25.08.1969

ITALIEN / STÄDTEPLANUNGRote Bürokraten

Alle Großstädte Italiens -- bis auf eine -- sind Wohnwüsten, fast ohne Gärten, ohne Parks, ohne Luft.
Alle Großstädte Italiens -- bis auf eine -- wachsen nur noch "nach den Gesetzen der Spekulation und des schlechten Geschmacks" ("La Stampa").
Denn in allen Großstädten Italiens haben sich Privatunternehmer und Immobiliengesellschaften des Baugrunds in den Zentren wie an der Peripherie bemächtigt -- für Grünanlagen und Spielplätze ohne Rendite blieb fast kein Raum.
Nur in einer Großstadt sind die Spekulanten nicht zum Zug gekommen: in Bologna am Nordrand des Appenin, Europas ältester Universitätsstadt. Denn in Bologna regieren seit einem Vierteljahrhundert die Kommunisten.
Sie orientierten sich keineswegs am Sowjet-Muster. Bolognas Stadtväter schickten ihre Planungsbeamten zu Studien in die nordischen Länder; "Die beste Städteplanung gibt es heute in Holland und in Schweden", erklärte Armando Sarti, 41, Kommunist und Urbanistik-Beamter in Bologna.
Das nördliche Muster wandten die roten Städteplaner mit sozialistischem Plan-Geist an:
* Im "hygienisch sanierten" historischen Stadtkern von Bologna wird bei Abriß einzelner Häuser oder ganzer Viertel kein modernes Hochhaus an die Stelle gesetzt, sondern auf dem gewonnenen Raum entstehen Grünflächen und Spielplätze.
* Die Hügelkette im Süden der Stadt soll weitgehend unbebaut bleiben und zu 40 Prozent in öffentliche Parks verwandelt werden.
* Für jeden Bürger von Bologna gelten sieben Quadratmeter Grünfläche als Planziel (in Rom stehen knapp zwei Quadratmeter zur Verfügung); die Bebauungsdichte ist mit drei Kubikmeter je Quadratmeter Bodenfläche die niedrigste in den italienischen Großstädten.
* Die Hälfte aller Bautätigkeit (zehnmal soviel wie in Mailand) bleibt dem sozialen Wohnungsbau vorbehalten.
Bolognas City soll ein großes Kultur-Zentrum werden: mit Universität, Museen, Kunsthandwerks-Betrieben, Geschäften, Theatern und Kinos. Im Norden der Stadt aber entsteht ein neues "Centro Direzionale" nach den Plänen des japanischen Architekten Kenzo Tange -- dort werden Konzernleitungen und "publikumsintensive" Behörden konzentriert, dazu Hotels und Kasernen; dorthin wird auch die Börse umgesiedelt.
Nach der letzten Fassung des Generalbebauungsplans soll eine Zuzugsperre verhängt werden, sobald die Einwohnerzahl (heute: 500 000) auf 700 000 angestiegen ist, Weitere Zuwanderer und alle Betriebe, die in Bologna keinen Platz finden, müssen von den 16 Vorort-Gemeinden aufgenommen erden, die schon heute die nötige Infrastruktur erhalten.
Bei der Stadtsanierung sparten die Kommunisten Kosten, indem sie schon vor Jahren das gesamte Stadtgebiet mit einem Bauverbot belegten -- ohne Rücksicht sogar auf bereits erteilte Baugenehmigungen und ohne Entschädigungen. Später kaufte die Stadt selbst den Boden billig: neun Millionen Quadratmeter für neun Milliarden Lire, das sind 6,40 Mark je Quadratmeter -- ein Hundertstel vom Bodenpreis in anderen Großstädten. Entsprechend billig sind die in Bologna errichteten Eigentums-Sozialwohnungen: Maximal 516 Mark je Quadratmeter muß ein Bologneser bei Erwerb einer Wohnung zahlen.
Wo sich das Bauen nicht verbieten läßt -- das Verfassungsgericht gab einer Grundbesitzer-Klage statt -, bedient sich das rote Bologna der Bürokratie: Der Vertreter einer deutschen Autofabrik, der auf seinem Hügelgrundstück vor der Stadt eine Villa bauen möchte, reicht seit acht Jahren immer neue Baupläne ein, an denen die Baubehörde immer wieder etwas anderes auszusetzen hat.
Mit sich selbst sind die roten Bau-Bürokraten nicht so streng: Urbanistik-Fachmann Sarti baute sich vor fünf Jahren in der eleganten Villenstraße "Via Bellinzona" ein Haus mit Doppelgarage und Panoramablick. Offizieller Gestehungspreis: 48 000 Mark. Laut "Il Borghese" beträgt der heutige Marktwert 650 000 Mark.

DER SPIEGEL 35/1969
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