenteams mit Militärmaschinen ins Landesinnere: zur Inspektion der Zuckerplantagen, Viehweiden, Baumwollfelder und Kaffeepflanzungen der oberen Zwanzigtausend von Peru. Die Inspektoren sperrten Bankkonten und verlangten Einsicht in die Bücher,
Innerhalb weniger Tage enteigneten die Regierungs-Emissäre neben peruanischem Besitz auch Ländereien
* der deutschstämmigen Familie Gildemeister, deren Gesamtbesitz mit rund 525 000 Hektar zu den größten Latifundien in ganz Lateinamerika zählt;
* der US-eigenen W. R. Grace Company, der etwa 20 000 Hektar Boden mit Zuckerplantagen und -fabriken gehören und die allein 17 Prozent des peruanischen Zuckers produziert;
* der exilkubanischen Organisation Julián Lobo, deren Zuckerplantagen auf Kuba bereits von Fidel Castro enteignet wurden.
Inzwischen erreichten die Enteignungstrupps fast alle bedeutenden Latifundien des Andenstaates. Das in Jahrhunderten erstarrte Feudalsystem wird aufgelöst.
Zwar hatte schon 1964 der von den Militärs im vergangenen Oktober gestürzte Präsident Fernande Belaúnde Terry ein Agrargesetz erlassen dürfen. Doch war es von der Lobby des Landadels bis zur Wirkungslosigkeit verwässert worden. Nur einige wenige Latifundien im Andenhochland wurden enteignet -- gegen riesige Entschädigungssummen.
Ähnlich erfolglos oder unvollständig blieben bisher auch fast alle Reformversuche in anderen Staaten Lateinamerikas. Sie scheiterten in Guatemala und Bolivien beispielsweise, weil die Neusiedler keinerlei Anbauhilfen bekamen. In Venezuela, Chile und Kolumbien wagten die Regierungen nur zögernde Teilreformen.
Lediglich in Mexiko (1915) und auf Kuba (1959) wurde bisher Boden radikal enteignet und erfolgreich neu verteilt.
Verstört sehen peruanische Granden ihre Generale jetzt auf dem gleichen Weg. "Als sie anfingen", beklagte sich Alberto Sacio León, Präsident der Nationalen Agrargesellschaft, "waren die Militärs linke Nationalisten. Jetzt sind sie nationalistische Linke."
Die Nationale Agrargesellschaft -- deren Mitglieder fast alle Großgrundbesitzer sind -- hatte sich vergebens bemüht, das Reformwerk zu torpedieren. Der Herren-Klub, so behauptet die Regierung sogar, habe im Juni Bauernaufstände in Huanta gegen die Reform angezettelt -- durch Verbreitung des Gerüchts, auch den Kleinbauern drohe Enteignung.
Jetzt behandeln die Grundherren ihre sozialen Generale vorsichtiger: "Wir können nichts machen". so Sacio León, "wir müssen sie unterstützen, sonst radikalisieren sie sich noch mehr."
Perus Generale aber zeigen, daß sie ihre Reform -- "eine der drastischsten und potentiell wirksamsten ..., die je in Lateinamerika verkündet wurden" ("Time") -- rücksichtslos zu Ende führen wollen: Widerstand gegen die Bodenreform wird künftig von Militärgerichten geahndet.

DER SPIEGEL 35/1969
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