25.08.1969

„LEHRER MÜSSEN AUSTAUSCHBAR SEIN“

SPIEGEL: Wie wird die Schule der Zukunft aussehen?
KNOLL: Wahrscheinlich sieht die Schule des Jahres 2000 nicht so aus wie die Summe der theoretischen Überlegungen, die man jetzt anstellt. Aber eines wird es auf jeden Fall geben: eine stärkere Vereinheitlichung der bisher auseinanderfallenden Schultypen, gleichzeitig aber auch eine stärkere Differenzierung innerhalb eines einheitlichen Schulsystems.
SPIEGEL: Würden Sie das erläutern, bitte?
KNOLL: Wir brauchen eine stärkere Durchlässigkeit zwischen den einzelnen Schultypen, eine stärkere Differenzierung nach Begabung und nach Leistung; also das, was im Grunde genommen die Gesamtschule versucht: nicht mehr wie bisher eine Schulgliederung nach Jahrgang, sondern nach Leistung und Begabung.
SPIEGEL: Sind Sie zu einer Prognose bereit: Wird die nächste Generation in Deutschland an einer Gesamtschule erzogen, wie sie etwa in Schweden bereits verwirklicht ist?
KNOLL: Das ist eine Frage politischer und standespolitischer Natur. Politisch, würde ich sagen, bewirkt das Reizwort der Gesamtschule heute sehr viel, Aber es gibt eine Reihe von Barrieren, die mehr standespolitischer Art sind. Es gibt bis auf den heutigen Tag ein traditionelles Ressentiment zwischen den einzelnen Lehrertypen, so zwischen dem Volksschullehrer und dem Gymnasiallehrer.
SPIEGEL: Einer Gesamtschule entspräche eine Gesamt-Lehrerausbildung.
KNOLL: Das wäre natürlich Voraussetzung für eine Gesamtschule.
SPIEGEL: Man könnte sich ja genau den umgekehrten Weg vorstellen, daß zunächst einmal die Gesamtschule errichtet und dann auch eine einheitliche Gesamtausbildung aller Lehrer konzipiert wird.
KNOLL: Auch das wäre denkbar. Aber mir wäre es sympathischer, wenn man allmählich die Ausbildung so angleicht, daß von daher das Konzept einer Gesamtschule entwickelt werden könnte.
SPIEGEL: Wie müßte Ihrer Meinung nach die Lehrerausbildung für eine Gesamtschule im Gegensatz zur heutigen Lehrerausbildung aussehen?
KNOLL: Es dürfte sicher nicht mehr diese starren Unterschiede geben, die es bis auf den heutigen Tag gibt, also deutlich geschiedene Ausbildung für Elementarschul- und Sekundarschullehrer. Lehrer müssen in Zukunft austauschbar sein.
SPIEGEL: Was müßte sich mithin an der Ausbildung ändern?
KNOLL: Die Ausbildung etwa der Elementarschullehrer muß wissenschaftlich werden und sich an Universitäten oder im Zusammenhang mit Universitäten vollziehen. Man müßte das gesamte Ausbildungsproblem der Lehrer für Gesamtschulen im Zusammenhang mit der Konstituierung der Gesamthochschule sehen.
SPIEGEL: Im Rahmen einer solchen Gesamthochschule ...
KNOLL: ... müßte natürlich die Lehrerausbildung der verschiedensten Arten ihren Ort haben. Eines scheint mir auf jeden Fall wichtig zu sein: Für die Lehrer der Hauptschule und im Hinblick auf deren Verwendbarkeit in anderen Schultypen, also Realschule oder Gymnasium, ist eine vollwertige wissenschaftliche Ausbildung notwendig. Der Hauptschullehrer wird ein Lehrer sein, der im wesentlichen in Zukunft nach dem Fachprinzip unterrichtet, also nicht der All-round-Lehrer, der alles kann von der Musik bis hin zur Mathematik. Der Grundstufenlehrer wird sehr viel mehr dem traditionellen Volksschullehrer entsprechen, der in die Grundfertigkeiten einführt.
SPIEGEL: Es müßte doch sicherlich für einen Lehrer an einer Gesamtschule auch eine Differenzierung vorgenommen werden im Hinblick auf die Ausbildung in den Fächern und im Hinblick auf die Ausbildung in den sogenannten Grundlagenfächern, in Pädagogik, Psychologie, Soziologie.
KNOLL: Im Hinblick auf die Differenzierung in seiner Fachspezialität sehe ich keine Schwierigkeiten. Ich würde sogar meinen, daß im Gegensatz zu dem, was heute der Studienrat an Tatsachenwissen vermittelt bekommt, durchaus Abstriche möglich wären, daß er zuviel erlernt, was ihm später in der Schulwirklichkeit nichts nützt.
SPIEGEL: Wo würden Sie die Schwerpunkte einer verstärkten pädagogischen, psychologischen Grundausbildung aller Lehrer sehen?
KNOLL: Der Lehrer muß schon während seines Studiums instand gesetzt werden, das, was er in den Fachdisziplinen erlernt, auch in die Schulwirklichkeit zu transponieren. Der Stoff muß in die Unterrichtswirklichkeit umgesetzt werden. Nehmen wir die DDR: Dort gibt es didaktische Lehrstühle für die einzelnen Unterrichtsfächer.
SPIEGEL: Wie lange müßten Lehrer, die an einer Gesamtschule unterrichten, studieren?
KNOLL: Wenn man davon ausgeht, daß der Fachegoismus in den einzelnen Unterrichtsfächern sich auf der Universität abbauen ließe, müßte ein solches Studium für alle Lehrertypen in acht, maximal zehn Semestern zu bewältigen sein. Das bedeutet allerdings, daß die einzelnen Disziplinen auf gewisse nicht schul-relevante Gegenstände zu verzichten hätten. Die Germanisten etwa auf alte Philologie -- also Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch und Gotisch. Ich glaube, daß sich auch in anderen Disziplinen solche Reduktionen am Stoff vornehmen ließen.
SPIEGEL: Gleiche Ausbildung aller Lehrer also, auch gleiche Besoldung?
KNOLL: Gleich ausgebildete und gleich lang ausgebildete Lehrer müßten auch gleich besoldet werden. Nun befindet man sich natürlich derzeit noch in der etwas mißlichen Situation, daß die Volksschullehrerausbildung de jure auf sechs Semester festgelegt ist und die der Gymnasiallehrer auf mindestens acht.
SPIEGEL: Wäre dann auch ein anderes Problem nicht mehr vorhanden, daß nämlich Pädagogen, die Oberprimaner unterrichten, ihre Arbeit für wertvoller halten als die der Kollegen in Grundschulen, die Erstkläßler unterrichten?
KNOLL: Um ein solches wechselseitiges Ressentiment abzubauen, wäre es notwendig, daß schon während des Studiums etwa der künftige Gymnasiallehrer auch einen Einblick in die Volksschule tut und vertraut gemacht wird mit den Problemen, die dort vorhanden sind. Und wenn es dazu kommt, daß eine stärkere Austauschbarkeit etwa im Rahmen der Gesamtschule hergestellt wird, dann werden sich diese Ressentiments ohnedies abbauen. Nur bei einem Gleichklang der Ausbildung können standespolitische Vorbehalte ausgeschaltet werden.

DER SPIEGEL 35/1969
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