25.08.1969

USA / NIXON-ANDACHTKleine Edelsteine

Während der Woche pflegt Steyr Martini die Haare seines Herrn am Sonntag geht er mit ihm beten. Denn der Präsidenten-Friseur gehört zu den Auserwählten, die an den Andachten des Ehepaars Nixon im Weißen Haus teilnehmen dürfen. Amerikas First Lady über die Bet-Runde: "Eine richtige Familien-Angelegenheit."
Zur frommen Familien-Feier um elf Uhr werden außer dem Friseur noch Telephonistinnen, Schreib-Damen und Chauffeure geladen. Auch politische Prominenz betet mit. Denn Richard Nixon möchte, wann immer er sich in Washington aufhält. durch Andacht und anschließenden Kaffeeklatsch Kontakte mit Ministern oder Kongreß-Abgeordneten pflegen. "Die Regierung, die zusammen betet, hält zusammen" (The administration that prays together stays together), sagt ein Washingtoner Spottvers.
Und in der Tat: Nach einem Gottesdienst im Weißen Haus signalisierte der republikanische Senator Winston Prouty, jahrelang entschiedener Gegner eines Anti-Raketensystems, seinen Sinneswandel. Er werde, so teilte Prouty dem Präsidenten mit, für Nixons ABM-Programm stimmen. Das Votum des Vermont-Senators entschied die Senats-Abstimmung zu Nixons Gunsten.
Mit Vizepräsident Agnew und Evangelist Billy Graham.
Für die Andachten am Amtssitz des Präsidenten sprechen auch Sicherheits-Motive: Seit John F. Kennedys Ermordung glauben Washingtons Geheimdienstler, ein Präsident, der regelmäßig einen öffentlichen Gottesdienst in der Hauptstadt besuche wie einst Dwight Eisenhower -, sei vor Attentätern nicht zu schützen.
Methodistenbischof John Wesley Lord findet die Betstunden für etwa 200 geladene Gäste "großartig, einfach großartig". Doch anderen US-Kirchenmännern mißfällt das Privatissimum.
Die Zeitschrift "The Christian Century" zum Beispiel verurteilte die "Verbindung von Spiritualität und politischer Sentimentalität". Der Reverend Dudley Ward mahnte, Nixon dürfe sich nicht wie einst europäische Könige in ihren Hofkapellen vom Leben der Nation absondern.
Der bedeutende evangelische US-Theologe Reinhold Niebuhr tadelte sogar, Nixon habe durch eine "seltsame Mischung aus Einfalt und Arglist" den
amerikanischen Grundsatz umgangen, der die Religionsfreiheit verbürgt: Mit halboffiziellen Einladungen, so zürnt der Professor, etabliere der Präsident "eine zahme, angepaßte Religion".
Niebuhr: "Es ist wunderbar, wie sehr eine einfache Einladung ins Weiße Haus die kritischen Fähigkeiten einschläfern kann."
Richard Nixon ist Quäker, aber er gehört einer nichtorthodoxen Richtung innerhalb der "Gesellschaft der Freunde" an. (Er ist beispielsweise kein Pazifist, sondern diente im Zweiten Weltkrieg als Fregattenkapitän.)
Kritiker Niebuhr bezweifelt, daß der Präsident auch einen Mann wie den 1968 ermordeten Negerführer Pastor Martin Luther King in die "Königs-Kapelle" geholt hätte. Noch kein einziger farbiger Geistlicher wurde zur White-House-Andacht eingeladen.
Quäker Nixon legt allerdings Wert auf Gäste aller Konfessionen: Bei den bisher zehn Privatstunden im East Room des Weißen Hauses (Nixons Ehefrau Pat: "Kleine Edelsteine") predigten bereits der New Yorker Kardinal Cooke, der Rabbi Louis Finkelstein und der bei den Nixons besonders beliebte Evangelist Billy Graham.
Auf Richard Nixons Wunsch hatte Hofprediger Graham 1968 an jener Nachtsitzung auf dem republikanischen Parteikonvent in Miami Beach teilgenommen, bei der die "Grand Old Party" einen Kandidaten für die Vizepräsidentschaft erkor. Ratgeber Graham schlug den liberalen Senator Mark Hatfield aus Oregon vor, denn der "ist ein großartiger christlicher Führer". Doch als Nixons Wahl auf den konservativen Spiro Agnew fiel, gab sich der anpassungsfähige Evangelist auch zufrieden.
Der Gottesmann und sein Gönner spielen zusammen Golf; sie teilen die Grundüberzeugungen in Fragen der Moral und Sozialethik. Sowohl der Präsident wie der Pfarrer finden ihre treueste Gefolgschaft in der weißen Mittelklasse. Und beide, so spöttelte die "New York Times", "sind zwei Stücke vom gleichen Apfelkuchen".

DER SPIEGEL 35/1969
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