25.08.1969

TUNESIEN / TOURISMUSBetten für Deutsche

"Wir haben die beste Hotellerie am Mittelmeer", brüstete sich Hotelbesitzer Mohsen Fourati im tunesischen Touristenzentrum Hammamet, "nur schade, daß die Deutschen anderer Ansicht sind."
Insgesamt 150 Millionen Mark hatten Tunesiens Gastronomen während der vergangenen fünf Jahre in moderne Karawansereien investiert und dabei vor allem auf deutsche Urlauber spekuliert. Nun fühlen sie sich von ihren liebsten Kunden im Stich gelassen.
Statt wie im Mai vergangenen Jahres über 7100, flogen im Mai 1969 nur knapp 6300 Deutsche nach Tunis und Djerba. Mit mindestens 10 000 Besuchern aber hatten die Fremdenfunktionäre gerechnet.
Das Ausbleiben der "Almanis" traf das
Entwicklungsland empfindlich. Denn von den insgesamt 275 000 Tunesienreisenden des vergangenen Jahres kamen allein 64 000 -- rund ein Viertel -- aus der Bundesrepublik mehr als aus jedem anderen Land. Mit Ausgaben in Höhe von 50 Millionen Mark waren die Deutschen sogar wichtigster Devisenbringer des Landes.
Der Umschwung kam um die Jahreswende. Westdeutsche Zeitungen hatten das Gerücht kolportiert, im Hammamet sei der Typhus ausgebrochen. Und obwohl daraufhin selbst unabhängige deutsche Prüfer die Meldung als unwahr entlarvten, war die einmal
in Gang gebrachte Lawine negativer Mundpropaganda nicht mehr aufzuhalten.
Über Nacht wurde Tunesien, noch bis zum letzten Sommer als blitzsauberes Urlaubsland geschätzt, in der Vorstellung vieler Westdeutschen zu einer Stätte voll Schmutz und Unmoral. Der "Stern" etwa berichtete kurz vor Weihnachten, als in deutschen Wohnstuben Urlaubspläne für die kommende Saison reiften, von "WC-Dünsten im Zimmer" und peinlichen "Belästigungen von Urlaubern beiderlei Geschlechts". Ein Tunesien-Heimkehrer aus Berlin wollte gar wissen, daß es selbst in Erster-Klasse-Hotels Wasserspülung nur ausnahmsweise gibt.
In Wahrheit bieten die Tunesier Unterkünfte, wie sie in deutschen Urlaubszentren zu vergleichbaren Preisen schwerlich zu finden sind. Das vollklimatisierte Hotel "El Morjane" in Tabarka verlangt für einen Tag Vollpension 22 Mark -- soviel wie eine Familienpension im oberbayrischen Ruhpolding. Das Oasenhotel "Sahara Palace" in Nefta oder das Strandhotel "Skanes Palace" bei Monastir (15 Tage Vollpension einschließlich Flug von und nach Frankfurt 876 Mark) gar halten jedem Vergleich mit Luxushotels auf den Bahamas stand.
Trotzdem stehen Sahara Palace und andere Hotels seit Monaten zu mehr als zwei Dritteln leer. "Es ist eine Katastrophe", klagt Naceur Malouche, Generaldirektor der staatlichen Hotelgesellschaft SHTT. M'Zah Ridha, Manager des Wüstenhotels in Nefta, meint: "Wir müssen uns schleunigst etwas einfallen lassen, um unser Angebot noch weiter zu verbessern."
Verbessern wollen Tuneslens Touristenfunktionäre vor allem das Baukonzept der ersten Jahre. Um den devisenbringenden Gästen aus dem Wirtschaftswunderland Bundesrepublik den Anblick der Armut in Tunesiens Städten zu ersparen, hatte Staatschef Habib Burgiba die Hotelpaläste fern jeder Arabersiedlung errichten lassen. Die meisten der an überfüllte Strände gewöhnten Deutschen aber hatten sich in den Touristen-Gettos isoliert und einsam gefühlt.
Nun sollen weitere Riesenhotels die Einöde beleben. Während der nächsten vier Jahre, so will es Wirtschaftsminister Ahmed Ben Salah, sollen neue Hotels mit insgesamt 40 000 Betten gebaut und damit die Übernachtungskapazität des Landes mehr als verdoppelt werden.
Ben Salah: "Je mehr Betten wir bauen, desto mehr Leben kommt an den Strand."
* Vor einem Bild Burgibas.

DER SPIEGEL 35/1969
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